Armin Rohde: "'Pregau' ist wie 'Breaking Bad'" 

Was wir bereits wissen
Schauspieler Armin Rohde über seine Rolle als Außenseiter im Weihnachts-Vierteiler "Pregau" und warum die Krimi-Reihe ein antikes Drama mit einem biblischen Ende ist.

Im Weihnachts-Vierteiler "Mörderisches Tal - Pregau" (ab 25. Dezember, 21.45 Uhr, Das Erste) spielt Armin Rohde den Dorfdeppen Max Dirrmeyer, der ungewollt Zeuge an einem Mord wurde und um sein Leben fürchten muss.

Trailer zu "Pregau"

Interview mit Armin Rohde

In Pregau spielen Sie einen Außenseiter. Was ist Max Dirrmeyer für ein Typ?

Dirrmeyer ist ein Verlierer, der ein überfülltes Haus geerbt hat, das er nicht aufgeräumt bekommt. Als zugereiste Deutsche sind er und sein psychisch sehr labiler, gemeingefährlicher Bruder, Außenseiter in einem skurrilen Dorf, in dem jeder Dreck am Stecken hat und erst am Ende herauskommt, wer alles mit wem unter einer Decke steckt.

Was ist der Reiz an "Pregau"?

Ich habe mir alle vier Teile an einem Tag angeschaut. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich sechs Stunden Film am Stück angesehen. Wie Maximilian Brückner den braven Polizisten Hannes Bucher spielt, der Stück für Stück auf den Abgrund zuschlittert, ist total irre – im positiven Sinn. Er erinnert mit an den jungen Michael Douglas, aber auch an Woody Harrelson. "Pregau" ist wie "Breaking Bad" und trieft vor schwarzem Humor. Es ist ein Riesenkaleidoskop von Farben mit Hunderten von Brechungen. Weltniveau!

"Pregau"-Hauptdarsteller Maximiliam Brückner im Video-Talk

Wie viel Verständnis haben Sie für die Durchgeknallten dieser Welt?

Sehr viel, aber es kommt darauf an, auf welche Art und Weise jemandem die Sicherungen durchbrennen. In der heutigen Zeit ist es ja schon fast ein Wunder, wenn jemand nicht durchknallt. Denn die Büchse der Pandora wurde geöffnet – und es gibt auf einen Schlag jede Menge Diktatoren, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, die AfD, Pegida, Erdogan, Le Pen, Björn Höcke, Donald Trump und Viktor Orbán. Aggressivität und Vernichtungswillen sind auf dem Vormarsch, die Vernunft hat es schwerer als selten zuvor. Nie zuvor gab es ein Zeitalter, in dem uns gleichzeitig so viele Infos um die Ohren geflogen sind wie aktuell – und wir sind obendrein Tausenden von Bildern ausgesetzt. Aber trotzdem muss man noch sein normales, ziviles, bürgerliches Leben mit seiner Familie und seinem Beruf aufrecht halten – und darf sein Gleichgewicht im täglichen Kampf um die bürgerliche Sicherheit nicht verlieren. Das ist irrsinnig schwer.

Können Sie den Kampf um das Gleichgewicht konkreter beschreiben?

Je älter ich werde, umso mehr fällt mir auf, welch unglaublich delikater Drahtseilakt das ganze Leben ist – denn es geht nur um eine Sache: das Gleichgewicht beziehungsweise die Balance. Wir bemühen uns ein Leben lang, das Gleichgewicht zu erlangen und es zu bewahren – wie beim Laufenlernen. Mal stabilisieren wir uns, mal sind wir instabil, mal fühlen wir uns stark, mal sind angreifbar – und manchmal denken wir, dass jeden Moment eine Katastrophe oder ein Unglück über uns hereinbrechen könnte. All das spiegelt "Pregau" wider!

Wie ist diese "Balance-Theorie" in Ihnen gereift?

