Das Kanzler-Duell im TV

Einer wird gewinnen: Das TV-Duell 2017 findet nach den Regeln von Angela Merkel statt
Einer wird gewinnen: Das TV-Duell 2017 findet nach den Regeln von Angela Merkel statt
Foto: © TV DIGITAL
Heimspiel für die Kanzlerin oder Chance für den Herausforderer? Alles zum TV-Showdown Merkel gegen Schulz.

Frau gegen Mann, Kanzlerin gegen Kandidat, CDU gegen SPD – und erfahrene TV-Duellantin gegen Ringkampf-Novize: Am 3. September ist es so weit. Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr übertragen gleich vier Fernsehsender (Das Erste, ZDF, RTL und Sat.1) parallel die TV-Debatte zwischen Amtsinhaberin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz.

Der 61-Jährige ist nach Frank-Walter Steinmeier (2009) und Peer Steinbrück (2013) bereits der dritte SPD-Mann, der gegen Merkel in den Ring steigt. Und er hat, glaubt man den bei Redaktionsschluss aktuellen Umfragen, bestenfalls Außenseiterchancen gegen "Mutti". Allein schon deshalb, weil Merkel die Spielregeln für das TV-Duell bestimmt. Diesen ersten Joker spielte die Kanzlerin bereits lange im Vorfeld der Sendung aus: Die 63-Jährige schmetterte Verbesserungsvorschläge der veranstaltenden Sender konsequent ab. "Die Vertreter der Bundeskanzlerin waren mit dramaturgischen Veränderungen nicht einverstanden und lehnten eine Teilnahme unter diesen Bedingungen ab", hieß es in der Pressemitteilung von ARD und ZDF.

Doch was wollten die Sender überhaupt verbessern? Ihnen ging es darum, "mehr Spontaneität und Vertiefungen" in die Debatte zu bringen. Statt bei den Fragen wie bisher üblich zwischen den Moderatoren Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL), Claus Strunz (Sat.1) und Sandra Maischberger (Das Erste) hin und her zu wechseln, gab es das Konzept, dass Illner/Kloeppel und Strunz/Maischberger die Kandidaten jeweils 45 Minuten getrennt voneinander ins Kreuzverhör nehmen. Diese Idee missfiel Merkels Lager jedoch so sehr, dass es zur Boykottdrohung kam. Die Sender knickten ein.

Die Psychotricks von Angela Merkel

Als Amtsinhaber die Spielregeln im Vorfeld der TV-Debatte zu bestimmen ist natürlich immer auch ein Psychotrick, um den Herausforderer zu verunsichern. Merkel wendete ihn gleich zweimal an: Wie schon 2009 und 2013 sträubte sie sich gegen zwei TV-Duelle – angeblich, um die Tradition beizubehalten. Diese "Tradition" hat die Kanzlerin allerdings selbst begründet! Bevor sie an die Macht kam, gab es durchaus mehrere Fernsehdebatten. Der "Medienkanzler" Gerhard Schröder (SPD) etwa ließ 2002 seinen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) gleich an zwei Abenden ziemlich alt aussehen.

Experten wie der Medienpsychologe Jo Groebel meinen, Merkels "Traditionstrick" ziele darauf, Martin Schulz wenig Spielraum zu geben. Denn wenn er die Kanzlerin öfter als einmal auf Augenhöhe träfe, würde er aus Sicht der Wähler "gleichwertiger" wirken. "Taktisch", sagt Groebel, "ist es aber trotzdem richtig, dass die SPD mehr Duelle fordert."

Was also erwartet die Zuschauer am Abend des 3. September? Und: Ist die Nervosität der Beteiligten vor den TV-Debatten eigentlich wirklich berechtigt? Der verantwortliche Regisseur der Sendung ist in diesem Jahr Lutz Braune, er hat die Aufgabe von Volker Weicker übernommen, der die TV-Duelle von 2002 bis 2013 verantwortete. Im Gespräch mit GOLDENE KAMERA erklärt Braune: "2017 orientiert sich das Duell stark an der letzten Ausgabe, was auch bedeutet, dass es im Studio keine Zuschauer geben wird. Darin könnte man natürlich einen Nachteil bezüglich der Atmosphäre sehen. Aber ich finde, es ist auch eine Konzentration auf das Wesentliche. Denn letztlich machen wir die Sendung für die Zuschauer zu Hause – und sie bekommen die Diskussion pur geliefert." Braunes Argumentation ist auf den ersten Blick einleuchtend, allerdings fällt dabei ein wichtiger Aspekt unter den Tisch: Das Duell könnte sehr viel spannender sein, wenn ein Gast aus dem Publikum eine unvorhersehbare Frage stellt!

