Hayden Kryze: „Einmal wurde ich fast in einem Taxi entführt“

Aus negativen Erlebnisse Positives zu lernen ist der Wunsch von Hayden Kryze, die junge Menschen inspirieren will.

Hayden Kryze kämpft mit den anderen Kandidatinnen in der sechsteiligen Show „Queen of Drags“ (ab 14. November, 20.15 Uhr, ProSieben) um eben diesen Titel. Wir trafen die jüngste Kandidatin zum Interview.

Interview mit Hayden Kryze

Was ist die Geschichte deines Drag-Namens?

Ich bin ein großer Science-Fiction- und Comic-Fan: Hayden kommt von Hayden Christensen aus „Star Wars“. Mein Nachname, Kryze, ist an Krise angelehnt – weil ich in meiner Familie als Troublemaker galt, der jede Krise überstand. Außerdem soll mein Name androgyn sein: Ich mag den Mix aus hyper-feminin und leicht androgyn.

Wie lange gibt’s deine Drag?

Seit zwei Jahren. Ich wurde durch RuPaul’s „Dragrace“ inspiriert, und habe dadurch eine komplette Kunstwelt für mich entdeckt – weil man als Drag total frei ist. Denn Drags sind lebende Kunst.

Wer hat dich noch inspiriert?

Starke Frauen. Einerseits wurde ich von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen, und andererseits liebe ich starke Frauen aus der Science-Fiction, Comic- und Filmwelt.

Was sind die Unterschiede zwischen der deutschen und der schweizerischen Drag-Szene?

In der Schweiz ist Drag nie richtig angekommen. Deshalb ist es für mich auch wichtig, die Schweiz mal ein bisschen aus ihrem langweiligen, grauen Alltag rauszuholen.

Heißt das, die Schweizer sind spießig?

Nein, eher verschlossen. Dabei lieben sie es, Leute anzuschauen. Es gibt sogar ein Buch darüber: „Swiss Starring“. Aber uns als Drag ansprechen? Das passiert einem dort fast nie. Auf der Straße bekomme ich zwar hin und wieder ein Kompliment, aber der Unterschied zu London ist extrem. Dort nämlich wird man von den einen geliebt und von den anderen angespuckt – aber man bekommt wenigstens ein Feedback.

Kann „Queen of Drags“ zu mehr Respekt für Drags beitragen?

Ja. Es ist wichtig, jetzt präsent zu sein – damit Homophobie in 50 bis 100 Jahren Geschichte ist, und die Menschen anfangen, ihre Kinder offen zu erziehen, statt Themen wie Sexualität zu tabuisieren. Heidi Klum ist diesbezüglich ein tolles Vorbild. Einmal war ihre Tochter beim Dreh, und für sie war das Reinschnuppern in unsere Welt völlig normal – weil sie als toleranter Mensch aufgezogen wird.

Doch warum wohl ist ausgerechnet die schwule Community gegenüber Dragqueens oftmals feindlich eingestellt?

Homosexualität gibt’s in verschiedensten Formen. Ich persönlich weiß, dass ich schwul bin, seit ich ungefähr zehn war. Aber natürlich gibt’s auch Leute, die sich erst in der Lebensmitte outen – oder einen Hass auf Frauen haben. Und manche Schwule fühlen sich männlicher, wenn sie zu uns „Fummeltunte“ sagen, und uns herabwürdigen. Dabei schneiden diese Wörter wie Samurai-Schwerter. Denn während Heteros nach anfänglicher Ablehnung und einem anschließenden Gespräch oft plötzlich ziemlich easy sind, beharren viele Schwule auf ihrem Standpunkt.

Wieso?

Weil sie nicht verstehen, dass Dragsein eine Kunstform ist. Viele Drags wollen weder Frau noch Transgender sein, denn für sie bedeutet hyper-femininity bloß eine totale Freiheit an Expression. Frausein ist für mich nicht Brüste und Vagina haben, sondern stark und künstlerisch und intelligent sein.

Inwiefern spürt man Sexismus, wenn man als Drag unterwegs ist?

Einmal wurde ich fast in einem Taxi in Zürich entführt. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, wie erniedrigend es ist, wenn man nicht frei auf der Straße unterwegs sein kann. Aber ich bin gleichzeitig froh, dass ich diese Erfahrung gemacht habe – weil ich dadurch besser verstehen kann, wie sich viele Frauen fühlen. Diese Beinahe-Entführungserfahrung integriere ich übrigens in meinen Drag. Sie macht mich noch stärker.

Was ist der Unterschied zu „RuPaul’s Drag-Race“?

Beim amerikanischen Format geht’s nur um die Show und die Competitions, aber bei „Queen of Drags“ lernen wir uns selbst neu kennen und erzählen, wie wir durch die Scheiße gegangen sind. Und wir werden ganz neu gefordert.

Wie unterstützt Euch Conchita?

Indem sie nicht einfach sagt, dass wir beispielsweise besser tanzen müssen, sondern uns anregt, zu hinterfragen, wer wir sind und was wir ausdrücken möchten – und indem sie uns sagt, was sie noch nicht von uns mitbekommen hat. Ich liebe ihre konstruktive Kritik.

Sind High Heels eigentlich nur was für Frauen und Drags?

Keineswegs! Heutzutage gibt’s glücklicherweise „Gender Bender“ – also das Spiel mit den Geschlechtern. Man denke nur an die ganzen aktuellen Fem-Boys, die momentan mit perfekt gestylten Haaren und wunderschönem Make-up und perfekten Augenbrauen herumlaufen. Heutzutage darf sich jeder anziehen, wie er möchte. Und was das Make-up betrifft: Das wurde nicht für bloß für Männer oder Frauen erfunden, sondern für die High Society. Denn im Alten Ägypten haben sich bereits die Könige geschminkt. Und dann erst der französische Sonnenkönig Louis XIV. mit seinen hohen Schuhen, Strümpfen und Rüschen. Oder die amerikanischen Präsidenten mit ihren Perücken. Donald Trump trägt ja immer noch eine ...

Schlussfrage: Was ist deine Message?

It’s a virtue to aspire to inspire – es ist eine Tugend, danach zu streben, andere zu inspirieren. Ich will einen Dialog starten, und als jüngste Teilnehmerin besonders andere Heranwachsende inspirieren. Ich möchte ihnen den Weg erleuchten, und zeigen, dass man den Mainstream runterbrechen kann. Denn wir müssen den Mainstream neu definieren. Außerdem möchte ich aus negativen Erfahrungen Positives lernen – und Schlechtes in Gutes verwandeln.