Die Menschenforscherin: "Sommerhäuser"-Regisseurin Sonja Maria Kröner

In unsere Rubrik 'GOKA-Talents' stellen wir mit Sonja Maria Kröner eine aufstrebende Filmemacherin vor, die der deutschen Kinolandschaft mit ihrem Debütfilm "Sommerhäuser" einen ganz eigenen Erzählstil beschert.

Spätestens mit dem internationalen Erfolg von "Toni Erdmann" hat Maren Ade bewiesen, dass es im deutschen Kino die Frauen sind, die mit ihren empathischen Charakterstudien die Fahne des deutschen Autorenfilms hochhalten. Eine neue weibliche Stimme aus deutschen Filmlanden erklingt am 26. Oktober, wenn das Familiendrama "Sommerhäuser" bei uns startet. Das Ensemblestück schildert, wie die Familienmitglieder dreier Generationen den Jahrhundertsommer 1976 verbringen, und lässt beim genauen Gruppendynamik-Beobachten wie beiläufig Konflikte durchschimmern, die unter der Oberfläche brodeln...

Trailer zu "Sommerhäuser" (Kinostart: 26.10.2017)

Sonja Maria Kröner im Portrait

Bei "Sommerhäuser" handelt es sich um das Spielfilmdebüt einer 1979 in München geborenen Regisseurin, die sich auf Umwegen ins Filmgetümmel gestürzt hat. Bevor Sonja Maria Kröner nämlich an der Hochschule für Fernsehen und Film München ihr Drehbuch- und Regie-Studium aufnahm, studierte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität Philosophie und Literaturwissenschaften. Ihr Interesse an der erzählerischen Auseinandersetzung mit dem sozialen Wesen namens Mensch spiegelt sich bereits in ihrem Abschluss-Kurzfilm "Zucchiniblüten" (2012) wieder, in dem Kröner eine Coming-of-Age-Story rein aus der Perspektive ihrer 16-jährigen Heldin erzählt...

Die beeindruckend introspektive Fingerübung sorgte unter anderem bei den Hofer Filmtagen für Aufsehen, auf das die 38-jährige Filmemacherin gegenüber der GOLDENEN KAMERA im Rückblick relativierend reagiert: "Ich versuche nicht, auf Teufel komm raus unkonventionell zu erzählen, sondern auf eine Art und Weise, bei der ich das Gefühl habe, dass sie dem Stoff und dem, was ich ausdrücken will, entspricht."

Dieser feinfühlige Ansatz lässt sich auch in ihrem Debütspielfilm "Sommerhäuser" erkennen, dessen Fertigstellung länger als gedacht auf sich warten ließ, weil "das Leben immer wieder dazwischen kam." Waren erste, auf eigenen Kindheitserinnerungen basierende Drehbuchentwürfe bereits 2009 entstanden, kam für Sonja Maria Kröner nach der Geburt ihres ersten Sohnes eine intensive Arbeit am Kino-Erstling nicht infrage. Dafür konnte sie in dieser kreativen Auszeit ihr Verständnis vom Filmemachen in Ruhe reifen lassen, wie die in Dießen am Ammersee lebende Regisseurin, die gerade zum zweiten Mal Mutter geworden ist, im Gespräch deutlich erkennen lässt...

Sonja Maria Kröner im Interview

GOLDENE KAMERA: Wo kommt die Liebe zum filmischen Erzählen her? Spielte das Medium 'Film' in Deiner Kindheit eine große Rolle?

SONJA MARIA KRÖNER: Lustiger Weise gar nicht. Als Kind war ich nicht besonders fasziniert von Filmen. Tatsächlich bin ich nicht der klassische Filmemacher, der immer schon wusste, dass er Filme drehen will. Bei mir war es eher ein Interesse am Leben und an den Menschen, das mich zum Film gebracht hat. Für mich ist es einfach die Art, auf die ich das Leben am besten erforschen kann. Insofern bin ich vielleicht eher eine Menschenforscherin als eine Filmemacherin.

