Michael Mittermeier: "Mein Kopf ist eine Drecksau"

Michael Mittermeier
Foto: Andreas Rentz/Getty Images
Was wir bereits wissen
Exklusiv: Michael Mittermeier über sein neues Bühnenprogramm "Wild", Donald Trump und die lustigste Person der Welt.

Michael Mittermeier (50) steht im Zenit: Der Standup-Comedian ist frisch nominiert für den Titel "Funniest Person in the World". Dazu begeistert er die Fans mit seinem aktuellen Bühnenprogramm "Wild – Michael Mittermeier live" (22. Dezember, 20.15 Uhr, ProSieben) und schmiedet bereits Pläne für das nächste.

Mit GOLDENE KAMERA sprach Mittermeier über seine Inspirationsquellen, über das Lachen in Krisenzeiten – und über Kinder, die ihn gelegentlich mit einem Pokémon verwechseln.

Interview mit Michael Mittermeier

Ihr neues Bühnenprogramm heißt "Wild". Wann waren Sie zuletzt wild?

Auf der Bühne! Mit meinem neuen Programm kann ich schön die wilde Seite in mir ausleben.

Was macht Sie eigentlich wild?

Alles Mögliche! Nehmen wir bloß einmal das Internet: Inzwischen erschießen sich Menschen versehentlich beim Versuch, ein Selfie zu machen. Und in Amerika werden an Halloween Superman-Kostüme verkauft, auf denen steht: "Vorsicht! Mit diesem Kostüm kann man nicht fliegen!" Also muss es Leute gegeben haben, die das einmal versucht haben. Mein Programm "Wild" bewegt sich genau in diesem Kosmos – es geht um die Absurditäten der aktuellen Welt, von Selfies und Superman-Kostümen bis hin zu dicken, kleinen Kindern, die mich anschauen, dann ihr Handy mustern und mich schließlich fragen, ob ich ein Pokémon bin, weil ich ein gelbes T-Shirt trage.

Angeblich improvisieren Sie viel auf der Bühne …

Fast all meine Nummern entstehen aus Fragmenten. Ich gehe auf die Bühne, jamme verbal herum und mache aus etwas, was noch keine Nummer ist, eine Nummer. Das meiste entsteht aus dem Gefühl, aus dem Bauch. Der Verstand ist dabei komplett ausgeschaltet. Mein Kopf ist eine Dreckssau. Der argumentiert immer, warum ich etwas vielleicht doch nicht machen sollte – aber mein Bauch sagt: "Oh, geile Idee!" Also gehe ich hinaus und mache das. Ob Selfies, Stars Wars oder YouTube-Stars – das sind Dinge, die mich beschäftigen.

Fließen eigentlich aktuelle Großereignisse in Ihr Bühnenprogramm ein?

Natürlich. Wenn etwas Großes passiert, baue ich das sofort ein. Insofern wird mich auch Trump weiter beschäftigen. Die lustige Seite ist, dass Trump der erste amerikanische Präsident ist mit einer toten Katze auf dem Kopf. Die traurige Seite ist, dass er eine reale sowie eine sinnbildliche Mauer bauen will. Er grenzt andere prinzipiell aus. Und er verleumdet die Menschen. Beides mag ich nicht. Aber jetzt müssen wir leider damit leben. Trumps Sieg wird dem Populismus leider einen Schub geben. Mein US-Wahlkampfmotto für die nächsten vier Jahre wäre: "Make Trump small again!"

Wie hat sich Ihr Blick auf die US-Mentalität durch Trumps Wahlsieg verändert?

Man kann nicht sagen, dass alle Amis doof sind. Donald Trump hat die Stimmen auch gewonnen, weil er ein korruptes System bekämpfen will – doch dann könnte man auch einen Junkie zum Apotheker machen. Künftig wird die Trump-Nummer in meinem US-Programm schärfer, bislang war sie noch fluffig und leicht. Dabei ist der neue US-Präsident nicht das größte Problem der Welt. Wir haben noch viel größere Sorgen – etwa den Klimawandel, den Trump verleugnet. Wahrscheinlich glaubt er, dass El Nino (Anm: Klimaphänomen) eine Rebellengruppe in Nicaragua ist.

