Dienstjubiläum beim Tatort: Ulrike Folkerts im Kreuzverhör

Ulrike Folkerts im Tatort "Jagdfieber" von 1998
Ulrike Folkerts im Tatort "Jagdfieber" von 1998
Foto: dpa
Die dienstälteste Tatort-Fahnderin feiert Jubiläum! Am 26. Februar wird Ulrike Folkerts nach 28 Dienstjahren (!!!) ihren 65. Fall lösen: "Babbeldasch". Die toughe Lena Odenthal startete 1989 als "weiblicher Schimanski" und wird seit 1996 von ihrem Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) unterstützt.

Im Interview verrät uns die 55-jährige Folkerts, wie sich Lena Odenthal vom "Tatort" verabschieden sollte. Aber keine Angst, aktuell besteht für die Tatort-Fans kein Grund, sich mit diesen Gedanken anzufreunden. Die Kommissarin hat noch keine Lust auf den Ruhestand.

GOLDENE KAMERA: Wo waren Sie Sonntagabend um 20:15 Uhr, Frau Folkerts?

Sie fragen nach meinem Alibi? Oje … Es gibt keine Zeugen – aber ich saß vor dem Fernseher und habe den „Tatort: Söhne und Väter“ mit Devid Striesow geguckt. Die Geschichte war nicht 100-prozentig gut – aber es ist immer lustig, wenn es im „Tatort“ um Väter und Söhne geht. Dann nämlich hat der Kommissar plötzlich auch einen Sohn. Das ist fast schon eine „Tatort“-Krankheit.

Seit 1988 spielen Sie Lena Odenthal – und die wurde 2014 von den Zuschauern zur coolsten Kommissarin gewählt. Das richtige Etikett?

Ulrike Folkerts: Cool zu sein ist nicht schlecht! Mit über 50 kommt es mir gerade Recht. Aber es reicht natürlich nicht, um das zu umreißen, was ich mit der Figur Lena verbinde. Denn innerlich bewegt diese Kommissarin noch viel mehr.

Inwiefern war es auch cool, Ihren 65. „Tatort: Babbeldasch“ komplett ohne Drehbuch zu produzieren?

Es war wirklich ein Experiment. Die SWR-Kulturchefin Martina Zöllner wollte den „Tatort“ regional ansiedeln. Deshalb kam sie auf die Idee, Axel Ranisch als Regisseur zu engagieren und mit ihm und der Ludwigshafener Mundartbühne „Hemshofschachtel“ ein Drehbuch zu entwickeln – inklusive pfälzischem Dialekt. Außerdem gab es kein klassisches Drehbuch, sondern nur eine Vorform mit Bildern. Und wir haben alles chronologisch gedreht. Normalerweise springt man beim Dreh zwischen den einzelnen Szenen hin und her – aber diesmal sind wir wirklich vorne angefangen und dann durch die ganze Geschichte gegangen.

Angeblich wussten Sie nicht einmal selbst, wer diesmal der Mörder ist. Richtig?

Stimmt genau! Deshalb musste ich peu à peu herausfinden, wer welche Geheimnisse bzw. ein Motiv hat, sich verdächtig verhält oder lügt. Zuerst habe ich das als Unverschämtheit empfunden, weil ich in meiner ganzen Laufbahn die Story immer gekannt habe. Dann jedoch ließ ich mich gerne ein auf das Experiment – denn ich habe schnell gemerkt, dass die Gedanken, die man sich beim chronologischen, spontanen Drehen macht, authentischer sind. Eine 30-sekündige Szene wurde diesmal etwa eine halbe Stunde lang aus vielen Perspektiven gedreht – damit der Regisseur am Ende ein Feuerwerk von authentischen Momenten bekam, die er dann zu einem Highlight zusammenschnipseln konnte.

Wie hat sich der Dreh noch von normalen „Tatort“-Folgen unterschieden?

