Exklusiv: Ausschnitt aus der brisanten Doku "Gefährliche Medikamente"

Mo, 15.05.2017, 10.24 Uhr

Dr. Tobias Vogt vom Verein German Doctors über Medikamentenmissbrauch in Kalkutta.

Kursieren auch in Deutschland gefährliche Kopien von Medikamenten? Die neue Doku "Gefährliche Medikamente" von Regisseur Daniel Harrich klärt auf.

Was, wenn in einer Medizin gar nicht das enthalten ist, was die Packungsbeilage verspricht – weil es sich um eine Billigkopie handelt? Und das vielleicht gar bei lebenswichtigen Mitteln? Mit diesem Skandal beschäftigt sich nun der ARD-Themenabend am 17. Mai. Schon im Vorfeld kündigt der Sender unglaubliche Enthüllungen über den Handel mit gefälschter Arznei an: mit Schmerz- und Thrombosemitteln, Antibiotika, ja sogar Chemotherapeutika. Zuerst beleuchtet der Spielfilm "Gift" mit Heiner Lauterbach (hier im Interview) und Julia Koschitz (hier im Interview) das globale Problem mit gepanschten Pillen.

Günther Kompalla (Heiner Lauterbach) auf der Suche nach seiner Tochter in den Slums von Mumbai. © BR/diwafilm GmbH
Interpol-Agentin Juliette Pribeau (Julia Koschitz) ist überrascht als Günther Kompalla sie um ein Treffen bittet. © BR/diwafilm GmbH
Interpol-Agentin Juliette Pribeau ermittelt beim indischen Pharmahersteller "Bishen". © BR/diwafilm GmbH
Interpol-Agentin Juliette Pribeau (Julia Koschitz) und Günther Kompalla (Heiner Lauterbach). © BR/diwafilm GmbH
Günther Kompalla (Heiner Lauterbach) klärt mit Anwalt Rainer Schmid (Michael Brandner) Einzelheiten zum Verkauf der Firma "KompaPharm“. © BR/diwafilm GmbH
Interpol-Agentin Pribeau (Julia Koschitz) und ihr tschechischer Kollege (Jakub Slodowicz).© BR/diwafilm GmbH
Von links: Pharma-Expertin Prof. Dr. Vera Edwards (Maria Furtwängler), "Poindex" - CEO Roger Adler (Martin Brambach) und der Interpol-Präsident (Francis Fulton-Smith) beim Empfang in der EU-Kommission. © BR/diwafilm GmbH
Von links: Bei den Verhandlungen zwischen "KompaPharm"-Eigentümer Günther Kompalla (Heiner Lauterbach) und dem Banker Matteo Kälin (Ulrich Matthes) der Schweizer "MIG Bank", der von einem Analysten der MIG Bank (Lasse Myhr) begleitet wird, mit hartenBandagen gekämpft. © BR/diwafilm GmbH
Günther Kompalla (Heiner Lauterbach) hilft der Interpol-Agentin Juliette Pribeau (Julia Koschitz) in die Fertigungshallen der indischen Firma "Bishen" zu kommen. © BR/diwafilm GmbH
Katrin Kompalla (Luise Heyer) und Kiran Chitre (Arfi Lamba) arbeiten für die NGO "Global Life Protect" in den Slums von Mumbai. © BR/diwafilm GmbH
Kompalla (Heiner Lauterbach) besucht seine Tochter Katrin (Luise Heyer) in einem Krankenhaus in Mumbai. © BR/diwafilm GmbH
Interpol-Agentin Juliette Pribeau (Julia Koschitz) vor dem Untersuchungsausschuss der U.S. SEC. © BR/diwafilm GmbH

Anschließend packen frühere Mitarbeiter von Pharmafirmen sowie Branchenkenner in der Doku "Gefährliche Medikamente" (21.45 Uhr, Das Erste) aus und legen die skrupellosen Machenschaften von Arzneifälschern offen. "Die Enthüllungen basieren auf geheim gehaltenen Dokumenten und Ermittlungsakten sowie auf Aussagen von Insidern und Experten", erklärt hierzu ARD-Programmdirektor Volker Herres.

Regisseur Daniel Harrich nimmt die Arzneibranche ins Visier

Doch woran scheitern die Kontrollen? Und sind auch deutsche Patienten betroffen? Wir sprachen mit dem Regisseur von Film und Doku Daniel Harrich. Der 33-Jährige hat Erfahrung mit Enthüllungsgeschichten. Oft haben diese sogar politische Konsequenzen. 2015 etwa deckte er nach jahrelangen Recherchen die Verstrickungen deutscher Beamter in illegale Waffengeschäfte auf. 2016 wurde er für den ARD-Spielfilm "Meister des Todes" und die Doku "Tödliche Exporte: Wie das G36 nach Mexiko kam" mit dem Grimme-Preis geehrt. Aufgrund seines Themenabends wurden zudem Ermittlungsverfahren gegen deutsche Kleinwaffenhersteller eingeleitet.

