Am Pool mit Polanski: Senta Berger wird 75!

Am 12. Mai ist Senta Berger in der turbulenten ZDF-Komödie "Die Hochzeit meiner Eltern" zu sehen
Am 12. Mai ist Senta Berger in der turbulenten ZDF-Komödie "Die Hochzeit meiner Eltern" zu sehen
Foto: ZDF / Conny Klein
Senta Berger gesteht mit Roman Polanski einen Joint geraucht zu haben - ein Interview über ihre Ängste, Pläne, Licht- und Schattenseiten.

Sie hat Kinokarriere gemacht, mit Orson Welles und John Wayne gedreht und Michael Douglas den Kopf verdreht. Mit Deutschlands gefragtestem Jungstar Elyas M'Barek steht sie bald vor der Kamera. Und sie wird am 13. Mai unglaubliche 75! Senta Berger, ein Weltstar made in Germany. Wir trafen die große Schauspielerin zum Interview.

Interview mit Senta Berger

GOLDENE KAMERA: Erst "Unter Verdacht", dann "Die Hochzeit meiner Eltern" – wie viele Filme drehen Sie eigentlich pro Jahr, Frau Berger?

Senta Berger: Drei, vier, mitunter sogar fünf. Darin enthalten sind seit 15 Jahren zwei neue Produktionen von "Unter Verdacht", die ich immer im Herbst drehe.

Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?

Dafür gibt es ein ganz einfaches Kriterium: Eine gute Geschichte und wie sie erzählt wird. Also ein gutes Drehbuch, das mich bewegt und berührt – eine Geschichte, die ich gerne auch anderen erzählen möchte.

Welche Rolle spielt dabei die Glaubwürdigkeit?

Meine Glaubwürdigkeit? Das spielt natürlich eine große Rolle. Was ich mir selbst nicht glaube, glaubt mir auch der Zuschauer nicht. Man muss sehr streng und aufrichtig sein mit sich selber, um zu erkennen, welche Rollen für einen noch richtig sind und welche schon falsch. Das gilt für jedes Alter. Ich kann heute keine "schnelle Gerdi" mehr spielen – weil ich keine mehr bin. Das Leben zeichnet jeden Menschen. Als Schauspielerin habe ich das Glück, in meinen Rollen ausdrücken zu können, was ich in all diesen Jahren erlebt und erfahren habe.

Bekommen Sie tendenziell mehr gute oder mehr schlechte Drehbuchangebote?

Lassen Sie uns bei "Unter Verdacht" bleiben. Die Drehbücher für diese Reihe zu schreiben, ist grundsätzlich schwierig. Wir greifen in der Krimireihe brisante, gesellschaftspolitische Themen auf und erzählen sie mit den Mitteln eines spannenden Krimis. Das ist schon nicht leicht. Aber die spannende Konstellation der beiden Protagonisten – oder besser Antagonisten: Eva Prohacek und ihr Chef Dr. Reiter – wollen wir ja auch erzählen. Das macht es manches Mal zu kompliziert und wir feilen bis zuletzt am Buch – auch noch während der Dreharbeiten. Man darf ein Drehbuch auch als ein Werk sehen, das die Grundlage zu einem anderen Werk ist, nämlich den Film selbst, der entsteht. Abgesehen von "Unter Verdacht" lese ich doch einige Drehbücher im Jahr. Was ich darin am meisten vermisse, sind gut geschriebene Dialoge. Das scheint eine Kunst zu sein, die heute sehr wenige beherrschen. Die Österreicher, ja, die können das und am besten die Wiener. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Vielleicht an der Freude am heimatlichen Dialekt, am Mutterwitz. So wagemutige und verrückte Filme wie in den 70-er Jahren kommen heute kaum noch vor. Außerdem sitzen in Deutschland nicht sieben Drehbuchautoren – wie bei "Breaking Bad" – wochenlang an selben Tisch, um über Dialoge zu diskutieren. Aber bei mir landen trotzdem pro Jahr ein bis zwei Drehbücher im Briefkasten, über die ich sage: Schön, ich freue mich, darüber können wir uns unterhalten."

