Dominik Graf exklusiv: "'Zielfahnder' wird zur TV-Reihe"

Was wir bereits wissen
Starregisseur Dominik Graf verrät im Interview mit GOLDENE KAMERA, dass die Zielfahnder bald weitere Einsätze bekommen könnten.

Ist ein Schwerkrimineller untergetaucht, ohne Spuren zu hinterlassen, schlägt die Stunde der Zielfahnder. Ihr Job, so definiert ihn die offizielle Polizeidienstvorschrift 384.1, ist "eine gezielte, besonders intensive, operative Fahndung nach einzelnen, ausgewählten, zur Festnahme gesuchten Straftätern". Jetzt haben der mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Regisseur Dominik Graf (64) und Drehbuchautor Rolf Basedow (69) die Arbeit der Ermittler zur Grundlage eines spannenden TV-Thrillers gemacht: Der #GOKA-Kandidat "Zielfahnder – Flucht in die Karpaten" (19. November, 20.15 Uhr, Das Erste) nimmt den Zuschauer mit auf eine atemlose Hetzjagd, die von Deutschland über Polen in ein kleines rumänisches Bergdorf führt. Als Zielfahnder sind Hanna Landauer (Ulrike C. Tscharre) und Sven Schröder (Ronald Zehrfeld) im Einsatz.

Zum Start des TV-Thrillers "Zielfahnder" trafen wir Starregisseur Dominik Graf zum Interview.

Interview mit Dominik Graf

Warum ist "Zielfahnder" ein besonderer Film?

Für mich ist jeder Film, den ich mache, besonders. Aber in diesem Fall ist es ein komplizierter Film, der Zielfahnder von Düsseldorf aus über die Oder bis nach Bukarest und dann in die Karpaten hinter einem rumänischen Ausbrecher herschickt. Das ist auf jeden Fall schon mal was Besonderes für die Produktion.

Wie war der Dreh in Rumänien?

Dort dreht man nicht jeden Tag – wobei die Rumänen wirklich eine sehr erfahrene eigene Filmbranche haben. Tolle Schauspieler, fantastische Stunt-Männer zum Beispiel. Außerdem ist es ein grandioses Land. Verrückt. Weitläufig. Sehr unterschiedlich. Und wie bei uns im Osten mit einer von Investoren komplett zerstörten Industrie.

Ihre Bilder erscheinen aufwändig – etwa, wenn eine komplette Schafherde durch ein Tal rennt …

Steven Spielberg hat mal David Lean gefragt, wie er die Kamelherden in Lawrence von Arabien für Wiederholungen immer wieder auf Anfang gebracht hat. Leans Antwort: wir haben einfach da weitergedreht, wo sie gerade gestoppt hatten. In der Wüste mag das klappen, aber oben im rumänischen Gebirge muss man die Schafe natürlich wieder auf die Startposition bringen. Das Motiv war etwa einen Kilometer lang und wir drehten aus erhöhter Perspektive, wie sich die Zielfahnder nähern, während unten im Tal der Flüchtige losballert und die Schafe vor der berittenen Bergpolizei auseinanderstieben. Wir haben es nur zweimal gedreht.

Ein Wort zu den Dreh-Highlights?

Eigentlich habe ich jeden Tag als Highlight empfunden. Wenn man in einem unbekannten Land dreht, das ständig Neues bereithält – im bizarren wie auch im vitalen Sinn – dann ist jeder Tag fantastisch. Ich habe die Dreh-Nächte im Bukarester Kneipenviertel genauso interessant gefunden wie ich die Tage in Siebenbürgen oder dann in den Karpaten genossen habe. Aber auch die Szenen im Düsseldorfer Büro, wo die Chefs der Zielfahnder die Verfolgung live am Bildschirm miterleben, waren sehr intensiv.

Wie haben Sie die Rollen besetzt? Wurden Ulrike C. Tscharre und Ronald Zehrfeld gecastet?

Nein. Die beiden waren für mich beim Lesen des Drehbuchs schon so gut wie besetzt – wie auch Arved Birnbaum. Aber viele der Rumänen wurden gecastet, vor allem die kleineren Rollen. Die grösseren rumänischen Rollen sind dort bekannte Stars und haben sehr eindrucksvolle Demo-Bänder mit Rollen in amerkanischen Filmen.