Zwar hatten wir wie immer 24 Drehtage, aber die Vorbereitung war komplett anders. Denn Axel Ranisch hat mit den rund 25 Leuten vom Mundarttheater mehrere Workshops gemacht – insgesamt über ein Jahr. Jeder dieser Theaterschauspieler hat anschließend seine Rolle für „Babbeldasch“ entwickelt – und sie ohne Drehbuch vor der Kamera improvisiert. Die Laien sprangen ins kalte Wasser: Wenn ein Schauspieler zum Dreh kam, konnte es beispielsweise sein, dass er dort spontan eine andere Figur ermorden musste.

Aber welchen Vorteil soll es haben, dass Sie selbst nicht wussten, wer der Mohn-Mörder ist?

Dass man sich als Schauspieler nicht verstellen muss! Denn man befragt und beobachtet die Menschen anders, wenn man in nichts eingeweiht ist. Zwar waren die Mitarbeiter der Maske, Garderobe und Kamera eingeweiht, aber sie haben alle dicht gehalten. Insofern war die Stimmung am Set wahnsinnig prickelnd – und das Ergebnis ist entsprechend anders. Der Film hat eine neue Handschrift.

Wie gefällt Ihnen das Resultat?

Der Film wird seine Fans finden, aber wahrscheinlich werden ihn auch einige Leute komisch finden oder sich fragen, ob es überhaupt noch ein Krimi ist. Ich bin gespannt, wie die „Tatort“-Community“, also die eingeschworenen Gewohnheitsgucker, damit umgehen – denn ich glaube, dass „Babbeldasch“ polarisiert. Manchmal war die große Freiheit ein bisschen gefährlich.

Mitten im „Tatort: Babbeldasch“ guckt Lena Odenthal die alte „Tatort“-Folge „Roomservice, in der sie selbst ermittelt. Warum?

Erstens ist das Werbung in eigener Sache und zweitens der Wink mit dem Zaunpfahl, dass Sonntags um 20.15 Uhr alle in der Bundesrepublik „Tatort“ gucken – selbst die deutsche Polizei.

Aber was ist diesmal mit Lena Odenthals Katze passiert? Warum fehlt sie plötzlich?

Wir hatten eine Katze für den Set von Lenas Wohnung mitgemietet – aber die hat sich am Drehtag einfach nicht gezeigt. Ich habe schon viele Diskussionen geführt, dass wir doch endlich mal eine normale Filmkatze installieren sollen – aber die Autoren vergessen das immer und die Redakteure und Produzenten achten nicht darauf, ob die Katze im Drehbuch auftaucht oder nicht. Wenn ich dann später darauf aufmerksam mache, ist kein Platz mehr für den Stubentiger – und insofern wird die Katze leider allzu oft wegargumentiert.

Aber steigt Lenas Gehilfe Mario Kopper diesmal endgültig aus? Er will Lena schließlich etwas mitteilen – doch er kommt nicht zu Wort …

Kooper bleibt dem „Tatort“ erhalten. Er hat sich bloß in Italien in eine Frau verliebt. Nun stellt sich die Frage, ob er es schafft, sie und ihr Kind zum Umzug nach Ludwigshafen zu überreden. Das will er Lena unbedingt sagen.

Odenthal bekommt in „Babbeldasch“ Drohungen von einer Toten. Warum?

Die ermordete Sophie, gespielt von Marie-Louise „Malou“ Lott, droht Lena, sie so lange heimzusuchen, bis die endlich ihren Mörder fasst. Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Traumsequenzen etwas überstrapaziert worden sind – zwei statt drei Träume hätten auch ausgereicht. Aber dass sich die Puzzlesteine des Verbrechens erst im Traum zusammensetzen? Das passt zu Lena Odenthal!

Ulrike Folkert zu Gast bei THADEUSZ

Muss der „Tatort“ immer wieder experimentieren, um gar nicht erst in eine Art von „Derrick“-Schablone zu verfallen?

Ja! Deshalb gibt es den „Tatort“ auch als Krimikomödie, Thriller, normale Polizeigeschichte oder Fantasie-Story. All das finde ich ganz reizvoll. Natürlich will man dadurch auch ein Stück weit Aufmerksamkeit schaffen. Und als Schauspielerin macht mir das Experimentieren natürlich besonders viel Spaß, weil ich dadurch die Möglichkeit bekomme, vollkommen neue Dinge auszuprobieren.

Welches der erwähnten Genres mögen Sie am meisten – und welches am wenigsten?

