Wana Limar: "Wir sind nicht die Vorzeige-Migranten, sondern wir sind Deutsche"

Wana Limar, Salin Samatou und Aminata Belli
Wana Limar, Salin Samatou und Aminata Belli
Wana Limar, Salim Samatou und Aminata Belli hielten die Laudatio für den YouTube-Kanal "Germania", dessen Team in der Kategorie "Special Award" ausgezeichnet wurde. Ein Interview.

Bereits zur Eröffnung der #YTGKDA-Show hatten Jeannine Michealsen und Steven Gätjen betont, dass diese Veranstaltung "im Zeichen der Vielfalt, der Toleranz, des Spaßes und der Liebe" stattfindet. Ein YouTube-Channel, der diese Tugenden mustergültig verkörpert, indem er starken Persönlichkeiten mit Migrationshintergrund eine Plattform bietet, ihr persönliches deutsches Heimatgefühl zu definieren, ist der "Special Award" Germania. Dessen Schöpfer Bastian Asdonk bekam die GOLDENE KAMERA von den "Culcha Candela"-Musiker Mateo Jasik, Moderatorin Wana Limar, Comedian Salim Samatou und Reporterin Aminata Belli überreicht, die alle bereits auf Germania portraitiert wurden. Wir trafen die Presenter zum Gespräch.

Bevor Sie beim YGKDA als Presenter für "Germania" auftraten, hatten Sie alle bereits am Projekt teilgenommen Warum?

Aminata: Für mich gab es nicht die Frage, ob ich bei "Germania" mitmachen will. Nicht nur, dass das Projekt visuell stark ist, sondern weil es eine Plattform gibt für Geschichten, die wichtig sind und gehört werden wollen.

Salim: Seit dem ich Wanas Video gesehen habe – sie ist ja der George Washington von "Germania" – war es mein Traum, auch ein Video zu machen!

Wana: Für mich war es wichtig, meine Geschichte oder einen Teil meiner Geschichte auf diesem Weg zu erzählen und so dazu beizutragen, ein differenzierteres Bild von Deutschland und vom Deutschsein nach außen zu tragen. Sowohl für Menschen mit Migrationshintergrund als auch für Bio-Deutsche. Deutsch sein bedeutet nicht immer deutsch aussehen, es hat viele unterschiedliche Facetten – und ich bin eine davon.

Warum ist eine YouTube-Plattform wie "Germania" wichtig?

Wana: Es ist extrem wichtig, weil wir in Deutschland nicht ausreichend repräsentiert sind. "People of Colour", Muslime, Menschen mit Migrationshintergrund – völlig egal. Das deutsche Fernsehen, die deutsche Medienlandschaft ist zu weiß, sie zeigt kein differenziertes Bild von Deutschland, wie es 2018 aussieht. Es ist wichtig, das reale Bild von Deutschland nach außen zu tragen und den Leuten zu zeigen, was abgeht.

Salim: Ausländer sind unterrepräsentiert. In der Regierung: kein Ausländer.

Aminata: Oder wir finden nur in gewissen Rollen statt, in denen wir uns gar nicht mehr sehen. Früher hat man das eher akzeptiert, aber mit der neuen Generation zeigen wir, dass es kein wir und ihr gibt, sondern dass Deutschland multikulturell ist.

Wana: Ja, wir werden sehr stereotypisiert gezeigt. Es geht nicht darum zu zeigen: Das war jetzt gute Migration. Wir sind nicht die Vorzeige-Migranten, sondern wir sind Deutsche – jeder mit seiner eigenen Geschichte, mit unterschiedlichen Meinungen zu Deutschland. Es findet nicht genug Austausch statt. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen das Land weiter nach rechts rückt, ist es dringend notwendig, so ein Format ins Leben zu rufen. Das trägt bei zur Beruhigung, es schafft eine Brücke.

Warum ist "Germania" so erfolgreich?