Nun nimmt der Filmemacher die Arzneibranche ins Visier. Gegenüber GOLDENE KAMERA erklärt er: "In unserer Doku zeigen wir, wie manche Pharmafirmen auch in Deutschland buchstäblich über Leichen gehen, um ihre Rendite zu steigern." Harrich will sogar nachweisen, dass selbst Popikone Prince 2016 Opfer gefälschter Präparate wurde. Dazu zeigen wir Ihnen hier ab Mittwoch, 17. Mai, einen exklusiven Ausschnitt aus der Doku.

Als Beispiel aus dem Alltag nennt er: "Leider fehlt auf Medikamentenschachteln meist der Hinweis, wo diese Mittel produziert wurden. Obwohl der Hinweis 'Made in …' mittlerweile auf jedem Billig-T-Shirt zu finden ist und sich die Produktionsstätte von Kleidungsstücken bis zu Fabriken in Indien oder Bangladesch zurückverfolgen lässt, sucht man Herstellernachweise auf deutschen Präparatepackungen vergeblich."

Profitable Geschäfte

Die Folgen sind fatal: "Als normaler Verbraucher hat man überhaupt keine Chance, Medikamentenfälschungen zu entlarven", sagt Harrich. "Denn Pharmakonzerne, die ihre Produktion aus Profitgründen an billige Hersteller im weit entfernten Ausland verlagern, produzieren nicht nur selbst unter möglicherweise problematischen Bedingungen, sondern verraten Fremdfirmen auch die Zusammensetzung ihrer Medikamente und übermitteln ihnen obendrein sämtliche technischen Produktionscodes." Deshalb, so der Regisseur, verfügen Unternehmen in Fernost mitunter über alle Komponenten – was den Betrug vereinfacht: "Sie können tagsüber das Originalmedikament produzieren und nachts billige Fälschungen mit denselben Strichcodes herstellen. Weder für die Patienten noch für die Apotheker ist anschließend nachvollziehbar, ob eine Packung wirklich echt ist."

Wie viele falsche Pillen sind hierzulande wohl im Umlauf? Daniel Harrich wagt eine Hochrechnung: "Allein in Deutschland werden jährlich offiziell rund 1,4 Milliarden Präparatepackungen verkauft, hinzu kommen der Grau- und der Schwarzmarkt. Insgesamt ist laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation rund ein Prozent der Medikamente in Deutschland gefälscht. Diese schätzungsweise 14 Millionen Medikamente sind minderwertig, gepanscht, gestreckt, mitunter sogar gefährlich."

Eine Branche außer Kontrolle

Nach Meinung des Grimme-Preisträgers kommen nicht einmal staatliche Kontrollinstanzen gegen die Tricks der Produktpiraten an. "Ein Präparat und dessen Wirkstoffe reisen oft dreimal um die Welt, bevor sie in einer Apotheke landen, und wandern laut Experten im Schnitt durch bis zu 32 Hände, bis sie beim Konsumenten ankommen. Jede Woche gibt es mehrere Rückrufaktionen in deutschen Apotheken – etwa wegen Verunreinigung, Wirkstoffschwankungen oder Fälschungsverdacht. Beispielsweise wurde jüngst, am 31. Januar 2017, das Medikament "Votrient®" (Pazopanib) gegen Nierenkrebs zurückgerufen, weil wohl Fälschungen kursierten."

Wer überprüft die Arzneien? Und warum versagen so viele Kontrollinstanzen? Harrich erläutert: "In Deutschland ist etwa das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, zuständig für die Zulassung, den Import und die Kontrolle von Arzneimitteln. Aber leider steht das BfArM, genau wie sein Korrelat auf europäischer Ebene, die European Medicines Agency, mittlerweile vor extremen Herausforderungen: Zigtausende zugelassene Medikamente, neue Zulassungen, Forschung und Entwicklung, Qualitätskontrolle – all das sind heutzutage Bereiche, die nicht mehr in regionalen Firmen stattfinden, sondern rund um den Globus. Ein deutscher Apotheker hat deshalb kaum die Chance, Herstellungsland, Ursprung und Qualität eines ihm vorliegenden Mittels herauszufinden oder zu prüfen. Transparenz sieht anders aus! Und in anderen Teilen der Welt gibt es überhaupt keine Kontrollsysteme. Dort sind die Folgen noch gravierender!"

