"Das Mädchen am Strand": Heino Ferch im Interview

Heino Ferch als Kommissar Kessler.
Heino Ferch als Kommissar Kessler.
Foto: ZDF
Nach "Tod eines Mädchens" und "Die verschwundene Familie" spielt Heino Ferch in "Das Mädchen am Strand" zum dritten Mal den wenig empathischen Kommissar Simon Kessler.

Erneut wir die fiktive Kleinstadt Nordholm durch ein Verbrechen in Aufruhr versetzt: Während einer Abiturfeier am Strand verschwindet eine Schülerin. Am nächsten Morgen wird ihre Leiche an den Klippen aufgefunden. Simon Kessler von der Hamburger Mordkommission übernimmt den Fall. Er vermutet einen Zusammenhang mit einem Mord an einem Mädchen in Hamburg und nimmt alle Mitschüler ins Visier, die das Opfer näher kannten. Der starbesetzte ZDF-Zweiteiler "Das Mädchen am Strand" mit Barbara Auer und Heino Ferch als ungleiches Ermittler-Duo läuft am Mo, 6. Januar und Mi, 8. Januar, jeweils um 20.15 Uhr und hier in der ZDF-Mediathek.

Im Interview mit GOLDENE KAMERA erklärt Heino Ferch (56), warum der Eintritt in die Erwachsenenwelt für Jugendliche von heute so schwer ist und der Preisträger von 2002 verrät, ob es einen vierten Nordholm-Krimi geben wird.

GOLDENE KAMERA: Herr Ferch, was ist das Erfolgsgeheimnis der lockeren Reihe über das fiktive Nest Nordholm?

Heino Ferch: Dass „Crime and Nature“ einen großen Schauwert hat – und dass wir zwei Abende Zeit haben, um eine fast horizontale Geschichte mit sehr vielen Seitensträngen und einer komplexen dramaturgischen Struktur zu erzählen. Außerdem gibt es viele interessante Wechselspiele zwischen Barbara Auers empathischer Frauenfigur und meiner etwas straighteren, tougheren Rolle. Und natürlich holt auch die Kleinstadt Nordholm mit ihrem „Broadchurch“-Charakter viele Zuschauer ab – weil es in dem fiktiven Dörfchen um menschliche Ausnahmesituationen wie Angst, Verlust und Intrigen geht.

Was passiert in „Das Mädchen am Strand“?

Heino Ferch: Diesmal geht’s um eine der ersten großen Schnittstellen im Leben junger Menschen – das Ende der Schulzeit und den Eintritt in die Erwachsenenwelt. In „Das Mädchen am Strand“ läuft eine Abifeier aus dem Ruder, und Eifersucht und Angst führen dazu, dass eine Schülerin ermordet wird. Das Thema „Übergang ins Erwachsenenleben“ ist nicht zuletzt deshalb so brisant, weil heutzutage ständig digitale Medien eine Rolle im Leben der Heranwachsenden spielen – anders als damals, als ich 17 war.

Was soll daran brisant sein?

Heino Ferch: Momentan sind die jungen Leute teilweise überfordert von den unendlichen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Viele gieren nach Anerkennung und Bestätigung, die sie im Internet zu finden hoffen – den berühmten „15 Minutes of Fame“. Sie möchten reich und berühmt werden, und lassen sich von reißerischen, grellen Formaten beeinflussen und glauben, dass sie mit einem Lied oder einem Foto die Welt erobern können. Doch der Druck, im Internetkosmos mithalten zu können, ist einfach unglaublich.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Jugendzeit? Und waren Sie mit 17 ein Cliquen-Typ? Heino Ferch: Ja, es gab damals eine Truppe von Leuten - eine Clique, die zusammen Silvester und sämtliche Geburtstage gefeiert hat und zusammen auf dem Schulhof stand.

Aber waren Sie auch ein „wild child“?

