Jessy Wellmer: "Ich bin die neue Mrs. Sportschau"

Am 19. August moderiert Jessy Wellmer erstmals die "Sportschau" am Samstag
Am 19. August moderiert Jessy Wellmer erstmals die "Sportschau" am Samstag
Foto: © rbb/Markus Nass
Anpfiff! Am 19. August moderiert Jessy Wellmer erstmals die "Sportschau" am Samstag. Ein Interview.

Der Vater, der Onkel, die Tante: In der Familie von Jessy Wellmer sind gleich drei Mitglieder Sportlehrer. Schmunzelnd bekennt die 37-Jährige gegenüber GOLDENE KAMERA: "Sporthallenmief war der Geruch meiner Kindheit." Beste Voraussetzungen, um jetzt frischen Wind in die "Sportschau" zu bringen, denn die wird Wellmer ab dem 19. August (18.00 Uhr, Das Erste) einmal im Monat am Samstag moderieren. Eine Ehre, die sie laut ARD-Koordinator Axel Balkausky "ihrer ganz eigenen Art" verdankt. GOLDENE KAMERA traf die Neue zum Exklusivinterview.

Jessy Wellmer im Interview

Am 19. August ist Anpfiff für Sie in der Samstags-"Sportschau". Gab es dafür ein Casting und wie haben Sie sich gegen Laura Wontorra, Esther Sedlaczek & Co durchgesetzt?

(lacht) Ich moderiere die Sonntags-"Sportschau" schon seit drei Jahren. Das ist Casting genug, oder?

Warum ist die "Sportschau" ein Hochamt?

In der Sportberichterstattung gibt es nichts Tolleres als die Samstags-"Sportschau" - neben Großereignissen wie Olympia, Fußball- oder Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Es hat einen ganz eigenen Zauber, die Reporter anzumoderieren, die auf ihren Ü-Wägen am jeweiligen Stadion sitzen. Und natürlich habe ich selber als Kind "Sportschau" geguckt. Für mich ist das die Fußballsendung schlechthin. Und irgendwie gehört sie ja auch zum kulturellen Erbe unseres Landes...

Ein großes deutsches Boulevardblatt nennt sie "Die neue Miss Sportschau". Okay so?

"Mrs. Sportschau" fände ich besser! Ich bin ja kein junges Mädchen, das auch mal "ins Studio darf".

Dazu passt Ihre Aussage aus 2014, als Sie dem "Tagesspiegel" sagten: "Ich bin nicht die langhaarige Blondine mit Kleidergröße 34, die zufällig auch Sport moderiert." Denken das etwa viele?

Ich hoffe nicht, aber beim Klischee einer Sport-Moderatorin denken viele immer noch automatisch an das hübsche Mäuschen. Ich finde es gut, dass ich dieses Klischee nicht erfülle.

Vor drei Jahren haben die ARD-Sportchefs beschlossen, dass der Sport im Ersten weiblicher werden sollte – und eine "Frauen-Offensive" gestartet. Was denken Sie über die Mann-Frau-Debatte?

Es ist bis heute im Fernseh-Journalismus so, dass weniger Frauen auftauchen als Männer. Insofern finde ich es fair, wenn ein Sender sagt, wir arbeiten jetzt daran und wir geben dem Kind auch einen Namen. Aber wenn ich am 19. August die Samstags-"Sportschau" moderiere, bin ich einfach eine Journalistin, die diesen Job macht. Ich sehe da nicht so viel Besonderes und ich glaube, dem Bommes und dem Opdenhövel und dem Delling ist es vollkommen Wurst, ob ich eine Frau oder ein Mann bin.

Trotzdem haben Sie ja ein Alleinstellungsmerkmal an der Seite von drei Herren. Müsste nicht noch eine Frau ran, damit Geschlechterausgewogenheit herrscht?

Ich bin dafür, dass ich nicht die einzige Frau bleibe, die diese Sendung moderiert, und bin jederzeit bereit, Frauen zu unterstützen und ihnen zur Seite zu stehen.

Wann haben Sie Ihre Sportleidenschaft entdeckt?

Ich komme aus einer sehr sportaffinen Familie. Mein Vater, mein Onkel und meine Tante sind alle Sportlehrer. Ich war als Kind am Nachmittag auf der Tartanbahn oder in der Sporthalle, wenn mein Vater noch Volleyball-Kurse gegeben hat. Sporthallenmief ist der Geruch meiner Kindheit... Und ich habe Volleyball und Tennis gespielt und Leichtathletik getrieben. Insofern gibt’s eine enge, emotionale Bindung dazu. Später habe ich mich auch für Politikjournalismus interessiert, aber dann ergab es sich schicksalhaft, dass die rbb-Sportredaktion mich gerne haben wollte.

Manche sagen, Sport sei Mord …

Naja, Sport kann gefährlich sein, wenn man sich total überanstrengt oder nach langer Sportabstinenz die volle Dröhnung gibt. Und es gibt im Profi-, aber auch im Amateurbereich Sportler, die aus falschem Ehrgeiz ihre Gesundheit gefährden. Aber vor allen Dingen ist Sport eine besondere Leidenschaft. Der Moment vor einem Sportereignis in einem Leichtathletik- oder Fußballstadion, wenn die letzten Fans ins Stadion strömen und auch die Mannschaften jeden Augenblick den Platz betreten, übt einen ganz besonderen Reiz auf mich aus. Für mich ist Sport etwas Feierliches – besonders, wenn ein Wettkampf unmittelbar bevorsteht, und ich das Gefühl habe, dass ich die Arena kurz für mich habe, bevor sie dem Fußball und den Fans gehört. Dann zeigt sich auch meine Liebe und meine enge Verbindung zu diesem Job, den ich da an diesem Ort machen darf.

