Andrea Bocelli: "Musik ist meine Heimat"

Nach 14 Jahren veröffentlicht Andrea Bocelli wieder eine CD mit ganz neuen Liedern. GOLDENE KAMERA traf den Startenor zum exklusiven Interview.

Der Privatflieger ist gelandet, endlich, mit 50 Minuten Verspätung. GOLDENE KAMERA -Preisträger 2002 Andrea Bocelli ist in Berlin und auf dem Weg zum Interview mit der GOLDENEN KAMERA. Aber was sind schon 50 Minuten gegen 14 Jahre? So lange mussten Fans des Klassikstars auf ein Album mit neuen Liedern warten.

Am 26. Oktober erscheint es endlich. Sein Titel: "Si". Bocellis persönliches Highlight ist ein Duett mit seinem jüngeren Sohn Matteo. Der 21-Jährige begleitet den Vater auch zum Interview. Die beiden necken sich, machen Witze. Wer sie erlebt, spürt sofort die große Nähe, die Vertrautheit zwischen ihnen. Und dass Matteo mehr Verantwortung übernimmt als für Kinder üblich: Er reicht seinem blinden Vater die Hand, erklärt diesem, was der nicht sehen kann. Andrea Bocelli wurde mit einem Glaukom geboren und verlor im Alter von zwölf Jahren komplett das Augenlicht.

Trotz seiner Weltkarriere ist er seiner Heimat Italien immer treu geblieben: Bis heute lebt er in der Toskana. Vater und Sohn erzählen, dass in ihrem Haus in Forte dei Marmi viel gesungen wird, in der Küche ebenso wie im Wohnzimmer. Man kann es sich gut vorstellen. Bocellis Stimme gehört zu den bekanntesten der Welt. Seit seinem Durchbruch 1995 mit "Time To Say Goodbye" hat er über 80 Millionen Alben verkauft. Mit GOLDENER KAMERA sprach er über die Kraft der Musik, das Älterwerden und sein Glück als Vater.

GOLDENE KAMERA: Wie ist es, wenn Sie nach einer langen Reise in Ihr Haus in der Toskana zurückkehren: Gehen Sie zuerst auf die Terrasse oder an Ihr Klavier?

Andrea Bocelli: An mein Klavier, ganz klar. Dort verbringe ich sehr viel Zeit, wenn ich zu Hause bin. Ich habe die Qual der Wahl, denn ich habe zwei Klaviere – und noch viele andere Instrumente. Die Musik ist einfach meine Heimat.

Auf Ihrem neuem Album singen Sie ein Duett mit Ihrem Sohn Matteo, Ihr Sohn Amos hatte die Idee, das Album "Si" zu nennen. Klingt ganz nach einem Familienwerk?

Ja, Amos wirkt auf dem Album sogar auch mit und spielt Klavier. 14 Jahre habe ich insgesamt daran gearbeitet, und ich habe sie alle an Bord geholt, alle mussten diesmal mitarbeiten. Und das hat gut geklappt.

Wann haben Sie das Talent Ihres Sohnes Matteo zum ersten Mal bemerkt?

Er hat sich viele Jahre gar nicht getraut, vor mir zu singen, bis seine Mutter gesagt hat: "Andrea, hast du Matteos Stimme mal gehört?" Die Kraft in seiner Stimme hat mich sofort beeindruckt. Er spielt auch Klavier, Musik ist seine Welt.

Beglückt Sie das Talent Ihres Sohnes?

Er muss sich erst einmal beweisen. Im Moment steht er noch ganz am Anfang. Alles braucht seine Zeit. Es ist auf jeden Fall noch zu früh, um ihn zu feiern.

Übernehmen Sie die musikalische Ausbildung Ihrer Kinder selbst?

Matteo studiert am Konservatorium, da hat er seine Lehrer. Eines Tages muss er sagen, wie sehr meine Lektion für ihn wichtig war – oder eben auch nicht.

Welche Umgebung brauchen Sie, um kreativ zu sein?

Ruhig muss es sein. Die Natur ist perfekt. Ich bin ja auf dem Land groß geworden. Es gefällt mir, den Wind in den Blättern und die Vögel singen zu hören. Aber was für mich das Wichtigste ist: Ich brauche immer eine Frauenstimme in meiner Nähe.

Sie sind seit 16 Jahren mit Ihrer Frau Veronica liiert. Ihr haben Sie das Lied "Vivo" gewidmet. Wie kam es dazu?

Ein guter Freund von mir, der Musiker ist, hat dieses Lied geschrieben. Als ich es zum ersten Mal gehört habe, wusste ich gleich, dass es unsere Geschichte erzählt. Erst kurz danach verriet er mir, dass er tatsächlich an mich dachte, als er es geschrieben hat.

Übersetzt bedeutet der Titel Ihrer neuen CD "Si": Ja. Das ist äußerst lebensbejahend. Wie sehr spiegelt es Ihre eigene Einstellung wider?

Der Titel ist eine Forderung, ein Schrei, der in unseren Herzen entsteht. "Ja" ist ein Wort, dass wir alle hören wollen als Antwort, wenn wir nach einem Kuss fragen, nach einer Umarmung. Oder wenn wir wollen, dass uns jemand zustimmt oder verzeiht. Es ist das schönste Wort in unserem Vokabular. Und es gibt eine Passage im Evangelium, da heißt es: "Eure Rede aber sei: Ja! Ja! Nein! Nein!"

Sie haben kürzlich 60. Geburtstag gefeiert. Was löst das in Ihnen aus?

Danke, dass Sie mich daran erinnern. Ich fühle mich sehr gut, auch körperlich. Da muss ich schnell an Metall fassen.

Was in Italien dem deutschen Brauch entspricht, auf Holz zu klopfen.

Genau. Wichtig ist, nicht zu sehr über das Alter nachzudenken.

Wie gelingt Ihnen das?
Ich habe mir selbst ein Geschenk gemacht: Ich habe mir ein wunderschönes Pferd geschenkt, einen andalusischen Hengst, vier Jahre alt. Das ist eigentlich nichts für alte Leute. Es bedeutet also, dass ich vorhabe, mein Leben so weiterzuleben und aufs Ganze zu gehen – mit einer jugendlichen Geisteshaltung, so lange mein Körper es zulässt.

Interview: Mirja Halbig