Wie aus einer Idee ein "Tatort" entsteht

Was wir bereits wissen
Wie aus einer Idee Schritt für Schritt ein kompletter TV-Krimi gemacht wird - am Beispiel des Münchener Tatorts: "Die Liebe, ein seltsames Spiel". (Das Erste, 21.05. um 20.15 Uhr).

Ein weiteres "Tatort"-Jubiläum steht an: Zum 75. Mal ermitteln die beiden Münchener Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), und der Fall beginnt verzwickt: Vor dem Eingang eines Mehrfamilienhauses liegt die attraktive Verena Schneider (Jasmin Georgi). Ermordet. Kurz vor der Tat soll sie Streit mit ihrem Lebensgefährten gehabt haben, aber der smarte Architekt Thomas Jacobi (Martin Feifel) weist ein Alibi vor. Zur Tatzeit war er bei seiner Hausärztin Dr. Slowinski (Juliane Köhler). Als die kurz darauf auch noch umgebracht wird, stellt sich heraus, dass sie ebenfalls mit Jacobi liiert war. Damit nicht genug: Der Erfolgstyp unterhielt mit fünf Frauen gleichzeitig ein Verhältnis.

"Die Liebe, ein seltsames Spiel" heißt denn auch diese brandneue "Tatort"-Folge. Erst vor wenigen Wochen fertiggestellt, soll sie im Sommer nächsten Jahres im Ersten laufen.

Die Autoren schlagen Themen vor

Anhand des 75. Einsatzes für Nemec und Wachtveitl lässt sich auch zeigen, wie ein "Tatort" überhaupt entsteht. Urheber ist wie bei allen Münchner "Tatort"-Krimis der Bayerische Rundfunk. Dort ist die Redakteurin Stephanie Heckner ständig auf der Suche nach guten Geschichten. Über ihr großes Netzwerk steht sie im Austausch mit renommierten Autoren ebenso wie mit aufstrebenden Talenten.

Und sie hat genaue Vorstellungen davon, wie Storys für den Bayern-"Tatort" gebaut sein müssen: "Die Stadt München sollte immer eine wichtige Rolle spielen", sagt sie. "Ich möchte Geschichten haben, die man nicht auch irgendwo anders erzählen kann. Unsere Autoren müssen ein Gespür für das besondere Lebensgefühl in dieser Stadt besitzen. Genauso wichtig ist aber, dass die beiden Ermittler ernst genommen werden, einen starken Bezug zu dem jeweiligen Fall haben. Batic und Leitmayr sind das Herz des Münchener 'Tatorts'. Deshalb sollten die Autoren genau wissen, wie die beiden ticken."

Manchmal bekommt Stephanie Heckner Drehbuchvorschläge geschickt, die offensichtlich schon bei anderen Sendern abgelehnt wurden und in denen noch die Namen anderer Ermittler stehen. Diese Einsendungen landen sofort im Papierkorb.

Die Story nimmt Form an

Überraschend lang sind die Prozesse für so eine "Tatort"-Folge. Die Entstehungsgeschichte der Episode "Die Liebe, ein seltsames Spiel" beginnt im Sommer 2014, als sich BR-Redakteurin Heckner am Rand vom Filmfest München in einem Café mit der Autorin Katrin Bühlig trifft – einer erfahrenen, erfolgreichen Drehbuchautorin. 2008 erhielt sie den Deutschen Fernsehpreis für "Bella Block: Weiße Nächte", 2010 für den "Tatort: Altlasten" den Filmkunst-Sonderpreis beim Festival des Deutschen Films.

Die Grundidee zum neuen "Tatort" spukt Frau Bühlig schon länger im Kopf herum: ein Mann mit vielen Frauen. "Die Geschichte passt schon deshalb wunderbar zum Münchner 'Tatort', weil beide Kommissare Singles sind", sagt sie. "Es hat mich interessiert, wie sie reagieren, wenn sie auf einen Mann treffen, der gleich mehrere Beziehungen hat."

Aus dem Exposé ensteht das Drehbuch

Das findet auch BR-Redakteurin Heckner spannend, möchte weitere Details. Bühlig reist zurück an ihren Wohnort, nach Berlin, und steigt tiefer in die Recherche ein. Sie studiert Zeitungsartikel und Bücher, trifft sich mit Experten und schreibt ein erstes Exposé – die Kurzform der Geschichte. Auf zehn Seiten werden darin die Charaktere und ihre Handlungen beschrieben, der Spannungsbogen entworfen, die Ermittlungsarbeit skizziert, allerdings noch ohne Dialoge und Details.

Über mehrere Wochen diskutiert sie die Entwürfe immer wieder mit Stephanie Heckner und Produzentin Uli Putz von der Produktionsfirma Claussen + Putz, die von Anfang an mit an Bord ist. Die Sache nimmt Form an, aus den ersten Skizzen entsteht ein Drehbuch. "Die größte Herausforderung war es für mich, den Ton der Kommissare zu treffen. Die Art, wie sie miteinander sprechen", sagt Katrin Bühlig. "Die beiden sind nach 25 gemeinsamen Jahren fast wie ein Ehepaar. Sie kennen jede kleinste Regung vom anderen und haben einen sehr speziellen Humor."

