"Schweigeminute": Verbotene Liebe im TV

Was wir bereits wissen
Darf eine Lehrerin mit einem Schüler liiert sein? "Schweigeminute" ist ein intensives Drama nach einer Novelle von Siegfried Lenz.

Die Macht der Liebe ist stärker als die Vernunft. Heißt es. Doch darf man ihr immer nachgeben? Gibt es nicht Lebenssituationen, in denen man sich mit aller Kraft gegen die Flut der Gefühle stemmen muss? Diese Frage stellt sich in dem Fernsehfilm "Schweigeminute" (31. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF), der nach einer Vorlage des Schriftstellers Siegfried Lenz entstand.

"Manchmal passiert es einfach. Du bist wehrlos und weißt nicht, warum es passiert", sagt im Drama Wilhelm Voigt (Uwe Preuss), der Vater des 18-jährigen Christian (Jonas Nay, bekannt aus "Deutschland 83"). Sein Sohn hat sich in die Lehrerin Stella Petersen (Julia Koschitz) verliebt. Der Schüler denkt Tag und Nacht an sie, ja träumt sogar von einer gemeinsamen Zukunft.

Entgegen jeder Vernunft lässt die Englischlehrerin ihrer Leidenschaft freien Lauf. Sie beruft sich dabei auf den US-amerikanischen Schriftsteller William Faulkner: "Es gibt kein Gut und Böse, kein Richtig oder Falsch. Seine Figuren können nicht anders." Schulpsychologen vermuten, dass Liebesverhältnisse zwischen Lehrern und Schülern häufiger vorkommen als vermutet. Für den TV-Film hätte es also eine Vielzahl von realen Vorlagen gegeben. Aber "Schweigeminute" bezieht sich nicht auf einen echten Fall, sondern nimmt eine Novelle des 2014 verstorbenen Schriftstellers Siegfried Lenz als Vorlage.

Nach einer Novelle von Siegfried Lenz

Seitdem die ARD vor zehn Jahren Lenz' Roman "Der Mann im Strom" verfilmt hat, sind seine Stoffe im Fernsehen begehrt. Und sehr erfolgreich. "Schweigeminute" ist die insgesamt siebte Lenz-Verfilmung fürs TV – die dritte im ZDF. Ursprünglich hatte sich der 2011 verstorbene Produzent Bernd Eichinger die Rechte für einen Kinofilm gesichert, nun hat Oliver Berben das Projekt fürs Fernsehen umgesetzt.

Lenz verlegte seine 2008 veröffentlichte Novelle in die 50er-Jahre. Auch damit liegt der Film im Trend: Stoffe aus den als bieder und verklemmt geltenden Nachkriegsjahren sind bei TV-Machern und Publikum gerade gefragt. Doch das Thema Lehrer-Schüler-Liebe ist hier mehr als nostalgische Rückschau, auch heute noch gilt es als Tabu. Die Folgen: Leidensdruck und die Gefährdung der aktuellen Lebenssituation. Auch Stella riskiert im Film viel. Julia Koschitz hat dafür grundsätzlich Verständnis: "Ich kann beides nachempfinden: den Wunsch nach Stabilität und Sicherheit und den, seiner Sehnsucht nachzugeben."

Ein philosophischer Konflikt

Im Film wird der Konflikt zur grundlegenden, philosophischen Frage. Koschitz versucht eine Antwort: "Ich glaube, dass man sich im Leben immer wieder in vergleichbaren Situationen befindet, in denen man genauso zwischen Vernunft und Leidenschaft abwägen muss. Wir brauchen beides, um die Möglichkeit eines erfüllten, aber auch stabilen Lebens zu haben. Es ist jedoch fraglich, ob wir in unseren Entscheidungen wirklich die Wahl haben."

Wertung

Genau wie Lenz' zugrunde liegende gleichnamige Novelle ist die Liebesgeschichte in der Ichperspektive erzählt, als Rückschau. So bleibt - trotz aller dekorativen Nachkriegsjahr-Nostalgie des Films - seine eigentliche Frage zeitlos: Hätte diese Liebe eine Chance gehabt unter anderen Bedingungen?

Wer sollte sich "Schweigeminute" anschauen?

Große Liebe und Leidenschaft zwischen einem Schüler und seiner Lehrerin - das ist auch heute noch ein Tabuthema. Wer Lust hat auf eine zeitlose, melancholische Liebesgeschichte, sollte einschalten.

Warum muss ich "Schweigeminute" sehen?

Dieses intensive Drama ist die erlesen bebilderte Geschichte eines schmerzhaften Reifeprozesses - und eine Lektion im Erwachsenwerden.

Für Fans von...

Erzählungen und Verfilmungen von Siegfried Lenz.

Weitere Free-TV-Premieren vom 31. Oktober bis 6. November:

Text: Thomas Kunze

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