Heinz Strunk: "Ein Gespann für die Ewigkeit."

Unser Reporter Mike Powelz sprach exklusiv mit Heinz Strunk über den GOLDENEN KAMERA-Kandidaten "Jürgen – Heute wird gelebt".

Heinz Strunck (55) schlägt wieder zu: Der Autor, Schauspieler und Entertainer (u.a. als "Studio Braun" - Mitglied) erschafft mit dem GOLDENEN KAMERA-Kandidaten "Jürgen – Heute wird gelebt" eine Figur, mit der er schon lange gedanklich "schwanger" war. Nach "Fleisch ist mein Gemüse" nun also eine erneute Buchverfilmung von dem Hamburger. Und diesmal sogar mit ihm in der Hauptrolle.

Hier der Trailer zu "Jürgen – Heute wird gelebt"

Trailer zu "Jürgen – Heute wird gelebt"

Heinz Strunck im Interview

Was für Typen sind Jürgen Dose und Bernd Würmer?

Die beiden repräsentieren die schweigende Mehrheit der Männer. Sie führen kein besonders interessantes Leben, haben keinen aufregenden Job, sehen nicht gut aus, verfügen nicht über Geschmack und erfüllen nicht die Attribute, die für Frauen gewöhnlich interessant sind.

Wie haben Sie Jürgen angelegt?

Es gibt ja die unsägliche Formulierung: "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum". Das ist nicht nur unfassbar dumm, sondern auch falsch, weil die Leute, an die sich dieser Satz richtet, für gewöhnlich weder die Möglichkeit noch die Gelegenheit haben, um irgendwelche Träume zu leben. Und wenn sie es doch probieren, kann man sich die Ergebnisse bei "Goodbye Deutschland" auf VOX anschauen – wenn sie scheitern. Jürgen macht es umgekehrt. Er denkt sich sein kleines, von außen betrachtet doch eher reduziertes Leben, deutlich schöner, als es ist. Insofern hat er die richtige Strategie gewählt, nämlich nicht depressiv zu werden und sein Schicksal zu beklagen. Seine Niederlagen kassiert er mit einer gewissen Unverdrossenheit und geht seinen Weg immer weiter. Trotz aller Schwierigkeiten und Niederlagen lässt er sich nicht ins Bockshorn jagen.

Gibt es reale Vorbilder für die Protagonisten?

Heinz Strunk: Ja, die vielen Millionen Männer in Deutschland, die weitgehend unbeachtet ein Schattendasein führen. Ein ganz großer Teil der Männer ist so ähnlich wie Jürgen und Bernd. Sie zählen nicht zu den Gewinnern, auch nicht im sexuellen Bereich, und sie führen in kleinen Städten und Dörfern ihr bescheidenes Leben und freuen sich, wenn sie irgendwann eine Frau "finden".

Wann ist Ihnen das aufgefallen?

Schon mit 20. Ich habe damals Tanzmusik gemacht und da bin diesen Männern, zu denen ich ja zum Teil früher auch selbst zählte, zuhauf begegnet. Diese Leute stehen auf der Verliererseite.

Aber sind Sie auch, wenn es Ihr Film zeigt, in rituellen Pubertätsprozessen steckengeblieben?

Genau. Auch das zeichnet extrem viele Männer aus, die zwar beruflich erfolgreich, aber auf der Gefühlsebene in der Infantilität von Dreijährigen steckenbleiben sind. Emotional sind sie häufig total unerwachsen.

Brauchen solche schwachen Männer starke Frauen?

Schwache Persönlichkeiten wie Jürgen kommen oft vom Regen in die Traufe: Sie finden oft eine Frau, die die Stellvertreterposition der Mutter übernimmt und sich streng und dominant verhält. Dann haben solche Männer gar keine Chance mehr – beziehungsweise nichts mehr zu lachen.

Ist das tragisch oder lustig?

Jürgen findet sein Leben nicht tragisch. Aus seiner Sicht gibt es nur das große Defizit, dass er keine Frau hat. Aber ansonsten ist er mit dem, was er hat, ganz zufrieden – genau wie die ganzen Leute, die in Supermärkten an der Kasse sitzen oder im Baumarkt Bretter schneiden und bei denen man denkt, dass man sich gleich einen Strick nehmen würde, wenn man das selbst machen müsste. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe das alles selbst erlebt. Der Mensch verfügt über eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit. Er kann sich seinem Schicksal fügen. Die Krankheitsgeschichte mit meiner Mutter hat sich über vier Jahre wirklich so zugetragen, wie es im Film gezeigt wird. Ich empfinde Jürgen und Bernd als grundoptimistische Männer.

Gibt es echte Männerfreundschaften?

Ja. Ich pflege selbst vier oder fünf. Das Schöne an gleichgeschlechtlichen Freundschaften ist, dass Sexualität keine Rolle spielt und insofern solche Freundschaften sehr viel dauerhafter sind als Freundschaften mit Frauen.

Heutzutage stehen den Männern angeblich alle Möglichkeiten offen, weil die Rollen aufgeweicht sind. Wie finden Sie die "Metro-Sexualität"?

