Josefine Preuß: "'Das Cello' endet wie eine große griechische Tragödie"

In der Folge "Das Cello", der 2. Staffel "Schuld" nach Ferdinand von Schirach, ermordet Theresa Tackler alias Josefine Preuß ihren Bruder. Wir trafen die Schauspielerin zum Interview.

Geschieht das, was aus Liebe getan wird, wirklich immer jenseits von Gut und Böse? Um diese Frage geht es in der Episode "Das Cello" (29. September, 21.15 Uhr, ZDF), in der Josefine Preuß ihren Bruder Leonhard tötet, der bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde. Als alle Hoffnung auf eine Heilung verloren ist, tötet Theresa ihren Bruder und ruft Anwalt Kronberg (Moritz Bleibtreu) an. Sie wird wegen Mordes angeklagt.

Unser GOKA-Reporter Mike Powelz traf die Schauspieler zum Interview. Sie verrät, warum "Das Cello" eine moderne Variante von Hänsel und Gretel ist, wie schwer ihr die Nacktszenen fielen und in welchen Filmen sie noch zu sehen sein wird.

Interview mit Josefine Preuß

"Schuld": Josefine Preuß über Schirachs "Das Cello" im Video-Talk

In "Das Cello" ermorden Sie das Liebste, was Sie auf der Welt haben – nämlich Ihren Bruder. Warum?

Theresa Tackler tötet ihren geistig und körperlich behinderten Bruder, indem sie ihm zuerst Schlaftabletten gibt und ihn dann ertränkt. Es ist ein Mord aus Heimtücke. Wichtiger ist aber die Schuldfrage – und die Beleuchtung der Beweggründe, die viel mit Theresas Vergangenheit, ihrem sehr herrischen Vater, ihrer Kindheit und der Andeutung sexueller Übergriffe zu tun zu haben. Aufgrund der traumatischen Kindheit geht die Geschwisterbeziehung von Theresa und Leonhardt weit über eine normale Beziehung hinaus. Im Grunde ist es eine moderne Variante von Hänsel und Gretel, die sich an die Hand nehmen, durch den einsamen Wald gehen, aber keine Brotkrumen mehr finden. "Das Cello" endet wie eine große griechische Tragödie. Das zu spielen war sehr intensiv. Die Geschichte berührt mich immer noch.

Eine wahre Geschichte?

Ja, und mir wurde erzählt, dass das auch für Ferdinand von Schirach seine wichtigste Geschichte ist. Eins zu eins hat sich das Verbrechen nicht so abgespielt, aber von Schirach hatte eine speziellere Beziehung zu dieser Klientin.

Was ist der Reiz an den Geschichten von Ferdinand von Schirach, Deutschlands berühmtestem Strafverteidiger?

Dass er die Motive, Personen, Orte und Handlungen aus verschiedenen wahren Fällen zusammensetzt. Meistens können wir uns, wenn wir Verbrechen sehen, gar nicht vorstellen, dass das die Wahrheit sein soll. Doch genauso ist es! Es gibt einfach Menschen, die haben eine sehr, sehr dunkle Seele.

Die Rolle hat Ihnen viel abverlangt. War sie psychologisch härter als so mancher andere Dreh?

Ja. Nach der Mordszene in der Badewanne musste ich erst mal aus dem Wasser raus und in den Nebenraum, um meinen Gefühlen kurz freien Lauf zu lassen. Denn ich hatte mich vorübergehend verloren in dem Gefühl, Leonhardt leblos unter Wasser zu sehen.

Sie stehen nicht das erste Mal nackt vor der Kamera. Ist das okay für Sie, wenn es sich aus der Rolle heraus ergibt?

Die Geschichte handelt von unkörperlichem, sprachlichen Missbrauch. Nackt vor der Kamera zu stehen fällt mir nie leicht, weil man pur man selbst ist – ohne Kostüm und Maske. Aber das Team hat mir den größtmöglichen professionellen Raum gegeben und mich auch in Ruhe gelassen, um das spielen zu können. Es war eine sehr, sehr angenehme Arbeit. Und ach, wenn man mich einmal nackt gesehen hat, dann ist das zweite, dritte Mal auch egal.