Welche neuen Projekte haben Sie in der Pipeline?

Bald beginnt der Dreh zum zweiten Teil von "Almuth und Rita" mit Cornelia Froeboess. Eine kleine, feine Geschichte über zwei Frauen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – eine pensionierte Zahnärztin, Bildungsbürgerin, höhere Tochter und ihre Ossi-Putzfrau mit Herz am rechten Fleck und der Begabung, Menschen in die Seele zu schauen. Anschließend drehe ich einen Kinofilm mit meinem Sohn Simon Verhoeven – die Gesellschaftssatire "Willkommen bei den Hartmanns". Es ist das erste Mal, dass Simon und ich zusammen arbeiten werden. Aufregend! Es ist eine tragikomische Geschichte, die von einer gebildeten, gutsituierten Familie handelt , – Vater: Heiner Lauterbach, Mutter: ich, Sohn: Florian David Fitz ,– die einen Flüchtling aufnimmt, was für jede Menge Verwirrung sorgt.

Inwiefern wird das eine satirische Gesellschaftsbeobachtung?

Das Thema Flüchtlinge wird uns noch lange beschäftigen. Die Gesellschaft wird sich damit auseinandersetzen. Film und Fernsehen sind der Spiegel unserer Gesellschaft. Es werden viele Filme zu dieser Veränderung unserer Gesellschaft entstehen – nicht nur Dokus und Dramen. Ich bin überzeugt davon, dass man über dieses Thema auch eine Tragikomödie drehen kann! Alle Heiterkeit kommt aus der Traurigkeit. Oft fällt es uns Deutschen schwer, sich zuzutrauen auch das Komödiantische in einer dramatischen Situation zu sehen, weil wir von einer gewissen Schwere befallen sind. Das hängt sicher auch mit der Biografie unseres Landes zusammen. Hätten wir gewagt, "Ziemlich beste Freunde" zu drehen? Mit dem Schrecken auf diese Weise umzugehen? Die Franzosen würden sich heute sicher auch einen Film mit Louis de Funès und einem afghanischen Flüchtling zutrauen.

Stichwort Flüchtlinge: Wie sehr sorgen Sie sich um das, was derzeit in Deutschland geschieht?

Ich sorge mich, weil ich denke, dass wir nur bis zu einem gewissen Maß Menschen integrieren können, Deshalb müssen wir jetzt vernünftig sein und festlegen, dass jeder, der zu uns kommt, sich auch an unsere Gesetze halten muss – unabhängig von praktizierter Religion, Biografien und der individuellen Vergangenheit.

Am Tag vor Ihrem 75. Geburtstag läuft die Komödie "Die Hochzeit meiner Eltern". Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Eigentlich ist es kein großer Tag. Groß wird wohl nur die Zahl sein, die dann auf der Torte steht …

Aber ist diese Torte aus Sahne oder Marzipan?

Hallo? Nein, Sacher! Ehrlich gesagt, weiß ich noch nicht, wie ich meinen Geburtstag feiere – denn bezüglich solcher Feste bin ich eine ziemlich große Verdrängerin. Höchstwahrscheinlich werde ich nicht sehr viele Gäste haben. Ich wünsche mir gutes Wetter, dass mein Garten übersät ist mit Löwenzahn und Vergissmeinnicht – und dass wir draußen sitzen können. Dann werde ich, wie in jedem Jahr, an meine Mutter denken und meiner Familie die Geschichte von den High Heels erzählen …

Den High-Heels?

