Wie macht man gutes Fernsehen, Herr Sturm?

Vox-Chefredakteur und -Unterhaltungschef Kai Sturm.
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Was wir bereits wissen
Von „Die Höhle der Löwen“ bis „Club der roten Bänder“: Vox-Chef Kai Sturm über die Erfolgsformel seines Senders.

Kein anderer deutscher Sender hat derzeit mehr Grund zum Feiern als Vox. Die Investorenshow „Die Höhle der Löwen“, die Serie „Club der roten Bänder“ und die Musikshow „Sing meinen Song“ – allesamt Riesenerfolge bei Zuschauern und Kritikern. Wir sprachen exklusiv mit Vox-Chef­redakteur Kai Sturm über die Tricks beim Programmeinkauf und das Wettbieten mit dem ZDF – und fragten, welchen Künstler er gern noch für „Sing meinen Song“ hätte.

GOLDENE KAMERA: „Die Höhle der Löwen“, „Sing meinen Song“, „Club der roten Bänder“ – Vox macht aktuell sehr viel richtig. Wie macht man gutes Fernsehen, Herr Sturm?

Kai Strum: Gute Frage. Ich denke, man braucht ein gutes Bauchgefühl, Lust an Neuem und eine gewisse Freiheit im Denken. Denn bei den genannten Formaten haben wir mit vorherrschenden Regeln gebrochen.

Welche Regeln meinen Sie?

Ich habe während meiner Zeit bei Vox häufiger versucht, „Die Höhle der Löwen“ umzusetzen. Aber es gab unterschiedliche Auffassungen. Denn eine TV-Regel besagte, dass Business-Fern­sehen in Deutschland nicht funktioniert. Diese Regel wurde irgendwann mal aufgestellt und immer wiederholt, weil man sich prima dahinter verstecken konnte.

Wie lauteten die anderen Regeln?

Auf keinen Fall darf man kranke Kinder im TV zeigen, schon gar nicht, wenn sie an Krebs erkrankt sind. Also genau das, was bei „Club der roten Bänder“ Erfolg hatte. Und vor „Sing meinen Song“ galt: Musikshows darf man nur machen, wenn am Ende ein Gewinner gekürt wird. Denn läuft Musik im Fernsehen länger als 90 Sekunden, gehen die Leute aufs Klo. Solche Regeln zu brechen macht Spaß.

Wie viel Geduld können Sie sich leisten, wenn ein Format nicht sofort ein Hit ist?

Nehmen Sie „Kitchen Impossible“. In diesem Format duelliert sich Tim Mälzer weltweit mit anderen Köchen. Als wir die Pilotfolge gesehen haben, waren wir sofort verliebt. Aber leider war die Quote nach der Ausstrahlung eher enttäuschend. Damit wollten wir uns aber nicht abfinden und haben gesagt: „Wir senden es einfach noch mal!“ (lacht) Denn: Diejenigen, die es gesehen haben, fanden es toll. Mit diesem Gefühl orderten wir eine ganze Staffel. Und mit jeder Folge stieg die Quote. Jetzt zeigen wir Anfang nächsten Jahres Staffel zwei mit Tim Mälzer und unter anderem Roland Trettl, Peter Maria Schnurr und Christian Lohse. (ab dem 29.01.2017 immer sonntags um 20:15 Uhr bei VOX, Anm. d. Red.)

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für neue Formate?

Wir sitzen alle vier Wochen mit den Redakteuren in einer großen Runde zusammen und besprechen neue Ideen, an denen wir arbeiten. In dieser Runde muss mindestens einer sitzen, der sagt: „Dieses Programm hat mich völlig in seinen Bann gezogen!“

"Club der roten Bänder"-Star Tim Oliver Schultz: "Timur kommt zurück!"

Viele Formate werden auf Messen gehandelt. Gibt es ein Wettbieten der Sender?

Früher ja. Heute stellt der Lizenzgeber Fragen wie: „In welchem Umfeld wollt ihr es senden? Wer soll moderieren?“ Der Produzent macht ja mehr Geld, wenn das Format lange läuft.

Wie weit dürfen Sie sich vom Original entfernen? In Großbritannien wirkt etwa „Die Höhle der Löwen“ viel kapitalistischer.

Richtig. Im Originalformat liegen dicke Geldbündel auf den Tischen neben den Investoren. Es soll gezeigt werden, dass die Investoren wirklich Geld haben. Bei uns fänden die Zuschauer das protzig und anmaßend. Das würde die Sendung bei uns killen. Wer läuft schon mit soviel Bargeld herum? Doch eher Leute, die das Geld nicht auf ehrlichem Wege verdient haben.

Und solche Änderungen akzeptiert der Lizenzgeber ohne weiteres?

Ja, in diesem Fall schon. In den meisten anderen Ländern ist „Die Höhle der Löwen“ recht düster. Wenig Licht, Spannungsmusik, eher männlich. Wir mussten das Programm für unser deutsches Publikum anpassen.

Interview mit Investor Ralf Dümmel in der "Höhle der Löwen"

War es schwer, eine Sendung wie „Die Höhle der Löwen“ zu bekommen?

Da gab es ein kleines Gezerre zwischen dem ZDF und uns. Soweit ich weiß, hätte das ZDF „Die Höhle der Löwen“ haben können. Dort tat man sich aber unheimlich schwer mit der Frage, wie man die Investoren im öffentlich- rechtlichen TV präsentieren darf. Diese Frage haben wir für uns schnell klären können. Die Zuschauer müssen natürlich in der Sendung sehen, dass die Löwen Erfahrung und Geld haben. Wir haben aber keinerlei vertragliche Verpflichtung, deren Unternehmen auf eine besondere Weise darzustellen.

Wie hat Vox den Zuschlag bekommen?

Ich weiß, dass das ZDF eine Testsendung für die Marktforschung machen wollte. Wir wollten direkt eine ganze Staffel mit acht Folgen machen! So bekamen wir den Zuschlag. Wer zögert, kriegt so ein Format nicht.

Investor Jochen Schweizer wird in der nächsten Staffel nicht mehr dabei sein, Wer wird ihn ersetzen?

Das ist noch offen. Wir sprechen mit möglichen Investoren. Nach Jochens Ausstieg haben sich sofort Leute beworben.

Sind das echte Alternativen, die sich da melden, oder eher Schaumschläger?

Es gibt beides. (lacht) Aber sagen wir so: Bei vielen ist das Sendungsbewusstsein stärker ausgeprägt als die Kompetenz.

Bei „Sing meinen Song“ gehört die wechselnde Besetzung zum Konzept. Welchen Künstler, der Ihnen bisher einen Korb gab, wollen Sie unbedingt noch dabei haben?

Ganz eindeutig: Herbert Grönemeyer. Auch Peter Maffay wäre toll. Generell gilt aber bei dieser Show: Nicht der Einzelne ist der Star, sondern das Ensemble. Und das ist in Staffel vier erneut sehr stark.

Bei allem Erfolg: „Sing meinen Song“ und „Die Höhle der Löwen“ sind Adaptionen. Was muss passieren, damit solche Ideen auch mal aus Deutschland kommen?

Wir müssen das Thema Entertainment viel ernster nehmen! Fiktionales Fernsehen be­legen wir hierzulande mit wahnsinnig viel Pathos. Aber sobald es nonfiktional wird – also von der Show bis zur Doku-Soap – hat das in Deutschland immer noch den Stellenwert billiger Unterhaltung.

"Sing meinen Song - Das Weihnachtskonzert" am 20.12.

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