Das Verhör zum 1000. "Tatort": Furtwängler und Milberg packen aus

Was wir bereits wissen
Den Jubiläums-"Tatort" bestreiten Maria Furtwängler und Axel Milberg gemeinsam. Im Interview sprechen sie über ihre Gagen beim Erfolgs-Krimi und ihre Favoriten aus der "Tatort"-Geschichte.

"Taxi nach Leipzig" lautete 1970 der Episodentitel des ersten "Tatort"-Krimis überhaupt – mit Walter Richter als Hamburger Hauptkommissar Trimmel, der auf eigene Faust in der DDR ermittelt. 46 Jahre sind seither vergangen, jetzt steht der 1000. "Tatort" (13. November, 20.15 Uhr, Das Erste) an – und wieder heißt die Folge "Taxi nach Leipzig".

Eine Verbeugung vor der Geschichte dieser einmaligen Krimireihe? In einem seit 26 Jahren wiedervereinigten Deutschland kann die Episode 1000 natürlich keine Neuverfilmung des Klassikers sein, aber die Handlung ist ebenso aufregend wie seinerzeit Trimmels Abenteuer auf fremdem Terrain. Diesmal sieht die Szenerie so aus: ein Taxi mit einem schwer traumatisierten Fahrer, eine Leiche auf dem Beifahrersitz – und im Fond die Kommissare Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) als Geiseln. Darum geht's in der 1000. "Tatort"-Folge.

GOLDENE KAMERA befragte die "Tatort"-Kommissare Maria Furtwängler und Axel Milberg zu ihrem ganz eigenen Trip nach Leipzig - und zu ihren Favoriten aus der "Tatort"-Geschichte:

Was ist Ihre Lieblingsszene in der 1000. "Tatort"-Folge?

Axel Milberg: Ich mag den Schluss sehr. Mich berühren die Worte, die Günter Lamprecht an die Polizisten richtet: "Da draußen gibt es viele Menschen, die Ihnen Danke sagen wollen. Und dafür dankbar sind, dass es Sie gibt. Dass ihr da seid." Auch wie der Kollege Lamprecht das sagt, hat mich berührt: sehr einfach, von Mensch zu Mensch. Gemeint ist auch, dass das Gewaltmonopol beim Staat gut aufgehoben ist. Bei niemandem sonst. Es gibt keine Lynchjustiz, keine Bürgerwehr und keine paramilitärischen Trupps irgendwo in Deutschland. In vielen Ländern ist das anders. Bis hin zu Amerika, wo es dauernd entgleitet.

Maria Furtwängler: Ich finde die ganze Schlusssequenz stark, diesen tragischen unerwarteten Tod. Wer da stirbt, verrate ich hier noch nicht. Aber ich mag das Ende.

Gibt es ein gesellschaftliches Tabu, das Sie gern einmal in einer "Tatort"-Folge brechen möchten?

Milberg: Andere sind schneller gewesen als ich. Ich wollte, dass Borowski schwul ist. Aber dieses Gerangel um das Originelle, puh, na ja – ich kämpfe um gute Geschichten und um die Originalität des Ermittlers.

Würden Sie gern mehr oder weniger "Tatorte" pro Jahr drehen?

Furtwängler: Ich habe die Anzahl reduziert – von zwei auf einen pro Jahr, damit ich mehr Zeit für andere Projekte und andere Formate habe. Das ist eine angenehme und komfortable Lösung. Ich fühle mich meiner Figur Charlotte Lindholm sehr verbunden. Ich mag sie. Ich empfinde ihr gegenüber sogar eine echte Form von Verantwortung, weil ich spüre, wie sehr sie gemocht wird. Für ganz viele Zuschauer ist Charlotte Lindholm ja eine geschätzte, sympathische Identifikationsfigur.