Dr. Harald Kischlat, der beim TV-Film als Berater mitwirkte, bestätigt Harrichs Einschätzung. Kischlat ist im Vorstand der German Doctors, eines Bonner Vereins, der pro Jahr 300 ehrenamtliche Ärzte in medizinische Notstandsgebiete entsendet. "Der Film 'Gift' kommt dem, was ich bei unserer Projektarbeit in Ländern wie Indien und Kenia erlebe, erstaunlich nahe. Die juristische Strafverfolgung gestaltet sich bei Medikamentenfälschern schwierig – nicht zuletzt fehlt es in solchen Ländern oft am nötigen Wissen. Bislang jedoch verfolgen viele Juristen den Betrug mit gefälschten Medikamenten kaum, weil sie selbst nichts davon wissen. Ich war jedenfalls erstaunt, als ich mit eigenen Augen sah, wie blitzschnell eine Maschine täuschend echte Packungen herstellte. Wenn dann noch Patienten, die etwa auf chemotherapeutische Behandlungen angewiesen sind, solche Präparate erhalten, steht ihr Leben auf dem Spiel. Es gibt bereits mehrere Fälle, in denen Menschen vorzeitig durch gefälschte Medikamente starben. Ich warne ausdrücklich vor dem Medikamentenhandel im Internet, denn der ist noch anfälliger für Produktpiraterie als der Verkauf in deutschen Apotheken. Beim Internethandel stehen bis zu 50 Prozent Fälschungen im Raum."

Exklusiver Ausschnit aus der Doku "Gefährliche Medikamente"

Eine Warnung, die auch Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) im Interview mit GOLDENE KAMERA stützt: "Wahr ist, dass in illegalen Vertriebswegen, also etwa bei Bestellungen über dubiose Internetversender, viele Medikamente gefälscht sind. Die deutschen Apotheken hingegen beziehen Arzneimittel ausschließlich über legale und streng kontrollierte Vertriebswege. Sie geben im Jahr rund 1,4 Milliarden Packungen Arzneimittel ab, und in jeder Apotheke werden täglich Stichproben an Arzneimitteln untersucht, insgesamt mehr als sechs Millionen im Jahr. Wenn ein Apotheker einen Verdacht hat, meldet er ihn an die zuständigen Behörden."

Filmemacher Harrich ergänzt: "Beim Internethandel ist oft gefälschtes Viagra betroffen – wenn das nicht wirkt, sind die Folgen nicht so dramatisch. Aber wenn es um Malariamedikamente geht oder um Antibiotika, können die Folgen tödlich sein. In unserer Doku beleuchten wir jedoch das Problem der weltweiten Arzneimittelsicherheit – am Beispiel von Internetapotheken und normalen Apotheken um die Ecke. Dabei wollen wir keine Panik schüren, sondern bloß Systemfehler beleuchten. Denn Arzneimittelfälschungen betreffen uns alle! Das werden Interviewpartner belegen, die erstmals streng vertrauliche Berufs- und Dienstgeheimnisse verraten."

Diese "Kronzeugen" waren laut Harrich selbst lang Teil des korrupten Systems. Bei den Machenschaften, die sie nun aufdecken, haben sie mitgemischt. Nicht immer, aber häufig. Oft gegen ihre eigenen moralischen Maßstäbe. Harrich kündigt an: "Wir sichern mehreren Informanten Anonymität und Quellenschutz zu. Viele der Fallgeschichten, die nun durch sie ans Tageslicht kamen und die unsere Doku abrunden, werden wir am 15. Mai auch im Sachbuch 'Pharma-Crime' veröffentlichen."

Spannende Lektüre ('Pharma-Crime', Heyne, 272 Seiten, 16,99 Euro)! Zu Nebenwirkungen fragen Sie – die Justizbehörden.

Nicht verpassen: Die besten Free-TV-Premieren der Woche

Montag, 15. Mai: "Treibjagd im Dorf" (20.15 Uhr, ZDF). Foto: © ZDF / Andrea Mayer-Rinner
Montag, 15. Mai: "Weißer Gott" (22.10 Uhr, Arte). Foto: © Proton Cinema 2014/S·ndor Fegyverneky
Montag, 15. Mai: "Devil's Knot" (22.15 Uhr, ZDF). Foto: © ZDF / Tina Rowden
Montag, 15. Mai: "Eden - Lost in Music" (0.00 Uhr, WDR). Foto: © WDR/Alamode Film
Dienstag, 16. Mai: "Goster" (20.15 Uhr, Das Erste). Foto: © HR/Katrin Denkewitz
Mittwoch, 17. Mai: "Gift" (20.15 Uhr, Das Erste). Foto: © BR/diwafilm GmbH
Mittwoch, 17. Mai: "Masaan" (22.45 Uhr, Arte). Foto: © PathÈ Films
Donnerstag, 18. Mai: "Ein Dorf rockt ab" (20.15 Uhr, ZDF). Foto: © ZDF / Conny Klein
Freitag, 19. Mai: "Zaun an Zaun" (20.15 Uhr, Das Erste). Foto: © ARD Degeto/Erika Hauri
Freitag, 19. Mai: "Taxi" (20.15 Uhr, Arte). Foto: © B&T Film/Georges Pauly
Samstag, 20. Mai: "Mafia - Die Paten von New York" (22.30 Uhr, ZDF Info). Foto: © ZDF / Lawrence French/AMC
Sonntag, 21. Mai: "Tatort: Die Liebe, ein seltsames Spiel" (20.15 Uhr, Das Erste). Foto: © BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
In der TV-Woche vom 15. bis 21. Mai wird es brisant: Der ARD-Thementag deckt am Mittwoch Missbrauch mit gefälschten Medikamenten auf.
Mehr lesen