Otto Waalkes: "Ein Komiker stirbt erst, wenn keiner mehr über ihn lacht"

Otto Waalkes (69)
Otto Waalkes (69)
Foto: © dpa
In seiner neuen Biografie schreibt Otto Waalkes auch über Tiefpunkte seines Lebens. GOLDENE KAMERA traf den Komiker zum (witzigen) Interview.

Er ist oberflächlich, wankelmütig und ein Meister der Verdrängung. Und wenn er sicher sein kann, dass ihn seine Opfer weiter mögen, ist er mitunter sogar intrigant und kapriziös. Und manchmal nutzt er sogar seinen Promistatus aus. Überhaupt haben Menschen, die ihn lieben, unter ihm zu leiden – mehr als die anderen, die er selbst nicht mag. All dies sind ehrliche Bekenntnisse von Otto Waalkes (69, GOLDENE KAMERA 1977), mit denen der Starkomiker jetzt zum ersten Mal zu gibt, dass nicht alles in seinem Leben witzig war. Kurz vor seinem 70. Geburtstag am 22. Juli veröffentlicht Otto seine Autobiografie „Kleinhirn an alle“ – und rechnet darin ausgiebig mit sich selbst ab.

Interview mit Otto Waalkes

Herr Waalkes, über Ihr Familienleben haben Sie ja nie gerne Auskunft gegeben – weil Sie überzeugt sind, dass ein Komiker dafür zu sorgen hat, dass sein Publikum nicht durch die Gedanken an seine privaten Abgründe gestört werden sollte. Jetzt tun Sie das aber doch mit diesem Buch. Warum?

Otto Waalkes: Vielleicht hat dieser Widerspruch etwas mit dem Alter zu tun, irgendwann ist man reif, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Und der Untertitel „Nach einer wahren Geschichte“ verpflichtet ja dazu, alles rauszulassen. Zumindest alles über die Abgründe, aus denen man wieder herausgeklettert ist. Darüber konnte in diesem Buch zum ersten Mal offen sprechen.

Hat man Ihnen als Kind eigentlich Labertran oder Lebertran verabreicht?

Otto Waalkes: Ich stand immer unter Labertran, habe aber auch Lebertran bekommen. Heute würden die Ärzte bei einem Kind wie ich es war höchstwahrscheinlich ADHS diagnostizieren. Aber sowas kannte man damals noch nicht. Man hat das eher praktisch gesehen, wie mein Mathelehrer: „Wenn der Waalkes gestorben ist, dann muss man seinen Mund extra totschlagen.“ Das waren raue Sitten, alte Schule.

Es gibt vier Dinge, die die Welt bislang nicht über Sie weiß: Ihr zweiter Vorname ist Gerhard, Sie sind hypochondrisch, Sie wurden mit 23 entjungfert – und die vierte verraten Sie mir bitte jetzt: Wo ist die Entjungferung passiert und wer war die Glückliche?

Otto Waalkes: Die Glückliche war mein erstes Modell, ich habe sie mit einer Wollmütze gemalt. Marianne aus Knittlingen, die in Hamburg in der Boutique Linette gearbeitet hat. Nachdem ich sie gemalt hatte, fand sie das Bild so gekonnt, dass sie dachte: ‚Vielleicht kann er das ja auch. Jetzt darf es passieren.’ Und so geschah es dann, an einem Donnerstagabend in der Morewoodstraße zu Wandsbek in Hamburg. Ein historisches Ereignis! Eine Erstbesteigung in Rekordzeit. Damals hat man mich einen Spätzünder genannt. Ich fand, es war früh genug. So bin ich immer noch im Experimentierstadium.

Glauben Sie an Gott?

Otto Waalkes: Selbstverständlich. Aber umgekehrt? Die Frage muss doch auch erlaubt sein.

Wie ist denn Ihre Jenseits-Vision? Wolken voller Ottifanten und Sie mittendrin? Oder gemeinsam relaxen auf einer Wolke mit Loriot? Oder Wiedergeburt?

Otto Waalkes: Darüber nachzudenken, wäre ein bisschen verfrüht. Sie wissen ja: Spätzünder. Und ich werde erst 70 Jahre! Da bleibt hoffentlich noch Zeit, sich mit dem Gedanken näher zu befassen. Das Jenseits ist ja ein sehr dehnbarer Begriff. Trifft man da seine alten Freunde? Oder seine Feinde? Tyrannen, Diktatoren, die alten Klassenlehrer? Und ist das dann Himmel oder Hölle? Ganz ehrlich – alle möchte ich eigentlich nicht unbedingt wiedersehen.

