Tatort München: Das tödliche Geschäft mit dem Sex

Der härteste Tatort aller Zeiten: "Hardcore". In München müssen die Kommissare diesmal im Pornomilieu ermitteln. Doch wie realistisch ist der Fall?

Eine junge Pornodarstellerin, einige nackte Männer mit Masken – und einer von ihnen wird zum Mörder: Das ist die Ausgangslage der 1030. „Tatort“-Folge (So, 8. Oktober , 20.15 Uhr, Das Erste), die den Titel „Hardcore“ trägt. Tatsächlich geht es in dieser Episode der Krimireihe sehr viel härter zur Sache, als es die Zuschauer gewohnt sind.

Worum geht's im "Tatort: Harcore"?

Tagsüber arbeitet die 25-jährige Marie (Helen Barke), Tochter eines Staats- anwalts, im Pflegeheim. Nachts dreht sie „Bukkake“-Filme, Sexstreifen, in denen eine Frau Geschlechtsverkehr mit Dutzenden Männern hat. Dabei wird Marie erwürgt. Eine Kamera filmte die Tat, doch die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn alle Verdächtigen waren maskiert. Den Tod der Amateurdarstellerin nimmt Drehbuchautor Philip Koch zum Anlass, sexuelle Tabus zu thematisieren. Die Schauspieler sind des- halb meist unbekleidet zu sehen. Trotzdem wird der freizügige „Tatort“ um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Redakteurin Stephanie Heckner erklärt: „Der Film wurde von der Jugendschutzbeauftragten mit der Altersfreigabe ‚ab 12 Jahre‘ bewertet.“ Zudem hat er eine aufklärerische Mission: Am Beispiel konkurrierender Pornoproduzenten erzählt er vom Überlebenskampf der Branche in Zeiten, in denen Pornos im Internet kostenlos zu sehen sind.

Zudem beleuchtet der Krimi einen gesellschaftlichen Trend: Viele „unbescholtene“ Bürger feiern nachts ihre persönliche sexuelle Revolution, indem sie sich beim Gruppensex filmen lassen. Kein Wunder, dass die Pornoproduzenten im Film äußerst nervös reagieren und versuchen, die Ermittler abzuwimmeln. Dabei verwenden sie „Fachbegriffe“, die selbst für Unaussprechliches eindeutige Abkürzungen finden. War die derbe Sprache nötig? Autor Koch: „Der Film soll die Sache knallhart ansprechen, um Bewusstsein zu schaffen.“ Zudem, so Koch, räume der Fall mit Mythen auf: „In der Pornobranche arbeiten nicht nur Frauen, die dazu genötigt werden. Das ist ein falsches Vorurteil aus feministischer Ecke.“

Auch die beiden Hauptdarsteller Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl stehen hinter dem drastischen Fall, wie sie uns im Interview erzählen:

GOLDENE KAMERA: Was ist das Besondere an der Geschichte des „Tatort: Hardcore“?

Udo Wachtveitl: Das Offensichtliche: So viel Nacktheit war vermutlich noch nie im Tatort. Wo aber sonst Nacktheit oft als Dekor, ohne inneren Zusammenhang mit der Geschichte spekulativ im Hinblick auf die Quote vorkommt, so geht es hier gar nicht anders. Es gehört zur Grundvereinbarung in der Branche, über die wir erzählen, da geht es nun mal um Sex, um nackte Leiber und das Sprechen darüber. Man kann auch keine Krankenhausserie machen ohne Ärzte im Kittel.

Miroslav Nemec: „Hardcore“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte, anhand derer sich das Thema „Pornografie in Deutschland“ entspinnt: Ein realistischer, aufklärerischer Umgang mit dem Thema, der bestehende Vorurteile aufdeckt.

Mussten Sie, als Sie das Drehbuch gelesen haben, erst einmal tief durchatmen? Was ist Ihnen als Erstes durch den Kopf gegangen?

Udo Wachtveitl: Nein. Ich habe mich gefragt, wo die Produktion all die Komparsen herkriegen will. Und wie die jungen Kollegen mit der Situation umgehen. Und wie wir bei dem, was wir in aller Ernsthaftigkeit erzählen wollen, auch unseren Humor bewahren. Die Szene mit den beiden Jungs, die sich während einer Drehpause bei Laune halten müssen, während Steuerdetails erörtert werden, ist dann auch – unter anderen – sehr lustig geworden.

Miroslav Nemec: Ein Drehbuch zu lesen dauert – da musste ich sicher mehrmals durchatmen! Mir war sofort klar, dass es eine Herausforderung werden wird, der Öffentlichkeit dieses Thema in all seiner Vielfalt zu vermitteln, ohne dabei zu offensiv oder zu oberflächlich zu sein. Letztlich steckt hinter diesem Thema weitaus mehr als es der einfache Begriff “Porno“ vermuten lässt.

Für wie realistisch halten Sie den Inhalt – immer vorausgesetzt, dass das Ganze natürlich dramaturgisch verdichtet wurde?

Udo Wachtveitl: Für ziemlich realistisch. Scham und Schuldgefühle in bürgerlichen Familien, die mit der Branche in Berührung kommen, kommen schon noch vor, trotz allem aufgeklärten Gehabe.

Miroslav Nemec: Für absolut realistisch und glaubwürdig. Das Drehbuch basiert auf einer sehr gründlichen, sehr fundierten Recherchearbeit des Drehbuchautors und Regisseurs Philip Koch.

Wie hat sich Ihre Sicht auf die Pornografie-Branche durch die Beschäftigung mit dem Thema verändert?

Udo Wachtveitl: Die Branche ist am Verschwinden, weil es keiner Spezialisten mehr bedarf, um bewegte Bilder herzustellen, weil es genug Leute gibt, die sich selbst zeigen wollen, weil die Hauptsache beim Porno so einfach zu verstehen und zu inszenieren ist und weil wegen des Internets die Vertriebsfrage keine mehr ist. Keine kleinen Säle mehr in der Bahnhofsgegend, keine Bildchen unter dem Ladentisch. Pornografie ist Teil des Hintergrundrauschens im allgemeinen Fast Food von Alltagsintensitäten geworden.

Miroslav Nemec: Ich habe gelernt, sie realistischer einzuschätzen – vielleicht unterlag ich vorher auch etlichen Klischee-Vorstellungen.

Interview: Mike Powelz

"Tatort: Hardcore" - So, 8. Oktober, 20.15 Uhr im Ersten und in der Mediathek

GOKA-Kandidat: "Maximilian: Das Spiel von Macht und Liebe"

Liebe, Macht und Intrigen. Großer Historiendreiteiler: "Maximilian" zeigt, wie die Habsburger durch Heirat ihr Weltreich begründeten.
Mehr lesen