Bambi Mercury: „Der Weg zu mehr Respekt ist lang!“

Die bärtige Queen: Bambi Mercury fasziniert durch das Spiel mit Geschlechtsmerkmalen.

Bambi Mercury kämpft mit den anderen Kandidatinnen in der sechsteiligen Show „Queen of Drags“ (ab 14. November, 20.15 Uhr, ProSieben) um eben diesen Titel. Wir trafen die 32-Jährige zum Interview.

Queen of Drags": Bambi Mercury im Interview

Interview mit Bambi Mercury

Wie ist dein Drag-Name entstanden?

Als ich jünger war, wurde ich immer Bambi genannt – wahrscheinlich wegen meiner großen Augen. Und weil ich Queen- und Freddie-Mercury-Fan bin, habe ich mich für den Nachnamen entschieden. Inzwischen mache ich Drag seit über vier Jahren.

Du bist die einzige bärtige „Drag“ …

Ja, Bambi Mercury ist ein Mix aus Club Kid, Dragqueen und Gender Bender – also dem Spiel mit den Geschlechtern. Meinen Bart integriere ich in alle Kostüme.

Was ist der Reiz an „Queen of Drags“?

Zu zeigen, dass Drag viel mehr ist als Schönsein und Tanzen – und Deutschland klarzumachen, dass es wahnsinnig viele, unterschiedliche Facetten dieser Kunstform gibt. Leider ist Schwulsein immer noch nicht „normal“, und wir kämpfen immer noch dafür, akzeptiert und toleriert zu werden. Umso wichtiger ist es, die Heterowelt darauf aufmerksam zu machen.

Was sind die Stärken von „Queen of Drags“?

Anders als bei „RuPaul’s Drag-Race“ geht’s bei uns auch um die Personen unter den Masken. Bei „Queen of Drags“ werden die Personen durchleuchtet. Wo kommen sie her? Was ist ihre Geschichte? Warum sind unsere Drags unterschiedlich – und wie arbeiten wir zusammen?

Warst du überrascht, dass ProSieben die Show nicht bloß als schrilles Spektakel anlegt, sondern obendrein gesellschaftliche Denkanstöße gibt?

Ja, ich war ich ziemlich verwundert, dass ProSieben auf Themen wie Homosexualität eingeht, weil das im deutschen Fernsehen leider immer noch unterrepräsentiert ist – und meistens auch gar nicht thematisiert werden soll. Aber der Sender traut sich viel.

Was heißt das konkret?

Beispielsweise wird auf Homophobie, Outing, Ausgrenzung und Mobbing sowie Probleme mit der Familie eingegangen. Und es wird endlich mal gesagt, dass man zwar schwul und eine Drag sein kann, aber trotzdem ein Familienraster hat – denn ich bekomme zum Beispiel bald zwei Töchter, die ich auch mitaufziehen werde.

Also ein Lob an ProSieben?

Absolut! Die Community glaubte zwar, dass ProSieben sich nicht traut, uns als normale Menschen zu zeigen, und dass „Queen of Drags“ eine Freak-Show würde – aber in Wirklichkeit ist das komplette Gegenteil der Fall. Diese Show wird sehr emotional und ehrlich.

Warum wohl ist Homophobie 2019 immer noch ein Problem?

Weil der Weg zu mehr Respekt lang ist. Es ist schwierig, die Ansicht einer Person zu ändern, aber noch viel schwieriger, die Ansicht einer Gruppe zu ändern – und erst recht, wenn es um eine riesige Menschenmenge geht. Große zivilisatorische Schritte brauchen manchmal Jahrhunderte. Umso wichtiger ist es, dass Homophobie konstant thematisiert wird. Als Drag versuche ich, ständig einen aktiven Dialog zu starten – beispielsweise, wenn ich in Heteroclubs gebucht bin. Denn es ist mir sehr wichtig, dass die Menschen anfangen, einen zu verstehen. Man muss das wirklich aktiv starten, statt passiv auf Akzeptanz zu hoffen.

Welche Erfahrungen macht man, wenn man als Drag unterwegs ist?

Man kann viel besser nachvollziehen, wie sich Frauen fühlen, wenn sie belästigt werden. Als Drag passiert mir dies auch ab und an.

Und was lernst du durch „Queen of Drags“?

Komplimente anzunehmen. Seit ich klein bin, muss ich um Aufmerksamkeit kämpfen – und um das Gefühl, „dazuzugehören“ und gemocht zu werden. Wenn man dann plötzlich hört, dass einen jemand liebhat und dass man gemocht wird und toll ist, hinterfragt man das erst mal, statt es so hinzunehmen, wie es ist. Und auch, wenn wir Drags untereinander unsere Reibereien haben, sind wir trotzdem immer füreinander da.

Heißt das, Eure Solidarität ist groß ausgeprägt?

Ja – und das aus gutem Grund. Einmal durften wir vor der Kamera sagen, was uns bewegt. Diesen Moment wollte ich eigentlich nur dazu nutzen, um mich bei meinen Eltern zu bedanken – aber nachdem ich die Geschichten der anderen hörte, kamen wieder so viele Emotionen hoch, unter denen ich selbst während meiner Kindheit gelitten hatte. In diesem Moment fühlte ich mich wieder klein, obwohl es bei den Erzählungen um Erinnerungen ging, die ich längst hinter mir gelassen habe - weil ich mittlerweile ein neues Leben führe und viel selbstbewusster bin. Aber gleichzeitig haben mich die Erzählungen der anderen auch froh gestimmt, weil ich erkannte, dass ich ebenfalls stark genug bin und mich damals nicht umgebracht habe als es mir sehr schlecht ging. Wir zehn Dragqueens haben alle viel durchgemacht, und wir sind alle tolle Persönlichkeiten geworden, und wir stehen zueinander, und verstehen uns blind. Für mich ist es wirklich wichtig, bei diesem Projekt mitzumachen. Denn irgendwo da draußen gibt es immer noch Kinder/Teenager, die sich genauso alleine fühlen wie ich damals. Diese Kinder sollen verstehen, dass ihre Zukunft toll sein kann. Außerdem regen unsere Geschichten die Zuschauer zum Nachdenken an, und ich hoffe sehr, dass viele Heteros durch „Queen of Drags“ besser verstehen wie sich Diskriminierung wirklich anfühlt.

Schlussfrage: Was ist deine Message?

Glaub‘ an dich und schau‘ nach vorne. Es gibt dort draußen viele Menschen, die dir alles Mögliche verbieten wollten. Lass‘ dir nicht sagen, was du kannst oder nicht kannst, sondern mach‘ es einfach. Und lebe den Moment. Vergangenheit ist Vergangenheit – und freu dich auf das was vor Dir liegt.