Felicitas Woll: "Cybermobbing kann töten"

In dem aufrüttelnden TV-Film "Nackt. Das Netz vergisst nie" kämpft Felicitas Woll als mutige Mutter gegen Erpresser, die Nacktfotos ihrer Tochter im Netz verbreiten. Ein Interview.

Kurz vor ihrem Suizid im Jahr 2012 produzierte die Schülerin Amanda Michelle Todd einen neunminütigen Abschiedsclip mit 74 handgeschriebenen Zetteln. Zuvor war die 15-Jährige Kanadierin jahrelang von einem anonymen Täter erpresst worden – mit Nacktfotos im Internet.

Der Fall Amanda Todd

Darum geht's in "Nackt. Das Netz vergisst nie"

Jetzt wurde der Fall Todd zur Vorlage für den 90-Minüter "Nackt. Das Netz vergisst nie" (4. April, 20.15 Uhr, SAT.1). Darin spielt Felicitas Woll ("Berlin, Berlin") die Mutter der 16-jährigen Lara (Aleen Kötter). Als im Internet ein Nacktbild von ihrer Tochter mit hässlichen Kommentaren auftaucht und die Familie erpresst wird, will Charlotte (Felicitas Woll) das nicht hinnehmen und nimmt den Kampf gegen den Täter auf. Doch je mehr sie versucht, dem Erpresser das Handwerk zu legen, desto gefährlicher wird die Situation: Der mysteriöse Hacker nimmt Charlottes ganze Familie ins Visier.

Wir sprachen mit Felicitas Woll über die Gefahren im Internet, wie "Rachepornoseiten", Cyberkriminalität und das Darknet.

Felicitas Woll über den SAT.1-Film "Nackt"

Interview mit Felicitas Woll

In Ihrem TV-Drama geht's um "Rachepornoseiten". Was soll das sein?

Internetseiten wie das in unserem Film fiktive "Fuck my Ex". Dort laden manche Leute Nacktfotos ihrer Expartner hoch – und die Seitenbetreiber erpressen sie daraufhin.

Und Ihre Figur, Charlotte, kämpft gegen diese Kriminellen?

Genau. Als Charlottes Tochter erpresst wird, geht sie naiv und forsch gegen die Macher vor – denn sie glaubt, dass sie etwas bewirken kann. Dann merkt sie jedoch, dass sie eine Welle auslöst, die sie zu überrollen droht.

Soll der Film junge Zuschauer aufklären?

Ja. Cybermobbing kann töten - und es nimmt zu. Es ist gut, dass immer mehr Schulen mit internetfähigen PCs ausgerüstet werden - aber die Lehrer müssen die Kinder auch über die Gefahren aufklären. Denn in den Tiefen des Netzes - etwa im Darknet - sind Leute unterwegs, die verfolgt gehören, weil sie eine Gefahr für andere sind.

Eine Initiative der EU: klicksafe.de

Wissen Sie jetzt mehr über Cyberkriminalität als vor dem Dreh?

Ich hätte nicht gedacht, dass Cyberkriminalität so heftig ist und wie stark Menschen im Internet bedroht und bedrängt werden. Wir gehen viel zu unbedarft mit dem Netz um - und vertrauen unsere Daten, unsere privatesten Nachrichten und unsere intimsten Bilder arglos unseren Smartphones an, die diese Daten dann auf irgendwelchen Servern speichert. Was dabei alles passieren kann, das habe ich erst während der Dreharbeiten wirklich verstanden.

Sind Sie froh, dass das Internet noch nicht so mächtig war, als Sie ein junger, unbedarfter Teenager gewesen sind?

Auf jeden Fall. Damals gab es nicht den ständigen Druck, allen zu zeigen, was man gerade macht oder plant. Auch heutzutage nutze ich das Internet hauptsächlich, um Kontakt mit den Fans zu halten. Außerdem mag ich Instagram, weil ich gern fotografiere. Doch ich komme noch aus einer Generation, die nicht das Bedürfnis hat, sich jeden Tag mitzuteilen und zu sagen, was sie gerade isst oder macht. Ich möchte nicht die ganze Zeit gucken, ob mir andere ein "Like" gegeben haben. Ich bin kein "Like-Junkie". Die Leute liken Dinge viel zu schnell! Statt sich zum Beispiel mal ein Foto richtig intensiv anzuschauen und es drei bis vier Sekunden lang richtig auf sich wirken zu lassen, wird es sofort "geliket". Dabei haben viele den Prozess des Likens gar nicht mehr unter Kontrolle und behalten die Dinge auch nicht mehr lange in Erinnerung.

