Anja Kling: "Ich habe nie meine Akte angefordert"

Foto: ZDF
Die 47­jährige Anja Kling ist selbst im ostdeutschen Wilhelmshorst bei Potsdam aufgewachsen und hat bereits mehrfach in TV-Produktionen mit DDR-Hintergrund mitgewirkt.

Die GOLDENE KAMERA Preisträgerin von 2009 spielt im ZDF­-Drei­teiler "Honigfrauen" (ab 23.04. im ZDF) die Mutter von zwei Töchtern (gespielt von Sonja Gerhardt und Cornelia Gröschel), die 1986 Urlaub am Balaton machen und ausspioniert werden.

GOLDENE KAMERA: Sommer, Sonne, See – der Dreh zu „Honigfrauen“ war pure Freizeit, stimmt’s?

ANJA KLING: Irrtum – es war anstrengend. Zwar sieht der Zuschauer immer nur Sonne, aber wir haben teilweise ganz schön mit Wetterkapriolen gekämpft. Denn es hat geregnet und gestürmt und der Balaton war zum Teil nur 14 Grad warm.

Was sind Honigfrauen?

Ich glaube, der Begriff ist eine Erfindung aus unserem Film. Dort wurden Ost-Mädchen so genannt, weil sie wie klebriger Honig an den West-Jungen hingen und sich dadurch Vorteile erhofft haben.

Sie spielen die Mutter der Protagonistinnen …

Kirsten ist eine Frau, die eigentlich gern ein anderes Leben geführt hätte – im Westen mit mehr Freiheit und Möglichkeiten. Stattdessen hat sie sich klaglos in einem Leben in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung eingerichtet – mit einem sie liebenden Partner, der aber nur „second best“ ist. Vor diesem Hintergrund wühlt Kirsten die Wiederbegegnung mit ihrer einstigen großen Liebe sehr auf.

Interview mit Anja Kling zu "Honigfrauen"

Warum ist die Story reizvoll?

Ich habe schon einige Filme gedreht, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit der DDR-Vergangenheit auseinandersetzen. Das Thema lässt sich als großes Drama erzählen – oder eben leichter, wie jetzt in den „Honigfrauen“. Nach meiner Kenntnis gibt es bislang keinen Film über die Begegnungen der Ost- und Westdeutschen am Balaton. Dabei war der See eines der wenigen Reiseziele, die auch den Ostdeutschen zugänglich waren. Wer das nötige Kleingeld hatte, konnte im Sommer nach Ungarn reisen. Dort traf er dann unweigerlich auf Westdeutsche, die ebenfalls am See urlaubten. Derart intensive Begegnungen waren quasi nur dort möglich.

700.000 DDR-Bürger trafen am See auf 800.000 Westdeutsche – ist der See damit auch ein Symbol für einen amourösen Schmelztiegel der deutsch-deutschen Beziehung?

Ja, das passt. Aber trotzdem war der Balaton nicht für Jedermann das Richtige. Meine Eltern waren nicht mit uns Kindern dort, wohl aber einmal ohne uns – als ich noch klein war. Danach wollten sie nicht wieder zum Balaton reisen, denn es gab einen spür- und sichtbaren Unterschied, der dort zwischen Ost- und Westdeutschen gemacht wurde. Meine Eltern wollten sich und uns ersparen, sich wie Menschen zweiter Klasse fühlen zu müssen.

Wenig bekannt ist, dass die ostdeutschen Urlauber auch von Badehose tragenden Agenten der Balaton-Brigade ausspioniert wurden – etwa, um Fluchtpläne zu vereiteln …

Ich habe das auch erst durch diesen Film und die Drehbücher erfahren. Als DDR-Kind war mir vieles nicht bekannt, was ich später dann durch meinen Film „Wir sind das Volk“ über die Ex-DDR erfahren habe – sei es die Existenz der Stasigefängnisse in Hohenschönhausen oder das Frauengefängnis Hoheneck.

Kommt im Zuge der historischen Nachbearbeitung immer noch Neues über die ehemalige DDR ans Tageslicht, das Sie nicht wußten?

Absolut. Dass es in Hoheneck ein Frauengefängnis gab, wusste ich, aber dass zwei von 30 Insassen pro Zelle politisch Gefangene waren, das habe ich auch durch die Dreharbeiten zu „Es ist nicht vorbei“ ersterfahren.

