"Aktenzeichen XY … ungelöst": 50 Jahre Verbrecherjagd im TV

Zum Jubiläum der ältesten Fahndungssendung im TV blicken wir auf fünf Jahrzehnte "Aktenzeichen XY … ungelöst" zurück.

Wiesbaden, 20. Oktober 1967. In Halle 1A der ZDF-Studios herrscht gespannte Erwartung. Wird das Experiment gelingen? "Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen, das, meine Damen und Herren, ist der Sinn unserer neuen Sendereihe." Mit diesen Worten begrüßt Eduard Zimmermann, Moderator, Produzent und Erfinder von "Aktenzeichen XY … ungelöst", die Millionen vor den Schwarz-weiß-Geräten. Im Vorfeld hat es bereits Kritik gehagelt. Von Menschenjagd ist die Rede, von Pranger und Polizeistaat. Doch Zimmermann bleibt seiner Idee treu – und schreibt damit TV-Geschichte.

Genau 50 Jahre später ist die Fernsehfahndung immer noch ein Erfolg. Ermüdungserscheinungen? Im Gegenteil: "Wir erleben seit Jahren eine Renaissance", sagt Moderator Rudi Cerne, der "Aktenzeichen XY … ungelöst" seit 2002 ganz im Sinn von Erfinder Eduard Zimmermann weiterführt. "Wir haben immer wieder an den Stellschrauben gedreht, aber den Ursprung der Sendung nie verändert."

Spektakuläre Kriminalfällen

Die Zahlen sprechen für sich. Insgesamt 4586 Fälle wurden vorgestellt, davon 1853 gelöst. Aufklärungsquote: 40,4 Prozent. Bei den Personenfahndungen beträgt die Erfolgsquote sogar 63,1 Prozent. 2319 Täter konnten von der Polizei festgenommen werden. Einige Fälle bleiben besonders in Erinnerung. Wie der Mord an der 18-jährigen Lolita Brieger, die am 4. November 1982 verschwand. Erst 29 Jahre nach der Tat führte die ZDF-Fahndung zu einer heißen Spur.

Als im Oktober 2013 die Eltern der verschwundenen Madeleine McCann bei Cerne im Studio waren, gingen sogar mehr als 500 Hinweise ein. "Wir hatten insgesamt rund 1500 Anrufe, ein Rekord in den letzten Jahren", erinnert sich Rudi Cerne. "Viele Menschen haben dabei auch ihr Bedauern zum Ausdruck gebracht. Das zeigt, wie sehr sich die Zuschauer mit der Sendung beschäftigen."

Das Erfolgsrezept der Fahndungssendung

Zum Erfolgsrezept gehört die enge Zusammenarbeit mit Ermittlungsbehörden. "Die Polizei kommt immer zu uns, wenn ihre herkömmlichen Methoden ausgeschöpft sind", so Rudi Cerne. "Denn wir können schlagartig von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen die größtmögliche Öffentlichkeit herstellen." Nur in seltenen Fällen geht die Initiative von der ZDF-Redaktion aus, dann erfolgt die detaillierte Abstimmung mit der Polizei. "Mir lag zum Beispiel viel daran, im Februar 2017 den Fall des umgekommenen HSV-Managers Timo Kraus in der Sendung zu bringen", so Rudi Cerne. "Es konnte ja nicht von vornherein eine Straftat ausgeklammert werden."

Schon aus rechtlichen Gründen wird bei der Vorbereitung jeder Sendung nichts dem Zufall überlassen. Grundlage ist eine offizielle Verfügung der Justizminister des Bundes und der Länder vom März 1973, eine Art "Gebrauchsanweisung" für die Öffentlichkeitsfahndung in den Medien.

So kommen die Fälle in die Sendung

Alles ist genau geregelt: Es muss sich um Kapitalverbrechen wie Mord, Raub oder räuberische Erpressung handeln. Die Polizei hat alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Es liegen konkrete Fragen vor, die "XY"-Zuschauer beantworten könnten. Nur zum Zweck der aktuellen Fahndung dürfen die Persönlichkeitsrechte der Gesuchten ausgesetzt werden. Deshalb waren früher keine Wiederholungen der Sendung erlaubt.

"Live vor der Kamera kann mich ja theoretisch niemand bremsen", sagt Rudi Cerne. Doch seine Moderation wirkt nur so locker und spontan. "Wir müssen bei unseren Texten äußerst akribisch vorgehen. Dabei kommt es auf jeden Halbsatz und jedes Hilfsverb an." Wort für Wort wird rechtlich abgewogen, die Vorlagen werden dann dem Moderationsstil Cernes angepasst. Bereiten ihm die Fälle schlaflose Nächte? "Ich habe kein Rezept, aber einen ganz guten Mechanismus, wie ich abschalten kann. Dazu raten mir auch immer wieder die zuständigen Ermittler", erklärt Rudi Cerne. "Doch vor allem wenn es um vermisste Kinder geht, braucht das seine Zeit. So eine Sendung hängt man nicht mit der Anzugjacke in den Schrank."

Jubiläumsausgabe im ZDF

50 Jahre TV-Fahndung sind eigentlich ein Grund zum Feiern. Ein aufwendiges Special gibt es trotzdem nicht. Sogar in der Jubiläumsausgabe (25. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) stehen die Fälle im Mittelpunkt. Gefahndet wird etwa nach Einbrechern, die es auf Juwelierläden abgesehen haben. Ein rätselhafter Mord kommt aus Österreich. Die Suche nach einem Motiv führt die Ermittler auch nach Deutschland. Eine anschließende Doku gewährt Blicke hinter die Kulissen. Und am 15. November folgt die Sondersendung "Aktenzeichen XY … gelöst" – mit Fällen, die durch Hinweise geklärt werden konnten.

Die "Mutter aller Realityshows" hat sich in fünf Jahrzehnten behutsam gerändert. Mit Filmfällen, die wie kleine Krimis inszeniert sind, alles etwas moderner, frischer und aufwendiger. So soll es auch weitergehen. Denn Rudi Cerne erinnert sich noch gut, was Eduard Zimmermann ihm einst riet: "Wir müssen mit der Zeit gehen, sonst spielen wir vor leeren Häusern." Quotendruck? Nein. Aber je mehr Zuschauer einschalten, umso mehr können bei der Aufklärung der Fälle helfen.

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