Jella Haase im Interview über "Das Leben danach"

GOLDENE KAMERA spricht mit "Fack ju Göhte"-Star Jella Haase über Traumata, Tod und ihre bislang extremste Rolle in "Das Leben danach".

Am 24. Juli 2010 endet die Loveparade in Duisburg mit einer Massenpanik. 21 Menschen sterben, 541 werden schwer verletzt. Der GOKA-Kandidat "Das Leben danach" (27. September, 20.15 Uhr, Das Erste) illustriert die psychischen Folgen der Katastrophe für die Betroffenen am Beispiel der jungen Antonia (Jella Haase). GOLDENE KAMERA traf die Hauptdarstellerin zum Interview.

Trailer "Das Leben danach"

Interview mit Jella Haase

Wie haben Sie das Loveparade-Unglück im Jahr 2010 wahrgenommen?

Ich war absolut geschockt, weil diese Bilder so grausam und ausweglos waren. Ich konnte gar nicht mehr hingucken.

Angeblich stießen Sie mit der Hauptrolle der traumatisierten Antonia kräftemäßig an Ihre Grenzen …

Ja, Antonia war für mich eine riesige Herausforderung. Ihre Geschichte ist wichtig und heftig. Ich habe beim Dreh viel geweint, und musste nach Drehschluss oft den Druck und die Beklemmung loswerden, die auf mir lasteten. Deshalb bin ich Laufen gegangen. Außerdem haben mein Drehpartner Carlo Ljubek und ich nach einem Drehtag viel über Szenen und Erlebtes gesprochen, das hat mir geholfen zu reflektieren, zu verarbeiten.

Wie war der Dreh an den Originalschauplätzen?

Wir haben auf dem Duisburger Bahnhofsgelände sowie in dem Original-Tunnel gedreht. Die Energie dort war beklemmend. Gleich in der ersten Szene laufe ich durch den Tunnel – und sehe dabei die ganzen Umrisse der Leute, die an die Wand gezeichnet worden sind. Eine solche Energie macht etwas mit einem. Die Atmosphäre hat mich sehr berührt.

Vom Anfang zum Ende: In der Schlusszene fahren Sie gemeinsam mit Carlo Ljubek durch den Tunnel. Heißt das, dass es immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt?

Wir geben dem Zuschauer keine vorgefasste Interpretation an die Hand, aber das Licht am Ende des Tunnels ist auf jeden Fall eine vorstellbare Möglichkeit.

Leid, Aggression, Traumata: Warum sollten sich junge Menschen diesen Film anschauen?

Weil die damaligen Geschehnisse nicht vergessen werden dürfen und Traumata wichtige Themen sind. Der Film baut Verständnis für Traumatisierte auf. Auf den ersten Blick wirkt Antonia mitsamt ihrer ganzen Radikalität ja ziemlich befremdlich, aber mit der Zeit lernt der Zuschauer, dass sie von Trauer angetrieben wird und kein glücklicher Mensch ist. Sie kann nach einer Katastrophe wie dem Love-Parade-Unglück nicht einfach mal eben so ins normale Leben zurückfindet. Bei Traumatisierten funktionieren die einfachsten Abläufe nicht mehr.

Inwiefern?

Der Film sensibilisiert die Zuschauer dafür, dass Traumatisierte Panikattacken bekommen und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Vielleicht erkennt der eine oder andere Zuschauer, dass er selbst Menschen kennt, die unter posttraumatischen Störungen leiden. Antonia ist dafür ein Sinnbild. Ihre tragische Geschichte geht einem ganz schön an die Nieren. Gleichzeitig jedoch hat ihre Story auch einen bejahenden, versöhnlichen Aspekt – denn sie deutet die Möglichkeit an, dass Liebe heilsam sein könnte.

Sind Techno und Tattoos auch Ihre Welt?

Ich gehe gern zu Techno tanzen, aber ich bin nicht tätowiert. Momentan trage ich einen Fisch auf meiner Hand, aber der lässt sich wieder entfernen.

2010 stürzten die "Generation Love Parade" abrupt vom Himmel in die Hölle. Inzwischen sind sieben Jahre vergangen. Wie tickt die aktuelle, junge Generation?

Viele haben ein bisschen damit zu kämpfen, dass es ein Übermaß an Möglichkeiten gibt – quasi die Qual der Wahl. Außerdem sind viele permanent online. Alles wird geteilt, alles wird hochgeladen, alles wird online gestellt. Dadurch geht viel Natürlichkeit verloren, denn die Leute denken immer an Instagram und die nächste Foto-Inszenierung und aus welcher Perspektive ihr Eisbecher am besten aussieht, statt einfach mal den Moment zu genießen.

