Mord ist unser Hobby: Was braucht ein perfekter Krimi?

Im neuen ZDF-Krimi "Liebesrausch" (4. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF) aus der Reihe "Unter anderen Umständen" findet Jana (Natalia Wörner, l.) den toten Karsten Rogge (Andreas Pietschmann, r.).
Im neuen ZDF-Krimi "Liebesrausch" (4. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF) aus der Reihe "Unter anderen Umständen" findet Jana (Natalia Wörner, l.) den toten Karsten Rogge (Andreas Pietschmann, r.).
Foto: © ZDF / Simon Vogler
Kein TV-Format lockt derzeit so viele Zuschauer wie der Krimi. Doch nicht jeder Fall gefällt den Fans. GOLDENE KAMERA fahndet nach der Erfolgsformel für TV-Kommissare.

Das TV-Genre ist beliebt wie nie. Über 100 Serien und Reihen bieten allein ARD und ZDF: vom "Tatort" über den "Taunuskrimi" bis zu "Der Alte". Und es kommen ständig neue dazu, wie die neue ARD-Krimireihe "Über die Grenze" (erster Fall: "Alles auf eine Karte", 7. Dezember, 20.15 Uhr).

Doch nicht jeder Fall kommt gleich gut an. Wenn etwa Das Erste zu extreme "Tatort"-Experimente wagt, schalten Hunderttausende ab. Wie beim Mundart-Fall "Babbeldasch" oder bei Margarita Broichs Ausflug ins Horrormilieu in "Fürchte dich". Mit dem humoristischen Münster-"Tatort" dagegen nähern sich Jan Josef Liefers und Axel Prahl schon der 15-Millionen-Marke.

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Die Krimi-Erfolgsformel

GOLDENE KAMERA nahm einen Mann ins Verhör, der es wissen muss: den Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein. Der 56-Jährige hat eine Menge "Tatorte" verantwortet, unter anderem "Manila" und "Das Böse". Er ist überzeugt: "Ein guter Krimi darf nie den Zeigefinger heben, aber er muss immer intelligent unterhalten. Und er sollte stets etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben."

Wie steht es mit Tabubrüchen, etwa dem Thema Homosexualität im Profifußball im "Tatort: Mord in der ersten Liga"? Für Stein kein Muss: "Es darf nie die Maxime eines Drehbuchautors sein, per se ein Tabu brechen zu wollen, denn Tabubrüche brauchen ihre erzählerische Funktion. Fehlt die, wird es schnell langweilig."

Muss der Mörder immer gefasst werden? "Nein", meint Niki Stein. "Das fordert eher die Konvention – und die ist öde. Wichtiger ist, dass ein Krimi einen Nachhall hat, noch Fragen offen bleiben, nicht alle Probleme gelöst sind. Denn dann denken die Zuschauer intensiver über die Story nach."

Wichtig: psychologischer Tiefgang

Zudem brauche ein guter Fall psychologischen Tiefgang: "Wenn die Zuschauer das Verhalten einer Figur nicht nachvollziehen können, schalten sie gelangweilt ab", sagt Stein. "Ich bin ein absoluter Verfechter des 'wellmade plays': Man muss das Verhalten der handelnden Figuren verstehen, sonst kann man nicht mitbangen, mithoffen oder sich mit ihnen identifizieren."

Stein stellt sogar die spitze These auf: Zeitgenössische Krimiautoren sollten mit der Dramentheorie des antiken Philosophen Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) vertraut sein, die eine strenge Struktur mit Spannungsaufbau, Wendepunkt und Auflösung vorsieht. Denn egal ob Hannelore Hoger oder Wotan Wilke Möhring: "Die Kommissare machen sich auf den Weg mit der Frage: 'Wer hat Herrn Meier umgebracht?' Dann wird ihnen die Tätersuche vom Mörder, dem Antagonisten, erschwert. Schließlich kommt es zur alles klärenden Begegnung, dem Showdown. Danach ist der Fall gelöst!"

Dieses uralte Prinzip stehe heute, so Stein, allerdings vor neuen Problemen: "Aristoteles fordert, dass sich der Held durch die Erfahrungen, die er macht, verändert. Da es für unsere TV-Kommissare aber meist nicht um Leben und Tod geht, suchen Autoren oft mit der Brechstange nach anderen Lösungen. Da bietet es sich an, dass der Verdächtige der Bruder des Ermittlers ist. Das erschöpft sich schnell."

Bildergalerie zum "Tatort: Dunkle Zeit"

Ein Beispiel, wie man es besser macht, liefert Stein nun in seinem "Tatort: Dunkle Zeit" (17. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste). Zum Mordopfer wird hier ein Rechtspopulist. Sicher ein Fall mit großem Nachhall.

TV-Event der Woche: "Das Nebelhaus"

Eine Verdächtige, die im Koma liegt, ein Dreifachmord in einer gruseligen Villa und die mutige Journalistin, die den Fall neu aufrollt: Das sind die Zutaten des Thrillers "Das Nebelhaus" (28. November, 20.15 Uhr, Sat.1) mit Felicitas Woll.
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