Nico Hofmann: "Das Fernsehen wird immer besser"

Nico Hofmann, Deutschlands prominentester TV-Macher.
Nico Hofmann, Deutschlands prominentester TV-Macher.
Foto: Sean Gallup/Getty Images
Keiner hat das deutsche TV so geprägt: Exklusiv-Interview mit UFA-Boss Nico Hofmann zum 100. Jubiläum der Traumfabrik.

Er ist der erfolgreichste deutsche Produzent: Nico Hofmann, 57, seit 1. September alleiniger Boss der UFA, der größten nationalen Film- und TV-Schmiede. So klangvoll der Name der alten Traumfabrik, so vielschichtig ist ihre Historie. Im exklusiven Interview erläutert Hofmann, wohin er sie in Zukunft führen will.

Interview mit Nico Hofmann

Herr Hofmann, bis in die 50er stand der Name UFA für eine Traumfabrik, die großes Kino machte. Wo steht sie an ihrem 100. Geburtstag?

Sie ist einer der drei größten europäischen Produzenten. Wir decken die ganze Welt des Fernsehens ab: von Shows wie "DSDS", über Daily Dramas wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" bis zu anspruchsvollen Eventserien wie "Charité". Mit unseren Produktionen könnten wir theoretisch einen eigenen Fernsehsender gründen. Hinzu kommen lang laufende Programm-Marken wie "Ein starkes Team" sowie große Kinoprojekte. Aktuell in der Fertigstellung ist Caroline Links Verfilmung von Hape Kerkelings Autobiografie "Der Junge muss an die frische Luft". Es wird ein wunderschöner Film!

Zum Jubiläum gehört aber auch die NS-Geschichte der UFA, dazu zählen etwa Propagandafilme wie "Kolberg". Wie gehen Sie damit um?

Man muss sich der Geschichte stellen. Der damit verbundenen Verantwortung sind wir uns bewusst und haben deshalb ein großes Symposium zur Rolle der UFA im Dritten Reich gemeinsam mit der Deutschen Kinemathek organisiert, das auf sehr großes Interesse gestoßen ist. Ich mache dies nicht aus oberflächlichen moralischen Gründen, vielmehr finde ich die Beschäftigung mit der Geschichte der UFA im Dritten Reich hochinteressant. Mit der UFA verbindet man aber auch Regiegrößen wie Fritz Lang oder Filmklassiker wie "Metropolis". Bis 1933 hat die UFA jahrelang Ästhetik und Filmkunst definiert. Das gilt auch heute wieder. Wir haben die TV-Landschaft in den letzten zwei Jahrzehnten geprägt. Wenn man damit bewusst umgeht, kann man stolz auf das Unternehmen sein.

Welchen Ruf hat die UFA international?

Der ist bis heute legendär. Das merke ich auch daran, dass plötzlich US-Kollegen nach Remakes fragen. Letzte Woche wollte einer Fritz Langs "Siegfried" kaufen.

Sie sind seit Kurzem alleiniger Geschäftsführer der UFA. Wo wollen Sie sie hinführen?

Es gibt ein sehr klares Programm. Grundsätzlich gibt es drei wichtige Bereiche. Zum ersten gehören die TV-Events. Zum zweiten die starken Marken, angefangen bei "Donna Leon" über "SOKO Leipzig" bis hin zu Dieter Bohlens großen RTL-Shows. Insgesamt haben wir 25 kontinuierlich laufende Marken, bei denen wir das Konzept immer wieder hinterfragen. Der dritte Bereich umfasst die Internationalisierung des Geschäfts. Um die Rechte am Biopic über Siegfried und Roy haben wir sehr lange gerungen, am Ende sogar den "Herrn der Ringe"-Regisseur Peter Jackson ausgestochen.

Wird durch junge Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime das TV noch mal neu erfunden?

Ich finde, dass wir Fernsehen in den letzten Jahren immer wieder neu erfunden haben und es immer besser geworden ist. Viele unserer Produktionen wie "Nackt unter Wölfen", die wir für öffentlich-rechtliche Sender produziert haben, wurden dann an Netflix verkauft, wo sie erfolgreich laufen. Unseren Durchbruch hatten wir mit "Unsere Mütter, unsere Väter" (GOLDENE KAMERA 2014), das – nach dem internationalen Emmy – auch bei Netflix und im US-TV lief. "Deutschland86", die Fortsetzung von "Deutschland83" (GOLDENE KAMERA 2016), wird ab 2018 exklusiv bei Amazon Prime Video in Deutschland und dann weltweit zu sehen sein.