Mit Tscharre und Zehrfeld haben Sie schon mehrfach gearbeitet …

… und mit Rolf Basedow erst recht, ja. "Flucht in die Karpaten" ist eine Art Weiterentwicklung dessen, was mit "Im Angesicht des Verbrechens versucht wurde – die Erschließung anderer Milieus und anderer Welten, im östlichen Europa. Bei "Im Angesicht des Verbrechens" waren es die Russen und die Ukrainer – hier ist es jetzt Rumänien. Basedow ist kein Autor, der sich Rumänien aus den Fingern saugt – er fährt dorthin. Basedow hat uns sogar die Motive gezeigt, an denen wir gedreht haben – inklusive des Berges im Schlußbild. Das ist meistens so bei ihm.

EU-Skepsis oder EU-Euphorie – was überwiegt in Rumänien?

Überall hängt ein EU-Fähnchen aus dem Bürgermeisterhaus, in jedem kleinen Dörfchen. Es wirkt fast wie eine Beschwörung. Das Fatale ist, dass Rumänien sein Gesicht ändern muss, um EU-kompatibel zu werden. In Bezug auf die Korruption ist das sicherlich gut – aber in Bezug auf Landschaft, auf die mentale Eigenart und die Wirtschaft eher zerstörerisch. Neben der Euphorie, die vor allem von Beamten und Regierungsmitgliedern ausgeht, gibt es in der Bevölkerung große Skepsis, ob das Land nicht von der EU gefressen wird. Wenn man dort im Nirwana plötzlich irgendwo einen "Lidl"-Klotz sieht, in dem so teure Produkte verkauft werden, dass sie sich kaum ein Rumäne leisten kann, dann fragt man sich wirklich, was an der EU positiv sein soll.

Dennoch scheint der rumänische Alltag alles andere als trist zu sein …

In den osteuropäischen Staaten gibt es, wo die normalen EU-Bürger größtenteils Tristesse zu sehen glauben, weil ihnen die abgeblätterten Häuserfassaden nicht gefallen, eine kulturelle Kraft und eine vollkommen andere Lebendigkeit, als wir das hier in Deutschland gewohnt sind. Besser so schön chaotisch als eine Kolonie von deutscher, verklemmter Lebensart zu werden.

Inwiefern ist der Job des Zielfahnders spannend?

Na ja, der Untertitel heisst: "Jäger in fremden Welten". Klingt spannend - oder? Es gibt viele interessante Details, auch dahingehend, was Zielfahnder juristisch alles machen oder nicht machen dürfen. Die Ermittler können in Rumänien zum Beispiel nicht mit ihrer Waffe losziehen und herumballern, sondern es gibt harte Restriktionen.

Wird "Zielfahnder" eine Reihe?

Ja, so ist es geplant. Es gibt schon einen ganz starken Stoff, der in Buenos Aires spielt. Außerdem hat Rolf Basedow ein paar unglaublich verlockende Vorschläge für andere Ziele gemacht.

Was sind die Markenzeichen eines typischen Dominik-Graf-Films?

Ich muss die Handschrift eines Regisseurs in seinen Filmen erkennen können. Film ist nicht nur der Stoff, der erzählt wird, sondern auch die Form, wie er erzählt wird. Jeder Regisseur bildet sich automatisch in seinen Filmen ab, auch seine Defizite. Ich kann nicht eine Geschichte brav bebildern, ich drücke mich notwendigerweise mit meinen Ideen und meinem Temperament in einem Film aus. Ich ordne mich inhaltlich zumeist den Drehbüchern komplett unter – besonders bei Basedow und bei Günter Schütter. Und ich bin schon gut damit beschäftigt, mit meinen Möglichkeiten die Szenen so hinzukriegen, wie sie da stehen. Trotzdem ist es am Ende jedes Mal ein Amalgam, die Autoren und ich.

Wie haben Sie es geschafft, dass Ulrike C. Tscharre ihre Milch im Film "oben ohne" trinkt?

Das stand im Buch.

Kommt ein Graf-Film aus ohne nackte Haut?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Sex erzählt viel über die Menschen, ohne Worte. Und ich versuche die Körper so zu zeigen, wie sie sind. Ein Justizminister darf einen Bauch haben. Das hat etwas Befreiendes und deshalb auch eine Schönheit.

Ihre rumänischen Protagonisten wirken unberechenbarer als die deutschen. Absicht?

