Oliver Hirschbiegel: "Hitler habe ich mich genug angenähert."

Regisseur Oliver Hirschbiegel ("Der gleiche Himmel")
Zum TV-Start unseres GoKa-Kandidaten "Der gleiche Himmel" verrät Regisseur Oliver Hirschbiegel mehr über die Geschichte einer geteilten Familie und Wunden, die die deutsch-deutsche Geschichte hinterließ.

Mit dem prominent besetzten ZDF-Dreiteiler und GoKa-Kandidaten "Der gleiche Himmel" erinnert Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") an die amourösen Umtriebe der Romeo-Agenten. Eindrücklich zeigt Tom Schilling die Verführungskünste eines Spions, der Frauen verführt, um an Informationen heranzukommen. Zum TV-Start (27., 29. und 30. März, jeweils 20.15 Uhr, ZDF) trafen wir den Regisseur zum Interview.

Interview mit Oliver Hirschbiegel

Oliver Hirschbiegel über den Dreh von "Der gleiche Himmel"

Die "Stasi" wird neu beleuchtet. Warum ist das Thema noch immer aktuell?

Die jüngere deutsche Geschichte haben wir noch nicht wirklich aufgearbeitet. Damals wie heute war bzw. ist die Stasi der perfekteste Spionageapparat, den es je gab. Wenn heute die "CIA" ein Problem hat oder der Mossad, dann fragen die sich an irgendeinem Punkt, was die Stasi jetzt tun würde. Letztlich ist die Perfektion der Stasi-Arbeit sowohl faszinierend als auch erschreckend. "Der gleiche Himmel" stellt diese Ambivalenz völlig neu dar – mit einer leichten historischen Distanz zu den noch immer unverheilten Wunden, die die deutsche Geschichte gerissen hat.

Wie verändert Ihr ZDF-3-Teiler "Der gleiche Himmel" die Sicht auf Familienstrukturen in der Ex-DDR?

Wir erzählen die Geschichte einer geteilten Familie im geteilten Berlin. Die Konflikte sind weltweit dieselben – etwa Vater versus Tochter und Ehemann versus Exfrau. Meine Geschichten haben immer eine universale Qualität.

Welche Message hat der Dreiteiler?

Was bedeutet Liebe? Was ist Verantwortung? Wofür steht Familie? Wie stark ist Familie wirklich – und wodurch unterscheidet sie sich von Freundschaften? All diese Fragen werden aufgeworfen.

Trailer zu "Der gleiche Himmel"

Haben Sie ein positives Menschenbild?

Tief in meinem Herzen habe ich sogar ein sehr positives Menschenbild.

Ist "Der gleiche Himmel" ein Dreiteiler über Manipulation und Kontrollwahn – oder erklärt er die Genesis davon?

Beides. Authentizität ist mir in meiner Arbeit immer wichtig. Erfindung ist nur da zulässig, wo sie der Wahrheitsfindung dient. Was die Serie zeigt, ist alles recherchiert und basiert auf wirklichen Ereignissen. Aber natürlich haben wir es dramaturgisch verdichtet und uns eine geteilte Familie ausgedacht.

Gehen wir Deutschen gut mit unserer eigenen Geschichte um?

Ja. Wir tun das auf unsere deutsche Art sehr sorgfältig und auch mutiger als andere Nationen. Obwohl wir den schlimmsten Beitrag zur Geschichte geliefert haben, können wir stolz darauf sein, wie wir Aufarbeitung betreiben. Wir sind dabei ehrlicher als viele andere Nationen.

In Ihrem ZDF-Mehrteiler "Die Borgias" haben Sie Aufsehen erregt, als Udo Kier als sterbender Papst von einer echten Amme gesäugt wurde. Was ist die aufsehenerregendste oder emotionalste Szene in "Der gleiche Himmel"?

Die Schlussszene! Aber die werde ich jetzt natürlich nicht verraten. Das wäre ein Spoiler.

Warum haben Sie das Projekt "Der gleiche Himmel" überhaupt angenommen?

Die Producerin Tracey Scoffield hat mir von der Idee erzählt, eine Geschichte über eine ost- bzw. westdeutsche Familie zu erzählen, in der es um Zwillinge und um die gesellschaftliche Teilung geht. Dazu muss man wissen, dass sowohl Tracey als auch ich Eltern von Zwillingen sind. Und wie es der Zufall will ist die britische Drehbuchautorin Paula Milne ebenfalls ein Zwilling! Als ich das gehört hatte, las ich sämtliche Drehbücher – und war sofort fasziniert. Das passiert selten.

"Der gleiche Himmel"-Star Tom Schilling im Video-Talk

In Deutschland keimt der Rechtspopulismus wieder auf. Ihre Meinung dazu?