Ja, genau. Mein Vater war sehr abergläubisch und am 12. Mai wurde er schon sehr unruhig – denn meine hochschwangere Mutter war damals längst überfällig mit meiner Geburt. Irgendwo jedoch hatte mein Vater gehört, dass wenn man Stöckelschuhe anzieht und damit sehr energisch auf und ab geht, die Wehen einsetzen. Also zog meine Mutter ihre besten hohen Schuhe an und ist einen Tag lang in der leicht ansteigenden Kamillianer-Gasse in der Nähe des Krankenhauses, wo sie entbinden sollte, energisch auf und ab gegangen. Doch nichts passierte. Abends hat mein Vater meine Mutter dann nach Hause geholt. Sie hatte schon ziemlichen Hunger und in der folgenden Nacht setzten die Wehen ein. Ich wurde am 13. Mai geboren, was eine furchtbare Zahl war für meinen Vater. Der Papa hätte sich niemals auf einen Sitz mit der Nummer 13 gesetzt – weder im Kino noch in der Oper. Dennoch hat er mir am Vormittag nach meiner Geburt ein Kettchen umgelegt mit einer kleinen silbernen 13. Dieses Kettchen habe ich noch in meiner Geldbörse und von da an war die Nummer 13 eine Glücksnummer und die Senta ein Glückskind...

Senta Berger auf der Berlinale 2016

Ein Glückskind, das ungern feiert?

Genau. Was soll ich feiern? Ich bin keine große Feierin. Ich begehe solche Tage eher in der Familie, mit nur wenigen Freunden. Wenn ich 30 oder 40 Leute einlade fühle ich mich zu verantwortungsvoll – nach dem Motto: Unterhalten die sich auch gut genug? Und wurde ihnen schon serviert? Ich bin ganz schlecht, was das angeht. Ich bin eher eine Gastgeberin für eine kleine Runde.

Wie oft produzieren Sie noch Filme?

Die Sentana hat zuletzt drei Dokumentarfilme produziert und einen großen Fernsehfilm, "Let’s go". An diesen Arbeiten hängt mein Herz. Die Filme der "Sentana" waren immer unsere Filme, die unsere Meinung ausdrückt haben. Viele davon wurden anerkannt und prämiert, auch im Ausland: Der British Academy Award, eine Oscar-Nominierung, einen Golden Globe sowie den New-York-Critics-Award für "Das schreckliche Mädchen". Jetzt geht die Firma langsam über in die Hände meines Sohnes Luca. Regelmäßige Produktionen brauchen viel Kraft und viel Atem. Irgendwann muss man auch mal loslassen können.

Sie sind seit 59 Jahren ein Star, haben eine Weltkarriere gemacht – und alle Großen kennengelernt: Michael Douglas war in Sie verliebt, mit Kirk Douglas, Yul Brunner, John Wayne, Charlton Heston und Orson Welles haben Sie gedreht. Mit welchem Blick schauen Sie zurück auf Ihre Weltkarriere?

Das waren sehr bewegende Jahre und ich blicke jetzt genau so bewegt zurück. Es ist schon unglaublich, was ich alles mir zugetraut habe – und wie mutig ich war und wie jung. Letztendlich habe ich es gut gemacht. Ich habe in anderen Sprachen gedreht – erst in Amerika, dann vier Filme in Frankreich, wenigstens 25 Filme in Italien – bevor ich zurückgekommen bin. Das war reiner Zufall, weil mir Helmut Dietl "Kir Royal" angeboten hat. Bis dahin hatte sich mein Beruf hauptsächlich im Ausland abgespielt. Nach "Kir Royal" ging es weiter mit "Die schnelle Gerdi", die zur Kultserie wurde. Ich habe viel gearbeitet und viel gelernt. Ich bin einen weiten Weg gegangen.

Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie die zahlreichen Frauenfiguren, die Sie gespielt haben, jetzt für ein Familienporträt aufstellen. Wer stünde ganz vorne – und warum?

Schwer zu sagen, denn ich habe ja auch am Theater Figuren gespielt, in tief in mein Leben eingegriffen haben und mich bis heute begleiten. Ja gut, die Gerdi wäre sicher dabei. Die war schon wunderbar zu spielen. Da konnte ich viel herausholen – vielleicht, weil sie mir immer so nahe war.

Christopher Lee hat Ihnen drei Tipps gegeben: Ins Ausland gehen, Englisch lernen und dünner werden. Welcher dieser Ratschläge war am wertvollsten?

