GOKA-Kandidat "Landgericht": Drama über geraubtes Glück

"Landgericht" erzählt, wie eine "halbjüdische" Familie den Krieg überlebt, aber später untergeht.

Vater, Mutter, zwei Kinder: Alle vier Mitglieder der jüdisch-protestantischen Familie Kornitzer überstehen den Zweiten Weltkrieg körperlich unversehrt. Doch es gelingt ihnen nie wieder, eine Familie zu sein.

Trailer zu "Landgericht"

Darum geht's in "Landgericht"

Der bewegende ZDF-Zweiteiler "Landgericht" (1. Teil am Montag, 30. Januar, 2. Teil am Mittwoch, 1. Februar, jeweils 20.15 Uhr, ZDF) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ursula Krechel, der 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde – und eine wahre Geschichte aufgreift: Der Jude Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld) schickt sich gerade an, am Landgericht Berlin Karriere zu machen, als ihn die Nazis 1933 aus dem Richteramt werfen. Auch dass er mit "Arierin" Claire (Johanna Wokalek) verheiratet ist, schützt ihn spätestens nach der Pogromnacht 1938 nicht vor Verfolgung.

Es gelingt ihm, nach Kuba ins Exil zu gehen. Die Kinder, in der Diktion der Nationalsozialisten "Halbjuden", verschickt das Ehepaar zunächst zu einer Pflegefamilie nach England und plant eine Wiedervereinigung der Familie auf Kuba. Doch die scheitert: Claire darf während des Kriegs nicht ausreisen, sogar der Briefkontakt des Paares reißt ab.

Selbst mit Kriegsende ist kein Happy End in Sicht: Erst 1947 kann Claire, die nun in Süddeutschland lebt, Richard ausfindig machen. Doch keiner kann den beiden sagen, wo sich ihre Kinder aufhalten, denn die sind aus ihrer Pflegefamilie geflohen und halten ihre leiblichen Eltern für tot. Dass Richard mittlerweile mit einer Kubanerin zusammenlebt und mit ihr eine Tochter hat, verstärkt das Gefühlschaos noch.

Nach seiner Rückkehr kämpft Richard um seine Wiedereinsetzung als Richter – verzweifelt aber an den alten Seilschaften. Einer Kommission für Entschädigungsleistungen an NS-Opfer darf er nicht angehören: Er gilt als befangen – anders als die übernommenen Nazirichter, die einstigen Täter. Richard muss sich zudem vorwerfen lassen, auf Kuba nicht gelitten zu haben: "Kein Krieg, keine Bomben, kein Luftschutzkeller." Erst zehn Jahre nach der Trennung gibt es ein Wiedersehen mit den Kindern – doch die wollen nicht mehr nach Deutschland zurückkommen.

Unrecht deformiert Menschen

"Mich berührt zutiefst, wie diese auseinandergerissene Familie ein Leben lang darauf hofft, wieder Familie sein zu können", erzählt Claire-Darstellerin Johanna Wokalek. "Dieses menschliche Grundrecht bleibt durch die Brutalität der Geschichte aber nur Hoffnung." Die vielseitige Schauspielerin, die in "Der Baader Meinhof Komplex" schon Gudrun Ensslin mimte und in Til Schweigers "Barfuss" eine Psychiatriepatientin, fesselte im ZDF-Zweiteiler vor allem der Konflikt der verzweifelten Mutter: Claire gibt ihre Kinder weg, um sie zu retten, auf die Gefahr hin, sie für immer zu verlieren. Das sei ihr sehr nahegegangen: "Diese Menschen hoffen und verpassen während des Hoffens ihr Leben. Nicht im Jetzt zu leben, weil man auf etwas hofft, das sich nie erfüllt – das ist eine große Tragik."

Regisseur Matthias Glasner ("Blochin") ergänzt: "Der Zweiteiler zeigt, wie Ungerechtigkeit den Menschen deformiert, wie er unfähig wird, als soziales Wesen zu funktionieren. Der Zuschauer spürt sofort: Das ist ein Mensch genau wie ich. Auch ich habe das alles in mir, selbst das Destruktive." Das schlichte Schema "Der eine ist der Gute, der andere der Böse, und die Heldin muss sich zwischen beiden entscheiden" greift laut Glasner hier nicht: "Es ist eine Tragödie. Da gibt’s nichts zu beschönigen. Es gibt nicht die berühmte Hoffnung, die man am Ende immer noch gern hätte."

"Landgericht" - Die Dokumentation

Im Anschluss an den TV-Film wird in der ZDF-Doku ab 21.50 Uhr die Geschichte der Familie Michaelis erzählt, auf deren Erlebnisse "Landgericht" beruht. Autorin Annette von der Heyde hat sich auf die Suche begeben und Zeitzeugen gefunden. Unter ihnen ist auch Ruth Barnett, die Tochter von Robert und Luise Michaelis, die aus erster Hand von der Geschichte ihrer Familie berichten kann.

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Text: Thomas Röbke

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