Der Regisseur wird ausgewählt

Ende 2015, mehr als ein Jahr nach der ersten Besprechung im Café, ist das Drehbuch so weit ausgearbeitet, dass es Stephanie Heckner ihrem Wunschregisseur Rainer Kaufmann anbietet. Der Frankfurter ist seit den 90er-Jahren erfolgreich im Geschäft. Für Aufsehen sorgte er unter anderem 2012 mit dem TV-Thriller "Operation Zucker", in dem er das Thema Kinderprostitution aufgriff. Für den "Tatort: München" hat er 2014 die Folge "Der Wüstensohn" gedreht. Das Thema damals: illegale Waffengeschäfte.

Als die Anfrage für "Liebe, ein seltsames Spiel" kommt, zögert Kaufmann nicht lange. "Mir hat das Drehbuch auf Anhieb gut gefallen", erinnert sich der Regisseur. "Es erzählt eine Ermittlungsgeschichte, die auch das Aufdecken der Lügen dieses Mannes gegenüber den Frauen beinhaltet. Und nicht nur das: Die Story handelt außerdem von der Verbindung zwischen Liebe und Lügen, erkundet also auch die Gründe für das Verhalten des Mannes. Ein interessanter Ansatz."

Der Regisseur trifft sich mehrfach mit der Runde aus Autorin, Produzentin und Redakteurin, bringt nun seine Vorstellungen in das Drehbuch ein. Die Produzentin Uli Putz trägt ebenfalls Ideen bei, behält aber auch die voraussichtlichen Kosten jeder Szene im Blick. Sie muss als Spielverderberin fungieren, wenn sich einer der kreativen Einfälle im Rahmen des Gesamtbudgets von rund 1,4 Millionen Euro nicht finanzieren lässt – oder zumindest nicht in der vorgeschlagenen Form.

Die Hauptdarsteller bekommen das Drehbuch

Im Mai 2016, knapp zwei Monate vor dem Drehstart, klingelt ein Fahrradkurier an den Türen von Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec und überreicht ihnen jeweils ein Päckchen mit dem Drehbuch zu "Die Liebe, ein seltsames Spiel". Die Meinung der Hauptdarsteller ist gefragt, aber ablehnen oder komplett umwerfen können sie das Skript in diesem fortgeschrittenen Stadium nicht.

Immerhin hatten sie bereits eine Ahnung davon, was auf sie zukommt. "Ich erzähle den beiden von den Themen, die ich angehen möchte", sagt Stephanie Heckner. "Wenn ich merke, dass sie bei einem Thema genervt die Augen verdrehen, nehme ich davon Abstand. Bei so einer Reihe braucht man ein Vertrauensverhältnis, sonst erwächst daraus nichts Gutes."

Drei Wochen haben die beiden Schauspieler Zeit, sich mit dem Drehbuch zu beschäftigen, dann versammeln sich alle bis dahin Beteiligten abermals im Sendehaus des Bayerischen Rundfunks. "Wenn so lange an einem Drehbuch gearbeitet wird, ist manchmal eine Art von Betriebsblindheit entstanden", bemerkt Udo Wachtveitl. "Der Miroslav Nemec und ich sind dann ein Regulativ. Uns fallen kleine logische Fehler und Ungereimtheiten auf, und wir haben darüber hinaus immer mal wieder ein paar Ideen für die Geschichte. Speziell haben wir natürlich unsere Charaktere im Blick. Würden sie so handeln? Würden sie so sprechen? Ein besonderes Anliegen ist mir, dass die Dialoge sprachlich in Bayern verortet sind. Nicht alle guten Autoren kommen aus Bayern, deshalb gibt es an der Sprachoberfläche da und dort immer mal wieder etwas zu polieren."

Der Regisseur übernimmt

Sechs Wochen vor Drehbeginn übernimmt Regisseur Rainer Kaufmann die kreative Hoheit über die Produktion. In kürzester Zeit muss er in Absprache mit der Redaktion und der Produktionsfirma zahlreiche wichtige Entscheidungen fällen. "In dieser Phase ist eine der wichtigsten Aufgaben, die passenden Darsteller zu finden", berichtet Kaufmann. Immerhin 21 Rollen müssen für "Die Liebe, ein seltsames Spiel" besetzt werden. Dafür werden die Vorschläge einer beauftragten Castingagentur eingeholt.

Regisseur Kaufmann, Produzentin Putz und Redakteurin Heckner sind mehrere Wochen damit beschäftigt, Filme zu sichten und Kandidaten zum Vorsprechen einzuladen. "Es war wichtig, genau den richtigen Typen für die Rolle des Frauenschwarms Thomas Jacobi zu finden", erklärt Uli Putz. "Es musste jemand sein, der attraktiv ist und der gleichzeitig etwas Geheimnisvolles hat. Die Zuschauer sollen sofort verstehen, was die Frauen an ihm lieben. Er darf aber auch nicht zu glatt sein." Die Wahl fällt schließlich auf den 1964 in München geborenen Martin Feifel, der zuletzt 2013 in einem "Tatort" von Dominik Graf zu sehen war – als Bruder eines Mordopfers.

