Emilia Clarke: "Lou aus 'Ein ganzes halbes Jahr' wollte ich unbedingt spielen"

In der Besteller-Verfilmung "Ein ganzes halbes Jahr" zeigt Emilia Clark als quirlige Krankenpflegerin Lou, wie herrlich komisch sie sein kann - und das ist sie auch im Interview.

Querschnittlähmung, Recht auf Freitod – heikler Stoff für eine Romanze, doch in ihrem bittersüßen Welterfolg "Ein ganzes halbes Jahr" (30. Dezember, 20.15 Uhr im ZDF) gelang der britischen Bestsellerautorin Jojo Moyes 2012 der Ballanceakt zwischen Herz und Schmerz. Im Kino wird die Kleinstadtpflanze Louisa, die vom reichen Ehepaar Traynor als Gesellschafterin für ihren gelähmten Sohn William (Sam Claflin) engagiert wird, von "Game of Thrones"-Star Emilia Clarke verkörpert. Die gibt die quirlige Lou, der sechs Monate bleiben, um Wills Lebensmut zu wecken, als launigen Tollpatsch irgendwo zwischen Bridget Jones und Pippi Langstrumpf.

Trailer "Ein ganzes halbes Jahr"

GOLDENE KAMERA traf Emilia Clarke zum Interview

"Ein ganzes halbes Jahr" dürfte vielen Zuschauerinnen nicht nur wegen der rührenden Story, sondern auch wegen Lous schriller Schuhsammlung in Erinnerung bleiben. Mal ehrlich, ein paar dieser knallbunten Dinger vom Londoner Label Irregular Choice haben Sie als Souvenir mitgenommen, nicht wahr?

Ich liebe Schuhe und besitze eine ganze Menge, aber nicht ein einziges Paar aus Lous Sammlung steht jetzt bei mir im Schrank, Ehrenwort. An der Hummelstrumpfhose konnte ich allerdings nicht vorbei, die ist jetzt meine.

Nicht nur Lous Pömps sind speziell, Ihr übriges Outfit ließe sich als kauziger Mix aus Omas Kleiderschrank und Pippi Langstrumpf beschreiben. Durften Sie bei der Kleiderwahl mitreden?

Kostümbildnerin Jill Taylor und ich hatten beim Zusammenstellen der Outfits einen Heidenspaß. Sie schleppte Klamotten aus diverse Londoner Vintage-Läden heran, und dann ging’s los. Jill hatte immer neue Ideen. Sie hat sogar Taschen in jedes Kostüm nähen lassen, weil ich die so klasse finde. Einige Stücke stammen aus ihrem persönlichen Besitz, die Enten-Latzhose beispielsweise. Sogar meine Mutter steuerte etwas bei: eine kleine Pudelbrosche, die ich als Kind geliebt habe. Natürlich trage ich die im Film.

Spaß beiseite, obwohl "Ein ganzes Jahr" in erster Linie eine Love-Story ist, geht es um ein brisantes Thema: Sterbehilfe und das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Harter Tobak, wie sind Sie Ihre Rolle angegangen?

Wie hochsensibel diese Thematik ist, war meinem im übrigen wunderbaren Filmpartner Sam Claflin und mir von vorne herein bewusst. Aus diesem Grund haben wir einen ganzen Monat intensiv zusammen geprobt, was, wie Sie vielleicht wissen, in unserer Branche ausgesprochen ungewöhnlich ist. Wir sind nicht nur jede Szene gemeinsam durchgegangen und haben unsere Charaktere aufeinander abgestimmt, sondern ausführlich recherchiert, uns gegenseitig Artikel geschickt, uns zudem mit Experten, die täglich mit Querschnittgelähmten arbeiten, getroffen. Mir war extrem wichtig, dieses problematische Thema angemessen rüberzubringen.

Wie war die Atmosphäre am Set, wenn Sie hochemotionale Momente wie die Suizid-Szene gedreht haben?

Sehr freundschaftlich und warmherzig, vielleicht nicht zuletzt deswegen, weil sich jeder so seine Gedanken zum Thema gemacht hatte. Ich habe noch nie mit einer solch rücksichtsvollen und taktvollen Crew zusammengearbeitet. Zwischen den Takes haben wir uns oft vor Lachen gebogen, aber sobald es tragisch wurde, konnten wir darauf vertrauen, dass sich jeder zurück nahm. Ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt. Vor allem die Strand-Szene war schmerzhaft. Das mag allerdings auch daran gelegen haben, dass ich mir die Hüfte gebrochen hatte. Bevor Sie weiterfragen: kein spektakulärer Unfall, einfach nur blöd ausgerutscht.

Wie stehen Sie persönlich zur Sterbehilfe?

Der Roman und das Drehbuch von Jojo Moyes treffen den richtigen Ton. Ich finde es wichtig, Menschen die Wahl zu lassen. Genauso wichtig finde ich es, zu akzeptieren, dass es auf diese Frage keine richtigen und keine falschen Antworten gibt. Es ist etwas sehr Persönliches, dass jeder mit sich selbst ausmachen muss.

Ihre tollpatschige Lou hat mit toughen Heldinnen wie Sarah Connor ("Terminator Genisys") und Daenerys Targaryen ("Game of Thrones") wenig gemeinsam. Wollten Sie den Part genau deshalb spielen?

