GOKA-Kandidat: "Angst - Der Feind in meinem Haus"

Im Thriller "Angst - Der Feind in meinem Haus" gerät Anja Kling ins Visier eines gefährlichen Stalkers. Wie realistisch der Film ist, verrät Hauptdarstellerin Anja Kling im Interview.

Das Stalkingdrama "Angst - Der Feind in meinem Haus" (bis zum 14. Januar 2018 hier in der ZDFmediathek abrufbar) ist ein beklemmender Film nach dem Buch von Dirk Kurbjuweit, der diese Geschichte selbst erlebt hat. Nur das Ende des Psychospiels ist fiktiv.

Darum geht's in "Angst - Der Feind in meinem Haus"

Der Horror beginnt mit Keksen. Als Rebecca Tiefenthaler (Anja Kling, GOLDENE KAMERA 1996 und 2009) und ihr Gatte Randolph (Heino Ferch, GOLDENE KAMERA 2002) mit den Kindern in eine Berliner Gründerzeitvilla ziehen, steht alsbald Gebäck vor der Haustür. Ein Geschenk von Dieter Tiberius (Udo Samel), dem Nachbarn aus dem Souterrain. Er scheint ein netter älterer Herr zu sein, doch bald rückt er den Tiefenthalers immer enger auf den Leib. Als Rebecca ihn um Distanz bittet, zeigt er sein wahres Gesicht: Er fängt die Kinder ab, lockt sie zum Spielen in seine Wohnung, schnüffelt an Rebeccas Unterwäsche. Tiberius entpuppt sich als bösartiger Stalker.

In ihrer Not nehmen sich die Tiefenthalers einen Anwalt. Doch da es Tiberius klug vermeidet, handgreiflich zu werden, kann weder Justiz noch Polizei ihnen helfen. Ganz im Gegenteil: Der hinterhältige Nachbar instrumentalisiert die Gesetzeshüter sogar für einen gnadenlosen Gegenschlag und beschuldigt Randolph und Rebecca des sexuellen Missbrauchs an ihren Kindern. Plötzlich stehen die Opfer selbst am Pranger und kämpfen gegen die Polizei und die Presse um ihre Ehre – und um ihr Leben.

Interview mit Hauptdarstellerin Anja Kling

Das Stalkingdrama "Angst" ist ein beklemmender Film. Doch wie realistisch zeigt er sein Thema? Anja Kling verrät im Interview mit GOLDENE KAMERA ob sie selbst schon mal gestalkt wurde und wie sie über aufdringliche Verfolger denkt:

Anja Kling über das Stalkerdrama "Angst - Der Feind in meinem Haus"

Worum geht's in Ihrem Film "Angst"?

Der Untertitel lautet "Der Feind im meinem Haus" – und das sagt bereits alles: Eine vierköpfige Familie bezieht eine herrliche Gründerzeit-Villa, doch im Souterrain wohnt der seltsame Bruder des Vorbesitzers. Zunächst ist dieser Nachbar sehr freundlich, doch dann stalkt er die Familie. Er beobachtet sie, wird übergriffig und zeigt sogar die Eltern an, weil sie ihre Kinder angeblich sexuell missbrauchen.

"Ein fetter, hässlicher Zwerg hat sich in meine schöne Frau verliebt", sagt Heino Ferch im Film. Wie geht es Rebecca, die Gedichte mit Morddrohungen erhält?

Sie fühlt sich bedroht. Doch die Polizei und die Anwältin können ihr nicht helfen. Beide argumentieren, dass es sich bei den Attacken des Stalkers doch bloß um die Fantasien eines einsamen Menschen handele, den man nicht zu ernst nehmen dürfe – weil er die Familie schließlich nicht körperlich angegriffen habe. Die komplette Geschichte ist unglaublich subtil und perfide, weil Rebecca nichts in der der Hand hat und sie der Situation vollkommen hilflos gegenübersteht.

Was haben Sie durch den Dreh über das Phänomen "Stalking" gelernt, was Sie vorher noch nicht wussten?

Dass ich überhaupt nicht einschätzen kann, wie ich mich selbst verhielte, wenn ich jemals in einer solchen Situation wäre. Wenn es um Stalking geht, denkt jeder, dass er einfach weg- oder umziehen würde oder dem Stalker am besten einfach aus dem Weg ginge. Aber wenn man tatsächlich in einer solchen Lage ist, verhält man sich wahrscheinlich ganz anders.

Warum hat Sie die Rolle der Rebecca gereizt?

Mich hat die ganze Geschichte gereizt. Eine Story muss mich in irgendeiner Form faszinieren oder berühren, damit ich Lust auf den Dreh habe.

Sind Männer genau so von Stalking betroffen wie Frauen?

Absolut. Heino Ferch ist als Randolph ebenfalls im Zugzwang, weil er keine Beweise gegen den stalkenden Nachbarn hat.

Doch wie realistisch ist das Ganze?