Früher haben Sie Angela Merkel kritisiert. Gewinnt die Kanzlerin jetzt – angesichts des globalen Irrsinns – an Ansehen?

Ich habe Respekt vor Merkels humanitärer Entscheidung mit den Flüchtlingen. Aber ich kann nicht damit umgehen, wie sie und die Große Koalition die derzeitige Situation handhabt. Beispielsweise gibt es immer noch kein Integrationsgesetz! Aber ich sehe keinen Kanzlerkandidaten, der ansatzweise das Format hätte, es mit Trump aufzunehmen. Sigmar Gabriel ist schließlich die Hillary Clinton der SPD! Die war da, wollte aber eigentlich auch keiner…

Wie lenkt man als Künstler die Zuschauer von den ernsten Dingen ab?

Die Zuschauer müssen diesen Dingen ins Gesicht lachen - denn dabei lassen sie ihre Gefühle heraus. Mein erstes Anliegen mit "Wild" ist aber vor allem gute Unterhaltung. Politik spielt bei mir im Programm nicht die Hauptrolle. Ich möchte die Menschen vorm Bildschirm zu einem geilen First-Class-Flug einladen. Sie müssen sich bloß auf ihr Sofa setzen.

Stimmt es, dass Sie schon mal einen echten Bühnen-Blackout in eine Lachnummer verwandelt haben?

Das war eine wunderbare 20-minütige Nummer. Damals wusste ich wirklich nicht, wie es weiter geht – denn der Blackout passierte tatsächlich. Später fanden die Leute, dass es eine geile Idee gewesen wäre, einen Filmriss auf der Bühne zu mimen. Und ich so: "Ja, das kann man so sehen." Aus der Improvisation entstehen schöne Dinge. Ich habe das immer gemacht und nach fast 30 Jahren Tour habe ich ein gutes Gespür dafür.

Über diese lange Karriere haben Sie aktuell das Buch "Die Welt für Anfänger" geschrieben.

"Die Welt für Anfänger" ist keine klassische Bio, sondern auch ein Buch über Humor und meine Reisen und Anfänge im Leben, ob in der Schule, in der Liebe oder als Künstler. Allein als Comedian habe ich so viele Anfänge erlebt, ob hier in Deutschland oder bei meinen Auslandsauftritten. Ich erkläre auch, wie Humor selbst in Extremsituationen funktionieren kann – etwa, wenn vor mir eine Gruppe von 20 Rockern sitzt, die mit Freibier in meine Vorstellung gelockt wurden. Ich will den Leser auf eine schöne unterhaltsame Reise mitnehmen.

Mittermeier liest aus "Die Welt für Anfänger"

Kennen Sie mit 50 eine künstlerische oder körperliche Midlife-Crisis?

Nein. Ich warte seit einem halben Jahr darauf. Alle prophezeien, dass da etwas naht. Doch künstlerisch fällt mir mehr ein denn je. Ich hätte auch kein Problem damit, ein neues Programm zu schreiben, obwohl ich "Wild" noch ein Jahr spiele. Mein Gefühl lässt mich einfach durch die Welt gehen und gucken und sagen: "Boah, ist das abgefahren". Ich lebe davon, dass ich Dinge beobachte und anschließend Nummern darüber mache. Momentan wundere ich mich zum Beispiel sehr darüber, dass Männer meines Alters mit kleinen Hunden, die mutierten Hamstern ähneln, ins Café gehen. Ist das jetzt schon ein Alterszeichen? Früher haben nur alte Frauen so kleine Hunde gehabt.

Was denken Sie über den deutschen Humornachwuchs?

