GOKA-Kandidat: Spannender Vierteiler "Das Verschwinden"

Das hochklassige Free-TV-Event im Herbst: Die Miniserie "Das Verschwinden" ist ein deutsches Thrillerdrama um eine verschwundene junge Frau.

Am Anfang stand eine Zeitungsmeldung. Regisseur Hans-Christian Schmid ("Crazy") las sie vor fünf Jahren in einem Lokalblatt: "Darin ging es um eine verschwundene junge Frau und darum, welche Verunsicherung ihr Verschwinden in der Kleinstadt, in der sie lebte, auslöste." Endlich sah Schmid, der ein Fan der "Sopranos" und von "Kommissarin Lund" ist, einen Stoff, der für eine deutsche Miniserie taugt. Und der genügend Wucht hat, um ordentliche Thrillerelemente mit einer ernsthaften Milieustudie zu verbinden. Das faszinierende Ergebnis zeigt das Erste in viermal 90 Minuten ab dem 22. Oktober. Die drei weiteren Teile folgen am 29., 30. und 31. Oktober, jeweils um 21.45 Uhr.

Darum geht's in "Das Verschwinden"

In der Miniserie macht sich Michelle (Julia Jentsch) auf die Suche nach ihrer Tochter Janine (Elisa Schlott), die urplötzlich fort ist. Ohne Unterstützung der Polizei spürt sie Janines letzten Aufenthaltsorten nach und erfährt, dass ihre Tochter zwar nicht abhängig, aber in die Party- und Meth-Szene ihrer Kleinstadt an der bayerisch-tschechischen Grenze abgedriftet war. Immer tiefer dringt Michelle auch in schmutzige Geheimnisse von Nachbarn vor. Mystery-Effekte und Rückblenden verstärken das Gefühl des unaussprechlich Bedrohlichen.

Hintergrund

"Das Verschwinden" spielt an acht aufeinanderfolgenden Tagen im Oktober. Gedreht wurde die fiktive Story von August bis Dezember letzten Jahres. Enorme 56 Drehtage hatte allein Julia Jentsch: "Eine Miniserie ist etwas ganz Neues für mich. An der Michelle mag ich, dass sie eine Ermittlerfigur, dabei aber kein Profi ist. Sondern eine Mutter, die emotional betroffen ist."

Julia Jentsch im Interview zu "Das Verschwinden"

Die Darsteller

Julia Jentsch führt eine Schauspielerriege an, deren Zusammenstellung preiswürdig ist: Elisa Schlott, Johanna Ingelfinger und Saskia Rosendahl als Freundinnen auf Abwegen bringen eine ungeheure Energie ins Spiel – dass viele Jungs und mancher andere in der Kleinstadt wegen der drei Mädchen durchdrehen, ist kein Wunder.

Höchst glaubwürdig auch Ex-"Tatort"-Star Nina Kunzendorf und Sebastian Blomberg als fatalistische Eltern, die bei der Therapiesitzung mit ihrer drogensüchtigen Tochter Manu Optimismus heucheln, wohlwissend, dass sie schamlos belogen werden. Ebenso großartig Mehmet Atesçi als Methdealer ohne jedes Unrechtsbewusstsein und Godehard Giese als Janines Vater, von dessen Vaterschaft weder sie noch seine Frau wissen. Das muss man in einer so kleinen Provinzgemeinde erst mal schaffen.

Elisa Schlott findet gerade diese verkorkste Gemengelage faszinierend: "Spannend sind die Familien, was sie vorgeben zu sein. Schockierend finde ich zu sehen, wie gut sich Menschen maskieren, die Nachbarn sind und die man glaubt zu kennen." Elisa Schlott, 23 Jahre alt, ist selbst eher Großstadtkind, in Berlin geboren. Nach dem Abitur ging sie für ein Jahr nach London, gerade wohnt sie in Köln. Mit der Mädchenclique aus der Schule, mit der sie Abitur gemacht hat, hält sie engen Kontakt. "Zu dieser Clique gehört auch Johanna. Es war purer Zufall, dass wir zusammen für die Rollen von Janine und Manu gecastet wurden." Die wenigen gemeinsamen Szenen sprühen wohl auch daher vor Intensität.

Elisa Schlott im Interview zu "Das Verschwinden"

Woher rührt bei den jungen Frauen im Film dieser unbedingte Wille, sich abzunabeln? "Es liegt sicher auch an der bayerischen Pampa, wo sich jeder kennt, aber eben nur oberflächlich. Da wird eine Gemeinschaft behauptet, die in Wahrheit keine ist." Realistisch sei auch der hohe Konsum von Crystal Meth: "Ich glaube, in dem Grenzgebiet, dort, wo wir gedreht haben, ist die Droge in der Jugendszene allgegenwärtig."

Regisseur Hans-Christian Schmid

Dies deckt sich mit den Recherchen von Filmemacher Schmid: "Ich komme aus der Provinz. Ich kenne das Kleinstadtmilieu sehr gut." Der Handel mit Crystal Meth an der bayerisch-tschechischen Grenze sei zudem "nicht so mafiös organisiert wie bei anderen Suchtmitteln. Weil er in Tschechien recht milde bestraft wird und die Droge günstig zu kriegen ist, kann jeder ganz einfach zum Dealer werden". Was die Möglichkeit, schnelles Geld zu verdienen, mit den Menschen macht, analysiert er in den vier Teilen mitleidlos.

"Das Verschwinden"-Regisseur Hans-Christian Schmid im Interview

Hans-Christian Schmid zählt zu den Großen im Kino- und TV-Fach, die Schauspieler reißen sich darum, bei ihm mitzuspielen. Die besten Szenen bietet er auffällig oft starken Frauen. "Rein intuitiv", wehrt er lachend ab, "ich verfolge da keinen Masterplan."

GOKA-Wertung

Unaufdringlich inszeniert Hans-Christian Schmid Lebenslügen, gesellschaftliche Zwänge und eine handfeste Drogenmisere. Im Zentrum Julia Jentsch als Michelle, die aus der Überforderung heraus eine ungeheure Kraft entwickelt und ihre Rolle klasse spielt.

Muss ich sehen, weil...

...diese Miniserie ein Glanzlicht im TV ist.

Für Fans von...

... "Tod eines Mädchens" (2015), "Das unsichtbare Mädchen (2011) und der Miniserie "Pregau" (2016)

(Eine Bewertung der Redaktion. Die Beurteilung des Films durch die GOKA-Jury ist davon unabhängig)

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