Milberg: Zwei "Tatorte" pro Jahr sind gut. 2016 kam diese Jubiläumsfolge dazu. Bei aller Freude daran – ich möchte nicht nur der "Tatort"-Kommissar sein. Ich drehe noch andere Filme: Komödien, Kino, im Ausland und vieles mehr. Als Schauspieler lebe ich dadurch, dass ich mich lebendig fühle in Vielfalt und durch Abwechslung. Mal tanze ich, mal singe ich, mal bin ich blind, mal bin ich albern. Zuletzt war ich in einem Film mit Katja Flint Familienvater mit vier Kindern auf einem Bauernhof im Brandenburg. Nur so bleibe ich hungrig. Hungrig dadurch, dass die Aufgaben unterschiedlich sind.

Wie beurteilen Sie die Qualität der angebotenen "Tatort"-Bücher auf einer Skala von 1–10?

Milberg: Sieben. Es gibt natürlich das Problem, dass sehr viele Leute mitreden wollen, wenn es um Drehbücher geht: Redaktion, Produzenten, Koproduzenten, Verleiher und Protagonisten. Und oft wird das Buch am Ende noch mal umgeschrieben – wenn zum Beispiel der Film billiger werden muss und die Kosten etwa von 1,6 Millionen auf 1,2 Millionen Euro runtergeschrieben werden.

Die Idee für den Schrebergarten-"Tatort" "Erntedank e. V." stammte von Ihnen, Frau Furtwängler. Werden solche Initiativen dankbar angenommen?

Furtwängler: In der Episode spielte Charlottes Schwangerschaft eine Rolle. Das war meine Idee und mein Wunsch, weil ich das Gefühl hatte, dass Wirklichkeit zu wenig thematisiert wird. Wie zum Beispiel, dass berufstätige Frauen eben auch kleine Kinder haben können. Noch wichtiger war mir aber die Durchsetzung von Ideen wie "Wegwerfmädchen", wo es um Zwangsprostitution in Deutschland ging. Auch das Thema Fleischskandal in "Sanfter Tod" lag mir am Herzen. Ich finde es toll, wenn ich eine Anregung geben darf und der Sender offen genug dafür ist.

In "Wem Ehre gebührt" ging es 2007 um ein alevitisches Mädchen und um Kindesmissbrauch in der Familie.

Furtwängler: Diese besondere Episode ist beispielhaft dafür, dass der "Tatort" sich extrem traut, an Grenzen zu gehen und diese auch mal zu überschreiten. Durch die Tradition und den Erfolg der Marke kann man hier experimenteller oder mutiger erzählen als bei allen anderen Formaten. Deshalb fühle ich mich beim "Tatort" total gut aufgehoben. Zwischen Tradition und Aufbruch.

Wie lange laufen Ihre Verträge?

Furtwängler: Das ist eine gute Frage. Ich habe nicht vor, innerhalb der nächsten zwei Jahre aufzuhören.

Milberg: Der NDR und ich bewegen uns eigentlich mit Vorfreude aufeinander zu. Ob wir im nächsten Jahr verlängern, hängt von den Gesprächen ab. Ich fühle mich extrem unverbraucht, neugierig und immer noch im Aufbruch.

Reicht die Anzahl der Drehtage?

Milberg: Wir hatten mal 24, mal 23, mal 21 Tage. Bei den letzten Malen waren es, glaube ich, 22. Es variiert. Wenn wir mit Kindern drehen, die große Teile der Story bestreiten, sind es 24. In der Regel aber 22. Da ist das Pensum kaum zu schaffen – das gilt nicht nur für die Schauspieler, sondern ebenso für die Beleuchter und das Team. Das ist an der Grenze. Das Schlimme ist, wir kriegen es immer irgendwie hin. In Kinoqualität.

Laut "Bild" verdienen Sie 115.000 Euro pro Folge, Herr Milberg. Richtig?

Milberg: Es gibt keine pauschale Gage. Wir werden nach Drehtagen bezahlt. Die ARD hat das vor Jahren beschlossen. Früher gab es Pauschalen, aber auch da reichte es bei mir leider nicht annähernd für den genannten Betrag. Wie viel ein Schauspieler tatsächlich dreht und wie viel er dafür bekommt, wird durch Kontrollinstanzen überprüft.

Sie, Frau Furtwängler, verdienen laut "Bild" 220.000 Euro pro Folge ...

Furtwängler: Journalisten, die solche Sachen schreiben, sollten ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen und anständig recherchieren. Das ist hier leider definitiv nicht der Fall.