Immer, wenn Menschen verunsichert sind und Angst haben, docken sie an Kräfte an, die vermeintlich klare Ansagen machen – weil sie mit ihrer Furcht klar kommen wollen. Doch in Wirklichkeit sehnen sie sich nach dem Gefühl, dass jemand auf sie aufpasst. Bei aller Kritik am Rechtspopulismus darf man aber nicht vergessen, dass wir in einer Demokratie leben und rechtspopulistische Bewegungen gehört werden müssen. Man kann sie doof finden – aber man muss sie hören und darf nicht arrogant und herablassend auf sie reagieren, wie es in den letzten Jahren passiert ist.

Wie nehmen Sie als in Großbritannien lebender Deutscher die Bewegung um den Brexit wahr?

London, wo ich lebe, hat nicht für den Brexit gestimmt. Der Großteil der Befürworter des Brexit kommt vom Land und aus kleineren Orten – Plätze, wo es vielen Menschen nicht gut geht. In der Metropole London hingegen haben viele Menschen Arbeit. Die Hauptstädter verdienen gut und sind abgesichert. Doch im restlichen Land herrschen Angst, Verunsicherung und große Not. Was mich persönlich berührt ist, dass mit dem Brexit die Vision bzw. Idee von offenen Grenzen und nationalübergreifendem Verständnis und Solidarität gestorben sind. Das hatte mich immer an der "Idee Europa" begeistert. Aber ich betrachte die Überbürokratisierung auch als eine schlechte Entwicklung. Man hätte das System verändern müssen – und die Idee von Europa beibehalten.

In "Der gleiche Himmel" herrscht kalter Krieg. Inwiefern brechen wieder kalte Zeiten an?

Wir leben in einer Zeit, in der sich Fronten massiv verhärten. Das ist die Quelle eines kalten Krieges. Wenn das, was Trump aktuell in Amerika lostritt, wirklich so weiter gehen sollte, dann befinden wir uns wieder in Zeiten eines sehr kalten Krieges – beziehungsweise einer Befindlichkeit des gegenseitigen Nicht-Verstehens.

Nico Hofmann produziert für die UFA eine achtteilige Hitler-Serie über die verschiedenen Lebensetappen Adolf Hitlers. Wäre das auch ein Projekt, das Sie als Regisseur interessieren würde?

Hitler habe ich mich genug angenähert. Das ist eine sehr unangenehme Figur und ein sehr unangenehmer Komplex. Ich bin nicht sicher, ob ich das so noch mal machen würde. Das hängt wirklich von den Drehbüchern ab. Die müsste ich lesen und dann könnte ich das entscheiden.

"Der gleiche Himmel": Produzent Nico Hofmann im Video-Talk

"Der gleiche Himmel": Produzent Nico Hofmann im Video-Talk

Was sind Ihre nächsten Projekte? Was ist in der Pipeline, was in der Ideenschmiede?

Drei Kinoprojekte in verschiedenen Stadien sowie drei Serien. Eine davon ist bereits spruchreif – der Drehstart ist schon im Herbst. Wir Regisseure haben immer mehrere Bälle in der Luft. Aktuell sind das bei mir etwa sieben oder acht Bälle, die sich teilweise auch terminlich in die Quere kommen. Ich werde auch noch mal nach Amerika gehen und dort eine Folge drehen für eine Serie – sowie dort eine weitere neue Serie anstoßen.

Im deutschen Fernsehen haben es US-Serien immer schwerer – während deutsche Miniserien fantastische Quoten holten. Warum diese Trendverschiebung?

Höchstwahrscheinlich ist das eine Frage der Sendeplätze und der Sprache. In anderen Ländern, wo US-Serien noch sehr erfolgreich sind, wird meistens Englisch gesprochen. Beispielsweise sind die Zuschauer in Skandinavien, Holland sowie Südamerika und Asien daran gewöhnt, sich englischsprachige Serien mit Untertiteln anzuschauen. doch mit Ausnahme der jüngeren Deutschen, die sich internationale Serien gern im Original anschauen, erwartet der große Rest der Deutschen, dass alles synchronisiert wird. Leider jedoch gehen die Qualität und die Authentizität verloren. Deswegen haben es US-Serien bei uns schwieriger.

Internet, DVD oder TV – wo laufen Ihre Lieblingsserien?

Wenn es Serien gibt, die ich qualitativ so hochwertig finde, dass ich sie in richtig guter Qualität haben möchte, dann kaufe ich mir die DVD-Sets. Ansonsten mag ich Amazon, Netflix und Sky.

Haben Sie Lust, etwas für Streaming-Portale zu drehen? Oder für Sky?

Es gibt bereits Verhandlungen. Außerdem hat Netflix "Der gleiche Himmel" für etliche Länder gekauft. Und bei zwei von meinen noch nicht spruchreifen Projekten wäre Netflix ebenfalls beteiligt. Außerdem habe ich im Herbst 2016 eine Folge von "Billions" gedreht – also für "Showtime in Zusammenarbeit mit "Sky International".

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