Wotan Wilke Möhring: "Die Welt ist nicht schwarz-weiß"

Im "Tatort: Dunkle Zeit" jagt Kommissar Thorsten Falke den Mörder eines Rechtspopulisten. In unserem exklusiven Interview zieht Darsteller Wotan Wilke Möhring Parallelen zur aktuellen politischen Situation.

Dieser "Tatort" (17. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste) beginnt nicht nur mit einer Explosion, er hat auch politische Sprengkraft: Bei der Suche nach dem Mörder eines Rechtspopulisten, der durch eine Autobombe starb, bekommt es Hauptkommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) mit den "Neuen Patrioten" zu tun, einer Partei, die nicht von ungefähr an die "Alternative für Deutschland" (AfD) erinnert. Wir haben den 50-jährigen Schauspieler nach den aktuellen Bezügen der Story befragt...

Wotan Wilke Möhring im Interview

GOLDENE KAMERA: In Ihrem neuen Fall wird ein Rechtspopulist durch eine Explosion getötet. Ist der Krimi ein "AfD-Tatort"?

WOTAN WILKE MÖHRING: Nein. Zwar haben die "Neuen Patrioten" gewisse Ähnlichkeit mit rechtspopulistischen Parteie, und natürlich existieren auch Parallelen zu lebenden Personen, aber "Dunkle Zeit" ist fiktiv.

Was hat Sie beim Dreh berührt?

Beim Dreh konnte man deutlich nachvollziehen, wie die rhetorischen und emotionalen Tricks von Populisten – links wie rechts – funktionieren: erst eine Grundangst schüren, verstärken, Feindbilder und Schuldige ausmachen und dann sich selbst als einzige Rettung anbieten.

Wie wird dieser "Tatort" wohl bei den vielen AfD-Wählern ankommen?

Wir haben die Figuren mit Absicht nicht verhohnepipelt – kein Charakter ist eindimensional, stumpf oder unsympathisch. Im Gegenteil! Anja Kling spielt die Parteivorsitzende sehr sympathisch. Und was die AfD betrifft: Es wäre ein Fehler, diese demokratisch gewählte Partei in einem Fernsehfilm zu denunzieren. Das ist das, was die Demokratie ausmacht: Jeder darf aussprechen, was er denkt.

Wie erklären Sie sich den derzeitigen europaweiten Erfolg von Populisten?

Die Wurzel aller populistischen Bewegungen ist die Angst, und die wird geschürt, um Macht zu gewinnen. Aber wer sich Furcht einjagen lässt, geht Populisten auf den Leim. In unserem "Tatort" zeigen wir, wie fiktive Populisten die Bürger manipulieren, indem sie sich unter anderem "Sprachrohr des Volkes" nennen, dessen Sorgen angeblich nur sie verstehen. Aber wer soll "das Volk" genau sein? Sie positionieren sich gegen Eliten, zu denen sie aber selber gehören und es mündet immer in der schlichten Formel "Wenn Du nicht für uns bist, bist Du gegen uns". Aber das greift so nicht.

Leben wir tatsächlich in einer "dunklen Zeit", wie der "Tatort"-Titel andeutet?

Wir leben in einer Zeit, in der die Weichen für das politische Klima der nächsten Generation gestellt werden – es ist keine dunkle Zeit, sondern eine wichtige.

Hier die Guten, da die Bösen: Ist unser Blick auf die Welt manchmal zu simpel?

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir wüssten gern, was "das Gute" und wer "der Böse" ist, doch so einfach ist das nicht. Ein Flüchtling etwa ist mehr als nur ein Flüchtling – er ist zum Beispiel auch ein Mann, vielleicht ein Fußballfan oder ein Vater, der ein Instrument spielt. Er ist vieles gleichzeitig, aber das ist uns zu komplex. Wir scheuen Komplexität, weil sie Empathie fordert.

Interterview Wotan Wilke Möhring zum Tatort: Dunkle Zeit

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wir leben in der sichersten Zeit der Weltgeschichte. Aber die Angst hat uns schon immer begleitet, denn sie war über viele Jahrtausende ein Schutzmechanismus. Wenn unsere Vorfahren eine Grundangst vor dem Fremden hatten, war das ein Schutz der Evolution. Heute können wir diese Grundangst durch eigene Erfahrungen widerlegen.

Kann eine klare Haltung zu solchen Themen der Karriere eines Schauspielers schaden?

Nein. Es gibt Dinge, die wichtiger sind als die Angst – etwa das eigene Gewissen oder Dinge, die einem am Herzen liegen. Wenn uns Furcht vom Handeln abhielte, wäre das die falsche Marschrichtung. Man kann nicht immer alle Dinge abwägen. Wenn man das Bedürfnis hat, etwas zu tun, dann muss man es tun.