Heino Ferch: Nein. Zwar habe ich Party gemacht und gefeiert, aber ich habe damals bereits jahrelang geturnt, und verbrachte bis auf samstags täglich drei Stunden in der Turnhalle und begann schon mit 15, im Theater als Artist, Cascadeur und Kleindarsteller mitzuwirken. Damals hat ein Regisseur Artisten gesucht, und ich wurde als Kunstturner engagiert. So hat alles angefangen.

Heißt das, Sie sind im klassischen Sinne „entdeckt“ worden?

Heino Ferch: Ja, ich wurde zufällig auf die Bühne gestellt, weil ich Saltos und Flickflacks konnte. Dadurch habe ich Blut geleckt! Meine Leidenschaft, neben dem Turntraining fast täglich für’s Theater zu proben und abends Vorstellungen zu geben, war geweckt. Aber mein Abitur habe ich trotzdem noch ganz gut hinbekommen – mit einem Schnitt von 2,3.

Was war Ihr Lieblingsfach in der Schule?

Heino Ferch: Sport und Psychologie.

In „Das Mädchen am Strand“ spielt das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern eine wichtige Rolle. Wie war Ihr Verhältnis zu Ihren Lehrern? Und sind Sie gerne zur Schule gegangen?

Heino Ferch: Teils, teils. Das Verhältnis zu meinen Lehrern war bis auf eine Ausnahme eher von Autorität geprägt. Mein Physiklehrer hat einem damals sogar noch auf die Finger gehauen. Doch es gab auch Kumpeltypen – wie zum Beispiel unseren Sportlehrer und eine knuffige Englischlehrerin, die sogar Partys geschmissen hat.

Zurück zu „Das Mädchen am Strand“. In einer Szene sagt Kessler über sich: „Ich werde nicht dafür bezahlt, sympathisch zu sein.“ Was mögen Sie an der Figur?

Heino Ferch: Kesslers Kompromisslosigkeit. Und seine Verschlossenheit.

Und was mögen Sie nicht an Kessler?

Heino Ferch: Seine Rücksichtslosigkeit. Aber das ist die Figur.

Müssen Sie eine Rolle mögen, damit Sie sie gut verkörpern können?

Heino Ferch: Nein, aber ich muss Lust auf sie haben – im Positiven wie im Negativen. Die negativen Seiten einer Figur im Kontext der Geschichte darzustellen macht mir durchaus großen Spaß.

Doch welche Rollen eignet man sich als Schauspieler am schwersten an?

Heino Ferch: Wahrscheinlich diejenigen, die am nächsten an einem dran sind.

Welchen klassischen TV-Ermittlern sehen Sie persönlich gerne zu?

Heino Ferch: Ich liebe „Columbo“, „CSI“ sowie Schweden- und Skandinavien-Krimis.

Wie lautet Ihre Meinung über junge Stars wie Nick Julius Schuck, die in „Das Mädchen am Strand“ mitspielen? Wächst momentan eine herausragende neue Schauspielergeneration heran?

Heino Ferch: Ja, und zwar eine Generation, die nicht nur ein unglaubliches Talent hat, sondern auch eine ganz andere Art des Umgangs mit dem Beruf des Schauspielers als ich vor 30 Jahren. Junge Schauspieler wie Nick Julius Schuck – aber auch Emilia Schüle, Sonja Gerhardt und Maria Ehrich, die ich durch die „Ku’damm“-Reihe kennengelernt habe, sind sehr frei, offen, schnell und frech in ihrer Wahrnehmung.

Schlussfrage: Gibt es einen vierten „Nordholm“-Zweiteiler mit Ihnen und Barbara Auer? Und was sind Ihre nächsten spruchreifen Zukunftsprojekte?

Heino Ferch: Was einen weiteren Dreh der „Nordholm“-Reihe betrifft sieht es gut aus. Da dürfen wir weitermachen. Außerdem drehe ich gerade den neunten Teil von „Spuren des Bösen“, von „Allmen“ wird der vierte Film entwickelt und den Sonderermittler Ingo Thiel werde ich zum dritten Mal spielen. Und im Februar 2020 beginnt der nächste „Ku’damm“-Dreh!

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