Edin Hasanovic: "Wir Schauspieler wurden verbal attackiert"

Der packende Zweiteiler und GOKA-Kandidat "Brüder" beweist einmal mehr: Den Namen Edin Hasanovic müssen wir uns merken! Ein Exklusiv-Interview mit dem GOLDENE KAMERA-Preisträger.

Edin Hasanovic wusste schon als Kind, dass er mal ein berühmter Schauspieler werden würde. Bereits als Knirps mit gerade eben sieben Jahren hielt er eine Oscar-Dankesrede. "Darin", erzählt Hasanovic, "habe ich mich bedankt beim lieben Gott und bei meiner Familie für alles, was sie bis zu meinem siebten Lebensjahr für mich getan haben. Damals waren meine Cousine und meine Mutter mein Publikum."

Inzwischen sind 18 Jahre vergangen, und die Zahl der Fans hat sich vervielfacht. Sehr viele Filmkritiker zählen dazu, die früh seine Klasse erkennen: Als Edin Hasanovic 2012 den cholerischen Ben im Drama "Schuld sind immer die anderen" spielt, wird er mit dem renommierten Günter-Strack-Fernsehpreis ausgezeichnet. 2016 ehrt die Jury der GOLDENEN KAMERA Hasanovic als besten Nachwuchsschauspieler. Im gleichen Jahr kommt noch der Deutsche Comedypreis für die Dramedy "Familie Braun" hinzu. Darin spielt Hasanovic einen Nazi, der bei einem One-Night-Stand mit einer Eritreerin ein dunkelhäutiges Kind zeugt.

Dankesrede von Edin Hasanovic bei der GOLDENEN KAMERA 2016

Nun ist Hasanovic’ nächstes preiswürdiges Werk fertig: Im zweiteiligen ARD-Drama "Brüder" (alle beiden Teile am 22. November, ab 20.15 Uhr, Das Erste) verkörpert der deutsch-bosnische Star den orientierungslosen Studenten Jan. Der sucht den Sinn des Lebens ausgerechnet in der fanatisch-religiösen Gruppe um den salafistischen Prediger Abadin (Tamer Yigit). Von dort führt ihn sein Weg in ein syrisches Ausbildungslager des IS, wo er nach einer Gehirnwäsche für einen Terroranschlag in Deutschland ausgebildet wird. Gedreht wurde "Brüder" unter strengster Geheimhaltung in Marokko. GOLDENE KAMERA traf den Schauspieler zu einem Exklusiv-Interview:

Warum hat Sie das Drehbuch überzeugt, warum haben Sie die Rolle angenommen?

Solch eine Rolle ist ein unglaubliches Geschenk für einen Schauspieler. Man bekommt nicht oft die Möglichkeit, so eine Bandbreite spielen zu dürfen. Meine Rolle Jan Welke geht im Laufe der drei Stunden durch die verschiedensten Gefühle und ist den unterschiedlichsten (Extrem-) Situationen ausgesetzt. Allein das stellte für mich eine derart große Herausforderung dar, dass ich zusagen musste.
Noch dazu zeugt die Idee, einen Großteil des Films aus dem Innenleben des IS zu erzählen, von großem Mut aller Beteiligten. Wir lesen darüber, gesehen haben wir es in der deutschen Film-und Fernsehlandschaft bisher aber nicht, da sich noch niemand herangewagt hat, so ein brisantes Thema zu fiktionalisieren.

Was lehrt der Zweiteiler "Brüder" die Zuschauer?

Auf der einen Seite spielt der Islam eine große Rolle. Der Film zeigt den Unterschied zwischen Religion und Ideologie und das auf eine tragische und authentische Art und Weise. "Brüder" erzählt aber auch eine Geschichte über das Bedürfnis dazugehören zu wollen, von der Suche nach Halt und von fatalen Fehlentscheidungen.

Wie schwer war es, die fremdsprachigen Gebete und Glaubensbekenntnisse zu lernen, haben Sie sich die mit einem Trick angeeignet, zum Beispiel lautmalerisch - oder haben Sie für den Dreh Arabisch gelernt?