Die beiden Schwestern Catrin Streesemann (Cornelia Gröschel, l.) und Maja Streesemann (Sonja Gerhardt, r.) wollen per Anhalter zum Balaton zu kommen.
Catrin (Cornelia Gröschel) kehrt von einem Streitgespräch mit ihrer Schwester Maja sehr aufgewühlt zurück auf den Campingplatz.
Kirsten (Anja Kling, l.) und Karl (Götz Schubert, r.) fahren in ihrem Trabi zu ihren Töchtern nach Ungarn an den Plattensee, da sich Kirsten Sorgen macht.
Die gesamte Familie Streesemann ist an den Balaton gereist: Erik (Dominic Raacke), Karl (Götz Schubert), Maja (Sonja Gerhardt), Kirsten (Anja Kling), Catrin (Cornelia Gröschel), Rudi (Franz Dinda) mit Tamás (Stipe Erceg) vor der Balaton-Residenz.
Catrin (Cornelia Gröschel, M.) erzählt ihren fassungslosen Eltern Kirsten (Anja Kling, r.) und Karl (Götz Schubert, l.), was sie über eine misslungenen Fluchtversuch weiß.
Rudi (Franz Dinda, r.) erinnert Karl (Götz Schubert, l.) eindringlich daran, was die Partei von ihm erwartet.
Kirsten (Anja Kling, r.) bringt ihre Tochter Catrin (Cornelia Gröschel, M.) in Verlegenheit und plaudert beim Lagerfeuer mit deren Urlaubsbekanntschaft Rudi (Franz Dinda, l.) Kindheitserinnerungen aus.
Karl Streesemann (Götz Schubert, l.) verbietet dem ungarischen Hotelbesitzer Tamás (Stipe Erceg, r.) den weiteren Umgang mit seiner Tochter Maja (Sonja Gerhardt, M.).
Maja (Sonja Gerhardt, l.) und Tamás (Stipe Erceg, M.) vergnügen sich im Wasser, während Catrin (Cornelia Gröschel, r.) betreten im Boot sitzen bleibt.
Rudi (Franz Dinda, l.) unterhält sich mit einem Stasi-Mitarbeiter (Peter Jordan, r.) auf dem Campingplatz am Balaton.
Catrin (Cornelia Gröschel, l.) hat sich den Fuß verletzt und wird vom Hotelbesitzer Tamás (Stipe Erceg, r.) in der Balaton-Residenz verarztet.
Maja (Sonja Gerhardt, l.) und Catrin (Cornelia Gröschel, r.) entdecken eine Abhör-Wanze in ihrem Zelt.
Ein Trabi vor Hindernissen: ob Karl Streesemann (Götz Schubert, r.) seine Tochter Maja (Sonja Gerhardt, l.) rechtzeitig vor dem Traualtar absetzen kann?

Welche Schnittmengen gab es zwischen Ihrer Familie und der Stasi?

Keine. Ich habe aber auch nie meine Akte angefordert. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es über mich eine geben sollte – schließlich war ich auch erst 19 als die Mauer fiel.

„Honigfrauen“ spielt 1986. Damals waren die Sommerhits „Venus“ von Bananarama und „Lessons in Love“ von Level 42. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Jahr?

1986 war ich 16 und eine Disco-Maus, die gern tanzen gegangen ist. Mit 16 habe ich nichts vermisst, was es im Westen gab – denn was man nicht kennt, das fehlt einem auch nicht. Mein Jugendleben war sehr fröhlich: Ich ging zur Ballettschule, wollte Tänzerin werden und habe am Balaton Ostberlin als große weite Welt empfunden

Welche Dreh-Requisiten aus 1986 fanden Sie toll?

Auf dem Campingplatz am Balaton hat mich vieles an unsere eigenen Ostsee Zelturlaube erinnert. Das war schon lustig. Die Mode allerdings war damals eine Sünde. Ob Schulterpolster oder Moonwashed-Jeans mit Karottenschnitt – danach sehne ich mich nicht zurück.

In welches Jahrzehnt würden Sie gern mal zeitreisen für einen Film?

Ich würde gern einen Science-Fiction-Film drehen und in die Zukunft reisen.

Ihre nächsten Projekte?

In „Angst“ spiele ich mit Heino Ferch. Dabei geht’s um einen Stalker – gespielt von Udo Samel – im eigenen Haus, der eine Familie an den Rand des Wahnsinns treibt. Dieser ZDF-Film wird im Herbst gezeigt. In einem weiteren ZDF-Film mit dem Arbeitstitel „Der Mann im Mond“ spiele ich eine Moderatorin, deren kleines Kind entführt wird.

Es geht weiter: Die besten TV-Premieren der Woche

Ostermontag, 17. April: "Mord auf Shetland – Sturmwarnung" (21.45 Uhr, Das Erste, 1+2)
Ostermontag, 17. April: "Tatort: Sturm" (20.15 Uhr, Das Erste)
Mittwoch, 19. April: "Zwei" (20.15 Uhr, Das Erste)
Freitag, 21. April: "Praxis mit Meerblick - Willkommen auf Rügen" (20.15 Uhr, Das Erste)
Donnerstag, 20. April: "1864" (23.15 Uhr, Arte)
Sonntag, 23. April: "Honigfrauen" (20.15 Uhr, ZDF, Teil 1)
Sonntag, 23. April: "The Missing - Wo ist Oliver" (22.05 Uhr, ZDF, Teil 1)
Sonntag, 23. April: "Tatort - Wehrlos" (20.15 Uhr, Das Erste)
Ostern ist vorbei, aber die TV-Sender haben doch noch nicht alle Highlights versendet. Also können wir auch diese Woche unsere Auswahl der besten TV-Premieren präsentieren.
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