Was ich immer liebe, sind total gute, spannende Krimis. Die gibt es viel zu selten beim „Tatort“ – zumindest in der Form, dass man regelrecht in die Spannung reingezogen wird und Angst um eine Person bekommt und am Ende noch eine überraschende Wendung stattfindet, mit der niemand gerechnet hat. Ein spannender Krimi ist der Beste, den man machen kann. Andererseits ödet es mich an, die brave Polizeiarbeit zu dokumentieren – besonders, wenn der Zuschauer mehr weiß als der Kommissar und der erst nach dem vierten, fünften und sechsten Verdächtigen die siebte Person als Mörder überführt. Noch schlimmer ist, wenn dieser Mörder zuvor zwar 50 Minuten im Off war, aber dann aus dem Hut hervorgezaubert wird. All das mag ich überhaupt nicht – aber andererseits ist es auch schwer, immer ein Super-Drehbuch zu liefern und es dann noch grandios umzusetzen.

Unter welchen Umständen würden Sie Lena Odenthal an den Nagel hängen?

Überhaupt nicht. Mein Produzent Nils Reinhardt ist jung und euphorisch, meine neue Redakteurin Katharina Dufner wahnsinnig motiviert. Sie kommt vom „Kleinen Fernsehspiel“. Außerdem hält meine Fernsehchefin Martina Zöllner an mir fest. Insofern gibt es gerade eher eine neue Motivation loszulegen und meinen „Tatort“ neu zu erfinden – wozu auch Axel Ranisch gehört. Mit ihm drehe ich aktuell wieder einen improvisierten, chronologischen Odenthal-„Tatort“ ohne vorgegebene Dialoge – und auch diesmal weiß ich nicht, wer der Mörder ist. Allerdings sind beim zweiten Mal keine Laien-Schauspieler dabei, sondern eine richtige Besetzung. Und wir werden noch ein bisschen krasser, denn die Folge dreht sich um ein Polizei-Ermittlerteam, das eine Mediation in einem Hotel im tiefsten Schwarzwald abhält.

Im „Tatort: Babbeldash“ sind Sie aufwendig kostümiert als Königin zu sehen. Wen würden Sie gerne mal darstellen und warum?

Ich habe totale Lust und Spiellaune auf alles, was nicht Kommissarin ist – inklusive einer Kostümierung. Denn es ist genau mein Job, mich zu verkleiden und Dinge auszuprobieren und ich würde irre gerne einen historischen Schinken spielen und mich dafür in solche Gewänder schmeißen. Deshalb spiele ich zwischen den „Tatort“-Drehs auch gerne Theater, denn dabei darf ich auch mal komödiantisch sein. Beim „Tatort“ kommt das viel zu kurz, weil ich als Kommissarin nichts zu lachen habe. Diese Seite liegt ein bisschen brach. Deswegen spiele ich jetzt Theater. Im April geht’s auf eine Tournee und im Sommer werde ich im Mannheimer Nationaltheater für den Herbst proben. Außerdem mache ich eine Lesung: Am 20. Februar bin ich in der Oper Bonn – und ich lese Grass’ „Blechtrommel“. Auf dieblechtrommel.net gibt’s nähere Infos dazu.

Sie haben als erste Frau den Tod im „Jedermann“ gespielt. Auf welche Pionier-Projekte hätten Sie noch Lust?

Öfter die Rollen zwischen Mann und Frau zu tauschen. Man müsste es schaffen, viele klassische Rollen, die mit Männern besetzt werden, einfach mal mit Frauen zu bestücken. Außerdem wünsche ich mir mehr Frauengeschichten ab 40 aufwärts. Meistens sind die weiblichen Hauptdarstellerinnen zwischen 30 und 40, während die Männer gern älter sein dürfen, weil man sie dann Charaktergesicht nennt und sie jüngere Liebhaberinnen bekommen. Aber Frauen über 40 haben es schwer in diesem Job. Dabei werden wir Schauspielerinnen mit zunehmender Reife immer besser. Doch uns fehlen gute Geschichten, die dann auch umgesetzt werden. Deshalb appelliere ich an alle guten Autoren, sich mal darüber Gedanken zu machen – und an die alle Produzenten, solche Geschichten anschließend auch umzusetzen. Außerdem sollten differenziertere Drehbücher für Frauen geschrieben werden, denn leider haben die laut den Vorstellungen der Autoren meistens Probleme mit dem Älterwerden und dem Gewicht – woraufhin sie sich operieren lassen müssen und zuletzt verlassen werden. Das ist alles so klischeehaft. Ich wünsche mir einfach gute, starke Frauenrollen - interessantere Figuren, die einen Grund dafür haben, so zu sein wie sie sind.

