Jürgen Vogel: "Ich spiele zu 90 Prozent Außenseiter, Geächtete und Kriminelle"

Was wir bereits wissen
Brillant: Im Gerichtsdrama und GOKA-Kandidaten "Der weiße Äthiopier" spielt Jürgen Vogel einen schweigsamen Bankräuber mit tragischer Biografie.

Frank Michalka (Jürgen Vogel, GOLDENE KAMERA 2003) überfällt eine Bank und erbeutet einen Riesenbatzen Geld. Jahre später wird er im Ausland festgenommen, verurteilt, bekommt endlich Freigang – und nutzt den, um sofort das nächste Geldinstitut zu überfallen. Vor Gericht schweigt er hartnäckig über sein Motiv.

Trailer zu "Der weiße Äthiopier"

Die junge Anwältin und Michalkas Pflichtverteidigerin Sophie Kleinschmidt (Paula Kalenberg) will den stummen Gangster knacken – und entlockt ihm schließlich eine abenteuerliche Beichte, die sämtliche Prozessbeobachter im #GOKA-Kandidaten "Der weiße Äthiopier" (21. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste) fassungslos zurücklässt.

Zum TV-Start des Gerichtsdramas "Der weiße Äthiopier" trafen wir Hauptdarsteller Jürgen Vogel (48) zum Interview.

Interview mit Jürgen Vogel

Jürgen Vogel über seine Rolle in "Der weiße Äthiopier"

Ihre Rolle, Frank Michalka, überfällt zweimal eine Bank und ist trotzdem sympathisch. Ein trauriges Abbild von "Robin Hood"?

Am Filmanfang erfährt der Zuschauer, dass Michalka eine Bank ausgeraubt hat und er deshalb jetzt vor Gericht steht. Anschließend wird rückblickend beleuchtet, wofür Michalka das Geld brauchte. Dadurch relativiert sich sein Verbrechen und man fragt sich, ob dieser Mann nicht schon genug bestraft worden ist vom Leben. Eigentlich müsste man Michalka verurteilen, aber das fällt einem wahnsinnig schwer.

Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichten über Verbrechen sind sehr unterhaltsam. Ich bin ein großer Fan dieser Verfilmungen, weil die Stories Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit infrage stellen. Nachdem ich Schirachs "Äthiopier" gelesen hatte, war ich happy, als mir die Rolle angeboten wurde – obwohl Michalka im Buch als ein fast zwei Meter großer Hüne mit roten Haaren beschrieben wird. Im Grunde ist "Der weiße Äthiopier" auch eine Flüchtlingsgeschichte – bloß, dass dabei niemand nach Deutschland flieht, sondern Michalka nach Äthiopien. Mich berührt die Herzlichkeit, mit der er dort aufgenommen wird.

Wie war der Dreh in Äthiopien?

Sehr schön. Äthiopien ist ein ganz interessantes, spannendes Land – mit einer wahnsinnig schönen Natur. Die Menschen, mit denen ich dort zu tun hatte, gehören zu den nettesten, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Äthiopien ist wirklich etwas sehr Besonderes. Es war früher nicht kolonialisiert und man spürt überall, dass die Vorbehalte gegenüber Weißen nicht so stark sind.

Was ist die Message des Films?

Dinge differenzierter zu betrachten und nicht immer an die einfachste Lösung zu glauben. Hinter Michalkas kleinkrimineller Fassade verbirgt sich eine tragische Figur, für die man wider Erwartens Verständnis hat.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Sie besonders gern Außenseiter spielen …

Stimmt genau. Filmisch ist das super interessant. Denken Sie nur an James Dean oder Marlon Brando! Deren Figuren waren alle Outlaws. Geschichten über Leute, die soziale Außenseiter sind, finde ich spannender, weil sie so wenig mit meinem eigenen Leben zu tun haben. Außenseiter wecken unsere Neugier!

Zurück zum Film: Obwohl der Bankräuber kriminell ist, macht einen seine Verhaftung traurig. Ist Justitia blind?

Nein, das muss man anders sehen! In unserer Gesellschaft werden Angeklagte nicht einfach verurteilt, sondern sie können sich verteidigen lassen. Bei den Prozessen werden die verschiedenen Facetten ihrer Schuld beleuchtet. Aber natürlich ist es für Richter immer schwer, über eine angemessene Strafe zu entscheiden. Ich bin mir ganz sicher, dass das Leben die richtigen Verbrecher früher oder später automatisch richtig bestraft.

Heißt das, Sie glauben an eine ausgleichende Gerechtigkeit?

Genau. Ich glaube, dass es eine ungeschriebene Regel gibt, nach der ein guter Mensch alles Positive zurückbekommt – und umgekehrt ebenfalls. Manchmal braucht es ein ganzes Leben, bis es soweit ist. Aber irgendwann müssen wir für jedes unserer Vergehen bezahlen – oder wir bekommen etwas besonders Tolles zurück. Wer durch und durch schlecht denkt, für den ist das Leben automatisch eine Qual. Für böse Menschen ist es eine Strafe, morgens aufzustehen und den ganzen Tag zu schimpfen. Sie führen kein schönes Leben.

Aber kennt nicht jeder Versuchungen? Und macht nicht jeder Fehler?

Klar. Jeder von uns trägt alle möglichen Anlagen in sich. Doch wir müssen uns deshalb nicht gleich wie ein Idiot oder wie ein Arschloch verhalten. Das Leben ist schöner, wenn man Gutes tut. Leider brauchen manche Menschen ein ganzes Leben, bis sie zu dieser Erkenntnis kommen.

