Tom Schilling: "Ich möchte den Nudisten August Engelhardt spielen!"

Im ZDF-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" spielt unser frischgebackener GoKa-Preisträger einen Romeo-Agenten. Warum er jede Frau verführen kann, verrät der Schauspieler im Interview.

In "Der gleiche Himmel" von Regisseur Oliver Hirschbiegel (27., 29. und 30. März, jeweils 20.15 Uhr, ZDF) wird der junge Ostdeutsche Lars Weber (Tom Schilling, GOLDENE KAMERA 2017 für "Auf kurze Distanz") 1974 nach Westberlin eingeschleust, um Lauren Faber (Sofia Helin), eine Kontaktperson des britischen Geheimdienstes, zu verführen. Doch die Mission Sex scheitert. Auf Weisung von Führungsoffizier Ralf Müller (Ben Becker) macht sich Weber nun an Laurens Freundin Sabine Cutter (Friederike Becht) heran, eine Mitarbeiterin des US-Geheimdienstes. Aber auch dieser Romeo-Einsatz läuft nicht nach Plan ...

Trailer zu "Der gleiche Himmel"

Warum Tom Schilling nach den Dreharbeiten im wahren Leben nun jede Frau verführen kann:

"Der gleiche Himmel"-Star Tom Schilling im Video-Talk

Interview mit Tom Schilling

Herr Schilling, Sie haben in der Pressekonferenz zum ZDF-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" gesagt, Sie könnten jede Frau verführen. Warum?

Weil ich jetzt alle Tricks kenne und gelernt habe, wie Verführung funktioniert. Denn ich spiele einen jungen "Romeo-Agenten", der in der Kunst, Frauen zu verführen, ausgebildet wird. Daran hat sich von damals zu heute nichts geändert. Die Methoden und Mechanismen sind immer die gleichen. Das kann jeder lernen. Man geht einfach ins Internet und recherchiert dort "Pick-Up-Artist".

Klingt, als hätte die Vorbereitung auf Ihre Romeo-Rolle ziemlich viel Spaß gemacht – schließlich googelt man nicht alle Tage "Verführungs-Clips" …

Spaß habe ich daran gar nicht gehabt. Im Gegenteil, es ist ein sehr trostloses und armseliges Betätigungsfeld – quasi Frauenverführung als Sport. Aber die Rolle hat mich trotzdem gereizt, denn der Romeo-Agent, den ich darstelle, ist sehr ehrgeizig und idealistisch – aber gleichzeitig auch undurchschaubar und schattenhaft. Man weiß nie, ob er okay ist oder vielleicht das größte Arschloch.

Täter oder Opfer – was ist Ihr Romeo-Agent?

Wahrscheinlich ist er selbst ein Opfer, aber das wird in der ersten Staffel noch nicht so richtig beleuchtet. Ich sehe ihn trotzdem als Täter, denn niemand zwingt einen zur Spionage. Im Nationalsozialismus fällt es leichter zu sagen, dass Menschen Opfer des Systems waren – etwa Mitläufer. Aber in der DDR war es eine Haltungsfrage. Offensichtlich muss der Idealismus und der Glaube der Romeo-Agenten an die Richtigkeit des Sozialismus so groß gewesen sein, dass sie ihre Taten vor sich selbst rechtfertigen konnten.

"Der gleiche Himmel": Produzent Nico Hofmann im Video-Talk

Sie haben sieben Jahre in der DDR gelebt, sind dort aufgewachsen. Inwiefern gab es direkte oder indirekte Erfahrungen oder Schnittmengen mit der Stasi?

Schnittmengen gab es überhaupt nicht, aber eines Tages kam ein alter Freund meines Vaters zu uns nach Hause. Meine Eltern fanden es sehr merkwürdig, dass er sich nach so langer Zeit meldete – denn er stellte auffällig viele Fragen und meine Eltern mutmaßten daraufhin, dass er vielleicht ein inoffizieller Stasi-Mitarbeiter war. Außerdem hatte ich selbst Beziehungen zu Frauen, deren Eltern bei der Stasi waren und auch ganz offen dazu standen. Bei gemeinsamen Abendessen mit meinen Eltern habe ich viele politische Gespräche erlebt. Meine Eltern hatten Angst vor der Stasi und sie waren sehr dankbar für die politischen Veränderungen, die es 1988 und 1989 gab. Mein Vater hat zum Beispiel von den Demonstrationen der DDR-Bürger und ihren Parolen "Gorbi hilf uns" erzählt. Am nächsten Tag habe ich auf dem Schulhof Demonstrant gespielt und diese Rufe skandiert. Die Erzieherinnen fanden das natürlich verstörend.

Überwachungen gab es damals wie heute. Inwiefern vertrauen Sie elektronischen Medien?

Ich habe gar kein Vertrauen in elektronische Medien. Im Gegenteil! Ich glaube, dass man muss sich damit abfinden muss, dass man ein gläserner Mensch ist. Außerdem müssen wir uns eingestehen, dass wir verwundbar sind, weil jeder alles über uns herausfinden und gegen einen verwenden kann. Vielleicht fühlt man sich wieder freier, wenn man seine Fehler offen eingestehen würde.

Tom Schilling im Red-Carpet-Interview

Wie ticken Sie selber? Sind Sie sehr präsent in den sozialen Medien?

Ich habe eine berufliche Facebook-Seite. Die nutze ich als Ankündigungsplattform. Dort kann ich meine Fans informieren.