Aminata: Es gibt viele Leute, die so ein Format wollen – und die klicken das. Es ist gut erzählt, man schaut zu, selbst wenn man nicht Fan von Samy de Luxe ist. Es ist das, was wir uns alle gewünscht haben.

Wana: Das Traurige ist: Die, die es gucken, brauchen eigentlich keine Belehrung. Die hängen eh mit unterschiedlichsten Menschen ab und kennen die Geschichten. Deshalb darf "Germania" nicht nur auf YouTube stattfinden, sondern im Fernsehen, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern!

Wie kann man die Integration von Migranten verbessern?

Wana: Es gibt auf unterschiedlichsten Ebenen – ob politisch oder systematisch – viele Möglichkeiten. Das fängt in der Schule an, bei der Unterbringung von Geflüchteten, mit Veranstaltungen, Freizeitprogrammen. Geflüchtete sollten nicht in Randbezirken untergebracht werden, sondern inmitten der Menschen, man sollte sie teilhaben lassen. Und ganz wichtig sind die Medien. Ich rege mich immer wieder darüber auf, dass sich alle wundern, dass die Gesellschaft gespalten ist, weil Medien oft einseitig berichten. Es gibt nur wenige Zeitschriften oder Online-Magazine, die ich lese und die differenziert sind, etwa die Zeit und die Süddeutsche. Aber zum größten Teil ist das krass, es wird negativ berichtet, es wird einseitig berichtet, es wird Hetze betrieben – da kann man sich nicht wundern.

Aminata: So wird vieles geschürt. Aber abgesehen davon gibt es auch Kleinigkeiten, die verändert werden können. So gibt es im Drogeriemarkt nur Make-Up für weiße Haut. Da denkt ein Mensch mit weißer Hautfarbe wahrscheinlich gar nicht drüber nach. Aber wir haben in Deutschland,Menschen mit verschiedensten Hautfarben und Frauen, die gerne in den Drogeriemarkt gehen und ihre Farbe dort sehen würden. Und das ist diskriminierend.

Hat sich für Sie etwas im Alltag verändert seit dem Erfolg der AFD?

Salim: Auf Bahnhöfen ist es deutlich unangenehmer geworden. Es gibt mehr von diesen Blicken. Die Polizeikontrollen haben exponentiell zugenommen. Ich war gestern in München und bin vom Hauptbahnhof zum Marienplatz gelaufen – drei Kontrollen. Ich mache den Polizisten gar keinen Vorwurf. Wenn du zehnmal eine Täterbeschreibung bekommst, auf die ich perfekt passe, dann suchst du halt den, der passt. Mein Pech, wenn ich eine Eastpak-Bauchtasche trage und aussehe wie derjenige, der gesucht wird.

Aber kein Wunder bei der Berichterstattung. Man muss sich nur die ARD-"Tagesschau" ansehen. "Integration ist ein Problem, die Koalition ist gespalten". Da bekommt der Zuschauer den Verdacht, Integration sei etwas Schlechtes. Und dann endet jede "Tagesschau" mit einem kriminellen Ausländer, der gerade verklagt wird. Und wenn ich dann herumlaufe am Bahnhof, denkt man an den Typen, der gerade in der "Tagesschau" war.

Wana: Ich werde jetzt ganz anders mit dem Thema konfrontiert. Ich erlebe eher: "Hey, du, dich müssen wir jetzt mal vorzeigen, weil es ja auch positive Beispiele gibt". Aber das impliziert ja auch, dass Integration eigentlich ein Problem ist. Das ist auch einseitig. Es sieht Integration nur auf der Seite der Migranten, aber nicht, welche Möglichkeiten uns gegeben, werden, was uns alles von der deutschen Gesellschaft, von der Politik, vom Staat entgegengebracht wird.