Wie oft moderieren Sie die Samstags-"Sportschau"?

Im Schnitt einmal im Monat. Dann gibt es natürlich außer dem Samstag noch eine ganze Reihe anderer Sporttermine in der ARD. Außerdem gehen meine Jobs beim RBB weiter - der Fußball am Samstagnachmittag im Radio mit der Schlusskonferenz oder die Spätnachrichten im Dritten.

Laut dem "Tagesspiegel" wollen die Fans am Samstagabend in der "Sportschau" Tore sehen, während das Geplauder der Sportmoderatoren und das "Karten ablesen" Nebensache seien. Korrekt?

Ja, die Hauptsache ist, was in den Stadien passiert. Aber manche Zuschauer möchten auch noch mal die eine oder andere Einordnung bekommen. Allerdings darf man sich nicht wichtiger machen als die Spieler auf dem Feld.

Nüchternheit, Süffisanz, Emotion, Wortwitz, Exklusivität – was kennzeichnet ein gutes Interview mit einem Sportler?

Bei meinen ersten Sportlerinterviews habe ich sehr auf mich selbst geachtet und mich gefragt, wie ich Humor und Originalität reinbringen kann. Dabei geht es ja allein um den Sportler und ich bin nur diejenige, die versuchen sollte, mehr zu erfahren als: "Es war eine tolle Mannschaftsleistung." Denn es gibt circa zehn Floskeln, die viele Fußballer nach einem Spiel – also in einem Moment, wenn die Erschöpfung groß und die Birne leer ist – standardmäßig auspacken. Das kann man ihnen gar nicht vorwerfen. Mein Anspruch ist, in diesen Augenblicken mehr als Klischees zu erfragen, und wenn ich das erfüllen kann, dann bin ich sehr glücklich.

Apropos Sprachhülsen: Laut Axel Balkausky haben Sie bei der Moderation "eine ganz eigene Art" entwickelt. Eine Idee, was er damit meint?

Ich bemühe mich darum, eine andere, kleine Geschichte zu erzählen – statt nur drei Zahlen zu verpacken. Ich versuche, einigermaßen variantenreich mit Sprache umzugehen, eine Erzählhaltung zu haben und auch mit Ironie oder Sarkasmus zu spielen – etwa, um Distanz und Nähe auszubalancieren. Wenn‘s gut geht, kommt das auch beim Zuschauer an.

Ihr Lieblingsverein?

Ich war als Jugendliche Hansa-Rostock-Fan und bin es im Herzen immer noch. Als Berlinerin komme ich mit Union gut klar. Ansonsten finde ich es super, wenn sich ein Verein wie Mainz gut in der ersten Liga hält mit den Mitteln, die er zur Verfügung hat. Es gefällt mir, wenn Traditionsvereine mit einem mittleren Budget nicht verschwinden.

Bei welchen Sportarten fiebern Sie selbst besonders mit und warum?

Tennis, Volleyball, Sprint und Weitsprung – das habe ich alles selbst mal gemacht. Und Fußball – und auch die Bühne, auf der er stattfindet – zieht mich besonders an.

Wie sehr schadet der "Sportschau", dass Olympia bei Eurosport läuft und die Qualifikationsspiele der Nationalelf bei RTL?

Die "Sportschau" hat – gerade auch mit der Fußball Bundesliga – sehr viel interessanten Sport zu bieten. Natürlich wünsche ich mir, auch künftig über möglichst viele bedeutende Sportereignisse im öffentlich-rechtlichen Fernsehen berichten zu können.

Welchen Sportler bewundern Sie besonders wegen seiner Leistungen?

Pete Sampras, weil er sich auf dem Tennisplatz mit einer besonderen Eleganz bewegt hat. Mein Jugendschwarm.

Frank Buschmann, Johannes B. Kerner, Rudi Cerne, Alexander Bommes – immer öfter moderieren Sportmoderatoren auch TV-Shows. Warum wohl?

Ich glaube, im Sport treffen sich eine ganze Menge Dinge, die auch in anderen Formaten wichtig sind – Wettkampf, Tempo, Unterhaltung, die Fähigkeit zum Gespräch.

Wie halten Sie sich fit?

Es würde mich glücklich machen, wenn ich an einem Abend in der Woche mit einer Mannschaft Volleyball spielen könnte. Aber solche festen Termine kann ich nicht einhalten, weil ich viel unterwegs bin. Deswegen bleibt mir im Moment nur Joggen und im Winter das Fitnessstudio. Eigentlich bin ich aber eher ein Mannschaftssportler, ein guter Teamplayer.

Schlussfrage: Warum wird die kommende Fußball-Bundesliga-Saison besonders spannend – und auf welche Begegnungen, Spieler und/oder Transfers freuen Sie sich schon jetzt?

Da gibt es so vieles. Jede neue Saison ist ja eine fantastische Wundertüte. Klappt es bei Dortmund unter dem neuen Trainer? Gibt‘s beim HSV vielleicht mal etwas weniger Drama und dafür mehr Punkte? Kann Leipzig noch stärker werden?

Manch einer definiert die Bundesligasaison ja nur über die Meisterschaft. So eng will ich es nicht sehen – auch wenn auch ich mir in Deutschland echte Bayernkonkurrenz wünsche. Eine Saison ist aber auch geprägt von großen Duellen um die Champions-League-Plätze, oder vom Kampf gegen den Abstieg, der gerade in den vergangenen Jahren die Fans in Atem gehalten hat. Auf all diese großen kraftraubenden, leidenschaftlichen und mitreißenden Spiele freue ich mich. Das macht den Fußball für mich aus.

Interview: Mike Powelz

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