Kanzler kann doch jeder!

Wer kann Kanzler? Diese Frage wird bei der Bundestagswahl am 24. September per Stimmzettel entschieden. Doch was braucht es, um einen Kanzler oder eine Kanzlerin vor der Kamera zu spielen? Wir haben die Geschichte der Bundeskanzler-Darsteller unter die Lupe genommen.

Ob die amtierende Kanzlerin Angela Merkel eine vierte Amtszeit absolviert oder vielleicht doch noch Martin Schulz als neunter Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland in die Annalen eingehen wird, hat nicht nur Auswirkungen auf die nationale Staatenlenkung. Die Galionsfigur der deutschen Politlandschaft spielte und spielt nämlich auch in der jüngeren Film- und Fernsehgeschichte eine abwechslungsreiche Rolle.

Der Kanzler als Figur der Zeitgeschichte

Seit der deutsche Schauspieler Henning Schlüter im britischen Nazijäger-Thriller "Die Akte Odessa" (1974) einen Kurzauftritt als Zigarre schmökender Ludwig Erhard hatte, fungiert die Figur des Bundeskanzlers immer wieder als personifiziertes Zeitkolorit in Spielfilmhandlungen. Vor allem bei der TV-Aufarbeitung deutscher Nachkriegsgeschichte, die seit einigen Jahren im Bereich der Doku-Fiction für gute Quoten sorgt, dürfen speziell die Regierungschefs der jungen Bundesrepublik nicht fehlen.

Konrad Adenauer kann dabei die meisten Filmeinsätze als historischer Wegbegleiter und Gegenspieler verbuchen. Unter anderem wurde der Bundeskanzler-Urvater im Axel-Springer-Biopic "Der Verleger" (2001) von Werner Dissel, in Roland Suso Richters "Die Spiegel-Affäre" (2014) von Otto Mellies und im Justizdrama "Die Akte General" (2016) von Dieter Schaad verkörpert.

Trailer zu "Konrad Adenauer - Stunden der Entscheidung" (2012) mit Joachim Bißmeier

Der Kanzler als Biopic-Held

Dass Bundeskanzler auch das Zeug zum filmischen Protagonisten haben, stellte 2003 Regisseur Oliver Storz im ARD-Zweiteiler "Im Schatten der Macht" unter Beweis. Darin schildert er mit Hauptdarsteller Michael Mendl die letzten 14 Amtstage von Willy Brandt, der im Frühjahr 1974 aufgrund der Enttarnung seines Partei-Referenten Günter Guillaume als DDR-Spion zurücktreten musste. Ein politischer "Vatermord", der bei der TV-Adaption für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte, da Guillaume von Matthias Brandt gespielt wurde – dem leiblichen Sohn des ersten sozialdemokratischen Kanzlers.

Echtes "Filmstar"-Potential bot Brandts Nachfolger Helmut Schmidt, der zunächst als Hamburger Innensenator und später als Bundeskanzler bei zwei traumatischen Zäsuren in der deutschen Geschichte seinen Politiker stand. Bei den Fiktionalisierungen der norddeutschen Flutkatastrophe von 1962 ("Die Sturmflut", 2006) und der terroristischen Flugzeugentführung der "Landshut" im Jahr 1977 ("Mogadischu", 2008) schlüpfte Christian Berkel in die Schuhe des heldenhaften Hanseaten und verriet damals in einem Interview, worauf es bei der Verkörperung historischer Personen ankommt: "Das ist der größte Fehler, den man machen kann: zu kopieren. Wer das versucht, landet beim Kabarett. Er erwischt von der Figur nur, was allzu lesbar ist."

Kanzler und Kanzlerin als Witzfigur

Obwohl sich das politische Kabarett der 1980er und 1990er Jahre auf solch oberflächliche Imitationen von Helmut Kohl eingeschossen hatte (Stichwort: "Birne"), sucht man satirische Darstellungen bei der filmischen Auseinandersetzung mit dem jüngst verstorbenen Altkanzler vergebens. Stattdessen sorgten unter anderem Stephan Grossmann und Thomas Thieme (GOLDENE KAMERA 2014) in der ZDF-Produktion "Der Mann aus der Pfalz" (2009) dafür, dass der Mensch hinter dem Machtpolitiker sichtbar wurde.

Eine solche fiktionale Ehrung blieb Altkanzler Gerhard Schröder und seiner Nachfolgerin Angela Merkel (bislang) verwehrt. Machte sich Kabarettist Martin Zuhr noch zu Amtszeiten in der RTL-Sitcom "Wie war ich, Doris?" (1999) über Schröder lustig, geben hauptberufliche Merkel-Double wie Susanne Knoll oder Marianne Schätzle in Krawall-Komödien wie "Morgen, ihr Luschen! Der Ausbilder-Schmidt-Film" (2008) oder "Kartoffelsalat" (2015) die Mutti vom Dienst. Bisheriger Höhepunkt der merkelschen Spaß-Cameos dürfte dabei Hape Kerkelings Kino-Hit "Horst Schlämmer - Isch kandidiere!" (2009) sein, in dem sich der Kult-Komiker als Amtsinhaberin und Herausforderer beim Kanzlerduell selbst gegenübersteht.

Das Kanzlerduell aus "Horst Schlämmer - Isch kandidiere!" (2009)

Kanzler und Kanzlerin als Inspiration

Dass Schröder und Merkel zur satirischen Persiflage einladen, mag auch daran liegen, dass die beiden nicht nur individuelle Charakterköpfe, sondern auch archetypische Politikertypen personifizieren. Und als solche bieten der Politmacho und die Bundesmutti auch Inspiration für frei erfundene Kanzlerdarstellungen wie in der ZDF-Serie "Kanzleramt" (2005), in der Klaus J. Behrendt als alleinerziehender Regierungschef Andreas Weyer überzeugte

Und im gerade abgedrehten Sci-Fi-Thriller "Mute" von David-Bowie-Sohn Duncan Jones, der im Berlin der nahen Zukunft spielt, wird Schauspielerin Kirsten Block in den Credits als "German Chancellor" ausgewiesen. Für Hollywood scheint offenbar schon klar, wer demnächst in Deutschland (weiter)regiert.

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