Ich habe neun Kilo abgenommen und mich mit meinem Trainer in Berlin auf die körperlichen Herausforderungen meiner Rolle vorbereitet. Da gehörte das Lernen fremdsprachiger Texte auch dazu und war ein vergleichsweise eher kleines Problem. Wir hatten auch immer einen Arabisch-Coach am Set, der uns mit Rat und Tat zur Seite stand.

Wie ging die optische Verwandlung vonstatten, war ihr Bart echt?

Nein, an sehr vielen Drehtagen mussten mir verschiedenste Stadien meines Bartes angeklebt werden. Ich habe zwar eine Phobie gegen flüssigen Kleber auf der Haut, unsere Maskenbildner haben mir aber die Zeit in der Maske versüßt und mich mit allen Mitteln versucht abzulenken, während sie ihrer Arbeit nachgingen.Da wir unchronologisch gedreht haben, musste ich gut vorbereitet sein, um die innere Verwandlung von Jan ohne lange Vorlaufzeit nach außen entsprechend widerzuspiegeln. Im Laufe der fast dreimonatigen Drehzeit haben mir die verschiedenen Bart-Stadien geholfen. Ich wusste, wenn "Bart Drei" geklebt wird, in welcher Phase sich Jan befindet und wie er dann denkt, geht und redet.

Andere Kleider, andere Gefühle: Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie die typische Kleidung der Salafisten angezogen haben und sich unter Komparsen und Schauspielern bewegten, die ebenfalls solche Kleidung trugen?

Für mich war es etwas völlig Neues und Fremdes Kleidung zu tragen, die zwar sehr gemütlich ist, die mich aber auch automatisch zu einer Gemeinschaft zugehörig hat werden lassen, die in der deutschen Gesellschaft eher negativ wahrgenommen wird. In Kostüm und Maske bin ich deshalb nie allein durch die Straßen zum Set gelaufen. Immer wurde ich begleitet, um mich mit nichts anderem auseinandersetzen zu müssen, als mit meiner Arbeit. Das ist aber eher etwas Generelles. Hätte ich einen sofort zu erkennenden Anwalt gespielt, hätte ich das nicht anders gehandhabt. Man will sich eben nicht mit den Projektionen der Menschen oder anderen Dingen, die den eigenen Fokus verlagern, auseinandersetzen, während man kurz davor ist, eine hochdramatische Szene zu spielen, die große Konzentration erfordert.

War es ein Geheimdreh mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen?

Allen, die an diesem Film mitgewirkt haben, war bewusst, dass wir ein besonders sensibles Thema zeigen. Deshalb war Zurückhaltung, Disziplin am Set und Vorbereitung im Vorfeld hinsichtlich des Drehs sowohl in Deutschland als auch Marokko Voraussetzung. Wir wurden alle sensibilisiert.

Radikalisierte Salafistenprediger, die in Deutschland leben, könnten sich den Film anschauen und sie anschließend im Internet oder auf der Straße dissen. War Ihnen das vor Drehstart bewusst, und wie würden Sie damit umgehen?

Natürlich war und ist mir das bewusst. Wir zeigen eine fiktive Realität. Einen Weg, der zum IS führt. Im Film gibt es auch andere muslimische Realitäten, die die Gegenbalance, das islamische Korrektiv, darstellen. Unter anderem wird das durch die Rolle des besten Freundes Tariq gezeigt, der aus Syrien nach Deutschland geflüchtet ist. Wir beanspruchen mit "Brüder" also nicht eine allgemeingültige Sache zu erzählen. Ich hoffe, dass die Menschen genauso differenzieren wie ich oder der Film das tut und eben nicht verallgemeinern. Wenn man einen Film über einen Polizisten erzählt, der im Dienst trinkt, dann sind eben nicht alle Polizisten Alkoholiker, sondern nur der eine Erfundene im Film. Trotzdem kann man dem Film seinen Realitätsbezug nicht absprechen.

Ihr Film "Brüder" beleuchtet, dass es unter Moslems, ebenso wie bei jeder anderen Religion und Glaubensgemeinschaft, sowohl friedliche als auch gewaltbereite Menschen gibt, oder anders ausgedrückt: Opfer, Normalos, Gestörte und Täter. Glauben Sie, dass Ihr Film das Potenzial hat, die Zuschauer dafür nachhaltig zu sensibilisieren?