Um im Geschäft zu bleiben, muss der internationale Geschmack stärker bedient werden?

Ich würde es nicht "internationalen Geschmack" nennen. Tatsache ist aber, dass das Niveau gestiegen ist und die Zuschauer mittlerweile größere Erwartungen haben. Sie nutzen Programme auf Plattformen wie Netflix und sind darin geschult, komplexe Strukturen über längere Zeit zu verfolgen. Das sehe ich bei meiner 86-jährigen Mutter, die sonntags zehn Stunden lang ohne Pause "The Crown" anschaut.

Die klassische TV-Serie hat also noch Zukunft?

Auf jeden Fall. Man sieht es auch an den immensen Abrufzahlen in der Mediathek, etwa bei "Charité": Zu den 7,3 Millionen Zuschauern kamen noch einmal 500.000 pro Folge, also sprechen wir von 7,8 Millionen, die jeden Teil gesehen haben. Gigantisch.

Wenn man das normale Fernsehen mit den neuen Streamingdiensten vergleicht, muss man dann nicht doch sagen: Letzteren gehört die Zukunft?

Nein, dazu produzieren die hier viel zu wenig. Die hiesige Produktionswirtschaft steht und fällt mit dem deutschen, linearen Fernsehen. Wenn für diese Sender nicht mehr produziert werden sollte, müssten viele tausend Menschen entlassen werden. Das ist ein Milliardenmarkt, der sich nach wie vor aus Aufträgen von ARD und ZDF, RTL, Sat.1 und Co. speist. Da haben Plattformen wie Netflix einen Promilleanteil.

Berühmt wurden Sie mit historischen TV-Events: von "Der Tunnel" bis "Unsere Mütter, unsere Väter". Ist das Sujet nicht allmählich ausgereizt?

Wie "Charité" zeigt: überhaupt nicht!

Sie planen seit Langem einen Mehrteiler über Hitler und suchen dafür noch Partner.

Hitler ist unser schwierigstes Projekt, weil es so belastet ist. Unsere Drehbücher basieren auf Thomas Webers "Hitlers erster Krieg". Im Grunde ist es eine sehr genaue Gesellschaftsanalyse über den Aufstieg Hitlers und die Verführung des Bürgertums. Das Thema ist in Zeiten von weltweitem Populismus hochaktuell.

UFA-Geschäftsführer Nico Hofmann verrät Details über seine Hitler-Serie

Was wird Ihre größte Baustelle als neuer UFA-Boss sein?

Es ist bekannt, dass wir voriges Jahr bei "DSDS" Zuschauer verloren haben. Dieter Bohlen hat einen enormen Sachverstand, er ist jemand, der seit Jahrzehnten im Musikbusiness ist und erfahren darin, mit Künstlern und dem Rhythmus einer Show umzugehen. Deshalb hatte ich unbändige Lust, die letzten Monate mit ihm und RTL über die Neuausrichtung von "DSDS" zu sprechen. Interessanterweise gibt es viele Parallelen zwischen dem Rhythmus eines Films und dem einer guten Show.

Warum lieben Zuschauer diese Shows?

Weil man sein eigenes Talent spiegelbildlich betrachtet. Es ist diese Heldenreise "From Zero to Hero", die mitreißt. Du willst sehen, wie sich jemand ernsthaft weiterentwickelt – und da muss "DSDS" offen gestanden wieder hin.

Früher gab es große UFA-Stars wie etwa Zarah Leander, Marlene Dietrich, Heinz Rühmann und Hans Albers. Kommen solch glorreiche Zeiten wieder?

Ich finde, dass wir auch heute Stars haben. Maria Furtwängler, Claudia Michelsen oder Sonja Gerhardt beispielsweise. Aber die Menschen haben sich verändert, Sonja lebt ein anderes Leben als etwa Zarah Leander. Die will auch keine Villa am Wannsee haben. Die Schauspieler leben heute viel polyglotter, sind auf der ganzen Welt unterwegs. Viele von ihnen sind für mich absolut UFA-Stars.

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