Im Film geht es auch um Hass-Posts. Ihre Meinung zu den sozialen Medien?

Das Grundproblem des Internets ist, dass es wie ein Club ohne Türsteher ist: Alle dürfen rein, die Hausregeln erfährt man erst später. Dasselbe gilt für soziale Medien. Dort wird ganz anders argumentiert als im direkten Gespräch. Deswegen glaube ich, dass es eine Renaissance des Gesprächs und des tatsächlichen Handreichens geben muss. Ganz einfach, weil das viel mehr darüber aussagt, wer wir wirklich sind. Im Internet kann man sich ein Alias schaffen und jemand sein, der man gar nicht ist. Das geht in der echten Welt nicht.

Sind Sie der Meinungs, das Internet verbreitet vor allem Fake News?

Nein. In jeder Unwahrheit steckt ein Körnchen Wahrheit, aber umgekehrt hat auch jede Wahrheit so viele Facetten, dass man erst zu ihrem Kern vordringen muss. Dabei kann das Internet helfen. Statt staubige Wälzer nach Fakten zu durchstöbern, können wir heute googeln – wobei viele User noch lernen müssen, dass so gefundene Fakten nicht automatisch die Wahrheit sind. Denn das Internet ist kein echter, sondern ein virtueller Wald.

Könnte man trotzdem sagen, dass wir beim Eintritt ins digitale Zeitalter die Büchse der Pandora geöffnet haben?

Oft wird so getan, als wäre das Internet ein Wesen, das mit uns nichts zu tun hat. Aber das ist völliger Schwachsinn, denn wir haben das Internet selbst erfunden. Alles, was im Netz steht, wurde von uns eingegeben. Das Internet ist kein Apparat, dem wir folgen müssen, sondern ein Apparat, der uns widerspiegelt. In der nächsten Generation werden die Sorgen und Ängste, die wir gegenüber dem Internet haben, wohl keine große Rolle mehr spielen.

Was ist nach "Dunkle Zeit" Falkes nächster Fall und wie gefällt Ihnen die Entwicklung Ihrer Figur?

Mir gefällt sehr gut, wie sich Falke weiterentwickelt. Seit der Folge "Böser Boden" beschäftigt er sich mit seinem Sohn – und in "Dunkle Zeit" gehen die beiden bereits sehr harmonisch miteinander um. Als Nächstes drehen wir einen spannenden "Tatort", in dem es um interne Ermittlungen geht. Da scheinen dann Falke und Grosz gegeneinander zu arbeiten.

Wird es in der Fernsehlandschaft immer wichtiger, Tabus anzusprechen?

Für den Sendeauftrag der Öffentlich-Rechtlichen war es schon immer gleichbleibend wichtig, Tabu-Themen anzusprechen. Gerade bei unserem "Tatort" geben wir uns Mühe, einerseits realistische Polizeiarbeit zu zeigen und andererseits bei jedem Fall einen politischen oder sozialen Mehrwert zu finden, der einen als Zuschauer weitergrübeln lässt.

Auf welchen "Tatort"-Stoff hätten Sie mal richtig Lust?

Ich würde unheimlich gern mal in meinem Lieblingsstadion – dem Westfalen-Stadion in Dortmund – ermitteln. Das wäre eine tolle Kulisse: 80.000 ausverkaufte Plätzen und darunter einem Täter, der in der Masse untergeht und Böses im Schilde führt. Falke im Wettlauf gegen die Zeit – in den Stadionkatakomben! Das ist mein Traumstoff! Denn Fußballstadien sind Tempel der Emotionen, in denen wirklich alle Gesellschaftsschichten zusammenkommen.

Haben Sie schon mal ermittelt, warum die Deutschen so Krimi-affin sind?

Nein, aber natürlich ist es mir auch längst aufgefallen. Übrigens lässt sich da ein Nord-Süd-Gefälle beobachten: Die Skandinavier ähneln uns mit ihrer Vorliebe für Krimis, die Südeuropäer allerdings nicht. Vielleicht hat es mit dem dunklen Wetter zu tun.

Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Im März startet der Kinofilm "STEIG. NICHT. AUS!" unter der Regie von Christian Alvart. Der Film ist ein Mix aus Action und Kammerspiel: Ein Bauunternehmer und Vater fährt mit seinen zwei Kindern im Auto – doch er wird erpresst und es befinden sich Bomben unter den Sitzen. Und im Frühjahr drehe ich dann wieder einen neuen "Tatort".

Interview: Mike Powelz

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Regisseur Niki Stein (56)
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Foto: © picture alliance / Geisler-Fotopress
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