Der neue "Mr. Tagesthemen" Ingo Zamperoni im Interview

Der neue "Mr. Tagesthemen": Ingo Zamperoni (42)
Foto: © ARD/NDR/Dirk Uhlenbrock
Was wir bereits wissen
Ingo Zamperoni verrät, was er als Nachfolger von Thomas Roth plant und wie Nachrichten heute aussehen sollten.

Dieser Mann hat definitiv die Lizenz zum "'Tagesthemen'-Präsentieren". Er ist Journalist, USA-Insider, Autor ("Fremdes Land Amerika", Ullstein, 336 S., 20 €), aber auch Vollblutreporter. Mit US-Marines schwamm er im Mississippi, wanderte durch die Sierra Nevada, landete auf einem Flugzeugträger im Pazifik.

Nach zweieinhalb Jahren als Fernsehkorrespondent in Washington ist er jetzt in Hamburg angekommen: Ingo Zamperoni, 42 Jahre jung, aber ein alter Hase im Nachrichtengeschäft, ab 24. Oktober der neue "Mr. Tagesthemen". GOLDENE KAMERA traf ihn zum Interview in seiner neuen Wahlheimat Hamburg.

Ingo Zamperoni im Interview

Was würden Sie Trump fragen, wenn Sie ihm eine einzige Frage stellen könnten?

Wenn ich nur eine einzige Frage an Donald Trump frei hätte, dann würde ich ihm diese stellen: Wollen Sie wirklich Präsident sein, Mr. Trump? Denn das nehme ich ihm nicht hundertprotzentigig ab. Ich glaube, werden will er es, sein Ego ist begeistert davon, dass er so viel Aufmerksamkeit bekommt und die Marke "Trump" nun bis ins letzte neuseeländische Bergdorf bekannt ist. Der Kampf ums mächtigste Amt der Welt ist der ultimative Beliebtheitswettbewerb. Anschließend jedoch schlägt die Stunde der Wahrheit – und genau der könnte Trump theoretisch nicht gewachsen sein. Im Alltag zerren alle Seiten am Präsidenten und der kann es niemandem Recht machen. Auch warten stundenlange Konferenzen auf ihn, wie etwa bei Nato-Gipfeln, bei denen ein Präsident Trump mit Würdenträgern zusammen säße, die ihm womöglich ziemlich egal wären. Ich weiß nicht, ob Trump ausreichend Geduld, Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle und Diplomatie besitzt, um all diesen Pflichten im notwendigen Maßen mitzumachen.

Ihre Meinung über Donald Trump?

Seine Kandidatur verwundert mich nicht, denn der amerikanische Wahlkampf hat immer schon kuriose Typen angelockt. Das US-Wahlsystem macht's möglich. Man denke nur an Herman Cain, den Pizzaketten-Besitzer, oder an den Milliardär Ross Perot. Auch Pat Buchanan oder Steve Forbes sorgten kurzzeitig für Aufsehen – genauso wie der Chirurg Ben Carson. Bei der US-Wahl 2016 läuft das Spiel der Exzentriker jedoch in völlig anderen Bahnen. Denn anders als früher, hat dieser Quereinsteiger nun tatsächlich Chancen, das Rennen zu machen. Was anderes kann Trump selbst sich wohl auch nicht vorstellen. Seine innere Einstellung lässt sich am besten so beschreiben, sagt sein Biograph Michael D'Antonio: "Wir, die Familie Trump, sind das Beste, was dieser Welt passieren kann." Trump will immer bei allem gewinnen. Entsprechend tut und sagt er ganz pragmatisch alles, was ihm dabei helfen könnte. Trumps Wahlversprechen mag "Make America great again!" lauten, doch letztlich scheint es ihm wohl in erster Linie um sich selbst zu gehen.

Inwiefern?

