Serien-Event der Woche: "Alias Grace"

In der Netflix-Miniserie nach dem Buch von "The Handmaid's Tale"-Autorin Margaret Atwood gerät Sarah Gadon ("11.22.63 - Der Anschlag") im Jahr 1843 unter Doppelmordverdacht.

Spätestens seit die Adaption ihres Kultromans "The Handmaid's Tale – Der Report der Magd" mit Fernsehpreisen überschüttet wird, steht die kanadische Autorin Margaret Atwood als Lieferantin für Serienstoffe hoch im Kurs. Kein Wunder also, dass sich ab dem 3. November auf Netflix die nächste Atwood-Verfilmung präsentiert. Doch mit "Alias Grace" geht die Reise nicht in eine dystopische Zukunft, sondern in die reale Vergangenheit, in der die Rolle der Frau auch nicht gerade rosig war...

Hintergrund

Margaret Atwoods Roman "Alias Grace" eroberte erstmals 1996 die Bestsellerlisten. Darin verarbeitete die Autorin einen berüchtigten Doppelmord, der sich1843 im kanadischen Ontario zugetragen hatte. Direkt nach Erscheinen schickte die damals erst 17-jährige Sarah Polley der Autorin einen Brief, in dem sie um die Filmrechte bat.

Ließ Atwood die Bitte des damaligen Kinderstars ("Avonlea - Das Mädchen aus der Stadt") noch abblitzen, kamen die beiden Frauen 2012 ins Geschäft, als die Filmrechte neu vergeben wurden. Denn für Atwood brachte Polley, die alle sechs Episoden ihrer Mini-Serie eigenhändig schrieb, den Regiestuhl aber "American Psycho"-Regisseurin Mary Harron überließ, eine entscheidende Qualität mit: "Sarah hat verstanden, dass in dieser Geschichte Ambiguität entscheidend ist."

Darum geht's in "Alias Grace"

Anfang der 1840er Jahre emigriert die Irin Grace Marks (Sarah Gadon) nach Kanada, wo sie nach dem traumatisierenden Abtreibungstod ihrer Freundin Mary (Rebecca Liddiard) 1842 eine Anstellung als Dienstmagd beim reichen Farmbesitzer Thomas Kinnear (Paul Gross) antritt. Der unterhält eine Affäre mit seiner Haushälterin Nancy Montgomery (Anna Paquin), die Grace auf dem Kieker hat und mit ihrer herrischen Art vor allem den Zorn des Stallknechts James McDermott (Kerr Logan) auf sich zieht.

Als Montgomery und ihr Geliebter brutal ermordet werden, scheinen die Schuldigen schnell gefunden. Doch während McDermott hingerichtet wird, landet die unter Gedächtnisschwund leidende Grace lebenslang im Gefängnis. Bis 1859 Dr. Simon Jordan (Edward Holcroft) mit Mitteln der Psychoanalyse zu ergründen versucht, was die vereinnahmende Mustergefangene damals wirklich erlebt hat...

Originaltrailer zu "Alias Grace" (VoD-Start: 3.11.2017)

GOKA-Wertung

Dass in den kunstvoll zwischen 1843 und 1859 hin und her wechselnden Episoden nicht die effektvolle Inszenierung des Verbrechens, sondern das mentale Kräftemessen zwischen dem faszinierten Arzt und seiner faszinierenden Patientin im Fokus steht, erweist sich bei "Alias Grace" trotz einer gewissen erzählerischen Behäbigkeit als dramaturgische Stärke. Die zentrale Frage, ob die erinnerungslose Verurteilte die Wahrheit sagt oder eine schauspielende Psychopathin ist, hält Sarah Gadon ("11.22.63 - Der Anschlag") mit nuanciertem Mienenspiel bis zum Ende offen.

Dazu gesellt sich eine zweite Frage, die über ihr Einzelschicksal hinausgeht. Denn je mehr Grace ihrem Therapeuten und dem Zuschauer von den Ungerechtigkeiten ihres Lebens berichtet, desto mehr beschleicht einen das Gefühl, dass hier keiner Dienstmagd ein Mord in die Schuhe geschoben wurde, sondern die viktorianischen Machtverhältnisse sie dazu getrieben haben. In Zeiten, in denen nicht nur in den USA reaktionäre Kräfte am Werk sind, kann eine historische Serie über Klassentrennung, Immigranten-Phobie und weibliche Freiwild-Erlebnisse kaum aktueller sein.

Muss ich sehen, weil...
...mit diesem glänzend gespielten und überraschend aktuellem Psychogramm die Schattenseite der "Downton Abbey"-Idylle entblößt werden.

Für Fans von...
..."Lizzi Borden - Kills!" (2015) und David Cronenbergs Sigmund-Freund-Biopic "Eine dunkle Begierde" (2011)

Dustin Hoffman und Adam Sandler erzählen "The Meyerowitz Stories"

In der Netflix-Produktion von "Frances Ha"-Regisseur Noah Baumbach hängt zwischen Dustin Hoffman und Adam Sandler der Haussegen schief. Wir trafen das überraschend harmonische Vater-Sohn-Gespann zum Gespräch.
Mehr lesen