Wir alle leben ja in einer Art "Blase". Wir richten uns ein mit Familienmitgliedern und Freunden. Wenn jedoch jemand Fremdes von außen versucht einzudringen und alles durcheinanderbringt, werden wir wütend. Dann fühlen wir uns belästigt und fordern den Eindringling auf, uns in Ruhe zu lassen – statt auch nur ein einziges Mal nachzufragen, warum er die ungeschriebenen Regeln überhaupt verletzt. Statt etwa zu fragen: "Sind Sie denn so einsam, dass Sie mir ständig Kuchen vor die Tür stellen müssen?" rufen wir sofort: "Lassen Sie das, Sie belästigen mich!" Solche überzogenen Reaktionen spiegelt unser Film ebenfalls wider.

Heißt das etwa, Nervensägen und unangenehme Personen werden heutzutage vorschnell als Stalker bezeichnet?

Es kann auf jeden Fall passieren, dass man jemanden vorschnell verurteilt.

Aber ist "Gestalkt-werden" ein Gefühl, das auf einer instinktiven Abneigung beruht?

Rebecca sagt im Film in etwa Folgendes: "Wo beginnt denn die Hölle? Wenn man geschlagen wird? Oder wenn man die berechtigte Angst hat, geschlagen zu werden? Die Angst vor der Hölle ist doch schon die Hölle!" Manchmal wünschen sich Stalking-Opfer sogar, dass die Täter körperlich werden, weil sie dann endlich etwas in der Hand hätten. Denn ansonsten können sich Stalker immer darauf berufen, dass sie ja gar nichts Verwerfliches machen – und "Sorry, ich gucke doch bloß aus dem Fenster!" sagen.

Statistisch betrachtet leiden Frauen häufiger unter Stalking als Männer. Warum wohl?

Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil Frauen mehr Angst davor haben, sich körperlich wehren zu müssen.

Im Film werden die Stalking-Opfer nicht von der Polizei und den Anwälten beschützt.

Der Staat kann ja nicht sofort reagieren. Die Instanzen müssen erst prüfen, was dran ist an den Vorwürfen. Deshalb ist der Rechtsstaat nicht so schnell auf der Seite der Opfer, wie er es vielleicht manchmal sein müsste. Familie Tiefenthaler jedenfalls hat – und das ist sehr realistisch für Stalking-Opfer – das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, weil ihr niemand hilft.

Haben Sie krankhafte Liebesbezeugungen schon einmal selbst erlebt?

Nein.

Aber sind Paparazzi nicht auch manchmal Stalker?

Ich finde es manchmal etwas distanzlos und unangenehm, wenn Menschen auf der Straße einfach das Handy rausholen und sich vor einen stellen und fotografieren, ohne zu fragen. Denn ich würde NIEMALS nein sagen, wenn ich um ein Foto gebeten werde. Aber andererseits kann ich auch gut nachvollziehen, dass das überhaupt nicht böse gemeint ist und wahrscheinlich nur eine Unachtsamkeit. Denn ich merke immer, dass die Leute das Gefühl haben, dass ihr Fernseher mit ihnen spricht, wenn ich sage: "Entschuldigung, es wäre sehr nett, wenn Sie mich fragen würden".

Eine neue Form des Stalkings ist das Cyber-Mobbing, also das beharrliche Nachstellen oder Mobben im Netz. Traut man sich als Star noch, seine Meinung zur Politik frei zu äußern – etwa, wenn man sich gegen die AfD stellt? Oder schweigt man lieber, weil man sonst Cyber-Stalking und Shitstorms befürchtet?

Ich fände es ganz falsch den Mund zu halten und nichts mehr zu sagen. Im Gegenteil, ich würde meine Meinung immer sagen. Wenn man sie begründen kann, dann bitte raus damit!

Sind Sie selbst aktiv bei Twitter und Facebook?

Nur bei Instagram, und das betreibe ich inzwischen mit viel Vergnügen. Auf anjakling_official poste ich zum Beispiel Fotos von Pressetagen, wie diesem. Ich weiß, dass diese Bilder von der Presse genommen werden können, deshalb gibt es auch keine ganz privaten Fotos in meinem Account. Und es ist ein schöner Nebeneffekt, dass man dadurch plötzlich auch den Kontakt zu Kollegen pflegt, von denen man schon lange nichts mehr gehört hat.

Wie wohl sollten sich Menschen verhalten, die sich gestalkt fühlen?

Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. Es kommt darauf an, wie stark das Stalking empfunden wird und wie stark es wirklich ist. Es gibt Fälle, wo ich den Betroffenen zum Dialog mit dem vermeintlichen Stalker raten würde – aber auch solche, wo man besser direkt zur Polizei geht.

Ihre Meinung über Selbstjustiz, die im Film ja auch eine Rolle spielt?

Selbstjustiz ist immer verkehrt.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Kurz nach "Angst" läuft "Der Kommissar und das Kind" mit Silke Bodenbender und mir in einer Episodenhauptrolle (Herbst, ZDF). Außerdem habe ich kürzlich den "Tatort: Dunkle Zeit" (Arbeitstitel) mit Wotan Wilke Möhring abgedreht. Darin spiele ich eine Rechtspopulistin, die viele Hasskommentare bekommt und beschützt werden muss. Dann gibt’s noch "Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft" – das ist der zweite Teil von "Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft". Und zu guter Letzt folgt bald die zweite Staffel von "Tod eines Mädchens" (ZDF).

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