Er hat sich die republikanische Nominierung nicht etwa erschlichen oder erkauft, sondern sich gegen ein ganzes Feld etablierter Politiker schlicht und ergreifend durchgesetzt. Indem er mit seinen Angst schürenden "Mir-doch-egal-was-die-Fakten-sind" - und "Was-schert-mich-mein-Geschwätz-von-gestern"-Attitüden viele amerikanische Wähler für sich gewonnen hat, die unzufrieden sind. Mit ihrer persönlichen Lage, ihren Perspektiven, mit der Richtung des Landes. Viele Trump-Wähler haben das subjektive Gefühl, dass sie "zu kurz" kommen – was auch immer das heißen mag. Denn aus objektiver Perspektive sind die amerikanischen Wirtschaftszahlen alles andere als schlecht. Zudem wollen sie Trump in Kauf nehmen auch als Protest gegen das politische Establishment in Washington. Der US-Journalist Frank Sesno hat mal gesagt: Wer ein Haus abbrennen will, engagiert einen Brandstifter. Das trifft es ziemlich gut. Und dann ist der Rest offenbar egal. Denn eigentlich müsste Trump bei allem, was er in diesem Wahlkampf getan, gesagt – und ja, auch gelogen – hat, längst weit abgeschlagen sein. Jeder andere Anwärter aufs Weiße Haus wäre das jedenfalls in normalen Zeiten. Aber Trump ist eben kein normaler Politiker. Und dies sind offenbar keine normalen Zeiten. Und das macht das Phänomen Trump so schwer zu (be)greifen. Bis vor einem Jahr war Trump mehr oder weniger bloß ein Geschäftsmann mit TV-Reality-Ruhm. Aufgrund dieser politischen Quereinsteiger-Rolle genießt er eine gewisse "Narrenfreiheit" – und weiß das als Vorteil auszuspielen. Selbstbewusst proklamiert er: "Wenn ich jemanden auf der 5th Avenue erschießen würde, würden mich die Leute trotzdem wählen." Kurioserweise könnte er damit sogar Recht haben. Mitunter scheint es, als könne er machen und sagen was er wolle - seine Fans sind offenbar unerschütterlich. Und viele davon denken: Endlich sagt mal einer was, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit zu nehmen. Ob das reicht, um ins Weiße Haus einzuziehen? In Wirklichkeit ist es das Eine, während des Vorwahlkampfs die Extreme der Basis anzusprechen – und etwas Anderes, dann bei der Gesamtwahl am 8. November zu siegen, wofür auch die Stimmen der Millionen Wechselwähler notwendig sind. Und viele wichtige Wählerschichten hat Trump mit seinen Pöbeleien verprellt – Frauen, Latinos, Muslime. Aber gleichzeitig hat Trump so viele Vorwahlstimmen gewonnen wie kein anderer republikanischer Kandidat vor ihm. Und er mobilisiert dabei auch etliche Nichtwähler, die mit Politik eigentlich nichts am Hut haben. Weil er in ihren Augen jemand ist, der Dank seines selbst erwirtschafteten Vermögens unbestechlich ist, unabhängig von Lobby-Gruppen, und sich nicht verbiegen oder kaufen lässt.

Wer wird laut Ihrem Bauchgefühl gewinnen – Hillary oder Trump?

Bei dieser Wahl scheint alles möglich. Obwohl Hillary Clinton politisch erfahrener, versierter, kenntnisreicher und strippenzieherischer ist, liegt sie nicht klar vor Donald Trump. Ich würde jedenfalls nicht darauf wetten, das Blatt kann sich so oder so noch wenden. Trumps Chance ist, dass Hillary Clinton keine optimale Kandidatin ist – weil ihr viele nicht vertrauen. Zu oft, werden ihre Gegner nicht müde ihr vorzuwerfen, handle sie nach eigenen Regeln, versuche sie, Dinge unter dem Deckel zu halten. Wie zuletzt in der Affäre um ihren privaten Email-Server während ihrer Zeit als US-Außenministerin. Dass sie so selten öffentliche Pressekonferenzen gibt, schürt weiter Misstrauen. "Hiding Hillary" schimpft Donald Trump sie entsprechend. Zudem steht sie wie wohl kaum jemand für das verhasste Polit-Establishment in Washington. Umgekehrt ist Clintons Chance, dass Trump aus genannten Gründen ebenfalls kein optimaler Kandidat ist. Für viele Amerikaner wird es eine Wahl mit der Frage: Welches ist für mich wohl das geringere Übel? Jetzt im Endspurt und vor allem nach dem Skandal-Video mit Trumps Aussagen, als "Berühmtheit könne man sich (bei Frauen) alles leisten, ihnen sogar in den Schritt fassen", scheint sich Hillary Clinton doch etwas abzusetzen.

Stichwort "Tagesthemen": Wie groß ist Ihr Respekt vor der neuen Herausforderung?

