Gegen das Vergessen: TV-Premiere von "Freistatt"

Arte zeigt am 20. Januar um 20.15 Uhr das Jugenddrama von Marc Brummund über die berüchtigte Erziehungsanstalt als deutsche Erstausstrahlung.

Während in der jungen Bundesrepublik die Liberalisierung der Gesellschaft langsam an Fahrt aufnahm, existierten in den 1960er Jahren noch rund 3000 staatliche und kirchliche Heime und Besserungsanstalten, in denen hunderttausenden Jugendlichen der Freigeist mithilfe autoritärer Strukturen aus faschistischer Vorzeit ausgetrieben wurde. Für sein Langfilmdebüt hat sich Regisseur Marc Brummund dieses in Vergessenheit geratenen Makels der deutschen Nachkriegsgeschichte angenommen und für sein Jugenddrama "Freistatt" beim Max Ophüls Preis 2015 verdientermaßen den Publikumspreis verliehen bekommen.

Darum geht's in "Freistatt"

Der 14-jährige Wolfgang (Louis Hofmann) wird von seinem Stiefvater (Uwe Bohm) ins von der Diakonie geführte Erziehungsheim Freistatt eingewiesen. Dort erwarten den "renitenten" Jugendlichen allerdings keine pädagogische Problembewältigung, sondern militärischer Drill und Arbeitslagerdienste beim Torfstechen. Als Wolfgang im Dauerkonflikt mit dem brutalen Aufseher Wilde (Stephan Grossmann) die Rebellion wagt und mit der Tochter des perfiden Hausvaters Brockmann (Alexander Held) anbandelt, bekommen er und sein einziger Freund Anton (Langston Uibel) die ganze Härte des Systems zu spüren...

Trailer zu "Freistatt" (2015)

Den bedrückenden Heimalltag und die norddeutsche Moorlandschaft fängt Regisseur Brummund in kraftvollen Kinobildern ein, deren Imposanz das tragische Geschehen nicht beschönigen, sondern vielmehr widerspiegeln, wie die Hölle von "Freistatt" und anderer Erziehungseinrichtungen von der ignoranten Öffentlichkeit als idyllische Abenteuerspielplätze wahrgenommen wurden. Vor dieser entlarvenden Kulisse glänzt Ex-„Tom Sawyer“ Louis Hofmann, der für „Freistatt“ zurecht mit dem Bayerischen Filmpreis als Bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet wurde, in der Rolle eines aufbegehrenden Jugendlichen mit reichlich Ecken und Kanten, an dessem repräsentativen Einzelschicksal die institutionelle Willkür und das gefühlskalte Desinteresse der damaligen Elterngeneration schmerzlich in Erinnerung gerufen werden.

Wer sollte sich "Freistatt" anschauen?

Alle, die beim Fernsehen nicht vor dramatischer Vergangenheitsbewältigung zurückschrecken.

Warum muss ich "Freistatt" sehen?

Weil der Film und sein glänzender Hauptdarsteller Louis Hofmann eindrucksvoll das Aufbegehren der deutschen Nachkriegsgeneration versinnbildlichen.

Für Fans von...

Christian Froschs "Von Jetzt an kein Zurück" (2014) und Barry Levinsons "Sleepers" (1996)

Die GOKA-Wertung

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