Günther Jauch: "Ich mag die Helden des Alltags"

Leitfigur mit großer Wirkung: der vierfache GOKA-Preisträger Günther Jauch (61)
Leitfigur mit großer Wirkung: der vierfache GOKA-Preisträger Günther Jauch (61)
Foto: © RTL / Ruprecht Stempell
Der vierfache GOKA-Preisträger Günther Jauch ist laut einer HÖRZU-Umfrage das größte lebende Vorbild der Deutschen. Was das für ihn bedeutet, verrät er im Interview.

Vertrauenswürdig, moralisch, integer: ein Gespräch mit dem Mann, den die Bundesbürger laut einer HÖRZU-Umfrage am meisten bewundern und verehren - unseren GOKA-Preisträger Günther Jauch (GOLDENE KAMERA 1989, 2001, 2011 und 2016).

Bildergalerie: Diese GOKA-Preisträger sind Vorbilder

Interview mit Günther Jauch

Welche Charaktereigenschaften machen ein Vorbild aus?

Da gibt es unzählig viele. Im besten Fall soll das ideale Vorbild ebenso integer wie unfehlbar sein. Das hat aber noch nie ein Mensch geschafft.

Wer waren bzw. sind Ihre historischen und zeitgenössischen Vorbilder und warum?

Auch da gibt es viele Antworten. Als Kind wollte ich Fußball spielen können wie Franz Beckenbauer oder den Mond erobern wie Neil Armstrong. Historisch waren für mich immer alle, die unter den Nazis politischen Widerstand geleistet haben, Vorbilder, zu denen ich aufgeschaut habe. Für Beckenbauer und Armstrong habe ich geschwärmt, bei den Widerstandskämpfern bewundere ich den aufrechten Geist, die Tapferkeit und die Opferbereitschaft bis hin zum Tod. Besondere Sympathien hege ich aber für die im allgemeinen völlig unbekannten Helden des Alltags.

Welche sind das?

Das sind sicher meine Eltern gewesen, aber auch heute habe ich immer höchsten Respekt vor Menschen, die etwas für andere tun. Oder für die, die ihre Arbeit - und sei sie noch so unspektakulär - mit Leidenschaft und Hingabe verrichten. Außerdem faszinieren mich Lebenskünstler, die auch unter schwierigsten Bedingungen noch gute Laune verbreiten.

Wie würden Sie ihren Charakter selbst beschreiben?

Das ist nun wirklich sehr schwierig. Aber eins weiß ich für mich wie für den Rest der Menschheit: Jeder hat irgendwo Charakterschwächen oder vielleicht sogar schon mal in mehr oder weniger tiefe seelische Abgründe geschaut.

Sie gewinnen seit vielen Jahren sehr viele Umfragen. Nun gibt es Menschen, die Umfragen heute keine große Beachtung mehr schenken bzw. diese als "Fake-News" abstempeln. Was halten Sie von solchen Umfragen?

Ich halte sie, wenn sie seriös und repräsentativ durchgeführt werden, nicht für "Fake-News", aber doch für nicht immer sehr aussagefähige Momentaufnahmen. Vor einigen Jahren landete ich zum Beispiel mal zwischen Jesus Christus und dem Dalai Lama. Auf Platz 198 übrigens Adolf Hitler, knapp vor Daniel Küblböck. Das lässt einen dann doch am Sinn solcher Umfragen zweifeln. Immerhin: In früheren Zeiten hat sich Mutter Teresa lange an der Spitze gehalten, davor Albert Schweitzer. In den letzten Jahren dann regelmäßig Helmut Schmidt. Der hat übrigens kurz vor seinem Tod bekannt: "Niemand kann zeitlebens ein Vorbild sein, allenfalls zu bestimmten Zeiten". So ist es.