Englisch zu lernen. Christopher Lee war ein feiner Kerl. Vornehm, wirklich entzückend. Ich habe damals schon Englisch gesprochen, aber mit dickem Akzent. Also hat er mir geraten, es richtig zu lernen und im gleichen Jahr habe ich bereits einen amerikanischen Film gedreht für Walt Disney – "Johann Strauß - The Waltz-King". Darin spielte ich die Sängerin und spätere "Mrs Strauß ". Ich hatte einen amerikanischen Coach, der mit mir immer wieder und ganz besonders diesen ersten Satz übte: "Do you have a new coloratura for me, Mister Strauß?" Ganz schnell und nebenbei gesprochen. Können Sie sich das vorstellen? Es war schon heftig! Es gibt Sätze, die man nie mehr vergisst. Zum Beispiel den Auftrittssatz der Buhlschft im "Jedermann": Wer als lang auf sich warten lässt … " Man kann mich noch heute nachts aufwecken und ich kann noch immer den ganzen Text der Buhlschaft aus dem Stand aufsagen.

Warum?

Weil die Situation in Salzburg so traumatisch ist! Der Hofmannsthal hat den "Jedermann" in Reimen geschrieben – und die sind manchmal sehr holprig. Normalerweise kann man sich auf der Bühne immer irgendwie retten, wenn man einen Texthänger hat. Aber wenn sich der Text reimen muss, bist du aufgeschmissen. Deshalb habe ich mir den Text der Buhlschaft auch derart intensiv eingeprägt, dass er noch immer sitzt.

Inwiefern hat die sonnige Senta Berger auch eine düstere Seite?

Die gibt es natürlich – wie bei jedem Menschen.

Doch was zählt dazu? Haben Sie mal etwas gemopst oder sind über rote Ampeln gebrettert?

Selbstverständlich. Aber die dunkle Seite ist die, die man der Öffentlichkeit verschweigt. Aus der Unsicherheit meines Berufsstandes entstehen oft Stimmungen, aus denen es ganz schwer ist sich herauszuziehen. Das ist die dunkle Seite.

Wenn man runter geht von der Bühne und alles leise wird?

Nein, wenn man glaubt, dass das Telefon nie wieder klingelt und dass nie wieder ein Angebot kommt. Das passiert allen – auch wenn sie auf der schmalen Plattform der Erfolgreichen stehen: Schauspielern, Autoren, Kameramännern … Es ist alles sehr schwierig geworden, doch letzten Endes kommt es nur darauf an, wie man lernt, mit Einsamkeit und Unglück umzugehen. Unglück ist in jedem Menschen angelegt, aber deshalb muss ich mir nicht sofort einen Whisky einschenken oder einen Joint anzünden und alles hinwerfen.

Haben Sie denn schon mal einen Joint geraucht?

Ich wollte immer ganz bei mir sein – hell und klar und die schönen Momente des Lebens ganz bewusst erleben. Ich habe nur einmal mit Roman Polanski am Pool bei seiner Villa in Santa Barbara einen Joint geraucht und bin daraufhin sofort eingeschlafen. Und das ist so schade, denn es war so schön dort. Ich will keine Zeit mit so etwas vertun und es war eine Erfahrung, die mir gar nichts gebracht hat. Dieses Erlebnis hatte ich vor der Banalisierung der Drogen, die schleichend einsetzte wie ein schlechtes Erbe aus den siebziger Jahren – damals, als seriöse Magazine wie Spiegel und Stern plötzlich schrieben: "Jeder hat doch mal" oder "Man wird es doch wohl dürfen". Das war alles leichtfertiger Quatsch. Mittlerweile muss man ernsthaft darüber nachdenken, ob es nicht eine Lösung wäre, Drogen frei zu geben. Wer sich kaputt machen will, macht es sowieso. Traurig, ja.

Schlussfrage: Was ist Ihr größter Zukunftswunsch?

Ich habe nicht nur einen Wunsch, sondern drei: In meinem Alter möchte man gesund, vernünftig und autark bleiben. Ja – das wünsche ich mir.

Interview: Mike Powelz