Siehst Du Dich dabei eher einer realistischen oder einer formalistischen Filmtradition verbunden?

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich mich mit dieser Unterscheidung intensiv beschäftigt hätte. Es gibt Filme und Filmemacher, die ich einfach mag. Aber ich habe nicht das Gefühl, mich da überhaupt einordnen zu wollen. Wenn ich ein Vorbild nennen soll, würde ich das südamerikanische Kino nennen. Ich mag dessen Lebendigkeit und die darin enthaltenen archaischen, oftmals brutalen Elemente. Ob ich deswegen einer bestimmten Tradition angehöre, möchte ich gerne den Theoretikern überlassen. (lacht)

Mini-Feature zur Video-Installation "Six Doors" (2009)

Die Frage rührt auch daher, dass Du 2009 die Videoinstallation "Six Doors" realisiert hast, in der sich sechs Frauenleben wie in einer Peepshow beobachten lassen. Wie kam diese filmkünstlerische Arbeit zustande?

Die "Six Doors"-Installation ist parallel zum Studium entstanden. Ich hatte ein Stipendium von der Kirch Stiftung, durch das ich ein Jahr lang ein Atelier hatte und die finanziellen Mittel für die Realisierung bekommen habe. Was ich an Videokunst spannend finde, ist die Tatsache, dass man total frei ist. Beim Filmemachen ist es durch die größeren Budgets ja so, dass viele Leute mitreden und man sich den Freiraum erkämpfen muss. Bei "Sommerhäuser" hatte ich zwar nicht das Gefühl, dass ich eingeengt werde, aber bei Videoinstallationen ist es in Bezug auf die Erwartungshaltung nochmal etwas Anderes. Man wird zum Beispiel gar nicht nach einer Erzählform gefragt. Beim Filmemachen spielt die Wahl der Erzählform eine zentrale Rolle und so landet man dann schnell beim klassischen Dreiakter. Dann geht’s um den Plot und die Leute sind enttäuscht, wenn es zu wenig davon gibt. Wegen dieser Freiheiten will ich Installationen auf jeden Fall weitermachen, es wird aber mit Familie zunehmend schwieriger, weil man damit ja noch mal weniger verdient. (lacht)

Mini-Feature zum Förderpreis für "Sommerhäuser" beim Filmfest München (2017)

Für "Sommerhäuser" hast Du beim Filmfest München den "Förderpreis Neues Deutsches Kino" erhalten. In der Begründung wurde Dein "Mut zum entschleunigten Erzählen“ betont – lässt sich hier die "Inspirationsquelle südamerikanisches Kino" erkennen, die Du erwähnt hast? Im Erzählfluss fühlte ich mit durchaus an Filme wie "Battle in Heaven" erinnert.

"Battle in Heaven" mag ich in der Tat sehr, genau wie den Debütfilm des Regisseurs "Japón". Und ich liebe die Filme von Lucrecia Martel. Es stimmt, diese Art des Erzählens finde ich sehr spannend: Dass man langsam erzählt und trotzdem etwas passiert – und zwar oft unterschwellig und unter der Oberfläche. Dass man sich als Zuschauer noch etwas erarbeiten, die fehlenden Stücke des Gesamtbilds zusammensuchen muss, empfinde ich bei südamerikanischen Filmen als besondere Stärke. Da ist ganz viel nicht vorgegeben und wird nur am Rande erwähnt. Man bekommt eine Ahnung, die Interpretation wird aber dem Zuschauer überlassen. Das ist auf jeden Fall etwas, das ich sehr mag.

Internationaler Trailer zu "Battle in Heaven" (2005)

In der Jurybegründung wurde ebenfalls und völlig zurecht hervorgehoben, wie virtuos Du als Regisseurin Dein generationsübergreifendes Schauspielensemble dirigiert hast. Warum hast Du Dir für Deinen Debütfilm gleich eine solche Herausforderung aufgehalst?