Haben Sie schon mal ermittelt, warum die deutschen Zuschauer so auf Verbrechen und Krimis abfahren?

Mich wundert das auch und ich würde gerne wissen, warum wir so eine große deutsche Krimilandschaft haben. Ich persönlich sehe auch gern mal gut geschriebene, intelligente Komödien. Bei Krimis finde ich es sehr schade, dass jeder Fall gelöst wird und der Mörder immer hinter Gitter kommt. Denn so ist das Leben nicht.

Schauen Sie regelmäßig "Aktenzeichen XY … ungelöst" und den "Tatort"?

"Tatort" ja. Und ich habe eine Leidenschaft für Gerichtsmedizin, "Medical Detectives", Autopsie und "Dem Verbrechen auf der Spur". Zwar kommt das zu den unmöglichsten Sendezeiten zwischen 23 Uhr und 4 Uhr morgens, aber dabei bin ich immer wach und gucke zu. Ich liebe das, weil es echte Fälle sind. Mich interessiert einfach die Beweisaufnahme und die Tataufdeckung.

Lust auf "Tatort"-Kommissarin?

Vor Jahren hätte ich "ja" gesagt. Mittlerweile nein.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?

Das Drehbuch ist die Bibel. Mich muss ein Drehbuch packen. Teilweise weiß ich schon beim Lesen eines Satzes, wie ich den sagen würde. Auf jeden Fall muss das Buch stimmig sein und ich muss mich in die Figur verlieben. Ich muss irgendwie einen Zugang zu ihr haben. Mittlerweile frage ich auch schon vor Drehbeginn nach, wer Regie führt und Kamera macht – und wer die Kollegen sind. Das wird auch immer wichtiger. Aber insgesamt muss mich die Rolle packen, und mich entweder zum Lachen, zum Heulen oder zum Nachdenken bringen.

Ihr Karriere-Masterplan?

Der existiert nicht. Ich bin immer noch so demütig-dankbar, was ich alles spielen darf – von Krimis über Komödien bis zu historischen Filmen.

Wen spielen Sie im SAT.1-Film "Keine zweite Chance – Wo ist mein Kind?", der bald ausgestrahlt wird?

Lydia Kern, einen Ex-Jugendstar aus einer Casting-Show, der in seinem Leben einmal die falsche Abzweigung genommen hat und sich jetzt auf der anderen Seite befindet. Lydia ist tief verwickelt in die Entführung eines Kindes. Ich will da noch gar nicht so viel darüber erzählen. Weil, das soll auch – hoffentlich wie "Cello" auch – wieder überraschen.

Und worum geht’s im Thriller, "I Know Your Face", in dem Sie angeblich auch dabei sind?

Das Thema ist Datenüberwachung. Ich selbst bin gar nicht paranoid, aber seit ich mich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt habe, klebe ich meine Front-Kameras ab – und zwar am Computer, beim Telefon und am Fernseher. Denn es gab schon Fälle, wo die Besitzer von Fernsehern in deren Wohnzimmer ausspioniert wurden. Außerdem bin ich überhaupt kein Fan von Spracherkennungssystemen, denn zeichnen unsere Stimmen auf. "I Know Your Face" ist derzeit in Planung.

Wann startet "Der 7. Tag" im ZDF und wann die Sitcom "Nix Festes" bei ZDFneo?

Der Spielfilm und die Sitcom sind aktuell beide in der Postproduktion. "Nix Festes" soll im Spätherbst starten, "Der 7. Tag" wahrscheinlich auch.

Gibt es noch mehr spruchreife Zukunftsprojekte?

Am 12. Oktober ist der bundesweite Kinostart von "Vorwärts immer" – einer DDR-Verwechslungskomödie mit Jörg Schüttauf als Erich Honecker. Den sollte man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen, denn Schüttauf spielt Honecker grandios – und das wird nicht nur die Ossis begeistern, sondern auch die Wessis.

Alle Bilder zur 2. Staffel "Schuld" nach Ferdinand von Schirach:

Interview: Mike Powelz

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