"Tod einer Kadettin": Gefangen in einem Albtraum auf See

Tragödie auf der "Gorch Fock": Wer trägt die Schuld am Tod von Jenny Böken?

Am 4. September 2008 ging die 18-jährige Sanitätsoffizieranwärterin Jenny Böken vor Norderney über Bord der "Gorch Fock" und ertrank im 15 Grad kalten Wasser. Sie war von 20 bis 24 Uhr zur Segelwache eingeteilt. Die Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Wurde sie von angetrunkenen Kameraden erschreckt? Stürzte sie über die Reling, weil sie nicht seetauglich war – und unter Diabetes litt? Oder könnte es auch ein Selbstmord gewesen sein, weil sie zuvor wochenlang gemobbt worden war?

Der Spielfilm "Tod einer Kadettin" (5. April, 20.15 Uhr, Das Erste) mit Maria Dragus ("Das weiße Band") als Kadettin Lilly Borchert zeichnet eine ähnliche Situation nach - und stellt dabei auch die Frage nach der Schuld.

"Tod einer Kadettin": Maria Dragus im Interview

Wer hat etwas zu verbergen?

"Unser Film ist zwar kein Abbild der damaligen Ereignisse", so Produzent Nico Hofmann ("Unsere Mütter, unsere Väter", GOLDENE KAMERA 2014), "aber er wurde vom Sachbuch 'Unser Kind ist tot' der Autorin Dona Kujacinski inspiriert." Auf der Basis dieser Vorlage hat die Drehbuchautorin und Grimme-Preisträgerin Hannah Ley eine eigene Story entwickelt – und dabei die Marine als sozialen Hintergrund für ein Mädchen ausgewählt, das sich freiwillig auf fremdes Terrain begibt und dort an den eigenen Ansprüchen und der Realität scheitert.

Hannah Ley ("Letzte Ausfahrt Gera: Acht Stunden mit Beate Zschäpe") las nicht nur den Obduktionsbericht, sondern auch Bökens Tagebuch. Sie verrät: "Im Vorfeld der Produktion gab es einige Hintergrundgespräche mit der Marine, aber ansonsten hat man sich geweigert, mit uns zu sprechen oder uns mit Kadetten der 'Gorch Fock' reden zu lassen. Da kommt man auf die Idee: Die verbergen etwas."

Trailer zu "Tod einer Kadettin"

Auch Nico Hofmann wundert sich noch immer über die Geheimnistuerei der Bundeswehr, denn nicht einmal Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, mit der er persönlich bekannt ist, antwortete auf seine Anfragen. Dennoch gelang Hofmann das Kunststück, zusätzlich zum Spielfilm eine gut recherchierte Dokumentation über das Schicksal der auf rätselhafte Weise gestorbenen Kadettin zu drehen: Der 30-minütige Film "Der Fall Gorch Fock: Die Geschichte der Jenny Böken" (im Anschluss an den Film) rekonstruiert die letzten Stunden im Leben der Kadettin, lässt ihre Eltern zu Wort kommen – und illustriert eindrucksvoll, wie sehr die Rolle der Lilly Borchert an Jenny Böken angelehnt ist.

Ein Fall von Mobbing?

Autorin Hannah Ley: "Lilly ist eigenwillig, manchmal vorlaut. Sie bietet dadurch Angriffsflächen für Mobbing und Ausgrenzung." Schauspielerin Maria Dragus sieht das ähnlich: "Meine Figur wird stark gemobbt – auch von den weiblichen Kadetten. Lilly ist eine Einzelkämpferin, sie wird von der Gruppe ausgestoßen. Sie will im Leben vorankommen, ist verbissen – und drängt stets nach vorn, ohne Rücksicht auf sich selbst zu nehmen."

Im Film sondert sich das Mädchen im Lauf der Zeit immer mehr ab: Gefangen in einem Albtraum auf See und unter Anfeindungen, Leistungsdruck und Sexismus leidend, geht Lilly schließlich über Bord. So bleiben auch im Film die entscheidenden Fragen offen: War es ein Unfall, ein Mord – oder ein Selbstmord aus Verzweiflung?

GOKA-Wertung

(Eine Bewertung der Redaktion. Die Beurteilung des Films durch die GOKA-Jury ist davon unabhängig)

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