Heino Ferch: "Freiheit findet im Kopf statt"

Exklusiv: Heino Ferch im Interview über seine Rolle als Meisterdieb Allmen, verschmorte Zucchini und seine spannenden nächsten Projekte.

Historische Helden, versierte Verhörspezialisten und engagierte Experten hat er oft gespielt, doch jetzt wechselt Heino Ferch (57) die Seite. In „Allmen und das Geheimnis der Erotik“ (Samstag, 27. März, 20.15 Uhr im Ersten) spielt er einen Meisterdieb, Hauptfigur aus Martin Suters Erfolgskrimis. GOLDENE KAMERA traf den Preisträger von 2002 zum Interview über Gauner und Genuss.

GOLDENE KAMERA: Herr Ferch, was mögen Sie an Ihrem neuen Fall aus der Reihe Allmen, warum ist „Allmen und die Erotik“ unterhaltsam und sehenswert?

Heino Ferch: „Allmen“ ist ein Fernsehformat mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal: Der Gentleman-Ganove zelebriert die Leichtigkeit des Seins. Wir erzählen seine Geschichte rasant, frech, humorvoll und ironisch.

Was mögen Sie schauspielerisch an der Rolle?

Allmen hat eine eigene Sprache, er betrachtet das Leben aus einer besonderen Perspektive und macht sich keinerlei Probleme – nicht einmal, wenn er pleite ist. Genuss ist das Wichtigste in seinem Leben. Mich reizt, dass diese ganzen Facetten weit von der typisch deutschen Versicherungs-Weltmeister-Mentalität entfernt sind. Ja, Allmens Besonderheiten sind das Erfrischende, Luftige und Vergnügliche an dieser Rolle.

Wo gibt es Schnittmengen zwischen Allmen und Ihnen?

Ich beschäftige mich ebenfalls sehr gerne mit Kunst sowie mit guten Weinen. Außerdem liebe ich gutes Essen. Und nach den ersten beiden „Allmen“-Verfilmungen habe ich festgestellt, dass ich maßgeschneiderte Kleidung mag.

Wo ticken Sie und Allmen gegensätzlich?

Anders als ich ist Allmen ein Einzelgänger – obwohl er im besten Sinne eine „Männerehe“ mit seinem engsten Freund Carlos führt und eine On-Off-Beziehung mit der schönen Jojo hat. Meine Sozialkontakte sind nicht so reduziert, dass ich nur eine Person habe, die zugleich bester Freund, Lebensgefährte, Weggefährte, Haushälter, Best-Buddy, Ratgeber und Koch ist. Auch eine offene Liebe ohne Verbindlichkeiten, Verpflichtungen und Kinder matcht nicht mit mir, weil ich ein Familienmensch bin.

Bei Allmen guckt man immer automatisch auf die Haare. Mal ehrlich, hätten Sie gerne so eine Matte wie der Typ?

Ich hatte nie Haare, die nur annähernd in dieser Form gewesen sind, auch in meinen jungen Jahren nicht. Ich glaube schon, dass das ganz schön wäre, so eine Matte wie Allmen zu haben. Deshalb lautet die Antwort ja.

Stichwort Ästhetik. Wie viel bedeuten Ihnen schöne Dinge beziehungsweise Schönheit?

Eine Menge. Ich umgebe mich sehr gerne mit Kunst, Fotografie und Malerei. Außerdem lebe ich ein recht aufgeräumtes Leben – und ich liebe Pferde.

Vom Stil zum Stilmittel: In Allmen reden Sie - genau wie Kevin Spacey in „House of Cards“ - direkt mit den Zuschauern. Warum dieser Bruch mit der Fiktion?

Das haben wir von Anfang kultiviert. Das Stilmittel, die vierte Wand zu durchbrechen und Publikum direkt anzusprechen, hat etwas mit Frechheit und Charme zu tun. Und genau wie unsere anderen Stilmittel - beispielsweise Zeitlupen-Verzögerungen oder angehaltene Bilder – wird auch dadurch ein magischer Filmmoment geschaffen. Im Grunde fehlen nur noch Schwarzweißmomente, dann hätten wir die ganze Trickkiste.

Stichwort diebisch: Wurde Ihnen schon mal was gemopst?

Ja, eine Uhr in einem renommierten Top-Hotel.

Aber haben Sie selbst auch schon mal was mitgehen lassen - zum Beispiel ein Andenken an einen tollen Dreh?

(lacht) Kein Kommentar.

In „Allmen“ fällt zweimal der Spruch „Gott schützt die Diebe“. Glauben Sie an Gott? Sind Sie in der Kirche?

Nein, ich bin nicht in der Kirche, und atheistisch aufgewachsen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Glaube Menschen beflügelt.

Allmen lebt ständig über seine Verhältnisse. Haben Sie das irgendwann in Ihrem Leben auch mal gemacht oder waren Sie immer diszipliniert?