Ich halte das für großen Schwachsinn. Metrosexualität ist bloß ein mediales Konstrukt. Solche Begriffe haben ein paar Jahre Konjunktur und dann wird wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Diesen affigen Schwachsinn kann man sich auf dem Land und in Kleinstädten nicht erlauben, ansonsten wäre man direkt eine lächerliche Schießbudenfigur. Metrosexualität funktioniert nur bei kompletten Boulevardmedien-Gestalten wie David Beckham. Die Ronaldos dieser Welt können sie sich leisten, aber im normalen Leben funktioniert sie nicht. Und es gibt keine einzige vernünftige Frau, die auf irgendwelche Softies steht.

Ihre Meinung über Speed-Dating?

Ich beurteile vieles nach dem Ergebnis. Wenn Speed-Dating für einige Leute zum Erfolg führt, dann ist das eine gute Sache. Ich selbst habe keine Erfahrung damit.

Wie könnte die Geschichte von Jürgen und Bernd weitergehen? Etwa so, dass die beiden Dating-APPs wie "Tinder" ausprobieren?

Nein. Eher so, dass sie übermächtige, dominante Frauen abbekommen und sich nach den "schönen Zeiten" zurücksehnen, wo sie noch ihre Männerfreundschaft leben konnten.

Wie war der Dreh?

Extrem anstrengend. Für mich ist ein Traum wahr geworden. Das muss ich so sagen. Ich habe Jürgen schon vor ungefähr 22 Jahren in meinen Kurzhörspielen auftauchen lassen und ihn seitdem immer weiterentwickelt und zwischenzeitlich gar nicht mehr geglaubt, dass dieser Film noch mal realisiert wird. Mit dem Resultat bin ich sehr zufrieden. Es erfüllt mich schon mit einem gewissem Stolz.

Wie ist die Chemie zwischen Ihnen und Hübner?

Charlie ist nicht nur ein wirklich sehr, sehr gute Schauspieler, sondern auch menschlich herausragend: grundfreundlich, super-professionell und total angenehm. Ich kenne wenige, die so ohne Marotten und Zickereien sind. Ein richtiger Premium-Typ. Wir waren quasi immer einer Meinung und es gab keine unterschiedlichen Vorstellungen, wie man etwas spielen oder interpretieren soll. Momentan inszenieren wir "Der goldene Handschuh" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Die Premiere ist am 18. November.

Welche Buddy-Filme mögen Sie besonders und warum?

Das Gespann Walter Matthau und Jack Lemmon finde ich sehr gut.

Was kennzeichnet eine gute Komödie?

Ich bin ein Riesenfan von Louis de Funès. Außerdem mag ich Tragikomödien. Ein schöner Satz lautet: "Echter Humor ist die Antwort auf Melancholie, um diese zu überwinden." Dieser Satz erklärt meine Arbeit, denn von meinem Naturell her bin ich leider sehr schwermütig, um nicht zu sagen depressiv, und Humor ist für mich eine Möglichkeit, eine Distanz zu meiner eigenen subjektiv empfundenen Tragik herzustellen. Für mich hat Humor eine andere Funktion als für den Rheinländer, der morgens schon aufsteht und vor lauter Lebensfreude unter der Dusche pfeift und sich auf den Karneval freut. Man muss klar unterscheiden zwischen Humor und Comedy. Überall, wo Comedy draufsteht, ist Scheiße drin. Comedy ist für mich der ganzjährige, verlängerte Arm des rheinischen Karnevals und es hat mit dem, wie ich Humor begreife, gar nichts zu tun. Ich mag das Angel-Sächsische, das Schwarze, das Seltsame, das ein bisschen Kranke.

Gibt es zu wenig gute Komödien im deutschen TV?

Ja, sowieso. Das liegt daran, dass es zu wenig Leute wie mich gibt.

"Jürgen - Heute wird gelebt" – auch ein Stück für die Bühne?

Ja. Charlie Hübner und ich hatten diese Idee bereits während der Dreharbeiten, aber erstmal müssen wir die Einschaltquoten abwarten. Wenn die schlecht sind, dann kann man das Thema leider direkt begraben. Ich wünsche mir sehr, dass man in Deutschland neben dem doch sehr, sehr seichten Mainstream mal etwas mit ein bisschen Ecken und Kanten macht und dass es eine Fortsetzung gibt. Ursprünglich war "Jürgen" übrigens mal als Serie geplant. Jürgen und Bernd sind aus meiner Sicht "leere Gefäße", die man beliebig und relativ einfach füllen kann – nicht so wie bei "Dittsche", aber man kann sehr toll alle möglichen Geschichten an den beiden entlang erzählen. Sie sind ein Gespann für die Ewigkeit.

Vorletzte Frage: Warum sieht man die kranke Frau Mama nie?

Ich wollte, dass die Mutter ein Rätsel umgibt. Ist sie eine an Kanülen und Schläuche angeschlossene, todkranke Patientin? Eine Hypochonderin? Oder eher eine verbitterte Despotin? Das bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen.

Ihr nächstes spruchreifes Projekt?

Der Erzählband "Das Tee-Männchen", der im Herbst erscheint.

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