Herr Milberg, Ihr Kommissar Borowski trat bereits vor seinem ersten Kieler "Tatort" in der "Stahlnetz"-Folge "PSI" auf. Wie kam der Wechsel des Charakters in das andere Format zustande?

Milberg: Den "Stahlnetz" habe ich 2002 gedreht. Als ich ein halbes Jahr später von Berlin nach München flog, saß neben mir ein Regisseur mit einem "Tatort"-Drehbuch auf den Knien. Ich bin dann auf eine Mittelmeerinsel weitergeflogen, und dort sagte ich zu meiner Frau: "Sollte man nicht in Kiel mal wieder einen ‚Tatort‘ machen? Dort gibt es die nordische Landschaft. Diesen Himmel! Diese Typen! Skandinavien!" Und sie meinte nur: "Ja, mach doch." Darauf habe ich die NDR-Redaktion angerufen, und kurz darauf wurde Borowski von Hannover nach Kiel versetzt. Er war noch derselbe Soziopath wie in "Stahlnetz". Überhaupt kein Teamplayer. Der Borowski, der 2003 erstmals in Kiel ermittelte, konnte keinem die Hand geben. Ein holzgeschnitzter Rüpel, der mithilfe der Psychologin Frieda Jung allmählich teamfähiger und geschmeidiger wurde – bis zum heutigen Sugardaddy, den wir nicht mehr missen wollen.

Ihr Lieblings-"Tatort"?

Milberg: Vielleicht "Borowski und der Engel".

Furtwängler: Ich bin sehr glücklich über "Wegwerfmädchen", weil es mir unendlich wichtig war, das Thema Zwangsprostitution stärker in die Diskussion zu bringen. Anschließend wurde ja auch in Deutschland über den Umgang damit nachgedacht und über eine neue Gesetzgebung. Deshalb ist das mein Lieblingsfall.

Was wäre die absolute Top-Mordwaffe für den "Tatort"?

Furtwängler: Der Keks aus unserer 1000. Episode ist definitiv die originellste Tatwaffe. Aber ich will nicht zu viel verraten.

Milberg: Cool wäre auch eine Tatwaffe aus gefrorenem Eis. Ich denke dabei an eine Frau, die im Internet auf einer medizinischen Plattform Folgendes fragt: "Mein Enkel hat vor drei Tagen einen Eiswürfel verschluckt, und der ist auf natürlichem Weg bis jetzt nicht wieder rausgekommen. Müssen wir uns Sorgen machen?"

Der legendäre "Tatort: Reifezeugnis" spielte in Kiel. Lust auf eine Fortsetzung?

Milberg: Ich saß mal in Berlin mit Nastassja Kinski beim Italiener und habe sie gefragt, ob sie nach Kiel zurückkommen würde. Meine Fantasie für eine Fortsetzung ist, dass die von ihr gespielte Sina nach vielen Jahren aus dem Knast kommt. Nastassja wollte dann wissen, ob ich darüber auch schon mit dem Regisseur Wolfgang Petersen gesprochen hätte. Meine Antwort: "Ja, mit Engelszungen." Petersen dreht ja mittlerweile in Hollyood mit 200-Millionen-Dollar-Etats – aber manch einer verspürt im Verlauf seiner Biografie plötzlich die Lust, mit einer kleinen Geschichte noch einmal an einen Ort seiner Vergangenheit zurückzukehren. Was ich nicht wusste: Petersens Sohn hatte schon mal eine Geschichte für den "Tatort" Kiel entworfen. Aber die wurde abgelehnt. Petersen antwortete mir auch: Wahrscheinlich nicht. Aber das ist hoffentlich noch nicht das letzte Wort ...

Interview: Mike Powelz

Kommentare einblenden

Ulrike C. Tscharre: "Eine solche Rolle bekommt man nur einmal"

Action und nackte Haut sind nur zwei von vielen experimentellen Zutaten in Dominik Grafs TV-Thriller "Zielfahnder" – für Hauptdarstellerin Ulrike C. Tscharre kein Problem, wie sie im Interview verrät.
Mehr lesen