Schon groß, wenn man sich überlegt, welche Reporterlegenden und Koryphäen schon dafür gearbeitet haben – etwa Thomas Roth, Tom Buhrow, Uli Wickert, Hajo Friedrichs. Aber gleichzeitig ist auch das nur Fernsehen, keine Gehirn-OP. Mein Bruder ist Arzt, wenn der eine Fehldiagnose stellt, kann das fatale Konsequenzen haben. Wenn ich einen Blackout habe, ist das erst mal nur peinlich. Dennoch ist die Verantwortung groß: Als "Tagesthemen"-Moderator steht man für Nachrichtenkompetenz und Seriosität.

Worin besteht die konkrete Herausforderung?

Bislang habe ich noch nicht im neuen Nachrichtenstudio gearbeitet, denn früher war das Studio eher ein Schreibtisch mit einem Stuhl – aber mittlerweile ist es viel interaktiver geworden. Andererseits kenne ich den größten Teil der Redaktion ja noch, das Umfeld bis hin zur Kantine. Und der Umzug nach Hamburg sagt mir ebenfalls zu. Ich habe Freunde und Bekannte dort. Insofern ist es das weicheste Kissen, das man sich vorstellen kann, um diesen exponierten Job zu bekommen.

Warum sind Sie Journalist geworden?

Dinge und Zusammenhänge zu erklären ist eine wichtige Aufgabe. Die Welt ist nun mal nicht Schwarz oder Weiß, da ist viel Grau dazwischen. Es ist mein Job als Journalist, dieses Grau zu erklären, zu differenzieren, Informationen zu vermitteln, heißt: auch mit Fehlinformationen aufzuräumen. Mal ganz abgesehen davon, dass Journalismus nicht nur ein sehr privilegierter, sondern auch ein sehr abwechslungsreicher Job ist. In den USA habe ich sehr viele Reportagen gedreht, für die ich quer durchs ganze Land gereist bin.

Bitte ein Beispiel!

Ich bin für Reportagen auf einem Flugzeugträger mitten im Pazifik gelandet, mit Menschen in der Sierra Nevada gewandert und mit einem Navy-Seal im Mississippi geschwommen. Ich hatte Zugang zu Orten und Veranstaltungen, die dem "normalen" USA-Besucher meist nicht zugänglich sind, wie etwa Pressekonferenzen im Weißen Haus mit Barack Obama. In meinem Büro in Washington gibt es eine Landkarte der USA – mit Fähnchen, wo ich schon überall war.

Werden Sie künftig auch noch Reportagen drehen?

Erst mal muss ich ankommen. Aber irgendwann später würde ich gern auch wieder Dokus drehen, im Reporter-Job liegen ja meine journalistischen Wurzeln. Es kann fürs Einschätzungsvermögen auch nie schaden rauszugehen, die Stimmung auf der Straße mitzuerleben, statt nur im Studio zu sein. Das schützt einen vor festgefahrenen Meinungen. An den "Tagesthemen" ist spannend, dass man als Moderator im Zentrum eines hochprofessionellen Networks von Reportern und Korrespondenten sitzt, wie es nicht viele gibt - vom Studio Tokio bis nach Konstanz am Bodensee.

Caren Miosga hat sich nach dem Tod von Robin Williams – in Anspielung auf den "Club der toten Dichter" – auf den "Tagesthemen"-Tisch gestellt. Erlaubt?

Das war absolut richtig. Wobei die Aufmerksamkeit bei den "Tagesthemen" größer ist als bei vielen anderen Nachrichtensendungen. Es gehört zu unserer Verantwortung, solche Elemente mit Bedacht einzusetzen. Carens Geste war super, weil sie mit Sehgewohnheiten brach – aber Effekthascherei werden wir uns nie erlauben.

Vor welchen Herausforderungen stehen die "Tagesthemen", seit es die Nachrichten immer und überall digital verfügbar sind?

Es gibt die berühmten Ws für Journalisten: Wer? Was? Wo? Wie? Wann? Warum? Neuerdings wird das "Was?" immer mehr vorausgesetzt. Ein Beispiel: Wenn ein Zugunglück passiert ist, weiß das sofort jeder, weil auf jedem Handy gleich die entsprechenden Eilmeldungen aufpoppen. Keiner muss mehr bis zum Abend auf die Fernsehnachrichten warten. Gleichzeitig werden das "Wie?" und das "Warum?" immer wichtiger. Einordnung und Analyse sind der Mehrwert der "Tagesthemen" – und unsere Zukunft.

