"Gotthard": Historischer Zweiteiler über den Tunnelbau

Was wir bereits wissen
Explosionen, Anarchie, tödliche Unfälle: Der Zweiteiler "Gotthard" erzählt vom legendären Schweizer Tunnelbau.

Von allen guten Geistern scheint er verlassen, der Bauunternehmer Louis Favre. Der charismatische Geschäftsmann wagt es, durchs gewaltige Gotthardmassiv einen Eisenbahntunnel zu graben – den längsten der Welt.

Seine Zeitgenossen sind sicher: Er wird scheitern. Manche sehen in seinem Projekt einen aberwitzigen Eingriff in die Natur, andere sogar Teufelswerk: "Der Berg wird die Fremden zerquetschen wie Rote Ameisen", sagt der sturköpfige Fuhrmann Anton in "Gotthard", einem Zweiteiler (1. Teil am 19. Dezember, 2. Teil am 21. Dezember, jeweils 20.15 Uhr, ZDF) über den Vorläufer des 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnels, der in diesem Jahr eröffnet wird.

Trailer zu "Gotthard"

Die Geschichte des Tunnelbaus

Die Entstehungsgeschichte bietet im wahrsten Sinn Zündstoff. Aufstände, Wassereinbrüche und seuchenartige Krankheiten mussten für die knapp zehn Millionen Euro teure Produktion nicht eigens erdichtet werden – sie begleiteten den realen Tunnelbau zwischen 1872 und 1882. Die Familie des Hasardeurs Favre trieb das Projekt in den finanziellen Ruin, er selbst starb im Tunnel an einem Herzinfarkt und erlebte den Durchbruch nicht mehr.

Getragen wird die Filmhandlung von drei fiktionalen Figuren, die im Bergdorf Göschenen am Nordportal des Tunnels aufeinandertreffen: Der stolze Mineur Tommaso (Pasquale Aleardi) aus dem Piemont und der angehende Ingenieur Max (Maxim Mehmet) aus dem Schwarzwald müssen sich notgedrungen das letzte freie Bett im Dorf teilen, das Fuhrmannstochter Anna (Miriam Stein) ihnen vermietet.

Das reale Bergdorf wurde einst vom Tunnelbauprojekt überrollt: "Die Situation in Göschenen war extrem angespannt, denn zu den 300 Dorfbewohnern kamen über 1000 Arbeiter", sagt Michael Petsch, Autor der Dokumentation über den Tunnelbau"Gotthard - Unser Tor zum Süden" (im Anschluss an Teil 2, 21. Dezember, 21.45 Uhr, ZDF). "Konfrontationen waren an der Tagesordnung, die Zustände katastrophal und anarchisch: Es gab nur einen einzigen Dorfgendarmen, und es geschahen Morde, die nie aufgeklärt wurden, weil sich keiner dafür interessierte."

Spannender Alpenwestern

Auch die unvermeidliche Ménage-à-trois, die sich zwischen den drei Filmprotagonisten entwickelt, wird durch die harten Umstände gefährdet. Wildwestverhältnisse im Kanton Uri. "Ich habe mir während der Drehzeit immer wieder ein paar Folgen der US-Serie 'Deadwood' angeschaut. Sie spielt ebenfalls in den 1870er-Jahren. Da gibt es schon Parallelen", sagt Maxim Mehmet, der bereits 2015 bei "Heidi" für ein Urschweizer Thema vor der Kamera stand. "Bei uns ist es auch fast so dreckig. Wir entwerfen kein historisch verklärtes Bild, sondern man sieht wirklich, wie heftig diese Zustände waren."

Besonders anstrengend war es für Darsteller und Komparsen in einem 90 Meter langen Tunnelnachbau, der in einer stillgelegten Lagerhalle in Pulheim bei Köln errichtet wurde. Regisseur Urs Egger wollte es darin möglichst authentisch haben: Mit Schwarzpulver wurde eine Sprengung simuliert, der Einsatz der damals üblichen Petroleumlampen tat ein Übriges: "Die Luft war unerträglich: voller Staub. Am dritten von neun Drehtagen hatten die Leute eine belegte Stimme", sagt er. "Die Schauspieler hatten keine Atemmasken wie der Rest der Crew, die mussten diesen Dreck einatmen."

Fast 200 Todesopfer

Über acht Einlässe wurde der Nachbau auch mit Wasser geflutet. In der Realität hatten die Wassereinbrüche verheerende Folgen: Durch sie verbreitete sich der sogenannte Grubenwurm, der sich in den im Tunnel zurückgelassenen Exkrementen gesammelt hatte. Der Wurm bohrte sich durch die Haut zur Lunge vor und verursachte innere Blutungen sowie einen extremen Gewichtsverlust. Andere Tunnelbauer fielen der Staublunge zum Opfer.

Wie viele Arbeiter durch solche Krankheiten starben, ist ungewiss, die Dunkelziffer hoch. Nachweislich kamen mindestens 199 Menschen durch Unfälle ums Leben, sie wurden beispielsweise von Wagen und Lokomotiven überrollt oder von Gesteinsbrocken erschlagen.

In dem historischen Zweiteiler jagt eine Katastrophe die nächste. "Je dramatischer die Szenen wurden, die wir zu spielen hatten, umso mehr haben wir in den Drehpausen zusammen mit den Komparsen gesungen. Wir haben uns etwa mit 'Always Look On The Bright Side Of Life' bei Laune gehalten", erzählt Pasquale Aleardi. Im Frühjahr wartet eine leichtere, lustigere Rolle auf ihn. Dann ist er in der ZDF-Miniserie "Das Pubertier" zu sehen, der Verfilmung des Bestsellerromans von Jan Weiler.

"Gotthard" ist ein opulenter, spannender Alpenwestern – auch wenn ein paar vorhersehbare Elemente wie Wirtshausschlägereien oder eine Frau in Männerkleidern eher an Karl-May-Festspiele erinnern. Am 11. Dezember wurde der neue Basistunnel für den Personenverkehr in Betrieb genommen und der Tunnel von 1882 abgelöst. Das Ende einer Ära, die mit einem schier unmenschlichen Kraftakt begann.

Das Festessen zum Film: Gämschipfäffer mit Polenta

Das traditionelle Gericht Gämschipfäffer mit Polenta aus dem Kanton Uri, in dem der Gotthard liegt, nimmt für die Zubereitung im Verhältnis zum Tunnelbau genauso viel Zeit in Anspruch: drei Tage lang wird das Wildfleisch in einer Marinade aus Rotwein, Kräutern und Gemüse eingelegt und dann erst gebraten. Man kann aber sehr gut vorbereiten, sodass es zum TV-Start von "Gotthard" um 21.45 Uhr nur noch erwärmt werden muss.

Da die Verbindung der alten Pass-Straße über den Gotthard schon früh den Handel mit dem Süden ermöglichte, gab es hier schon im Mittelalter Reis, den die Menschen in ihren Vorratskammern gut lagerten konnten. Eine beliebte Nachspeise der Urner, wie die Einwohner des Kantons Uri auch genannt werden, ist Reis mit Kastanien, diese passt hervorragend zur Hauptspeise.

Text: Dirk Oetjen

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