In Ihrer Bio erzählen Sie von drei dramatischen Ereignissen, bei denen Sie in Lebensgefahr waren. So gab es einen Stromschlag durch ein nicht korrekt geerdetes Mikro, eine Flucht vor einer Feuersbrunst aus dem 26. Stock des MGM Grand Hotels in Las Vegas und einen Beinahe-Tod durch eine herabstürzende Wetterkarte. Wie oft stand Ihr Leben auf der Kippe?

Otto Waalkes: Ständig, weil ich eigentlich immer mit dem Feuer spiele. Jeder Auftritt ist mit Risiken verbunden, ja, in meinem Beruf steht das Leben wirklich immer auf der Kippe. Um so mehr freue ich mich, dass es komischerweise immer noch weiter geht. Und, ganz ehrlich: Ein Komiker stirbt erst, wenn niemand mehr über seine Pointen lacht. Das ist dann allerdings die grausamste Todesart. Dass die Lachbereitschaft plötzlich nicht mehr da ist, möchte ich eigentlich nicht mehr erleben.

Fühlen sie sich immer noch als Friesenjunge, der nicht richtig zur High Society gehört? Und stimmt es, dass Sie noch ihr junges Gesicht im Spiegel sehen, wenn Sie sich anschauen?

Otto Waalkes: Ja, ich sehe immer noch das Gesicht vom kleinen Ottili im Spiegel. In meinem Leben ging zuerst alles so schnell. Und dann blieb der Erfolg, er ist ja immer noch da. Seit 50 Jahren fülle ich die Säle, und mittlerweile treffe ich dort die Enkel meiner ersten Fans. Alles ging so rasant, dass ich denke: Wow, diese Seifenblase muss doch irgendwann zerplatzen! Dieser Gedanke erdet mich wieder, und ich hebe nicht dauerhaft ab.

Bei Auftritten in vollen Sälen sind Sie zu den hinteren Reiher netter als zu den vorderen. Und auf Elbchaussee-Empfängen, wo Sie als Gaststar gebucht wurden, staunen Sie über„Espressi“ in den Händen und „Picassi“ an den Wänden. Verachten Sie Kapitalisten?

Otto Waalkes: Ganz im Gegenteil. Ohne Kapitalisten wäre ich nie von Elbchausseeanwohnern engagiert worden. Ich möchte nur nicht unbedingt dazugehören. Ich erinnere mich noch an einen meiner ersten Privatauftritte, bei dem ich einen reich gedeckten Tisch sah, der fast unter der Last der Fülle der Speisen zusammenbrach. Der Besitzer trug einen wunderschönen Morgenmantel und eine Sonnenbrille – und er schenkte mir Champagner ein. Da bin ich rechtzeitig abgehauen, als hätte ich geahnt, dass der Mann sich heute als Harvey Weinstein entpuppen könnte...

Welche Partei wählen Sie?

Otto Waalkes: Ich kreuze alles an. Insofern müssten eigentlich sechs Richtige dabei sein.

Schlägt das Herz eines Künstlers per se links, weil konservativ Stillstand bedeutet?

Otto Waalkes: Ein guter Künstler kann durchaus konservativ sein – so lange er seine privaten Überzeugungen nicht öffentlich macht. Wenn er stattdessen ein Instrument perfekt spielen kann, wird das niemanden stören. Für einen Komiker ist letztlich alles eine Frage der Weltanschauung: Ob man die Komik erkennt, die in fast allem steckt, auch in konservativen Überzeugungen. Ohne solche Sinnstifter wie die Kirche oder die FIFA wäre es ja unmöglich richtigen Unsinn zu machen.

Was war das schönste Erlebnis in Ihrem Leben?

Otto Waalkes: Jeder Tag kommt mir fast schöner vor als der letzte. Du heiratest, du bekommst Kinder, du trennst dich, du lässt dich scheiden, du heiratest wieder, trennst dich wieder – das ist zumindest abwechslungsreich. Und ich bin immer noch gesund! Das ist doch auch nicht so schlecht.

Otto live in Kempten

Heißt das, Ihnen geht es tipp-topp?

Otto Waalkes: Mal eher tipp, mal eher topp.

Ihr Lebensmotto?

Otto Waalkes: Aller Unfug ist schwer.

Ihr Wunsch nach Komik – so Ihr Geständnis in Ihrer Bio – ist weder Abwehrhaltung noch Traumabewältigung, sondern er entspringt schierer Lebenslust.