Dafür haben Sie bereits einen sehr gut informierten Recherchepool …

Wenn sich aus dieser Recherchekooperation Honig für die "Tagesthemen" saugen lässt, dann ist es perfekt. Grundsätzlich erwarten die Zuschauer, dass wir die Nachrichten und ihre Hintergründe stärker einordnen. Es ist eine Stärke der "Tagesthemen", dass wir bis zu 30 Minuten Zeit haben, um etwa Interviews zu führen oder ein Thema per Gespräch, Kommentar und Report aufzubereiten. Je mehr Zeit man einem Thema widmet, desto mehr lassen sich verschiedene Aspekte beleuchten. Statt fünf oder sechs Themen zu setzen, reichen vielleicht auch mal nur vier aus und eines von ihnen ganz tiefgehend.

Wie grenzen Sie die "Tagesthemen" künftig vom "heute journal" ab? Gibt es einen Konkurrenzkampf zwischen Ihnen, Claus Kleber und Christian Sievers?

Ich glaube, die Konkurrenzsituation ist durch die Konstellation vorgegeben – wobei das "heute journal" eine halbe Stunde früher läuft. Das ist ein Standortvorteil, weil nach 22 Uhr die Zahl der Zuschauer sehr oft rapide sinkt. Prinzipiell ist Konkurrenz immer gut. Das Aufkommen der Privaten in den Achtziger Jahren beispielsweise hat dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen damals gut getan. Durch die Privatsender-Konkurrenz wurde vieles entstaubt. Gleichzeitig, denke ich, stellen die öffentlich-rechtlichen Sender ein Gegengewicht zu den Privaten dar, weil sie viel qualitativ hochwertiges Programm anbieten, bei dem die Quote nicht das einzige Kriterium ist.

Worum beneiden Sie das "heute Journal"?

Das "heute-journal" hat seine Stärken - zum Beispiel die frühere Sendezeit - die "Tagesthemen" haben ihre. Dazu gehört für mich etwa, dass die "Tagesthemen" ja aus einem ganz realen Studio kommen, nicht aus einem virtuellen, und darin haben wir einen sehr guten "Werkzeugkasten". Aber klar, ein bisschen amüsant ist es schon, dass Claus Kleber, der einst in Washington meine berufliche Weichenstellung ermöglicht hat, künftig mein "Konkurrent" auf dieser Nachrichtenschiene ist. Aber ich sehe das überhaupt nicht verbissen. Die Konkurrenz zwischen Tagesthemen und heute-Journal ist freundschaftlich-befruchtend. Beide Magazine ergänzen einander gut und setzen oft andere Schwerpunkte.

Wer sind Ihre journalistischen Vorbilder – und warum?

Vorbildlich sind für mich alle, die mehr machen, als sie müssen.

Wie wichtig sind Facebook und Twitter für Ihre Arbeit?

ARD-aktuell ist bei Facebook sehr erfolgreich, auch die Tagesthemen streamen Interviews online. Die Moderatoren erhalten sofort ein Feedback. Auch Twitter halte ich für ungeheuer hilfreich für einen tagesaktuell arbeitenden Journalisten. Das merkt man besonders, wenn man unterwegs ist und schnell Informationen braucht. Es ist aber auch ein praktisches Medium, um in Kontakt mit Zuschauern zu kommen. Oder, um neue Perspektiven zu sehen. Vor vier Jahren, beispielsweise, habe ich Stephen King auf der Bühne anmoderiert bei einer Lesung, anschließend ein Interview mit ihm geführt. Da ich kein ausgesprochener Stephen-King-Kenner war, habe ich seine Fans um Fragen gebeten – und viele gute bekommen, von denen ich auch ein bis zwei dann gestellt habe. Gleichzeitig bekommt man über Twitter auch schneller Feedback für seine Arbeit – das kann positiv wie auch negativ sein. So ein Shitstorm ist schnell losgetreten. Aber man darf das und die Bedeutung von Twitter auch nicht überbewerten.

Das haben Sie selbst schon einmal gespürt – nach dem Kommentar "Möge der Bessere gewinnen" beim Halbfinale Deutschland gegen Italien …

Dabei war das noch harmlos! Im Sommer 2016 hat Italien wieder gegen Deutschland gespielt – und ich bin mir sicher, dass die Kommentare heute heftiger ausgefallen wären. Denn ich beobachte aus der Ferne, wie hart manche Kollegen oder Kolleginnen attackiert werden. Der Ton in Deutschland scheint rauer geworden zu sein.