Ich bin diszipliniert aufgewachsen, und habe nie über meine Verhältnisse gelebt. So bin ich erzogen worden. Ich denke, dass das nur Unruhe bringt – und natürlich auch schlaflose Nächte.

Was sind Sie für ein Geld-Typ? Aktien, Sparer, Investment in

Von allem etwas.

Im Film wird darüber philosophiert, ob die Figur der Jasmin Sterner frei wäre, wenn sie materiell unabhängig wäre. Ihre Meinung? Ist Freiheit mit materieller Unabhängigkeit gleichzusetzen?

Nein, Freiheit findet im Kopf statt. Materielle Unabhängigkeit ist lediglich bequem, aber man kann auch mit viel Geld nicht alle Entscheidungen so treffen, wie man das möchte. Viele Menschen verwechseln Reichtum mit Macht, Dominanz oder Freiheit – aber wirklich frei ist man nur, wenn man in seinen Gedanken unabhängig ist und sich nicht emotional in Verpflichtungen verstrickt, die man nicht haben möchte.

Aber führt nicht auch Allmen das materielle Leben eines Schöngeists?

Nein, das Schöne an Allmen ist, dass er kein Vermögen hat – und dass es ihm egal ist, ob er pleite ist oder auf Pump lebt. Allmen lebt von der Hand in den Mund, aber er besucht trotzdem die besten Schneider Europas – weil er anderen Menschen nicht mit schlechtem Geschmack auf die Nerven gehen will. Er zieht seinen Lebensstil durch, weil dieser seine philosophische Betrachtung des Lebens ist. Und er macht sich nicht abhängig davon, wie viel er hat, sondern dass er irgendwie das bekommt, was er braucht und was er lebt. Seine Haltung ist völlig konträr zu unserem preußisch geprägten Leben in Deutschland.

Allmen raucht ziemlich viele Fluppen. Sind das alles Kräuterzigaretten?

Ja. Ich habe noch nie in meinem Leben geraucht.

Aber bekommt man von so vielen Filmzigaretten nicht irgendwann Kopfschmerzen?

Nicht unbedingt. Was aber passiert ist, dass das beste Glas Wein nach Filmschluss einen schlechten Geschmack hat. Übrigens bekommen wir wegen Allmens ständigem Rauchen ziemlich viele Zuschauerkritiken, aber Zigaretten gehören nun mal zum Lebensstil von Allmen, deswegen behalten wir das bei.

Mitunter wirkt Ihr Film so, als ob Sie mit Abstandsregeln gedreht hätten …

Völlig richtig. Wir haben im September 2020 in Prag gedreht, und jeden Morgen das ganze Team durchgetestet. Das war ein erheblicher Aufwand. Ich habe seit Mitte August 88 Corona-Tests gemacht, aber natürlich sind das die Spielregeln und es ist auch absolut in Ordnung.

Drehen Sie viel trotz Corona?

Ja. Ich habe komplette fünf Filme während Corona gedreht – und dabei, sofern möglich, immer eine FFP2-Maske getragen. Allerdings ist das für uns Schauspieler am Drehtag nicht länger als zehn Minuten möglich, weil die Gummis der Masken auf den Wangen sichtbar sind. Dafür werden aber alle Schauspieler bei den Teamszenen neben dem PCR-Test morgens noch mal mit einem Schnelltest versehen.

Warum haben Sie keine Social Media-Profile?

Ich bin weder bei Instagram noch bei Facebook noch bei Tik-Tok, weil ich die wahllose Verbreitung von Privatem nicht mag. Ich finde auch, dass die Privatsphäre für einen Schauspieler wichtig ist, um einen Teil zu haben, der nicht öffentlich ist. Ich möchte weder meinen Fisch, den ich mir abends vielleicht aus der Salzkruste schlage noch Zucchini, die vielleicht verschmort sind, ständig online stellen, wie es viele andere tun.

Auch, weil Sie mit Ihrer Arbeit schon genug on air sind?

Das stimmt völlig. Vielleicht ist es das, was anderen fehlt, dass sie 15 Minutes of Fame dadurch generieren können, indem sie ständig von allen begutachtet werden. Bei manchen wundert man sich, wie viel Zeit sie täglich haben, um so viel Zeug online zu stellen. Meine Meinung ist, dass weniger mehr ist. Doch natürlich gibt es auch Leute, die hauptberuflich Geld bei Facebook oder Instagram verdienen, was auch total in Ordnung ist. Da habe ich überhaupt nichts dagegen.

In „Allmen“ filmen Diebe einander heimlich mit Smartphones. Wie groß ist Ihr Vertrauen in digitalen Medien?

Groß, aber natürlich muss uns klar sein, dass alles, was wir online machen, verwertet wird. Im Grunde wird jeder Gesprächsfetzen aus dem Netz gefischt, dahinter steckt ein Riesengeschäft. Aber trotzdem habe ich Vertrauen, weil ich ansonsten alles ständig ausschalten müsste. Das wäre mir zu anstrengend.