Otto Waalkes: Genau. Lebenslust gemischt mit leichter Selbstironie.

Dunkle Wurzeln sucht man vergebens …

Otto Waalkes: Bisher habe ich selbst noch keine gefunden. Aber suchen wir doch mal gemeinsam, vielleicht finden wir sie. Ich wüsste gern, was dabei rauskommt.

Was war der absolute Tiefpunkt in Ihrem Leben?

Otto Waalkes: Davon habe ich in meinem Buch erzählt. Der Tiefpunkt war die drohende Trennung von meiner Familie, dass wir plötzlich getrennte Wege gehen und uns nicht wiedersehen würden. Mein Vorstellung war, dass ich alles darf, und meine Frau so gut wie nichts. Solche Pläne haben viele Männer, und die meisten sind übel schief gelaufen, weil immer zwei zu einer Ehe gehören und beide gleiche Rechte haben. Heute bin ich über diesen Verlust hinweg. Aber das hat lange gedauert. Das war der absolute Tiefpunkt in meinem Leben. Abgesehen vom Tod meiner Eltern.

Ihr Vater hat gesagt: „Ich glaub, ich gei dod!“

Otto Waalkes: Ja, aber das war für ihn ein ganz natürlicher Vorgang. Und das hat mich etwas getröstet, weil meine Eltern beide so friedlich eingeschlafen sind. Meine Mutter hat als letztes gesagt: „Pass auf den schönen Pullover auf“. Damit meinte sie einen Kaschmir Pulli, der später in einem Hotel zu heiß gewaschen worden und dadurch eingelaufen ist. Aber weggeschmissen habe ich ihn nicht.

Nochmal nach dem Tod gefragt: Glauben Sie, dass wir die Augen auf knipsen, und dann in einem anderen Raum „erwachen“ bzw. wiedergeboren werden?

Otto Waalkes: Wer sagt das? Klingt nach einer guten Idee. Aber gibt´s dort Zimmerservice?

Die ARD wollte Sie mal als Tatort“-Kommissar verpflichten …

Otto Waalkes: Ja. Damals kam ein Produzent von Kriminalfilmen ins Büro. Aber ich fand mich nicht seriös genug für den Job. Er schon.

Schauen Sie viel fern? Wie lustig finden Sie den für seinen Humor bekannten Münster-„Tatort“?

Otto Waalkes: Ich schaue sehr viel fern, und ich beschäftige mich prinzipiell viel mit den Medien – weil ich immer neues Material brauche, um neue Nummern zu entwickeln. Im Grunde fange ich ja gerade erst an! Was sind 70 Jahre für das Universum? Nichts! 71 wären da schon mehr. Deshalb übe ich und trainiere und sammle Material für neue Märchen in meiner musikalischen Interpretation…

Würden Sie ins „Dschungelcamp“ gehen?

Otto Waalkes: Selbstverständlich, aber man hat mich noch nicht gefragt. Wenn ein ehrliches Angebot käme, wie könnte ich das ablehnen. Es wäre mir eine große Ehre, da eingeladen zu werden, denn man darf das Publikum des „Dschungelcamps“ nicht unterschätzen. Mal schauen, ob ich auch ein intellektuelles Publikum amüsieren könnte. Wollen wir nicht zusammen reingehen?

Der Autor Bernd Eilert analysiert Ihre Auftritte so: „Otto nimmt die Publikumsschwingungen seismographisch auf, und setzt sie dann sofort wieder in Tempoverschärfungen, Tempoverschleppungen, Pausen, Blicke oder Gesten um.“ Ist die Interaktion zwischen Ihnen und dem Publikum sowas wie kollektiver Sex mit der Schlusspointe als Orgasmus?

Otto Waalkes: Ja, das kann man so bezeichnen. Es ist ungefähr der gleiche Ablaufplan wie beim Sex. Das Vorspiel ist wichtig, sollte aber nicht zu lang sein. Allerdings weiß man in meinem Alter nie, ob man gerade einen Orgasmus hat oder einen Herzinfarkt.

Naja, laut den Parisern ist doch jeder Orgasmus ein kleiner Tod …

Otto Waalkes: Können Pariser denn sprechen? Früher dachte ich, die stülpt man über!

Für die Franzosen ist jeder Orgasmus ein „petit mort“.

