Albrecht Schuch: "Man sollte Klischees hinterfragen"

Im spannenden GOKA-Kandidaten "Verräter - Tod am Meer" spielt Albrecht Schuch den Volkspolizisten Martin Franzen, der - obwohl die Stasi mit der Aufklärung des Mordfalls betraut wird - heimlich weiter ermittelt.

Darum geht's in "Verräter - Tod am Meer"

DDR, 1988: Als eine tote Frau mit Schusswunden aus der Ostsee geborgen wird, deutet zunächst alles auf einen missglückten Fluchtversuch hin. Doch Volkspolizist Franzen (Albrecht Schuch, hier im Interview) stößt bald auf Ungereimtheiten. Als die Stasi den Fall übernimmt, ermittelt er heimlich weiter. Ein rätselhafter Brief führt ihn nach Berlin zu Nina (Hannah Herzsprung), eine Freundin der Toten. Die geheimnisvolle Frau fasziniert ihn und sie scheint mehr zu wissen, als sie erzählt.

Der Trailer

Trailer zu "Verräter - Tod am Meer"

Interview mit Albrecht Schuch

GOLDENE KAMERA traf den Jena geborenen Hauptdarsteller Albrecht Schuch zum Interview. Er verrät, warum "Verräter - Tod am Meer" ein ganz besonderer Film und Dreh für ihn war - und an was er sich noch aus DDR-Zeiten erinnert.

Was macht diesen Film für Sie zu einem besonderen Film?

Für mich ist es ein ganz besonderer Film, weil ich mich gerne mit der Zerrissenheit meiner Figur auseinandergesetzt habe. Diese Zerrissenheit steckt auf eine Art und Weise in vielen Menschen. Ich glaube, dass die Enttäuschung und der Unmut, bei vielen Menschen nach der Wende eingesetzt hat - aber auch schon während der DDR-Zeit bei einigen vorhanden war. Deswegen lohnt es sich, diesen Film anzuschauen.

Als Volkspolizist stellen Sie ja nicht gerade einen Sympathieträger dar. Warum können sich die Zuschauer dennoch mit der Rolle identifizieren?

Martin ist ein Mensch, der diesen Beruf auch aus einem gewissen Trotz herausgewählt hat. Es gibt aber auch nette Grenzpolizisten. Man sollte die Klischees hinterfragen. Identifizieren kann man sich mit der Rolle, weil sie nicht so hauruckartig, sondern auch ein wenig störrisch ist. Es ist ja oft an den Menschen viel mehr dran als: Hier bin ich. Ich bin der Sympathieträger, der euch an die Hand nimmt und durch den Film führt. Das ist zu einfach. Das Schöne an Martin ist, dass die Rolle nicht so einfach ist und dadurch wirkt er auch authentischer.

Was war die schwierigste Szene? Vielleicht die, in der Hannah Herzsprung im Kiosk die Waffe zieht?

In dieser Szene kann man sehen, wie weit die Menschen gehen. Die Grausamkeit eines Menschen wird noch mal deutlich gemacht. Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt: Wie reagiert Martin auf diesen Schuss.

Am schwierigsten war aber die Schlussszene. Die haben wir gleich am dritten Tag gefilmt. Da hätte ich mir gewünscht, dass wir das erst am Ende gedreht hätten, weil mir einige Erkenntnisse über Martin noch fehlten.

Was war das Schwierigste für Sie am Film?

Es ist meine erste Rolle, die komplett durch einen Film führt. Als ich gemerkt habe, dass diese Rolle ganz viel über Blicke funktioniert, habe ich Schiss bekommen. Es ist viel einfacher für mich mit Texten zu verhandeln, als mit Blicken.

Beim Mauerfall waren Sie 4 Jahre alt – haben Sie daran noch Erinnerungen?

Nein, überhaupt nicht. Aber laut meiner Mutter war ich im Bett und sie sah es im Fernsehen. Dann ging sie runter zur Telefonzelle und versuchte ihre Eltern in Dresden zu erreichen. Sie musste eine Stunde lang anstehen, weil alle telefonieren wollten.

An was erinnern Sie sich noch aus DDR-Zeiten?

Ich erinnere mich eher noch an das, was danach passiert ist so zwischen 1989-1995. Die Zeit danach ist eine spannende Zeit, von der es viel mehr Filme geben sollen. Es wird ja oft gesagt, dass es viel zu viele Wendefilme gibt, was ich übrigens nicht finde. Aber ich finde, man muss noch viel mehr über die Zeit danach sprechen.

Was mussten Sie mehr für die Geschichte recherchieren? Über die RAF oder Stasi?

Am meisten recherchierte ich über die Verbindung von beiden. Ich wusste vorher nichts davon, dass es eine Verbindung gab. Über die Stasi wusste ich viel, über die RAF so manches, aber dass die zusammengearbeitet haben sollen – das war mir völlig neu.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe mich viel mit Psychologen getroffen.

Wie konnten die Ihnen weiterhelfen?

Ich hatte viele Fragen. Zu Martins Heimatlosigkeit, seinen Zorn und seine Unsicherheit, die durch das Weggehen seiner Mutter entstanden ist. Das Interessanteste für mich war, dass er so gefangen ist. Die Mutter flüchtet in den Westen und er wird Grenzpolizist. Das war ein großer kolossaler Gegensatz. Ich habe viel mit den Psychologen über diese Heimatlosigkeit gesprochen. Auch diese Therapeuten haben viele Patienten, deren Leiden eine Verknüpfung mit der DDR-Geschichte hat. Da geht es viel um Misstrauen, Verrat – teilweise in der Familie, im Freundeskreis – es ist etwas passiert, was teilweise einfach irreparable ist.