Gibt es ein gutes Beispiel dafür?

Ja – den Kinofilm „Die Überglücklichen“. Das ist ein kleiner italienischer Film, in dem zwei Frauen die Hauptrollen spielen. Sie brechen aus der Psychiatrie aus, um Dinge in ihrem Leben zu klären. Was die daraufhin erleben ist einfach fantastisch. Wir brauchen mehr gute, crazy Frauen, die selbstbewusst sind und Geheimnisse haben – und müssen dringend weg vom Schema F, von Eifersüchteleien und dem Konkurrenzdenken.

Mitunter drehen Sie TV-Filme wie „Restrisiko“, „Ich bin eine Insel“ oder „Das goldene Ufer“. Warum nicht öfter?

Ich kann nur darüber mutmaßen – manchmal denke ich, dass mir der Tatort ein bestimmtes Image beschert hat, dafür habe ich selbst auch eine Menge getan. Ab und zu gibt es die Möglichkeit etwas anderes zu spielen, etwas anderes zu zeigen von mir, aber Tatort und Lena Odenthal steht mir wohl manchmal auf der Stirn?!

Wie wichtig ist Ihnen die Einschaltquote?

Die Quote muss mir wichtig sein, obwohl ich den Quotendruck gern kritisiere – weil die Zahl der Zuschauer nicht unbedingt etwas über die Qualität aussagt.

Mit Ihren „Tatort“-Kolleginnen Adele Neuhauser und Eva Mattes engagieren Sie sich für das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Warum?

Weil wir Themen wie häusliche Gewalt oder Missbrauch auch im „Tatort“ verarbeiten. Ich habe viel mit Polizistinnen darüber geredet und erfahren, dass sie es im Alltag fast immer mit Gewaltopfern zu tun haben. Die Zahlen sind einfach erschreckend. Jede vierte Frau soll angeblich Gewalt erlebt haben in ihrem Leben – und die Dunkelziffer ist noch höher!

Außerdem engagieren Sie sich für die Rechte der lesbisch-schwulen-Community – auch LGBT genannt. Inwiefern ist das in Zeiten des aufkeimenden Rechtspopulismus wichtiger denn je – und haben Sie Angst vor der AfD?

Angst habe ich nicht vor denen. Aber es ist irre, was im Moment los ist in der Welt – und dass solche Parteien aktuell weltweit gegen Minderheiten hetzen, aber gleichzeitig inhaltlich nichts zu bieten haben. Trotzdem muss man dieses Phänomen sehr ernst nehmen – und dem alltäglichen Rassismus und Rechtsradikalismus etwas entgegensetzen. Was momentan in Amerika passiert wird hoffentlich eine riesige Gegenbewegung in Gang setzen. Es muss die Leute, die im Kunst- und im Kulturbereich arbeiten, auf die Barrikaden bringen.

Schlussfrage: Wie soll Lena Odenthal mal abtreten? In den Sonnenuntergang reiten?

Für Lena habe ich mir überlegt, dass es doch schön wäre, wenn sie sich am Ende ihrer Karriere – in hohem Alter – nochmal Hals über Kopf verliebt und dann alles hinter sich lässt und vielleicht in die Sonne reitet. Warum nicht? Der Tod ist Teil unseres Lebens und ich bin ihm gegenüber nicht frei von Angst. Das wäre gelogen – aber ich wünsche mir natürlich – genau wie für Lena – alt zu werden und ein bisschen verrückt zu bleiben. Und dann einen guten Abgang zu machen.

Tatort "Babbeldasch", So, 26.02., 20.15 DasErste

Interview: Mike Powelz

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