Otto Waalkes: Olala, die Franzosen!. Da bin ich ja schon viele Tode gestorben. Letztes Jahr einen und vier Jahre zuvor noch einen. Ein Komiker hat ja neun Leben, das wären also neun Orgasmen. Wie die Franzosen das überlebt haben... Wir Friesen halten uns da lieber raus. Wir freuen uns über jeden Orgasmus – das ist ein Gefühl wie Weihnachten und fast genauso häufig.

Einmal haben Sie Ihr 26 minütiges Programm in sechs Minuten abgespult – und zwar nach einer „Hallo-Wach-Pille“. War das Ecstasy?

Otto Waalkes: Nein, Captagon. Das war früher zu Beatles-Zeiten die Hallo-Wach-Pille. Jeder bessere Apotheker hatte die und mein Manager war Pharmaziestudent. Das Zeug hat mich so schnell gemacht, dass mein Bühnenauftritt viermal so schnell war wie normal. Kein Zuschauer hat etwas verstanden – so schnell war ich fertig. Und ich dachte: Wo bleibt der Applaus? Aber der kam mr sehr schleppend vor.

In Ihrem Buch verraten Sie, dass Ihre Ehe mit Manou zerbrach, weil Sie sich überschätzt haben. Was haben Sie daraus gelernt?

Otto Waalkes: Aus diesem Abgrund bin ich gestärkt hervorgekrabbelt, gelernt habe ich auch etwas, nämlich: Der nächste Partner ist wieder völlig anders. Das führt zu ganz anderen Problemen – und dabei nutzt einem das Gelernte gar nichts. Das ist wie bei der Komik: Man lernt nie aus, denn jedes Publikum ist anders.

Otto Waalkes Sächsisch für Anfänger

Ist Humor die Medizin gegen alles Traurige?

Otto Waalkes: Bisher sieht es so aus, jedenfalls bei mir.

In Ihrer Biografie steht, dass Sie Kummer, Sorgen und Beschwerden anderer ignorierten, und privat viele Fehler gemacht haben – unter anderem einen „unverzeihlichen“. Welchen?

Otto Waalkes: Wenn man als Musiker, Entertainer oder Bühnenkünstler unterwegs ist, vernachlässigt man seine Familie. Das ist ein großer Fehler, unverzeihlich, denn das trug zu meiner Trennung entscheidend bei. Es war nicht der einzige Grund, aber ein gewichtiger. Diesen Fehler werde ich nicht mehr machen. Wenn ich also eine neue Partnerin hätte, würde ich sie überall hin mitnehmen – die Frage ist nur, ob das außer mir jemand aushält mit mir.

War Ihnen der Ruhm damals zu Kopf gestiegen?

Otto Waalkes: Nein, meine Karriere kann morgen vorbei sein - 50 Jahre Erfolg, was ist das schon? Diese Urängste verhindern, dass ich mich überschätze. Auch Ruhm ist nur eine zeitweilige Begleiterscheinung.

Ihre Meinung über MeToo?

Otto Waalkes: Als Nicht-Betroffener kann ich mir generell keine Meinung erlauben. Und zu einzelnen Fällen schon gar nicht. Ich kenne die Beteiligten nicht gut genug, um ihre Glaubwürdigkeit beurteilen zu können.

Männer oder Frauen – wer sind die besseren Komiker?

Otto Waalkes: Beide könnten sehr komisch sein, wenn sie sich nur gegenseitig besser verstehen würden. Hunde können auch sehr komisch sein. Lassie war lustig. Wuff wuff. Lassie, hol mir mal ein Bier. Wuff wuff. Na gut, dann zwei.

Welchen zeitgenössischen lebenden Komiker finden Sie irre lustig?

Otto Waalkes: Ach, da gibt es doch so viele. Soll ich sie alle aufzählen? Ich finde sie alle gut, und ich finde den Versuch, andere gut zu unterhalten, bewundernswert. Wenn sie es schaffen, große Säle oder wie Mario Barth ganze Stadien zu füllen, ist das eine enorme Energieleistung. Wenn jemand wie Helge Schneider die Leute in einem Club amüsiert, ist das genauso bewundernswert. Einen guten Komiker erkennt man daran, dass die Leute am Ende heimgehen, und zu Ihrem Liebsten oder ihrer Liebsten sagen: „Das war ein richtig schöner Abend, Schatz – wenn der das nächste Mal hier ist, gehen wir wieder hin.“

Wie feiern Sie Ihren 70. Geburtstag im Juli, Herr Waalkes?

Otto Waalkes: Das ist geheim. Ich kann so viel verraten: der geheime Ort fängt mit Em an und hört mit den auf – aber nicht weitersagen, sonst kommen noch welche...

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