Was sagt es aus, dass unter den zehn größten Vorbildern der Deutschen sieben Männer (Günther Jauch, Joachim Gauck, Hape Kerkeling, Joachim Löw, Frank-Walter Steinmeier, Dirk Nowitzki, Mario Adorf), aber nur drei Frauen (Angela Merkel auf der drei, Steffi Graf auf der vier, Königin Silvia von Schweden auf der zehn) sind?

Das sagt aus, dass sich das dringend ändern sollte. Im Fall von Steffi Graf ist übrigens interessant, dass sie sich seit vielen Jahren der Öffentlichkeit völlig entzieht. Teilweise gilt das auch für Hape Kerkeling. Persönliches Ansehen scheint also zum Glück nicht zwangsläufig mit täglicher Präsenz in den Medien zusammenzuhängen.

Nochmal zu den Frauen: Bei den weiblichen Deutschen ist Ihr Vorsprung gegenüber allen anderen Vorbildern extrem hoch, denn sie liegen mit 59 % vor Angela Merkel (52 %). Mal ehrlich: Wie drückt sich die weibliche Begeisterung für Ihre Person im Alltag konkret aus?

Die ist im Alltag wirklich überschaubar. Was ich nicht verstehe: Ich bin ein mehr oder weniger freundlicher Mensch, der jede Woche im Fernsehen zwischen 500 und 1 Million Euro an kluge und weniger begabte Zeitgenossen verteilt. Frau Merkel trägt dagegen Verantwortung für Deutschland und darüber hinaus. Sie macht sich zwangsläufig auch bei vielen Menschen unbeliebt. Sie kommt locker auf einen 16 Stunden-Arbeitstag und ist dafür noch nicht einmal adäquat bezahlt. Da sehe ich zwischen ihr und mir nun wirklich gravierende Bedeutungsunterschiede.

Auch bei den ganz jungen Zuschauern liegen Sie mit großem Vorsprung vor allen anderen - in der Zielgruppe der 14 bis 29-jährigen mit 40 % vor Angela Merkel (34 %) und bei den 30 bis 44-jährigen mit 49 % weit vor dem zweitplatzierten Hape Kerkeling (43 %). Brauchen junge Menschen eher als Erwachsene Vorbilder, damit sie ihren Platz im Leben finden? Und wie vermitteln Sie selbst vorbildhafte Werte konkret an junge Menschen?

Natürlich bin ich als junger Mensch stärker geprägt worden als zum Beispiel heute. So erinnere ich mich noch genau wie ich als ebenso junger wie unbekannter Journalist von den tatsächlichen oder nur scheinbaren Vorbildern behandelt wurde, als ich ihnen das erste Mal begegnete. Trotzdem glaube ich, dass Familie, Schule und Freunde viel entscheidender sind. Vor Jahren kam ich mal in eine 6.Klasse, wo alle Kinder ihre Vorbilder gemalt hatten. 80 Prozent der Kinder hatten sich für Jeanette Biedermann entschieden. Solche Vorlieben oder Vorbilder erledigen sich dann irgendwann auch wieder.

Die jüngeren Menschen schätzen an Ihnen besonders Moral, Integrität und Vertrauenswürdigkeit (alle drei Werte auf Platz eins) - gefolgt von Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Einfühlsamkeit (Platz zwei) sowie Intelligenz und Wissen (47 %) und Selbstdisziplin (42 %). Wie wichtig sind Ihnen diese konkreten Werte und welchen Stellenwert haben sie in Ihrem Leben?

Wer würde sagen, dass Liebe, Treue, Ehrlichkeit und die von Ihnen genannten Werte für einen selbst keine Rolle spielen? Das sind klassische Werte, nach denen wir alle streben, aber im richtigen Leben leider oft genug an diesen hehren Zielen scheitern. Sich das einzugestehen, ist schon viel wert. Was mich persönlich betrifft: Ich bin eine Fernsehfigur und damit eine Projektionsfläche. Was Menschen in mich hineininterpretieren, ehrt mich, hat aber nicht zwangsläufig viel mit der Wirklichkeit zu tun.