Im Film sagt Antonia über sich, dass sie einen an der "Klatsche" hat und ein "krankes Arschloch" sei …

Antonia wird von wahnsinnigem Schmerz angetrieben. Sie ist radikal in ihrer Zerstörungswut, hat ein bisschen Witz, ist nicht auf den Kopf gefallen, irgendwie frech, sehr ambivalent, faszinierend und abstoßend zugleich. Bei ihr kann man sich nie sicher sein, was Sache ist. Außerdem gefällt mir, dass sie so aussieht, wie sie aussieht – nämlich wie eine interessante Gestalt mit dunklen Haaren und Ringen unter den Augen. Anfänglich war mir die Rolle fremd, denn ich bin überhaupt kein wütender Mensch. Insofern bestand die große Faszination darin, mich diesem fremden Charakter anzunähern.

Mal spielen Sie tiefgründige Charaktere, mal plappernde Proleten. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?

Danach, ob mich die Geschichte und die Figur berühren – und wie sich die Rollen entwickeln. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich gerade so eine Bandbreite angeboten bekomme und versuche jeder Rolle mit gleich viel Respekt entgegenzutreten. Übrigens: Auch plappernde Proleten haben eine tiefgründige Seite. Denn das Gerade und das Krumme liegen ganz oft beieinander – genau wie bei Antonia. Das ist spannend.

Gibt es eine Figur, der Sie gern mal Leben einhauchen möchten?

Ich hätte Lust, mal eine Figur aus dem Barock oder aus der Aufklärung zu spielen.

Haben Sie durch den Dreh von "Das Leben danach" mehr Verständnis für "Freaks"?

Ja, denn ich habe beispielsweise mit der Traumatherapeutin Sybille Jatzko gesprochen. Sie hat Überlebende und Familien des Love-Parade-Unglücks betreut. Durch die Gespräche mit ihr habe ich gelernt, dass ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann, was Menschen durchmachen, die traumatisiert sind. Denn Traumatisierte sind oft selbst darüber wütend, dass sie nicht mehr wie gesellschaftlich vollwertige Mitglieder funktionieren. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass Antonia in kein Geschäft gehen kann, ohne die Türen zu zählen. Sie hat viele Zwänge und ganz viele Ängste, aber beides hat sie nicht selbst verschuldet, sondern ein Unglück, das über sie hereingebrochen ist und sie ausgehebelt hat. Deshalb fühlt sich Antonia machtlos und schwach und minderwertig – und sie wird unglaublich wütend.

Im Film rauchen Sie bei der offenen Aufbahrung eines jungen Mannes, der sich wegen seines Traumas umgebracht hat. Wie ist Ihr Verhältnis zum Tod?

Ich bin ein sehr lebensbejahender Mensch, aber ich finde trotzdem, dass es wichtig ist, sich mit dem Tod auseinander zu setzen, denn er wird uns alle einholen. Persönlich glaube ich, dass es nach dem Sterben irgendwie weitergeht. Außerdem leben die Verstorbenen weiter in unseren Herzen. Früher glaubte ich, dass sie auf den Wolken sind und von dort auf uns hinunter gucken. Alles ist möglich! Vielleicht wird man auch als Tier wiedergeboren. Ich bin überzeugt, dass man gute Dinge für sein Karma tun sollte.

Im Loveparade-Film schwingt unterschwellig das Gefühl mit, dass sich Antonia umbringt. Werden Depressionen und Suizid zu sehr tabuisiert?

Mir haben schon viele Leute gesagt, dass sie glaubten, dass sich Antonia umbringt. Deshalb ist es wichtig, dass man das Thema deutlich anspricht – und nein, ich finde es überhaupt nicht gut, dass Suizid tabuisiert wird. Neulich habe ich gelesen, dass sich weltweit alle 40 Sekunden ein Mensch umbringt. Mit sowas muss man sich als Gesellschaft natürlich auseinandersetzen – genau wie mit dem Thema Depression und wie man Depressiven helfen kann und welche Verantwortung man als Gesellschaft gegenüber den schwächsten Mitgliedern hat.

Zu "Fack ju Göhte 3": Wie geht’s weiter mit Chantal und wäre das nicht auch eine Figur, die eine eigene Fernsehserie verdient hätte? Hätten Sie Lust darauf?

Ja, das wäre bestimmt lustig. Stoff gäbe es jedenfalls genug. Der dritte Teil von "Fack ju Göhte" ist wahnsinnig witzig geworden. Alle Schüler bereiten sich aufs Abi vor und Chantal macht Karriere. Die Geschichte neigt sich nun dem Ende zu. Bora Dagtekin hat sich noch mal selbst übertroffen. Der dritte Teil ist der beste.

Ihre eigene Abi-Note?

2,4.

Wen spielen Sie in Matthias Schweighöfers "Vielmachglas"?

Marleen, die Hauptfigur. Marleen ist ein Mädchen, das nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anstellen soll. Also startet sie einen Road Trip, um Abenteuer zu erleben. Es ist ein schöner, lustiger und sehr berührender Film.

Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Ich fange jetzt mit den Dreharbeiten zu Michael Bully Herbigs neuen Film "Der Ballon" an. Es ist die Geschichte zweier Familien, die mit einem Heißluftballon über DDR-Mauer geflohen sind. Bully führt dabei selbst Regie – und ich bin schon sehr gespannt.

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