Katy Bähm: „Als türkische Drag hat man es doppelt schwer“

Katy Bähm kämpft als türkische Drag doppelt gegen Intoleranz: „Alle sind nackt geboren, jeder darf sein, was er will“.

Katy Bähm kämpft mit den anderen Kandidatinnen in der sechsteiligen Show „Queen of Drags“ (ab 14. November, 20.15 Uhr, ProSieben) um eben diesen Titel. Wir trafen die 26-Jährige zum Interview.

Queen of Drags": Katy Bähm im Interview

Interview mit Katy Bähm

Wie ist dein Drag-Name entstanden?

Das war eine Sekundenentscheidung! Katy ist ein geiler Name und Bähm eine Art Trendwort, das ich oft benutze.

Wird „Queen of Drags“ besser als „RuPaul’s Drag-Race“?

Ja, da bin ich mir sicher. Es ist echt ein tolles Format, denn es wird auch dokumentarisch. Bei „Queen of Drags“ geht’s nicht die ganze Zeit um Unterhaltung und um eine geile Show, sondern auch um uns als Menschen und um den Umgang mit uns und was die ganzen Begriffe aus der LGBTQI+-Welt überhaupt bedeuten, die man ständig überall hört. Unsere Show leistet Aufklärung – und das ist gut so.

Anders als Heidi’s „Topmodels“ seid Ihr bereits ausgereifte Persönlichkeiten. Richtig?

Genau. Anders als 16-jährige Mädchen haben wir bereits entdeckt, wer wir sind und was wir wollen. Doch der wichtigste Unterschied ist, dass wir auch zehn Künstler sind – und anstrengende Diven (lacht). Denn natürlich haben wir auch unsere Zickenminuten, wenn jemand beispielsweise aus Versehen Glitzer verstreut oder ausrastet, und es gibt auch Bitch-Fights, aber das ist hauptsächlich, weil wir alle Profis und Entertainer sind, denen bewusst ist, dass wir gutes Fernsehen und eine gute Unterhaltung bieten wollen.

Wie ist Heidi’s Umgang mit Euch?

Sehr positiv. Heidi interessiert sich total für das Thema Drag. Als wir einmal feiern waren, hat sie kein Blatt vor den Mund genommen, und wollte sogar wissen, wie es funktioniert, wenn man seinen „Pullermann“ weg klebt. Außerdem beweist sie mit ihren Looks, die sie von Woche zu Woche abliefert, dass sie ebenfalls etwas bieten will – und ich finde es ganz süß, dass sie uns sogar gefragt hat, ob es für uns okay ist, wenn sie sich als Drag schminkt, und ob sie das als Frau überhaupt dürfe. Dabei ist Drag für Jedermann.

Wie ist es im Jahr 2019 wirklich um Homophobie bestellt?

Berlin und Köln sind die offensten Städte in Deutschland, aber selbst dort ist Homophobie leider immer noch ein Thema. Ich wohne in Moabit, würde dort allerdings nie als Drag auf die Straße gehen, um beispielsweise vor der Tür auf ein Taxi zu warten. In den Köpfen der Menschen muss sich noch viel verändern, besonders in Kleinstädten und in den Dörfern. Und leider schützt die Leute nicht mal eine höhere Bildung vor Homophobie.

Doch warum wohl sind so viele Heteromänner homophob?

Weil sie ein falsches Bild von Schwulen haben. Ich arbeite in einem Fitnessstudio, und dort ist mir aufgefallen, dass viele Heteromänner Angst davor haben, dass man sich in sie verliebt. Außerdem haben sie Vorurteile – und denken, dass alle Schwulen einen Fetisch hätten und beispielsweise mit Hundemasken herumlaufen.

Heißt das, Frauen sind die toleranteren Menschen?

Nicht unbedingt. In dem Moment, wo sie ein schwules, lesbisches oder ein Transkind bekommen, haben viele Frauen Angst, dass ihr Umfeld sie verurteilt. Die Angst der Heteros vor Ausgrenzung ist einfach unheimlich groß. Bei meiner Familie war es übrigens ähnlich: Für meine Mutter war es in Ordnung, dass ich schwul bin, aber weil ich obendrein auch noch Türke bin, ging es bei uns ständig um die Frage, wie man das den ganzen anderen Familienmitgliedern – etwa meinen Onkels und Tanten – beibringen könnte und wie sich das überhaupt mit unserer Religion vereinen ließe. Dabei sollte sowas überhaupt keine Rolle spielen. Denn wenn man weiß, was falsch und was richtig ist, braucht man gar keine Religion. Und als guter Vater und gute Mutter sollte man sein Kind so lieben, wie es ist. Aber dass eine Mutter zu ihrem Kind sagt: „Du bist nicht mehr mein Sohn“ bricht mir das Herz. Das finde ich ganz schlimm.

Hat man es als türkische Drag doppelt schwer?

Ja, wegen des muslimischen Backgrounds. Im Vergleich mit Türken sind die Menschen in Deutschland bereits teilweise offener.

Kann „Queen of Drags“ dabei helfen, Vorurteile abzubauen?

Definitiv. „Queen of Drags“ ist keine reine Unterhaltungsshow, und wenn man unsere Geschichten hört, ist das wirklich berührend. Aria beispielsweise wurde immer abgöttisch von ihren Eltern geliebt, aber es gibt auch Kandidatinnen, denen ihr Vater beispielsweise den Kontakt mit den eigenen Geschwistern verboten hat. Jetzt wird so etwas endlich zur Primetime im Fernsehen thematisiert statt es weiter zu tabuisieren, und es wird zumindest ein Teil der Menschen zum Nachdenken angeregt.

Was ist deine Drag-Massage?

Mein Drag beruht darauf, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man es will. Ich habe in kürzester Zeit so viel erreicht, was Shows und Business und Drag betrifft – und mein eigenes Unternehmen aufgebaut. Mein Drag zeigt den Leuten, dass man an sich glauben und hart für den Erfolg arbeiten muss.