Wahre Verbrechen, mörderisch gut erzählt: 2. Staffel "Death Row Stories"

Was wir bereits wissen
Die Begeisterung für echte Kriminalfälle hat auch Deutschland erfasst und macht "True Crime"-Serien wie "Death Row Stories" zu Hits.

"Sie haben auf mich und meine Kinder eingestochen, meine kleinen Jungen!", schreit eine Frauenstimme panisch ins Telefon. Die Schwerverletzte, die in Todesangst weint und schluchzt, ist die 26-jährige Darlie Lynn Peck Routier. Vor ihren Augen verbluten ihre Söhne Devon (6) und Damon (5). Einbrecher hätten sie überfallen, sagt die Hausfrau aus dem texanische Städtchen Rowlett später im Krankenhaus, nachdem Chirurgen ihr eine Goldkette aus der Halsschlagader operiert haben. Das Schmuckstück hat einen brutalen Messerstich gebremst und ihr das Leben gerettet. Vorläufig jedenfalls, denn für die Jury ist Darlie Routier eine Kindsmörderin.

Seit 20 Jahren sitzt sie im Todestrakt des Mountain-View-Unit-Gefängnisses, obwohl den damaligen Ermittlern mittlerweile Pfusch, Mauscheleien, sogar Beweismittelmanipulationen nachgewiesen werden konnten. Verzweifelt kämpft Darlies Familie für eine Wiederaufnahme des Verfahrens, doch Anwälte sind teuer und das Geld wird knapp.

"Death Row Stories": produziert von Robert Redford

Darlie Routiers Gerichtsprozess ist nur einer der bewegenden Fälle, die Kinoikone Robert Redford und Oscarpreisträger Alex Gibney ("Taxi zur Hölle") in der neuen Staffel ihrer Dokumentationsreihe "Death Row Stories" (ab 30. Oktober, 20.15 Uhr, RTL Crime) aufarbeiten. Nicht minder dubios: die Verurteilung von Kevin Cooper, dem wegen Mordes an einer vierköpfigen Familie im San-Quentin-Gefängnis, Kalifornien, die Hinrichtung droht.

Zwar ist der heute 58-Jährige im Gegensatz zu Routier bei seiner Verhaftung 1983 kein unbeschriebenes Blatt, sondern gerade aus einer Haftanstalt getürmt, doch ist der vorbestrafte Einbrecher auch ein axtschwingender Killer? Oder einfach nur der perfekte Schuldige, weil er schwarz ist? Erneute Zeugenbefragungen decken auf, dass drei Wanderarbeiter das bestialische Gemetzel begangen haben könnten.

Redfords viel gelobte Produktion legt ohne Effekthascherei die Fehler in einem mörderischen Rechtssystem offen und ist damit ein Highlight des weltweiten "True Crime"-Trends. Die neue Begeisterung für echte Kriminalfälle hat längst auch Deutschland erfasst, das belegen Erfolgsproduktionen wie "Schuld" (ZDF) nach dem Bestseller des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach.

In "Death Row Stories" werden Kurzinterviews mit Ermittlern, Zeugen und vermeintlichen Tätern aneinandergereiht, Gerichtsakten gesichtet, Ungereimtheiten und Pannen aufgezeigt. Szenen, die unter die Haut gehen und deutlich machen: Hier gibt es kein Hollywood-Happy-End, die Trauer der Opfer, die hilflose Wut der Angehörigen, der Überlebenskampf zu Unrecht Verurteilter geht weiter, wenn der Fernseher ausgeschaltet ist.

Trailer zur 2. Staffel "Death Row Stories" (OV)

Was macht die Faszination von "True Crime" aus?

Da ist dieses Spiel mit der Angst, die Zuschauern einflüstert: "Das Grauen lauert überall, auch vor der eigenen Haustür." Dazu eine ganz eigentümliche Mischung aus Sensationslust, Nervenkitzel, Detektivspiel, Voyeurismus – macht das die Faszination von "True Crime" aus? Im besten Fall kommt zu diesem Thrill der Wunsch, der Gerechtigkeit doch noch zum Sieg zu verhelfen.

So wie bei der viel diskutierten Netflix-Serie "Making a Murderer" über den Fall Steven Avery. Rund 535.000 Zuschauer forderten seit der Erstausstrahlung 2015 in einer Onlinepetition die Freilassung des Automechanikers. 1985 war der damals 22-Jährige wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. 18 Jahre später bewies ein DNA-Test: Avery ist unschuldig! 2003 verklagte er Sheriff-Department und Staatsanwaltschaft des Bezirks Wisconsin auf 36 Millionen Dollar Schmerzensgeld. Nur Zufall, dass Avery 2005 in einem Indizienprozess für einen neuen Mord wiederum lebenslänglich bekam? Netflix arbeitet jedenfalls bereits an der zweiten Staffel der Dokureihe.

Losgetreten wurde die aktuelle "True Crime"-Lawine indes nicht von einer TV-Produktion, sondern von einer Podcast-Hörspielreihe. In "Serial" rollte die US-Radiojournalistin Sarah Koenig den Mord an einer 18-Jährigen neu auf, ein packender Reality-Krimi mit dramatischen Wendungen, die so nur das Leben schreibt. "Serial" sorgte im gesamten englischsprachigen Raum für Furore und verhalf einem Genre zum Revival, das lange mit US-Importen wie "Snapped – Wenn Frauen töten" (Super RTL) in der Billig-TV-Ecke vor sich hindämmerte.

Trailer "Snapped – Wenn Frauen töten"

Neu ist das Phänomen "True Crime" allerdings weder in den USA noch hierzulande. Schon als 1958 Jürgen Rolands Krimireihe "Stahlnetz" mit dem Vermerk "Dieser Fall ist wahr! Er wurde aufgezeichnet nach Unterlagen der Kriminalpolizei" über deutsche Bildschirme flimmerte, verfolgte die Nation gebannt die Jagd auf Diebe, Räuber und Mörder, "Stahlnetz" wurde zum ersten Straßenfeger der Republik. Und seit 1967 appelliert die ZDF-Serie "Aktenzeichen XY … ungelöst" erfolgreich an den inneren Kriminaler im Zuschauer.

Hilft der aktuelle weltweite Hype Todeskandidatinnen wie Darlie Routier? Trotz erneuter DNA-Tests droht ihr noch immer die Giftspritze. "Ich bin mit mir im Reinen", sagt die heute 46-Jährige im "Death Row Stories"-Interview. "Wer mich hinrichtet, befleckt seine Hände mit dem Blut einer Unschuldigen und wird sich dafür verantworten müssen. Vielleicht nicht vor einem irdischen Gericht, aber vor einem höheren."

Text: Angela Zierow

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