Oder auch Til Schweiger …

Ja. Ein Ulrich Wickert hat vielleicht ein paar Briefe bekommen, wenn er einen Fehler gebaut hat. Aber jetzt wird das Ganze ja immer gleich öffentlich diskutiert, weil soziale Netzwerke eine Plattform dafür bieten. Einerseits ist das natürlich gut, weil es uns noch gewissenhafter macht, zu noch mehr Sorgfalt zwingt. Aber Fehler passieren nun mal. Diejenigen, die dann gleich "Lügenpresse" rufen, wollen dann immer gleich eine Verschwörung dahinter sehen. Quatsch! Lügen bedeutet ja, dass man weiß, wie es wirklich läuft – und trotzdem das Gegenteil behauptet. Und wenn Fehler passieren, dann korrigieren wir die auch öffentlich. Ich frage mich wirklich, woher diese Verschwörungstheorien kommen. Bei mir hat noch nie ein Unternehmen oder ein Politiker angerufen, um Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen. Das hat auch damit zu tun, dass wir als Öffentlich-Rechtliche unabhängig sind. Wir sind kein Regierungsorgan wie in vielen anderen Ländern. Ich denke, wir müssen eine Haltung haben, Rassismus ist Rassismus. Punkt. Aber wir haben keine Agenda. Wir beleuchten alle Themen von verschiedenen Seiten, auch die Flüchtlingsthematik und die politischen Verschiebungen hin zur AfD. Aufgabe der Medien ist es aber nicht, eine Partei oder bestimmte Politiklinie zu verhindern oder zu befördern, sondern aufzuklären, wofür sie jeweils steht.

Inwiefern steckt der Job des Journalisten in einer Glaubwürdigkeitskrise? Und vor welchen Herausforderungen stehen Journalisten?

Durch soziale Medien entstehen so genannte "Echo-Räume". Das heißt, dass sich Menschen im Internet nur noch die Meinungen von Gleichgesinnten in bestimmten Foren abholen – mit dem Resultat, dass sie nur noch glauben, was sie glauben wollen. Es geht dann mehr um Emotionen, weniger um Fakten. Die Herausforderung besteht darin, diese Leute zu erreichen und ihnen Fakten zu vermitteln. Wir dürfen nicht aufhören, das zu versuchen.

Inwiefern wird es eine Richtungsänderung oder etwas komplett Neues bei den "Tagesthemen" geben? Haben Sie einen Masterplan?

Ich bin nicht so vermessen zu sagen: "Jetzt wird alles anders." Im Gegenteil! Die Redaktion arbeitet hervorragend, unser Job basiert auf Teamwork. Ich bin nur der, der es am Schluss "verkauft". Wenn ich meinen Beitrag dazu leisten kann, dass vielleicht etwas noch besser läuft und die anderen das auch so sehen, dann werden wir etwas verbessern. Im Studio gibt es zum Beispiel mehr Potenzial für optische Ansprache.

Meinen Sie eine Dynamisierung der Bildsprache?

Ja. Darunter verstehe ich, dass man noch mehr mit der Videowand arbeitet, auf der man Dinge plastischer erklären kann, etwa mit Infografiken. Aber man muss das vorsichtig austarieren. Das Wichtigste ist und bleibt die Nachricht, nicht Ingo Zamperoni.

Als Anchor hat man in der ARD nicht nur eine Leitfunktion hat, sondern meistens eine sehr lange Fernsehkarriere vor sich. Wollen Sie den neuen Job bis 67 machen?

Das wäre ja noch ein Vierteljahrhundert! Ich bin immer gut damit gefahren, offen für Neues zu sein. Der Job, von dem ich immer geträumt habe, war der des Korrespondenten. Insofern könnte ich mir vorstellen, dass das irgendwann vielleicht wieder mal ein Traum wird. Jetzt steht erst mal ein anderer Traumjob an, auf den ich mich sehr freue. Man muss aber auch ein bisschen von dem Ross herunterkommen, dass anschließend immer noch ein tollerer Job kommen soll. Da muss man die Kirche im Dorf lassen.

Interview: Mike Powelz