Vava Vilde: „Wir sind Repräsentanten für eine ganze Community“

Vava will Menschen inspirieren und bereichern und die Stimme, die ihr Drag verleiht, positiv nutzen.

Vava Vilde kämpft in der sechsteiligen Show „Queen of Drags“ (ab 14. November, 20.15 Uhr, ProSieben) um eben diesen Titel. Wir trafen die 30-Jährige zum Interview.

"Queen of Drags": Vava Vilde im Interview

Vava Vilde im Interview

Wie ist dein Drag-Name entstanden?

Eigentlich wollte ich mich nach dem englischen Ausdruck Vavavoom benennen – das heißt so viel wie „wow“. Aber so hätte mich online niemand gefunden. „Vava“ wie Gaga ist schön kurz und leicht zu merken. „Vilde“ ist eher ein dummer Sprachwitz, weil wir Deutschen das „w“ im Englischen nie richtig aussprechen. Durch die Schreibweise Vilde checkt das aber keiner und alle sagen „wilde“.

Gab’s ein Schlüsselerlebnis, um zur Drag Queen zu werden?

Ich mache Drag seit 2011. Damals habe ich angefangen, ehrenamtlich für die Stuttgarter AIDS-Hilfe auf Partys Kondome zu verteilen. Den Anlass habe ich genutzt, um mich einfach wild zu verkleiden und mich kreativ auszuleben. So bin ich den Leuten aufgefallen und gleichzeitig war Drag eine Art Rüstung, die es mir leichter machte, andere Leute anzusprechen.


Warst du „Queen of Drags“ von Anfang an positiv gegenüber eingestellt?

Ich hatte natürlich meine Vorbehalte, wie mit dem Thema Drag und LSBTTIQ-Themen umgegangen wird. Wir sind alle Entertainer, die sich bewusst sind, dass sie ins Fernsehen gehen, um eine Unterhaltungsshow zu machen. Gleichzeitig sind wir durch eine so große Plattform aber auch Repräsentanten für eine ganze Community. Für viele Menschen ist diese Show vermutlich der erste Berührungspunkt mit queeren Lebenswelten. Und das war mir sehr wichtig, dass wir versuchen, nicht nur zu unterhalten, sondern dass auch wichtige Themen respektvoll behandelt werden. Jemanden kennen zu lernen ist immer das beste Mittel gegen Vorurteile. Und ich hoffe, dass das die Leute sehen: wir sind zehn tolle, völlig verschiedene Künstler und Menschen. Mit spannenden Geschichten, mit verrücktem Job und trotzdem ähnlichen Sorgen und Wünschen wie die Zuschauer. Ich hoffe, dass man Gemeinsamkeiten findet und sich gegenseitig für seine Individualität feiert. Das Team ist immer sehr respektvoll und wertschätzend mit uns und unserer Kunst umgegangen. Alle waren bemüht, eine hochwertige Show mit coolem Konzept zu machen und beim Publikum wichtige Themen anzusprechen. Und weil ich glaube, dass das möglich ist, habe ich mich für die Show entschieden.



Wie ist es im Jahr 2019 wirklich um Homophobie bestellt?

Wir haben in Deutschland mittlerweile rechtlich eine bessere Gleichstellung als wir es je hatten. Der Paragraf 175 ist abgeschafft, Homosexuelle dürfen Heiraten und Kinder adoptieren und so weiter, aber das heißt nicht, dass das im Alltag auch bei allen ankommt. Dass Menschen die trans* sind von ihrem Umfeld angenommen werden, dass niemand Angst vor einem Outing haben muss, dass es kein Stigma mehr gegenüber Menschen mit HIV gibt, usw. Zum Glück ist unsere Gesellschaft heute viel offener, aber es gibt immer auch noch jede Menge Leute, die sich unglaublich angegriffen fühlen, wenn sie Menschen sehen, die sie selbst sind. Mit Drag haben die meisten von uns den Luxus, das wir das Drag ausziehen und dann relativ unscheinbar sein können, wenn wir das wollen. Nicht jeder Mensch ist in seiner Identität und in seinem Ausdruck so unscheinbar und sobald du aus der Masse herausstichst, hast du natürlich auch weniger Chance, dich in der Masse zu verstecken. So wird man schnell zur Zielscheibe für andere. Ich hoffe, dass das die Leute auch ein bisschen mitnehmen aus der Show, dass es vollkommen in Ordnung ist, verschieden zu sein. Dass es ihnen die Augen öffnet für Dinge, denen sie sich nicht bewusst waren. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Demokratie lebt immer davon, dass wir verschieden sind und dadurch alle bereichern. Dass es einen Austausch gibt, dass man respektvoll mit Menschen umgehen muss, die anders sind als man selbst.


Warum wohl sind viele Heteromänner homophob?

Weil sie Angst davor haben, von schwulen Männern so behandelt zu werden, wie sie selbst Frauen behandeln. Ich glaube gerade viele weiße, heterosexuelle Cis-Männer sind sich nicht des Privilegs bewusst, welches sie im Alltag haben. Dass sie selten Diskriminierung erfahren werden aufgrund ihrer Identität. Gerade Frauen und queere Menschen werden jeden einzelnen Tag belästigt, beleidigt, angegangen. Ihre Grenzen werden überschritten, ohne dass das Männern unbedingt so bewusst ist. Und wenn diese mit homosexuellen Männern konfrontiert werden, dann weckt das manchmal Unsicherheiten oder vielleicht Wünsche und dadurch Scham. Und das bietet viel Potential für Eskalation, weil Männer nicht im gleichen Maße gewohnt sind, sich mit ihren Gefühlen und Schwächen auseinander zu setzen.


Was ist deine Drag-Message?

Ich sehe mich in Drag als Künstler und Entertainer. Ich versuche mit meinen Performances den Leuten eine Geschichte oder ein Gefühl zu vermitteln, welche sie für einen kurzen Moment aus ihrem grauen Alltag in ein anderes Universum entführen. Und dabei möchte ich dann kleine Denkanstöße geben, ohne mich selbst zu ernst zu nehmen. Es ist mir wichtig, Menschen zu inspirieren und zu bereichern und die Stimme, die uns Drag verleiht, positiv zu nutzen.