Welche Folgen so etwas haben kann, hat Angela Merkel selbst am 26. Juni 2017 erlebt. In einer von einem Frauenmagazin veranstalteten Podiumsdiskussion rief der Eventmanager Ulli Köppe aus dem Publikum:"Wann darf ich meinen Freund Ehemann nennen?" Diese knappe Frage überraschte Merkel dermaßen, dass sie sich bei ihrer Antwort gehörig verhaspelte und den Bundestagsabgeordneten ihrer CDU gar eine Gewissensentscheidung bei der Abstimmung über die "Homo-Ehe" erlaubte. Derlei Unwägbarkeiten vor einem Millionenpublikum am Bildschirm? Bloß nicht!

Auch deshalb muss bei der TV-Debatte die "Tradition" gewahrt bleiben. Zwar bereiten sich auch deren Moderatoren "ziemlich intensiv", wie Maybrit Illner es formuliert, auf jede mögliche Situation vor. Aber Merkel und Schulz kennen ihren jeweiligen Interviewstil schon seit Jahren. Und als bissiger "Griller" gilt keiner der vier. Illner zu GOLDENE KAMERA: "Für uns gilt es, die Fragen zu stellen, die sich der Zuschauer stellt. Und es gilt, Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten deutlich zu machen." Die Zuschauer sollen ein klares Bild davon bekommen, wie die eine oder der andere in den nächsten vier Jahren Deutschland regieren würde – mit Aussagen zu allem, was gerade aktuell ist. "Es passiert einfach zu viel in der Welt, als dass man sprichwörtlich schon drei Tage vorher den Sack zumachen könnte. Unsere Vorbereitung endet, wenn am 3.9. das Rotlicht angeht."

Der entscheidende Faktor: die Körpersprache

Zu diesem Zeitpunkt werden Merkel und Schulz einmal mehr trainiert haben, Gestik und Mimik zielgenau einzusetzen. Denn diese schlagen oft die Worte, wie Regisseur Lutz Braune meint. Braune hat natürlich die großen Kandidatenduelle in den USA, den Niederlanden und Frankreich ganz genau verfolgt. Seine Erkenntnis daraus: "Das Bild ist der wichtigste Informationsträger, hierüber werden auch die Emotionen transportiert – und die Körpersprache wirkt bedeutender als die Worte. Wenn zum Beispiel in einem Bild zwei Diskutanten zu sehen sind, von denen einer redet und der andere Grimassen zieht, ist die Aufmerksamkeit des Zuschauers immer bei der nonverbalen Aktion." Und die prägt sich ein, deshalb blieben auch aus teils lange zurückliegenden TV-Duellen Details wie Richard Nixons düsterer Bartschatten, George Bushs gelangweilter Blick auf die Uhr und John McCains auf Barack Obama gerichteter Zeigefinger im kollektiven Gedächtnis. "Psychologisch betrachtet schlägt die Körpersprache das gesprochene Wort immer dann, wenn beide auseinanderdriften."

Beim Aufeinandertreffen von Merkel und Schulz will der Regisseur die nonverbalen Psychotricks – oder auch Schwachpunkte – jedoch ganz bewusst nicht eigens betonen. "Mein Job ist es, dem Zuschauer möglichst unverfälscht die Diskussion als solche zu zeigen – also ihn zum Augenzeugen zu machen. Mit Großaufnahmen wie dem Zoom auf Schweißperlen auf der Stirn setzt man emotionale Schwerpunkte, die zwar in anderen Formaten das Salz in der Suppe sind, aber beim TV-Duell nichts zu suchen haben."

Doch auch ohne Zoom und Close-ups hat das Publikum die Körpersprache genau im Blick. Der Medienwissenschaftler Wilfried Köpke, Journalistikprofessor in Hannover, prophezeit jedenfalls, dass am Ende derjenige als Sieger hervorgeht, der seine Gestik und Mimik am besten einzusetzen weiß: "Die Körpersprache ist für 50 bis 65 Prozent der Zuschauer entscheidend." Wer authentisch, ruhig und besonnen gestikuliert, punktet. Einstudierte Gesten wie Edmund Stoibers übertriebene Denkerfalten 2002 oder Gerhard Schröders überhebliches Grinsen nach seiner Wahlniederlage 2005 wirken dagegen abschreckend.

Und wer sich, wie Peer Steinbrück 2013, unsicher über die Lippen leckt und zum Wasserglas greift, um Spannung abzubauen, ist klar im Nachteil gegenüber einem erfahrenen Profi, der wie Angela Merkel in der Debatte auch mal lächelt. Selbst wenn dieses Lächeln nur ein weiterer Psychotrick ist.

"Schlagabtausch" im ZDF

Am Tag nach dem TV-Duell stellen sich die übrigen im Bundestag vertretenen Parteien dem "Schlagabtausch" im ZDF. Am Montag, 4. September 2017, 19.25 Uhr, begrüßt ZDF-Politikchef Matthias Fornoff Spitzenpolitiker von Linken, Grünen und CSU zum "TV-Dreikampf". In der Live-Sendung sind als Gesprächsgäste dabei: Dietmar Bartsch für die Linke, Katrin Göring-Eckardt für die Grünen und Alexander Dobrindt für die CSU.

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