Wie sind Sie mit einer so komplexen Handlung umgegangen?

Wir haben viel über das Drehbuch diskutiert. Im Fernsehen haben wir ja nicht so viel Zeit, um so eine Komplexität zu erzählen. Wir haben eine persönliche Geschichte, eine Annäherung zwischen zwei Menschen – ich möchte es nicht als Liebesgeschichte bezeichnen – das ist es für mich nicht. Und auf der anderen Seite haben wir diesen sehr komplexen historischen Hintergrund, der noch vielen nicht bekannt ist. Das war haarscharf an der Überdeutlichkeit. Was wollten wir sagen, um den Zuschauer mitzunehmen und worüber wurde noch gar nicht gesprochen. Ich bin ungern ein bloßes Informationsmedium als Schauspieler. Ich durchschaue sofort, wenn eine Szene so geschrieben wird, dass der Zuschauer mitgenommen wird oder dass zwischen zwei Personen etwas verhandelt wird. Dass die Information also raffiniert eingewoben ist.

Können Sie was zu den Drehorten sagen?

Der Dreh war eine Reise. Wir haben ja gefühlt die gesamte Nordsee und Ostseeküste abgefahren. Sylt, Kiel, Lübeck, Rostock und dann kurz nach Berlin und am Ende nach München. Die Küstendrehs, die mochte ich sehr. Ich mag das Meer sehr, aber ich kann nicht am Strand liegen und ein Handtuch reservieren. Im letzten Monat habe ich einen Monat am Meer verbracht und Surfen gelernt. Jetzt habe ich sogar noch mehr Bezug zum Meer.

Am 21. August, dem Tag der TV-Ausstrahlung ist auch ihr 32. Geburtstag. Wie werden Sie ihn verbringen?

Ich werde irgendwo in der Natur sein, vielleicht ein Lagerfeuer machen. Paddeln und mit meinen Freunden am Lagerfeuer tanzen.

Werden Sie die Ausstrahlung verfolgen?

Nein, ich habe den Film schon zwei Mal gesehen (lacht).

Gerd sagt im Film zu Ihnen: "Du musst jemanden finden, dem Du vertraust, sonst gehst Du ein." Wie wichtig ist Vertrauen für Sie und wem vertrauen Sie am meisten?

Vertrauen ist für mich sehr wichtig. Ich bin in der privilegierten Lage, dass ich aus meiner Schulzeit noch acht beste Freunde habe. Wir waren letzte Woche für drei Tage auf der Werra im Grenzgebiet zwischen Thüringen und Hessen. Da haben wir uns wieder viele Grenzgeschichten angehört. Die Freunde sind total unterschiedlich, aber sie sind mein Vertrauenspool. Es ist ein Glück Freunde zu haben, denen ich vertrauen kann und die ich bei Entscheidungen zu Rate ziehe – egal ob zwischenmenschlicher oder beruflicher Natur.

Wie Sie schon sagten, ist Martin zerrissen, klug – und er durchschaut die Menschen schnell. Er hat einen großen Gerechtigkeitssinn. Was von Martin Franzen steckt in Albrecht Schuch?

Auch ich bin hin und wieder zerrissen. Ich beobachte gerne, versuche Zusammenhänge zu verstehen. Auch ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass es besser wird.

Und welche Eigenschaften sind ganz anders?

Ich würde niemals so eine Trotzreaktion aufgrund einer persönlichen Verletzung machen. Glaube ich.

Es ist Ihre erste richtige Hauptrolle. Sie haben schon oft vor der Kamera gestanden aber was war bei einer Hauptrolle anders?

Beim Erzählen der Rolle stand Hauptrolle oder Nebenrolle nicht so sehr im Vordergrund. Ich bin generell sehr aufgeregt – hier war ich es besonders. Ich hatte Angst vor den Momenten, wo es darum geht, nur mit Blicken zu erzählen. Diese stillen Momente.

Ist das auch so bei Ihren neuen Projekten?

Mit Rainer Kaufmann habe ich einen Monat lang "Das schlafende Mädchen" gedreht. Da hatte ich extrem viele von diesen stillen Momente. Ich war wieder ein Polizist. Witzigerweise hieß ich auch Martin. Aber dieser war ein komplett anderer Charakter. Der Film hatte 108 Bilder also Szenen – und ich war in 106! Das heißt ich war nur in zwei Szenen nicht dabei. Man traut mir momentan diesbezüglich sehr viel zu. Jetzt muss ich noch daran arbeiten, mir das auch selber zuzutrauen. Es sind andere Herausforderungen. In einer Hauptrolle kann ich teilweise viel zurückhaltender agieren, feiner den Charakter anlegen. Zumindest ist so mein derzeitiger Eindruck.

Haben Sie Angst auf bestimmte Rollen festgelegt zu werden?

Nein ich habe keine Angst vor Schubfächern. Dafür durfte schon zu viel unterschiedliches machen. Klar auch viel Historisches. Aber ich habe da kein Problem mit.

Welche Rollen reizen Sie?

Komödien interessieren mich sehr. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann eine Komödie.

Auf welche neuen Projekte von Ihnen dürfen wir gespannt sein?

Ich arbeite demnächst mit Thomas Stuber ("Herbert") zusammen. Da geht es für einen Monat nach Litauen. Und wir drehen auch wieder am Meer.

Wann geht das los?

Im September.

Das ZDF zeigt den GOKA-Kandidaten "Verräter - Tod am Meer" am 21. August 2017, um 20.15 Uhr.

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