Machtbewusstsein, Charme, Erfolg, Talent, Sportlichkeit und körperliche Ausstrahlung sind allesamt tendenziell irrelevant für die Deutschen bei der Definition des Begriffs "Vorbild". Sehen Sie das auch so?

Ja, schon. Denn wenn es nach diesen Merkmalen gegangen wäre, wäre ich ja schnell abgehängt gewesen! Talent und körperliche Ausstrahlung sind einem ja in die Wiege gelegt oder eben nicht - und Erfolg und Machtbewusstsein werden oft eher negativ bewertet. Da ist man mit Vertrauenswürdigkeit, Menschlichkeit und Selbstdisziplin eher auf der "sicheren" Seite.

Welche archetypischen Werte ändern sich nie?

Mut, Mitleid, Gewaltlosigkeit, Verzicht, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Zuneigung, Treue, Aufrichtigkeit - das sind die Klassiker und ebenso klassisch ist eben auch, dass wir Menschen diese Ziele so oft verfehlen.

Kann ein Mensch, der "gestolpert" ist, also zum Beispiel vorbestraft ist oder extrem gegen gesellschaftliche Moralvorstellungen verstoßen hat, trotzdem wieder mit Recht ein Vorbild für viele werden, etwa, wenn er sich wieder auf rappelt und es schafft vom "Saulus zum Paulus" zu werden?

Ja, das kann er - und die christliche Religion steht für dieses, wie ich finde, sehr schöne Menschenbild. Auch aus diesem Grund bin ich übrigens schon immer ein Gegner der Todesstrafe gewesen.

Wie finden Sie es, dass 2017 Politiker wie Trump und Erdogan auf klassische Werte wie Integrität und Vertrauenswürdigkeit weniger Wert zu legen scheinen? Erleben wir gerade einen internationalen politischen Vorbildverlust?

Den hatten wir auch zu früheren Zeiten. John F. Kennedy wird zum Beispiel heute auch deutlich kritischer als zu seinen Lebzeiten oder in den ersten Jahren nach seinem Tod gesehen. Heute ist das Problem, dass leider auch in Demokratien immer öfter wenig vorzeigbare Gestalten an die Spitze gelangen.

Wie gern würden Sie angesichts der politischen aktuellen Gemengelage wieder die politischen Verhältnisse analysieren, oder anders gefragt: Wie sehr juckt es Ihnen in den Fingern, wieder die richtigen Fragen in einer Talkshow wie "Günther Jauch" zu stellen?

Es stimmt - wir leben in politisch hochinteressanten Zeiten. Mein Ziel war immer, möglichst viele, vor allem junge Menschen, für Politik zu interessieren. Das ist unserer Mannschaft gelungen. Der Quotenrekord über die gesamte Zeit von "Günther Jauch" ist weder vorher noch nachher übertroffen worden. Überdies war die Sendung fast immer am nächsten Tag ein Gesprächsthema. Aber es haben einfach zu viele - und das waren nicht immer die Angriffslustigsten - bei der Themenwahl und der personellen Besetzung der Sendung mitreden wollen. Diese Form der "fürsorglichen Belagerung" entsprach irgendwann nicht mehr meinem Verständnis von journalistischer Unabhängigkeit. Also habe ich die angebotene Vertragsverlängerung dankend abgelehnt. Rückblickend ist das sicher schade, aber für mich trotzdem auch heute noch die konsequente und absolut richtige Entscheidung.

Wie lange bleiben Sie dem TV-Publikum erhalten - wann gehen Sie in TV-Rente?

Das weiß ich noch nicht. Mein Handschlagvertrag mit RTL für "Wer wird Millionär?" gilt bis Sommer 2018. Dann sehen wir weiter. Mir macht Fernsehen noch immer Freude, aber ich habe mit dem "Aktuellen Sportstudio" oder "Stern TV" oder der Champions -League oder dem Skispringen oder "Günther Jauch" am Sonntagabend stets dann aufgehört, wenn es am schönsten war...

Preisträger Günther Jauch im Interview

Interview: Mike Powelz

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