Währenddessen steht Regisseur Kaufmann bereits im engen Austausch mit der Szenenbildnerin, die auf der Suche nach passenden Drehorten ist. Der verdächtige Architekt Thomas Jacobi braucht ein repräsentatives Büro, und es soll im Film eine Großbaustelle vorkommen. Dafür müssen Drehgenehmigungen eingeholt werden. Letztlich wird an 18 verschiedenen Orten gedreht werden.

Kaufmann wählt den Kameramann aus, bespricht sich mit den Maskenbildnern und geht mit der Kostümbildnerin deren Entwürfe durch. Ein spezieller Wunsch des Regisseurs erweist sich als knifflige Aufgabe: "Unser Architekt hat einen besonderen Charakter, der durch ein stilvolles, auffälliges Auto unterstrichen werden kann. Mir kam dafür der Jensen Interceptor in den Sinn, ein schicker englischer Wagen aus den 70er-Jahren. Der passt hier perfekt."

Problem: Dieses Modell ist in Deutschland kaum zu finden. Zum Glück steht aber ein Exemplar in einem Düsseldorfer Autohaus zum Verkauf. Man einigt sich auf ein Leihgeschäft und bringt den Wagen zum Set nach München – Wunsch erfüllt!

Die Dreharbeiten beginnen

Am 26. Juli 2016 beginnen endlich die Dreharbeiten. 23 bis ins Detail geplante Drehtage stehen an. Das Team besteht jetzt aus 40 Mitarbeitern, darunter der Cateringkoch und die Jungs, die den Drehort absperren – schließlich soll niemand durchs Bild laufen. Tägliche Arbeitszeit: etwa zehn Stunden. Die Stimmung ist konzentriert, es wird kollegial und in allen Bereichen hochprofessionell gearbeitet. Das ist nötig, um jeden Tag knapp vier Minuten Film abzudrehen.

Auf Miroslav Nemec wartet eine ganz besondere Aufgabe: Sein Kommissar Batic hat ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau. Am dritten Tag steht eine Sexszene mit Schauspielkollegin Viola Wedekind auf dem Drehplan. Nemec: "Die Affäre von Batic passt sehr gut zum übergeordneten Thema dieser Episode. Aber einfach zu spielen war die Szene nicht. Wir sollen Leidenschaft, Romantik, Sehnsucht, Lust zum Ausdruck bringen – aber es ist morgens um acht, und es stehen Menschen mit Licht und Kamera um dich herum. Da ist man nicht unbedingt in der richtigen Stimmung."

Dennoch ist Rücksicht geboten: "Ich muss darauf achten, dass ich der Kollegin nicht das Licht nehme oder ihr beim Küssen die Nase verbiege. Sieht man zu viel, wenn ich den Rock ein bisschen hochschiebe, rutscht meine Hose etwa zu tief nach unten? Die Situation erfordert höchste Konzentration, soll aber locker und entrückt wirken." Einen Tag lang wird daran gedreht, mit dem Ergebnis ist Nemec hochzufrieden: "Wir haben sehr viel gezeigt. Ich bin gespannt, ob das alles im fertigen Film zu sehen sein wird."

Kollege Udo Wachtveitl lässt sich zu dem Kommentar hinreißen: "Hoffentlich schalten bei dieser Szene nicht allzu viele Zuschauer ab." Ein Scherz unter Freunden. Die beiden verstehen sich bestens, teilen sich am Set sogar einen Wohnwagen. "Wir haben uns nach all den Jahren immer noch etwas zu sagen", freut sich Nemec.

Der Schnitt

Am Ende jedes Drehtags schickt Rainer Kaufmann die abgedrehten Szenen an die Produzentin Uli Putz und an die Redakteurin Stephanie Heckner. Parallel zum Dreh beginnt beim Bayerischen Rundfunk eine Cutterin mit der Montage des Materials.

Zum Glück verläuft der Dreh nach Plan, die letzte Klappe fällt am 26. August. Danach schneiden Rainer Kaufmann und die Cutterin den Film gemeinsam. Insgesamt sind beim Dreh 1350 Minuten Filmmaterial zusammengekommen, die nun auf 90 Minuten gebracht werden müssen.

Es ist Anfang Oktober, als Uli Putz und Stephanie Heckner den Film zur Abnahme vorgelegt bekommen. Danach werden noch die Musik hinzugefügt, Ton und Farben abgemischt und die Schriften für den Vorspann eingefügt – nun endlich ist dieser "Tatort" fertig. Schlusspunkt hinter einer langen Schaffensperiode, in der Profis und Kreative viel Arbeit und noch mehr Herz in das Gelingen investiert haben. Wenn der Film dann im Sommer 2017 über den Bildschirm läuft, ist schließlich das Urteil der Zuschauer gefragt.

"Die Liebe, ein seltsames Spiel": Das Erste, 21.05. um 20.15 Uhr

Text: Sven Sakowitz

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