Ich plane meine Karriere nicht strategisch, auch diese Rolle hat sich quasi ergeben. Ich hatte gerade "Terminator" abgedreht, bereitete mich auf die Film-PR-Tour und "Game of Thrones" vor, als ich das Skript in die Hände bekam. Bingo!

In "Ein ganzes halbes Jahr" lastet viel Verantwortung auf Ihnen, Sie sind in so gut wie jeder Szene zu sehen. In "Terminator Genisys" wagen Sie sich an eine ikonische Heldin, in "Game of Thrones" spielen Sie eine der wichtigsten Hauptrollen. Muss eine Rolle Ihnen Angst machen, um Sie überhaupt zu reizen?

Nicht zwangsläufig, aber sie muss mich von Beginn an faszinieren und herausfordern. Lou aus "Ein ganzes halbes Jahr" wollte ich unbedingt spielen, weil sie so viel von mir hat. Am Part von Sarah Connor hat mich die Möglichkeit gereizt, einer solchen Kult-Rolle meinen Stempel aufdrücken zu können, und "Game of Thrones" war mein erster großer Job und schon allein deswegen eine echte Herausforderung.

In welcher Hinsicht ist Ihnen Lou ähnlich?

In ziemlich jeder! Die "Terminator"- und "Game of Thrones"-Heldinnen entsprechen überhaupt nicht meinem Naturell. Diese Ernsthaftigkeit, diese Härte, diese Abgebrühtheit sind überhaupt nicht mein Ding. Ich will lachen, gute Laune und so viel Spaß wie möglich haben. Und genau so tickt auch Lou. Sie ist herzlich, warmherzig, hilfsbereit und ein wenig verschroben, sie zu spielen war deshalb irgendwie befreiend. Endlich musste ich mich vor der Kamera nicht zurücknehmen, sondern konnte ganz im Gegenteil voll aufdrehen. Regisseurin Thea Sharrock feuerte mich sogar noch an: "Weiter so, mehr davon!" Ein herrlicher Spaß.

Apropos Spaß, Ihre schrägen, mega-langen Hashtags auf Instagram haben unter Fans Kultstatus. Wie kamen Sie darauf?

Anfangs wusste ich schlichtweg nicht genau, wie Instagram funktioniert, deshalb habe ich mir einfach meine eigenen Schlagworte ausgedacht. Mittlerweile bin ich süchtig und dementsprechend ehrgeizig. Ich möchte einen Hashtag posten, an den noch nie jemand gedacht hat. Ich schaue deshalb sogar nach, ob meine Wortschöpfung wirklich neu oder bereits von jemandem verwendet worden ist. Ich poste mit Bedacht, das, was ich teile, soll lustig und auf keinen Fall langweilig sein.

Sie waren in den vergangenen Monaten viel unterwegs, teilen auf Ihrem Account meist Party-Schnappschüsse. Zu einem gelungenen Zug um die Häuser gehören Ihrer Meinung nach…

Freunde, Tanzen und irgendeinen Blödsinn verzapfen!

Jetzt bin ich gespannt. Details, bitte!

Sie wissen schon, so eine Nacht, nach der Sie morgens aufwachen und denken "Yup, da war irgendwas Verrücktes, hoffentlich habe ich nichts davon gepostet."

Wenn Sie auf roten Teppichen unterwegs sind, sind Posts hingegen ausdrücklich erwünscht. Nervt es Sie eigentlich, die immer gleichen Fragen nach Ihren Outfits gestellt zu bekommen?

Während die Jungs gemütlich vorbei spazieren können, meinen Sie? Das stört mich nicht, so ist halt das Geschäft: Ein Modemacher will seine Entwürfe bekannt machen, ich möchte meinerseits schick aussehen. Wenn ich das Kleid eines Designers unentgeltlich für ein Event bekomme, ist es nur fair zu verraten, wer es entworfen hat. Mehr noch, es wäre unhöflich, dies nicht zu tun. Anders sieht es aus, wenn ich in meinen Privatklamotten unterwegs bin. Dann geht es niemanden etwas an, welche Labels ich trage. Genervt bin ich auf dem roten Teppich nur, wenn ich nach meiner Körbchengröße gefragt werde. So etwas geht gar nicht!

Laut International Movie Database (IMDB) ist noch keines Ihrer zukünftigen Projekte in Stein gemeißelt. Heißt das, Sie überleben die aktuelle "Game of Thrones"-Staffel und halten sich Zeit für die siebente Saison frei?

Netter Versuch! Ich kann Ihnen bestätigen, dass ich in der sechsten Staffel das ein oder andere Mal zu sehen bin und es spektakuläre Szenen geben wird, aber das ist alles.

Um das Schicksal von Jon Snow in der aktuellen Staffel wurde ein großes Geheimnis gemacht, und tatsächlich ist es allen Darstellern gelungen, nichts zu verraten. Wer ihrer Kollegen verplappert sich am schnellsten?

Da stehe ich ganz oben auf der Liste, ich bin nämlich eine ausgesprochen schlechte Lügnerin. Mir ist sogar schon mal ein "Spoiler" rausgerutscht. Mann, war das peinlich.

Interview: Angela Zierow