Aminata: Ich merke den Rechtsruck ganz stark. Ich habe mehr Anfeindungen erlebt als in den vielen Jahren zuvor. Menschen haben jetzt das Gefühl, sie können eher etwas sagen. Wenn ich in der Bahn sitze und zwei Typen sitzen neben mir und sagen "Wir brauchen nicht noch mehr braune Kinder in Deutschland", weil sie in ihrer Facebook-Blase sitzen und denken, alles ist schlecht, was anders Aussehende einbringen, hat das einen Effekt auf mein Dasein. Ich merke das sehr stark. es ist mehr Alltagsrassismus. Das geht halt auch sehr stark über den Look. Wenn ich meinen Afro trage, bin ich schnell erkennbar. Vor zehn Jahren war es nicht okay, so etwas zu sagen.

Wana: Das ist natürlich kein exklusiv deutsches Problem. Das hat nicht nur mit Bildung, sondern mit Aufklärung zu tun. Du kannst Akademiker sein und trotzdem keinen Plan haben, was okay ist. Das hat viel mit Ignoranz zu tun. Wenn bei Umfragen Leute gefragt werden "Wie viele Migranten kennen Sie denn?", ist die Antwort häufig. "Keinen". Und das ist das Problem. Wenn du nicht im Austausch bist mit jemandem oder dein Kreis sehr homogen ist… Das muss sich ändern.

Aminata: Ich habe gestern eine Studie von 2015 gelesen. 28 Prozent der Leute finden, dass braune Haut nicht zum Bild des Deutschen passt. Das ist bestimmt jetzt noch viel mehr.

Wana: Die kennen Leute mit brauner Haut wohl nur von der Bushaltestelle. Wenn man aber 50 Jahre in die Zukunft schaut, wird man feststellen, dass es so etwas wie eine Rasse nicht mehr gibt – es wird alles gemischt sein. Wir müssen uns alle verabschieden von unserer vermeintlich afghanischen oder deutschen Identität. Von solchen Gedanken muss man sich befreien. Alles wird globalisiert sein. Ich fühle mich in New York nicht wie eine Deutsche.

Sie sehen die Zukunft also eher positiv?

Wana: Die kurz- und mittelfristige Zukunft nicht aber die langfristige.

Salim: Das sehe ich genauso. Die zukünftige Rasse sieht aus wie wir – wir sind bereits am Ziel…

Gibt es denn Unterstützung von den Bio-Deutschen?

Aminata: Ich als diskriminierte Person erwarte, dass jemand anders dazwischen geht. Das passiert aber meistens nicht. Keiner sagt was. Aber wenn ich selbst laut werde, kommen Leute dazu und sind auf meiner Seite. Viele Dinge passieren im Kleinen. Wir kämpfen ja gegen Rassismus allein durch unser Dasein.

Salim: Ich trage das Anti-Rassismus-Shirt ja auf der Haut.

Aminata: Wir reden oft über Integration – aber nur miteinander. Wir müssen es denen sagen, die nichts darüber wissen. Aber die wollen das eben nicht von mir wissen.

Wana: Wir brauchen Vermittler.

Aminata: Aber das ist eine schwere Aufgabe. Wenn ich die Bilder aus Chemnitz sehe, frage ich mich "Was soll ich jetzt machen?". Die zwei Fronten verhärten sich, keiner hört zu, man will sich nur anpöbeln.

Wana: Ich bin sehr glücklich, in Deutschland leben zu dürfen. Deutschland ist mein Lieblingsland. Ich schätze diese nüchterne Sachlichkeit. Auf der anderen Seite haben viele einen Stock im Arsch. Aber das ist grad das Besondere. Wenn ich bei einer Demo sehe, wie viele Leute gegen Rassismus auf die Straße gehen, bin ich immer wieder extrem stolz, deutsch zu sen. Was fehlt, sind mehr Leute, die laut werden, die sich öffentlich bekennen oder den Dialog innerhalb des eigenen Umfelds suchen und mit Familie und Freunden sprechen. Wenn jemand eine komplett andere Meinung hat als ich, ist es das Beste, sich zu unterhalten. So kann man sich annähern. Hau-Drauf-Mentalität hilft nicht.