Haben wir mit dem Internet einen Geist gerufen, den wir nicht mehr loswerden?

Das Ganze ist ein Fass ohne Boden. Für mich ist das Internet ein "Ding", in das man hineinschaut, aber von dem man nicht weiß, was alles zurückschaut. Wenn eine Sache wie das Netz so wenig kontrollierbar ist, dann kann es zu einer Gefahr werden. Deshalb sollte jeder bewusst mit dem Medium umgehen, damit es ihm nicht um die Ohren fliegt.

Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?

Zu Beginn meiner Karriere habe ich viele Komödien gedreht. Die sind das Schwierigste - quasi die Königsklasse. Mit zunehmendem Alter wurden meine Rollen dann intensiver. Ich mag Rollen, die mich fordern, etwa Figuren, bei denen ich real Erlebtes spielen kann. Wenn ich ein Drehbuch lese, weiß ich nach den ersten fünf Seiten, ob mein Bauch so darauf reagiert, dass ich die Rolle spielen will. Dazu muss ich Figuren fühlen und verstehen. Es muss etwas geben, das mich beim Lesen anzieht - so dass ich am liebsten sofort mit dem Dreh loslegen würde.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden all die Frauenfiguren, die Sie gespielt haben, für ein Gruppenbild vereinen. Wer stünde ganze vorne – und warum?

"Die Ungehorsame". Bei diesem Film habe ich ein Opfer häuslicher Gewalt gespielt. "Die Ungehorsame" ist eine Figur gewesen, die sehr nah bei mir war, die ich sehr intensiv gelebt habe. Die würde auf jeden Fall ganz weit vorne stehen als starke, kraftvolle Frau. Daneben steht auch schon Lolle, die ihr die Hand reicht und etwas ganz Anderes lebt - die Leichtigkeit, die Liebe, die Lust und die Freude am Leben. Ich mag es, Frauen zu spielen, die stark aus einer Sache rausgehen.

Warum haben Sie noch nie eine böse Rolle gespielt? Etwa eine Mörderin?

Vielleicht sehe ich zu nett aus. Aber etwas Kaltes, Durchtriebenes finde ich spannend. Es würde mich reizen, eine verborgene Seite zu zeigen von einem netten, vordergründig umgänglichen Menschen. Eine Mörderin muss es nicht sein, aber jemanden, den man nicht einschätzen kann. Horrorfilme interessieren mich nicht.

Bald gibt's das Kino-Comeback von Berlin, Berlin. Sind Jan Sosniok, Matthias Klimsa & Sandra Borgmann erneut dabei?

Ich denke ja. David Safiers Buch ist schon fertig und wir haben die ersten Castings hinter uns. Es ist irre, "Lolle" nach 15 Jahren wieder zu spielen.

Gibt es noch ein Zukunftsprojekt?

Ja, ich drehe einen SAT.1-Film namens "Das Nebelhaus". Darin spiele ich eine Journalistin, die auf Wunsch einer Mutter in einem Haus recherchiert, wo mehrere Menschen gestorben sind.

Interview: Mike Powelz

Hier finden Sie Hilfe gegen Cybermobbing

Telefon-Notdienste in Deutschland:

Die Nummer gegen Kummer bzw. Kinder- und Jugendtelefon ist in Deutschland kostenlos, der Anruf ist anonym.

Telefonnummer für Kinder & Jugendliche: 0800 111 0333

oder (vom Handy): 116 111

Sprechzeiten: Montag bis Samstag 14.00 - 20.00 Uhr

Telefonnummer für Eltern: 0800 111 0550

Sprechzeiten: Mo. - Fr. 9.00 - 11.00 Uhr, Di und Do 17.00 - 19.00 Uhr

www.nummergegenkummer.de

Telefonseelsorge

1. Nummer: 0800 111 0 111 (Angebot der evangelischen Kirche)

2. Nummer: 0800 111 0 222 (Angebot der katholischen Kirche)

Der Anruf ist kostenlos und anonym.

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