Es gibt viele großartige junge Leute, für die der Beruf des Stand-up-Comedians eine Lebensform ist. Natürlich muss nicht immer jede Nummer gleich von Anfang an gut sein. Comedy wird hier immer gerne mit einem Kulturpessimismus begegnet. Übrigens ist Deutschland das einzige Land auf der Erde, das Humor andauernd irgendwie schlecht redet – nach dem Motto: "Oh mein Gott, ist das unter der Gürtellinie" oder "Oh mein Gott, das war jetzt aber billig" oder "Oh mein Gott, der hat eine Nummer über Männer gemacht" oder "Oh mein Gott, der hat eine Nummer über Frauen gemacht". Wenn ich so etwas höre, denke ich immer: Freut euch doch, dass Leute auf die Bühne gehen und versuchen, Menschen zum Lachen zu bringen – weil das in der heutigen Zeit etwas total Wichtiges ist. Das habe ich auch bei dem Contest "The Funniest Person In The World" gemerkt. Dort treten Comedians aus 56 Ländern an – und ich habe Deutschland vertreten.

Zwischenzeitlich waren Sie auf dem 9. Platz …

Beim Zwischenstand war ich sogar auf dem vierten Platz – von insgesamt 89 Anwärtern. Damit war ich im Halbfinale mit den Top 20. Eine schöne Erfahrung.

Wer ist der Veranstalter – und warum waren Sie unter den Top 20?

"The Funniest Person In The World" wird veranstaltet von der "Laugh Factory" aus Amerika, einem berühmten Club mit Ablegern in Los Angeles, Chicago und diversen Großstädten. Ich bin dabei, weil ich letztes Jahr im Herbst in Chicago gespielt habe. Viele deutsche Comedians, die auf Englisch im Ausland spielen, gibt es nicht. Bis 2003 war ich der Erste ever, worauf ich schon stolz bin. Ich mache gerne Dinge zum ersten Mal! Und ich finde es schön, dass viele junge Comedians im Alter zwischen 20 und 23 Jahren zu mir kommen und mir sagen, dass "Zapped!" oder "Back to Life" eine Erweckung für sie war.

Warum haben Sie nie eine Kunstfigur erfunden wie Hape Kerkeling, Carolin Kebekus oder Anke Engelke?

Das hat nichts mit Ablehnung zu tun, sondern ich habe mich so gefunden wie ich jetzt bin. "Zapped!" war mein Selbstfindungsprogramm. Wahrscheinlich ist es deswegen auch so positiv explodiert. Am besten bin ich, wenn ich ich bin – und einfach nur über die Welt rede. Ich bin kein Parodist, aber ich kann Dinge mit einer Handbewegung oder einer Bauchbewegung wie bei Captain Kirk auf den Punkt bringen. Übrigens ist das auch bei Donald Trump ganz einfach.

Vor 22 Jahren haben Sie eine Magisterarbeit hingelegt zum Thema: Amerikanische Stand-up-Comedy. Was ist denn heute, 22 Jahre später, fundamental anders als damals?

Fundamental nichts, weil das Fundament ist: Einer geht hoch und spricht, erzählt Geschichten und macht Pointen. Aber es ändern sich natürlich Strömungen im Humor. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Gesellschaft ändert. Ich habe viel über die Comedians der 60-er Jahre geschrieben. Lenny Bruce ist mein größter Held aller Zeiten. Der wurde damals Dutzende Male verhaftet für das, was heute ein Donald Trump öffentlich über Frauen sagt. Außerdem verändern sich die Themen natürlich. Mitte der 90-er hätte niemand gedacht, dass sich Menschen eines Tages mit ihrem Handy fotografieren. Aber es erinnert sich kaum mehr einer, dass man mit Handys auch telefonieren kann. Viele sind verwundert, warum das Handy auch Telefonnummern hat. Die wollen sich nur fotografieren. Humor-Strömungen ändern sich sehr stark, aber das Fundament bleibt immer. Die guten Stand-up-Comedians waren damals wie heute Leute, die eine Haltung zu sich und zum Leben hatten. Denn man braucht auch eine Haltung zu öffentlichen Toiletten mit Lichtsensor, über die ich zum Beispiel in "Wild" erzähle.

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