Ich entscheide bei der Themensuche ja nicht danach, ob ich mir eine leichte oder eine extra schwierige Aufgabe stellen will. Ich habe einfach Lust auf einen Stoff, der mich in diesem Moment richtig packen muss – sonst könnte ich die Energie dafür gar nicht aufbringen. Um einen Langfilm zu machen, braucht man einen sehr langen Atem, weil man in Finanzierungsphase, Drehbuchrevisionen und Postproduktion extrem viel Lebenszeit investiert. Insofern habe ich mir nicht vorgenommen, mit einem großen Ensemble zu arbeiten. Das war eben der Stoff, auf den ich Lust hatte. Ich hatte aber durchaus großen Respekt davor – gerade mit so vielen bekannten Schauspielern, die alle 100 Mal erfahrener sind als man selber. Die müssen Dir ja trotzdem das Vertrauen entgegenbringen und machen, was Du willst. (lacht)

Interessant finde ich dabei, dass Du trotz des schauspielerischen Erfahrungsschatzes von Leuten wie Günther Maria Halmer, Ursula Werner oder Laura Tonke kaum am Set hast improvisieren lassen. Warum ist es Dir so wichtig, Figuren über Dialoge zu charakterisieren?

Erstens schreibe ich gerne Dialoge. Ich würde mal das Belauschen von Menschen als mein Hobby bezeichnen. (lacht) Ich finde es total spannend, was man über ein paar Sätze Dialog, die man zufällig im Zug aufschnappt, über andere Leute herausfindet oder zumindest glaubt, herauszufinden. Und zweitens habe ich überhaupt nichts gegen Improvisation. Bei einem Debütfilm hat man aber nicht wahnsinnig viel Budget und damit wenig Zeit. Deswegen war mir von Anfang an klar, dass wir sehr präzise arbeiten müssen. Mit zwei Figuren wäre Improvisation vielleicht möglich gewesen, aber mit so vielen Figuren, die alle ihren Raum brauchen, nicht. Es gab einfach Sätze, die gesprochen werden müssen, damit die Geschichte auf eine subtile Art vorangeht. Das mit Improvisation herauszuarbeiten, wäre deutlich zeitaufwendiger gewesen. Aber natürlich konnten die Schauspieler Sätze abändern, wenn sie das Gefühl hatten, das würde die Figur jetzt nicht so sagen. Dann haben wir uns einfach gemeinsam etwas Anderes ausgedacht. Aber ich würde sagen, dass 90 Prozent der Dialoge geschrieben waren.

Und das ist bemerkenswert, weil "Sommerhäuser" vor allem auch bei den Dialogen ungemein lebensnah, weil nicht gekünstelt wirkt.

Sagen wir mal so: Ich habe lange an den Dialogen gefeilt. (lacht)

Der abgegrenzte Raum des "Sommerhäuser"-Areals wirkt wie eine Versuchsanordnung für die mikroskopische Beobachtung von Familien-Dynamik. Wie "wissenschaftlich" gehst Du Deine Filmstoffe an?

(lacht) Das ist ja lustig – eine Versuchsanordnung! Nee, so ist es in diesem Fall tatsächlich nicht gewesen. Eigentlich gehe ich extrem emotional an Sachen heran. Irgendwann fühlt es sich stimmig an und wenn es für mich passt, wird nichts mehr geändert. Dass die Familienkonstellation so ist, wie sie ist, liegt daran, dass sie sich eben irgendwann stimmig angefühlt hat. Die Anzahl der Häuser, die von unterschiedlichen Teilen der Familie genutzt wurden, ist tatsächlich autobiographisch. Es ist aber insgesamt kein autobiographischer Film. Ich würde den Film eher persönlich als autobiographisch nennen.

Nur weil Du Dich vorhin selbst als "Menschenforscherin" bezeichnet hast.