"Der gleiche Himmel" lehrt uns vieles über Spionage und den Kalten Krieg. Wie gut gehen wir Deutschen mit der Aufarbeitung unserer eigenen Geschichte um?

Ich finde, dass wir gut mit unserer Geschichte und mit der Aufarbeitung umgegangen sind. Die Geschichte der Deutschen ist durch eine riesige Katastrophe geprägt. Ich sehe darin durchaus eine Chance. Es ist unser großes Vermächtnis, dass wir unsere Geschichte nicht vergessen und aus ihr lernen. Mich besorgt es gerade ein bisschen, dass immer Leute sagen, dass sie sich nicht immer "schlecht fühlen" wollen. Dass muss man auch gar nicht – aber man sollte sensibel sein.

Spielen auf damit auf den aufkeimenden Rechtspopulismus in Europa an?

Nein, auf den Rechtspopulismus in der ganzen Welt. Wenn uns nur wieder ein Kalter Krieg bevor stünde wie in unserem Dreiteiler, dann wären wir damit schon ganz gut bedient. Leider erinnern mich die aktuellen Geschehnisse aber viel eher an die Weimarer Republik und alles, was daraus entstanden ist.

Sie haben einen Halbstarken gespielt in "Kinder der Gewalt", einen Internatszögling in "Crazy", einen historischen Held in "Unsere Mütter, unsere Väter" – jüngst aber auch einen verdeckten Ermittler in "Auf kurze Distanz". Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus? Inwiefern gibt es eine historische Affinität?

Überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass es per se interessante oder uninteressante Themen gibt, sondern nur Themen, die richtig oder falsch bearbeitet werden. Denken Sie beispielsweise an die Serie "The Office", oder deren Plagiat "Stromberg". Die spielt ausschließlich im trostlosen Provinz-Büro einer Englischen Papierfabrik. Trotzdem ist sie dramatisch und super komisch. Mir persönlich ist es vollkommen egal wo und wann ein Film spielt. Hauptsache er hat was zu erzählen.

Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Zunächst beschäftige ich mich mit meiner Band – die heißt "Tom Schilling & The Jazz Kids". Wir spielen aber gar keinen Jazz, sondern Chanson und auch Rock. Ich selbst mag Leonard Cohen, Bob Dylan und Nick Cave. Mit meiner Band habe ich eine Platte aufgenommen, die am 21. April rauskommt, Titel: "Vilnius". Anschließend gehen wir mit dem Album auf Tour. Und dann kommt noch "Werk ohne Autor" raus, den ich mit Florian Henckel von Donnersmarck gedreht habe. Das ist die Geschichte eines jungen Künstlers in der DDR, der vom Krieg traumatisiert ist, in den Westen abhaut, sich in eine Frau verliebt und feststellt, dass ihr Vater mehr mit seiner eigenen Biografie zu tun hat, als er glaubt.

"Tom Schilling & The Jazz Kids": "Schwer dich zu vergessen" live

Miniserien wie "Der gleiche Himmel" sind auf dem Vormarsch. Warum dieser neue Trend?

Weil sich die Sehgewohnheiten verändert haben. Heutzutage lesen die Leute ihre Zeitung auf dem Handy, die Artikel werden kürzer und man sieht generell kürzer fern. Der Trend geht in Richtung Serie und zu 45-minütigen Folgen. Außerdem entscheiden die Konsumenten selber, wie lange sie gucken – beispielsweise nur eine Episode oder direkt eine ganze Serienstaffel. Ich selbst schaue im Fernsehen eigentlich nur noch Sport. Außerdem leihe ich mir DVDs in der Videothek aus, nutze Streaming-Dienste und gehe gerne ins Kino.

Ihre Lieblingsserie?

Ich bin großer Fan von "Mad Men", weil die Geschichte nicht so Plot-lastig ist. Die Serie erzählt eine spezielle Zeit im Amerika der 1950er und 1960er Jahre. Dabei stehen die Emanzipation der Frau sowie die damalige Werbewelt stark im Vordergrund. Insgesamt ist die Serie sehr elegant erzählt – gewissermaßen das Gegenteil von "Breaking Bad", wo man doch schon arg spürt, wie durch ständige Wendungen, Druck und Spannung erzeugt werden soll. Das ist mir zu durchschaubar.

Wer sind Ihre schauspielerischen Vorbilder?

Entgegen der Meinung von Donald Trump ist Meryl Streep die Königin der Schauspielerinnen. Johnny Depp macht auch immer Spaß, obwohl er einen ganz anderen Stil hat. Ich mag Kate Winslet total gerne und bin ein großer Fan von Leonardo DiCaprio. In Deutschland finde ich, dass Moritz Bleibtreu ein wirklich großer Schauspieler ist – genau wie Daniel Brühl. Und Edin Hasanovic, mit dem ich mit dem TV-Film "Auf kurze Distanz" gerade die GOLDENE KAMERA gewonnen habe, ist einfach fantastisch.

Schlussfrage: Die Traumrolle. Gibt es eine?

Ich würde gerne die historische Figur August Engelhardt spielen. Er floh Anfang des 20ten Jahrhunderts aus dem Kaiserreich in die deutsche Kolonie auf Papua-Neuguinea, um als Veganer und Nudist sein Seelenheil zu finden. Christian Krachts fantastisches Buch "Imperium" wäre hierfür die Vorlage.

Regisser Oliver Hirschbiegel verrät im Interview weitere Details über den Dreh von "Der gleiche Himmel":

Oliver Hirschbiegel über den Dreh von "Der gleiche Himmel"

Interview: Mike Powelz

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