Julia Koschitz: "Ich hoffe auf politische Konsequenzen"

Im TV-Thriller "Gift" deckt Julia Koschitz als Interpol-Agentin einen Pharmaskandal auf. Wir trafen die Schauspielerin zum Gespräch.

Der ARD-Thementag beginnt spannend: Das Erste zeigt am 17. Mai um 20.15 Uhr den Wirtschaftskrimi "Gift" mit Julia Koschitz und Heiner Lauterbach. Darin konfiziert die Interpol-Agentin Juliette Pribeau (Julia Koschitz) bei einer Razzia im deutsch-tschechischen Grenzgebiet mehrere Tonnen gefälschter Medikamente. Dabei stößt sie auch auf den Adressaten der Lieferung: Günther Kompalla (Heiner Lauterbach).

Wir trafen auch Heiner Lauterbach zum Interview:

"Gift"-Star Heiner Lauterbach im Video-Talk

Der Pharma-Großhändler Kompalla ist seit Jahren in profitable Geschäfte mit gefälschten Pillen verstrickt, doch jetzt, unheilbar an Krebs erkrankt, will er sich mit seiner in den Slums von Mumbai als Ärztin tätigen Tochter Katrin (Luise Heyer) versöhnen und ihr ein "sauberes" Erbe hinterlassen. Er droht den Hintermännern mit Verrat. Als er sich nach Indien absetzt, überzeugen Lobbyistin Prof. Edwards (Maria Furtwängler) und Pharma-Manager Adler (Martin Brambach) den Interpol-Präsidenten (Francis Fulton-Smith), Agentin Pribeau auf seine Spur zu setzen. Edwards’ Ziel: Kompallas Beweise sichern – um diese zu vernichten.

In der Anschluss-Doku "Gefährliche Medikamente" (17. Mai, 21.45 Uhr, Das Erste) verraten, so die ARD, unter anderem ehemalige Mitarbeiter von Pharmafirmen, wie schutzlos wir den Arzneifälschern ausgeliefert sind.

Im Interview verrät Julia Koschitz, wie sehr sie das gesellschaftskritische Thema überzeugt hat und dass sie hofft, dass das Thema öffentliche Aufmerksamkeit bekommt und auch die Politik daraus Konsequenzen zieht.

Interview mit Julia Koschitz

Frau Koschitz, wie hat sich Ihr Verhältnis zu Medikamenten durch den Filmdreh "Gift" verändert? Sehen Sie die Pharmabranche jetzt mit anderen Augen?

Nein, in erster Linie bin ich froh, dass es Medikamente gibt. Es geht ja nicht darum eine gesamte Branche zu verurteilen, sondern um diejenigen, die mit Fälschungen viel Geld machen und das auf unsere Kosten. Ich denke, dass man als Verbraucher auch Verantwortung übernehmen und nicht jedem blind vertrauen sollte, ganz gleich um welche Ware es sich handelt, deswegen finde ich das Thema auch erzählenswert. Daniel Harrich weist mit seinem Film darauf hin, dass mehr über Kontrolle nachgedacht und geredet werden muss. Ich hoffe, dass er gemeinsam mit seiner Dokumentation die öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, dass es möglicherweise im Anschluss auch politische Konsequenzen gibt.

Wussten Sie schon vor dem Dreh, dass so viele falsche Pillen im Umlauf sind?

Ja. Aber Medikamentenfälschungen habe ich eher mit dem Angebot übers Internet verbunden. Mit Lifestyle-Präparaten und Viagra, aber nicht mit Medikamenten, die man möglicherweise sogar in der Apotheke bekommt.

Sie spielen eine Interpol-Agentin, die dem Skandal auf die Schliche kommt. Was muss eine Rolle haben, damit Sie zusagen?

Für mich ist das Drehbuch ausschlaggebend. Ich muss etwas mit der Geschichte anfangen können. Im Fall von "Gift" war es vor allem das gesellschaftskritische Thema, das mich überzeugt hat.

In "Gift" geht’s um Profitmaximierung durch Verbrauchertäuschung. Verdirbt Geld den Charakter?

Das ist wahrscheinlich eine der ältesten Fragen in der Menschheitsgeschichte. Geld ist eine Herausforderung für uns Menschen. Und es gibt leider viele Beispiele dafür, dass Geld Menschen weit über die Grenzen der Moral hat gehen lassen.

Wie war der Dreh in Indien?

Ich habe mich sehr gefreut, dass ich wenigstens für eine Woche nach Mumbai mitkommen konnte. Ich war zum ersten Mal in Indien und das, was ich dort erlebt habe, ist deckungsgleich mit den Aussagen vieler meiner Freunde: Erstmal ist man einfach nur überwältigt von der Reizüberflutung und außerdem schockiert vom Ausmaß der Armut. Man ist regelrecht gelähmt. Natürlich regt das zum Nachdenken an. Welche Rolle wir aus der Ersten Welt da übernehmen, nach wie vor zu einem großen Teil Profiteure eines Systems, unter dem die Menschen der Dritten Welt zu leiden haben. Auch im Zusammenhang mit unserem Film. Ausgerechnet die, die lebensrettende Medikamente am nötigsten haben, leiden am stärksten darunter, wo der Prozentsatz an gefälschten Medikamenten unvergleichbar höher ist als hier. Paradoxerweise war die Indienreise aber auch eine ganz optimistische Erfahrung, weil man mit einer Lebensfreude konfrontiert wird, die man bei uns selten erlebt. Es ist verrückt, dass Menschen unter diesen Umständen gleichzeitig eine viel positivere Ausstrahlung als wir haben.

Menschen, die anderen helfen, werden oft als "Gutmenschen" deklariert und mit Träumern verglichen. Glauben Sie an die Kraft der Gutmenschen? Und kann jeder von uns Dinge verändern?

Ja, ich glaube, dass wir alle etwas verändern können. Man kann auch im Kleinen, in seinem direkten Umfeld Dinge gestalten. Die Frage ist nur, ob wir es wollen, weil Erneuerungen durchaus mit Verzicht oder Engagement zu tun haben können. Ich finde, man sollte nie aufhören, sich in Frage zu stellen und im Zweifelsfall Zustände zu verändern, die anderen Menschen oder der Umwelt schaden.

Ihr Lebensmotto?

Ich lasse mich von keinem Motto tragen. Ich glaube daran, dass wir miteinander reden müssen – ganz gleich ob der Dialog im privaten oder beruflichen Kontext stattfindet, oder als Gesellschaft im sozialen und politischen. Wenn wir Probleme lösen wollen, müssen wir infrage stellen, welche Wirkung unser Handeln hat. Ich glaube, dass wir nur durch den Austausch eine Möglichkeit kriegen, die Perspektive des anderen einzunehmen. Nur durch den Perspektivwechsel kann man begreifen und spüren, was richtig und was falsch läuft und daraus die entsprechenden Schlüsse zu ziehen.

Ihre nächsten spruchreifen Projekte? Was ist in der Pipeline, was wird realisiert?

Vor kurzem habe ich den "Tatort" mit dem Arbeitstitel "Mord ex Machina" mit Devid Striesow in Saarbrücken abgedreht. Und jetzt freue ich mich auf ein Wiedersehen im Harz mit Aljoscha Stadelmann in dem Krimi "Der harte Brocken".

Interview: Mike Powelz

Kommentare einblenden

TV-Aufreger des Jahres: Thriller "Gift" mit Heiner Lauterbach

Der TV-Thriller "Gift" (17. Mai 2017, 20.15 Uhr, Das Erste) und eine Doku enthüllen den Pharmaskandal um gepanschte Medikamente.
Mehr lesen