Da ist die Frage nach einer Versuchsanordnung natürlich gerechtfertigt. (lacht) Hätte auch wirklich sein können, war in diesem Fall aber nicht so. Ich habe, wie gesagt, eher eine emotionale Herangehensweise. Menschenforscherin meint, dass ich in meinen Filmen verarbeite, was ich im Leben beobachte und teilweise nicht verstehe.

Warum hast Du beim Erzeugen eines 70er-Jahre-Lebensgefühls fast gänzlich auf Musik verzichtet? Eine Lizenzkostenfrage oder die konzeptionelle Konzentration aufs Wesentliche?

Das war definitiv eine konzeptionelle Entscheidung. Klar, natürlich würde man denken, dass sich die 70er am besten über Musik transportieren lassen. Aber erstmal hätten die älteren Figuren im Film wahrscheinlich gar nicht die damals aktuelle Musik, sondern eher Evergreens aus den 40er und 50er Jahren gehört. Und dann wollte ich die Geräusche des Gartens im Vordergrund haben. Natürlich hätte man die Entscheidung treffen können, dass im Hintergrund immer mal Musik aus dem Radio zu hören ist. Aber ich hatte das Gefühl, dass so viel deutlicher wird, dass dieses Stück am Ende für diese beiden Menschen, die dazu tanzen, wirklich Bedeutung hat.

Stattdessen erzeugst Du in "Sommerhäuser" sehr geschickt das Gefühl externer Bedrohung und interner Eskalation. Wie realistisch ist die Annahme, dass wir als nächstes ein richtiges Suspense-Stück von Dir sehen?

(lacht) Das würde ich auf jeden Fall nicht ausschließen. Ich mag Horror und Thriller – so etwas richtig gut zu machen, empfände ich aber als große Herausforderung. Ich finde Genre extrem spannend, ich würde das dann aber auf meine Weise und damit wahrscheinlich wieder nicht sehr klassisch erzählen. Es ist ja auch interessant, dass wenig Frauen Genre drehen. Wobei ich letztens vom Horrorfilm einer französischen Regisseurin gelesen habe – der hörte sich sehr spannend an.

Aus der Perspektive der "Neueinsteigerin": Was sollte sich in der deutschen Filmbranche ändern? In einem anderen Interview hast Du bereits bemängelt, dass Dir "in deutschen Filmen diese Mischung aus Tragik und Humor" fehlt.

Zunächst würde ich mir größere Budgets wünschen! (lacht) Bei deutschen Sendern wird gerade viel in Digitale Medien investiert und nicht in gute Inhalte. Da würde ich mir eine Umkehr wünschen, denn um ein gutes Drehbuch zu entwickeln, braucht man nun mal Zeit und das entsprechende Budget. Es heißt ja immer: "Man braucht keine großen Budgets, wenn man eine gute Story hat." Aber für ein bestimmtes Buch brauchst Du auch ein bestimmtes Budget. Und dann weiß ich nicht, ob nicht manchmal einfach zu viele Leute mitreden. Das Problem bei diesen Konsensentscheidungen ist ja, dass der kleinste gemeinsame Nenner umgesetzt wird – und nicht das Spannendste oder Außergewöhnlichste. Auch bei den Förderungen erscheinen mir die vielen Entscheider bei Gremiumsentscheidungen problematisch. Natürlich empfinde ich den demokratischen Prozess als gerecht, aber dass so die spannendsten Stoffe herausgesucht werden, ist nicht unbedingt der Fall.

Wann und mit was stellst Du Dich der nächsten Gremiumsentscheidung?

Es gibt zwei Stoffe, die ich gerade im Kopf habe. Ich fange gerade an, Ideen aufzuschreiben aber das ist noch in einer ganz frühen Phase. Ich habe auf jeden Fall Lust, aber bevor ich wieder anfange zu arbeiten, muss erstmal mein zweiter Sohn etwas älter werden. (lacht)

Text + Interview: Alexander Attimonelli