Wie hat sich Ihr Schuldverständnis durch den Filmdreh verändert?

Ich bin prinzipiell kein Freund von Verurteilungen. Natürlich muss es juristische Konsequenzen geben, aber als Schauspieler verurteile ich meine Rollen nie – sondern schaue immer hinter die Fassade und versuche zu ergründen, warum ein Mensch so oder so gehandelt hat.

Frank Michalka benutzt gestohlenes Geld, um etwas Schönes zu bewirken. Aber kann etwas Mieses überhaupt gute Konsequenzen haben?

Ja, auf jeden Fall. Beispielsweise beraten viele ehemalige Drogensüchtige Junkies beim Ausstieg – und viele Streetworker, die selbst schon mal auf der Straße gelebt haben, helfen Jugendlichen, die unter Brücken schlafen. Wer schon mal abgerutscht ist, weiß, wie sich das anfühlt und er kann am besten einschätzen, wie man in Not geratenen Mitmenschen am besten helfen kann. Wir können negative Energien auch in starke, positive Energien umwandeln.

Das klingt beinahe so, als hätten Sie sich schon sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt …

Das ist mein Beruf. Ich spiele zu 90 Prozent Außenseiter, Straffällige oder Geächtete und habe dazu eine gewisse Nähe.

Obendrein ist Michalka ein gebrochener Charakter. Haben Sie Verständnis dafür, wenn Menschen aufgeben und sich nicht mehr aufrappeln können?

Auf jeden Fall. Aber ich finde auch, dass man sich das Etikett des "Opfers" nie auf die Stirn kleben lassen sollte. Denn jeder hat die Chance verdient, sein Leben wieder neu zu erfinden. Niemand ist automatisch verurteilt, nur weil er nicht den richtigen Start hatte. Jeder kann sich wieder aufrappeln. Daran muss man einfach glauben. Ansonsten wäre das Leben nicht lebenswert.

Ist es für Außenseiter in Deutschland zu schwer, wieder Fuß zu fassen – etwa für Kids, die unbemerkt von der Gesellschaft jahrelang Gewalt erlitten und später selbst zu Tätern werden?

Ja, ich glaube, dass das schwer ist. Perspektivlosigkeit, zu viel Langeweile, fehlende Bildung und Beschäftigung sowie Religionsmissbrauch und Ghettoisierungen sind die größten Probleme, die uns plagen. Wir haben nun eine Riesenverantwortung, um das zu ändern. Statt Unsummen in Gefängnisse, Zäune, Videokameras, Securities und Polizei zu investieren, müssen wir ganz vorne anfangen – bei der Bildung! Kindergärten, Schulausbildung, Perspektiven und Arbeitsplätze sind der größte Schutz üb erhaupt. Das zählt auch für die Dritte Welt und für alle Länder, in denen es Unruhen gibt. Wenn wir dort mehr Hilfe zur Selbsthilfe leisten – etwa durch bessere Bildung – dann haben wir alle weniger Probleme.

Geht es Deutschland heute gut – oder schlecht?

Wir leben in einer der besten denkbaren Gesellschaften. Glücklicherweise gibt es genug Menschen, die gegen Vereinfachungen ankämpfen und einen differenzierteren Blick auf die Gesellschaft haben. Ich jedenfalls bin nicht pessimistisch, sondern ich glaube, dass wir das alles schon hinkriegen werden.

Ein fremdes Land erobern, frei wie ein Vogel sein, auswandern und neu anfangen – was halten Sie davon?

Ich finde das ganz interessant. Deswegen gucke ich auch gerne Sendungen, in denen Leute von vorne beginnen. Natürlich ist es teilweise wahnsinnig naiv zu glauben, dass man mit 2.000 Euro in der Tasche neu anfangen kann. Aber das berührt mich auch – und manchmal klappt der Ausstieg tatsächlich. Wenn wir uns nicht bewegen, dann entsteht auch nichts Neues.

"Der weiße Äthiopier" ist ein Gerichtsfilm. Vor kurzem hat "Terror – Ihr Urteil" die Fernsehnation begeistert – und auch Formate wie Richter Alexander Hold holen Topquoten. Warum wohl?

Gerichtsfilme sind sehr dialog-lastig und sie werden über die Figuren als Kammerspiel erzählt. Außerdem sind die juristischen Themen sehr interessant, denn die Menschen verstehen plötzlich, was bestimmte Gesetze und Begriffe bedeuten. Ein Beispiel dafür ist der Unterschied zwischen Totschlag und Mord – und dass ein Mord im Gegensatz zum Totschlag Heimtücke und Hinterlist beinhaltet. Gerichtsfilme entführen die Zuschauer in eine Welt, die sie zuvor nicht kannten. Sie befriedigen unsere Neugier.

Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Ich drehe bald einen "Tatort" in Weimar.

Außerdem haben Sie angeblich gerade eine zuckerfreie Steinzeitdiät für Ihre "Ötzi"-Rolle gemacht …

Jürgen Vogel: Dieser Film ist schon abgedreht – und ja, es stimmt, ich habe ein bisschen weniger Zucker gegessen. Natürlich würde es lustig klingen, bei Interviews ständig zu behaupten, dass ich dafür nur "Steinzeitnahrung" gegessen hätte – aber so war es nicht. Es gab bloß ein paar Ernährungsumstellungen, die mich wahnsinnig fit gemacht haben. Diese Fitness war sehr wichtig, denn der Filmdreh war körperlich anstrengend. Das Resultat wird aber geil.

Jürgen Vogel über seine Rolle als Steinzeit-Ötzi

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