Durch das Beobachten von Situationen, die eine Frage aufwerfen: Wie lange hält jemand stand, wenn Druck auf seine menschliche Integrität ausgeübt wird – sei es durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder den Verlust von Menschen? Jede dieser Bedrohungen bringt uns Menschen aus dem Gleichgewicht. Anschließend haben wir Schwierigkeiten, weiter geradeaus zu gehen – ohne zu wackeln. Denn wenn wir zu sehr wackeln, stürzen wir. Früher habe ich Kampfsport gemacht – und da hieß es immer: "Fallen ist keine Schande – aber das Liegenbleiben". Doch wie oft schaffen wir es, uns wieder aufzurichten und positiv zu denken? Wie oft können wir uns Mut zusprechen, etwa, dass wir wieder eine Arbeit und ein Zuhause finden oder wieder eine Liebe?

Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen von Glück …

Genau das versuche ich meinen Schülern beim Schauspielunterricht zu vermitteln, denn in der deutschen Schauspielerei gibt es das Missverständnis zu glauben, dass ein Verlierer als Verlierer gespielt werden und mit triefnasiger Betroffenheit dem Publikum vorgeführt werden muss. Dabei will jeder Mensch etwas anderes erreichen – wahlweise einen Lottogewinn, ein größeres Auto oder die Liebe eines anderen Menschen. Und dann gibt es noch jene Menschen, die nur fünf Minuten lang in Ruhe gelassen werden wollen. Aber eines haben sie alle gemeinsam – sie wollen nicht verlieren. Doch die Widerstände, die diesem Glück entgegenstehen, sind mitunter sehr groß. Deshalb wettere ich ständig gegen Hartz IV, denn damit ist ein Gift in die Gesellschaft getragen worden. Man kann sich nicht mehr sicher fühlen – wie ein Freund von mir, ehemals leitender Angestellter bei Siemens, der zuerst gemobbt wurde und dann erkrankte, seinen Job verlor, immer mehr verzweifelte und das nicht überlebt hat. Der ist an Hartz IV krepiert.

Sind Schauspieler auch durch Hartv IV bedroht?

Heutzutage weiß jeder, dass der Weg in die Obdachlosigkeit und die staatlich verordnete Armut, von der auch die Mittelschicht bedroht ist, so weit nicht ist. Mit dieser Verunsicherung, die ins Zentrum der Gesellschaft gepflanzt worden ist, werden wir noch Jahrzehnte zu kämpfen haben. Viele derjenigen, die AfD wählen, sind noch nicht so tief gefallen – aber sie haben Angst vor dem Abstieg. Natürlich ist es jämmerlich, wenn man dann nach unten tritt – und diejenigen ausgrenzt, die noch bedrohter sind. Das ist irrsinnig.

Da schließt sich der Kreis zu "Pregau": Inwiefern verdichtet die Miniserie dieses Dilemma?

"Pregau" ist wie ein großes antikes Drama – mit einem biblischen Ende, bei dem ein Engel mit dem Flammenschwert auf der Bühne erscheint. Filme verdichten Dinge immer. Das, was wir in 4-mal 90 Minuten in einem einzigen Dorf erzählen, passiert in der Realität allerhöchstens in 27 Jahren und in drei Dörfern. Dabei sind die beiden konkurrierenden Clans in Pregau wie die Götterfamilien. Hannes Buchers Tochter ist Kassandra, mein Filmbruder hat Visionen vom Feuer. Trotzdem muss man zwischendurch lachen, weil man sich kaum vorstellen kann, dass die Situation noch mehr eskaliert. Aber es gibt tatsächlich Leute wie Hannes, die von ihrer Geburt bis zum Tod eine Arschkarte gezogen haben.

Doch was kommt nach dem Tod? Woran glauben Sie selbst?

An die Physik – und daran, dass im Weltall Energie nicht verloren geht. Dieselbe Energie, die mich hier und jetzt quasseln lässt, wird auch nach meinem Tod in irgendeiner Weise erhalten bleiben – sei es als Lichtreflex auf einem Platz oder als ein Geruch wie Regen, der im Sommer auf Staub fällt. Als irgendetwas wird man auch nach dem Tod da sein – man wird nur nicht mehr wissen, dass man es ist. Diese Erkenntnis hat etwas Befreiendes. Denn als bewusster Mensch fürchtet man den Tod natürlich. Seit ich meinen Lieblingsonkel im Alter von zwölf Jahren verloren habe, begleitet mich der Gedanke an den Tod. Ich denke permanent daran, dass die Zeit auf Erden endlich ist.

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