Ich glaube, wer schlechtes denken möchte, den wird so ein Film auch nicht davon abhalten. Der sieht in Jan dann ein Opfer des Islam und eben keins von Vernachlässigung oder fehlender Zuwendung. Dann wird auch ignoriert das der Großteil des Films einen friedlichen Islam zeigt. Einen Islam, der von allen Moslems, die ich kenne gelebt wird. Man sieht was man sehen will. Ich glaube, dass viele Menschen die Differenzierung zwischen Islam und Islamismus, also Religion und Ideologie, nicht mehr hinbekommen. Ich hoffe und glaube, dass unser Film dabei helfen kann.

Ihre Meinung: Sind Salafisten Menschenfänger, die es auf orientierunglose Jugendliche und Heranwachsende abgesehen haben?

Ich beziehe mein Wissen aus den selben Medien wie Sie und kann Ihnen dazu nichts Neues erzählen. Ich persönlich bin gegen jegliche Art von Extremismus. Jede Ideologie, die auf Anwendung von jeglicher Art von Gewalt und Unterdrückung zur Durchsetzung ihrer Ziele setzt, lehne ich ab.

Vielen Menschen fehlt vorübergehend- etwa in einer bestimmten Lebensphase- der Sinn des Lebens. Sekten haben schon immer gern in diese Kerbe gestoßen. Mitunter hatte man im Film das Gefühl, dass der Salafismus auch sektenähnliche Strukturen hat, diese aber mit Terrorismus kombiniert. Richtig?


Richtig, bei jeder extremistischen Ideologie ist dieses Phänomen leider anzutreffen. Diese Organisationen profitieren von der Bedürftigkeit des Individuums, die sie zu ihren Gunsten manipuliert.

Ihre Meinung über Religion? Löst sie Krisen und Konflikte - oder löst sie Krisen und Konflikte aus? Ist sie Heilmittel oder stiftet sie Unheil?

Mit Religion verhält es sich so, wie mit Glück, Macht oder Erfolg: Es bedarf eines bestimmten Grades an Reflektions- und Differenzierungsfähigkeit, von der jeder behauptet, sie zu besitzen und manche eben nur fälschlicher Weise. Für viele ist und kann Religion ein wunderbarer Anker im Leben sein.
Ich persönlich bin tolerant erzogen worden und glaube fest daran, dass jeder die Freiheit haben sollte, seine Religion soweit auszuüben, bis dass er die Freiheit seines Nächsten nicht einschränkt.

Gehören Sie selbst einer Glaubensgemeinschaft an?

Ich könnte Ihnen erzählen, wie ich dies und jenes in meinem Privatleben handhabe, aber da ich Schauspieler bin, möchte ich mir assoziationsfreie Räume vorbehalten. Sie geben mir die Fähigkeit, auch zukünftig, Rollen aller Art zu formen und dem Zuschauer die Möglichkeit, sie mir unvoreingenommen abzunehmen. Ein leeres Gefäß, in das der Zuschauer reinprojizieren soll, was er möchte, ohne, dass ihn die Privatperson Edin Hasanovic ständig dabei stört. Somit diene ich meinen Rollen, bin ihnen unterworfen, möchte komplett in Ihnen aufgehen und neben ihnen untergehen. Ich kann mir kein schöneres Schattendasein vorstellen. Das ist der Anspruch an mich und meine Arbeit.

Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Am 25. Januar startet "Nur Gott kann mich richten" in den deutschen Kinos. Dort spiele ich an der Seite von Moritz Bleibtreu, Kida Khodr Ramadan, Birgit Minichmayr und Peter Simonischek in einem Gangster-Drama unter der Regie von Özgür Yildirim ("Chiko") mit. Ich freue mich tierisch auf den Film, der mir sehr am Herzen liegt. Der Film gewann gerade den Hessischen Filmpreis als bester Film. Genre-Kino, dass es so lange nicht mehr in Deutschland gab. Außerdem kommt Ende des Jahres der Zweiteiler " Die Puppenspieler" im TV. Der Film von Rainer Kaufmann Cesare Borgia spielt im 15. Jahrhundert. Ich denke, ich bin mit Perücke und reitend auf einem Pferd kaum wiederzuerkennen.

Hier sehen Sie die besten Bilder zum Film "Brüder (22. November und 29. November, 20.15 Uhr, Das Erste):

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