Rolf Basedows Figuren sind, besonders wenn sie aus einem anderen Land kommen, meistens unberechenbar. Das war auch bei "Im Angesicht des Verbrechens" so. Die Menschen bei ihm - neben den deutschen Polizisten - entstammen direkt ihrem Milieu. Ein gutes Beispiel dafür ist der Polizeichef in Bukarest. Er verrät den deutschen Zielfahndern nicht, dass er Deutsch spricht, sondern er versucht geschickt, sie hinzuhalten und auszubremsen. Er hat immer noch ein As im Ärmel. Er hat in den Dialogszenen eine menschliche Raffinesse, die es in den deutschen Büroszenen so nicht geben kann.

Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Ich hoffe, ein Stuttgart-"Tatort" zum Thema 40 Jahre Deutscher Herbst. Das Drehbuch dazu schreibt auch Rolf Basedow. Außerdem gibt es noch ein paar andere Projekte, über die ich aber noch nicht sprechen will, weil ich immer das Gefühl habe, dass das Unglück bringt.

Wobei haben Sie diese Erfahrung konkret gemacht?

Bei dem geplanten Simmel-Film "Alle Menschen werden Brüder". Da gab es ein fantastisches Drehbuch. Es sollte ein großer Zweiteiler werden und er sollte in der Entstehungszeit des Romans, 1967, spielen. Damals habe ich vor lauter Vorfreude sogar öffentlich etwas dazu geschrieben, aber dann wurde das Projekt gekillt.

Würden Sie auch eine Serie für Amazon oder Netflix drehen?

Na ja, man muss schauen, wie so etwas finanziell ausgestattet wäre und um welche Stoffe es geht. Wenn die Vorstellungen von Produzent, Autor und Regisseur übereinstimmen – warum nicht?

Von welchen Stoffen sind Sie selbst Fan?

Aktuell: Oliver Stones "Snowden" fand ich beeindruckend. Und ich gehe mit meinen Töchtern in RomComs und Komödien – etwa in "SMS für dich" mit Karoline Herfurth. Aber die mögen beide sowieso vor allem Serien. Außerdem habe ich eine Vorliebe dafür, alte Filme, die ich schon gesehen habe, zum richtigen Zeitpunkt nochmal zu sehen. Es sind so kluge Filme, die immer mehr wachsen.

Warum arbeiten Sie so oft mit Ronald Zehrfeld zusammen?

Ronny hat eine sehr geerdete Art zu spielen, wenn er richtig in Form ist bzw. wenn er sich jeweils gefunden hat in der Rolle. Dann ist er ganz in dem Film drin. Außerdem kann er Sprache und Physis miteinander in Einklang kriegen – so, dass der Körper handelt und der Kopf synchron mitgeht. Bei vielen deutschen Schauspielern wirkt es, als ob geschriebene Dialoge aus den Mündern herauspurzeln, während ihre Körper arbeitslos bleiben. Ronny legt sich die Sprache so zurecht, dass das Ergebnis ein starker Naturalismus ist.

Wäre Zehrfeld aufgrund seiner Körperlichkeit nicht auch eine gute Besetzung für einen "Tatort"-Kommissar?

Ich kann nur beten, dass nicht jeder in diesem Land "Tatort"-Kommissar wird.

Sind Sie denn so religiös?

Nein. Aber da fällt mir – ehrlich gesagt – gerade nichts anderes ein als beten und Kerzen aufstellen. Ein paar gute Schauspieler müssen noch verschont bleiben von diesen Rollen.

Schlussfrage: Was kennzeichnet Ulrike C. Tscharre?

Sie nähert sich ihrer Rolle stark von der psychologischen Seite – mit der Frage: "Wer ist Landauer?" Wenn ihre Idee von der Figur dann sozusagen "eingerastet" ist, lebt sie die Vorstellung, die sie entwickelt hat, total vor der Kamera aus. Ulrike ist wirklich feurig bei der Sache. Sie hat sich bei "Zielfahnder" u.a. über 25 Meter hoch über einen Abgrund hängen lassen. Ich glaube, aus diesem Dreh ist Ulrike mit mehr blauen Flecken herausgekommen als bei anderen Filmen. Ich finde es gut, dass ihr Action so viel Spaß macht und dass Frauen in jeder Hinsicht gleichberechtigt sind.

Interview: Mike Powelz

Zielfahnder Ronald Zehrfeld über seine Rolle

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